Eine Gespenstergeschichte
Das Manifest der Kommunistischen Partei
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Das Manifest der Kommunistischen Partei:
Eine Gespenstergeschichte
Drei Jahre nach der letzten offiziellen Teufelsaustreibung der Luxemburger Kirche ließ August Metz in Eich einen Hochofen errichten, der statt mit Holzkohle auch mit Koks geheizt werden konnte. 1848 folgte eine Schmiede, die nicht mehr auf Wasserkraft angewiesen war, sondern von einer Dampfmaschine angetrieben wurde.
Wie überall in Europa explodierte der Dampfkessel. Im Feuer der 48er Revolution verlangten eine Handvoll Arbeiter und Handwerker aus den Vororten der Hauptstadt das Wahlrecht, soziale Absicherung, Versammlungs- und Pressefreiheit. Deshalb ließen sie von dem 26jährigen Anwalt Karl-Theodor André, de rouden Andréi, eine Petition verfassen, die sie an das nach Ettelbrück geflohene Parlament richteten.
In London wollte eine andere Handvoll Arbeiter und Handwerker aus ihrem Geheimbund, dem Bund der Gerechten, eine Partei machen. Also gaben sie die Abfassung eines Parteiprogramms bei einem gerade 30jährigen Journalisten namens Karl Marx aus Trier und seinem 28jährigen Freund Friedrich Engels in Auftrag.
Binnen kürzester Zeit war die 23seitige Broschüre mit dem feierlichen Titel Manifest der Kommunistischen Partei fertig. Sie ist von einer gewaltigen Sprachkraft, als ob der junge Büchner sie geschrieben hätte. Ein dramatischer Paukenschlag eröffnet sie als Gespenstergeschichte: "Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus."
Nichts deutet darauf hin, daß Marx vor der Erfindung des Benzintourismus einmal den Bocksfuß von Trier nach Luxemburg gesetzt hätte, nicht einmal bei seinem Umzug nach Brüssel. Er mußte 100 Jahre tot sein, bis der Ehrendirektor der Handelskammer in seinem d’Letzeburger Land (25.03.1983) versuchte, aus einem Brief von Jenny Marx-Westphalen an ihren Mann herauszulesen, daß Marx in Luxemburg einen Vetter namens Michel gehabt haben könnte.
Der Volksfreund als Communist verschrien!
Aber was zählt Marx gegen sein Gespenst? Fünf Monate, nachdem die Marxsche Gespenstergeschichte in Umlauf gebracht worden war, spukte es durch die Festung Luxemburg. Die junge Zeitung Der Volksfreund mußte sich am 23. Juli 1848 verteidigen: "Entweder daher seine Ankläger, die ihn des Communismus beschuldigen, wissen nicht, was sie reden, oder sie reden nicht, was sie wissen; im ersten Falle ist es nicht Schuld des ‚Volksfreundes‘, daß sie so reden; im zweiten allerdings, denn weil der ‚Volksfreund‘ kein Communist ist, wird er für einen Communisten verschrien."
Um das Gespenst zu verjagen, förderte der Klerus noch im selben Jahr die Gründung des Katholischen Arbeitervereins. Sein Präsident mußte laut Statuten ein Geistlicher sein, und jüdischen Arbeitern war die Mitgliedschaft untersagt. Die liberalen Textilfabrikanten Kuborn und Godchaux versammelten
ein Jahr später ihre 188 Arbeiter in einem Gewerbe-Unterstützungs- und Schiedsverein. Noch Anfang dieses Jahrhunderts rezitierten die ersten sozialistischen Deputierten ihrem Arbeiterpublikum statt des Manifestes lieber aus dem Renert. So ward das Gespenst lange Jahre immer nur flüchtig gesehen.
Selbst die Katastrophe eines Weltkriegs vermochte das Luxemburger Bürgertum nicht wachzurütteln: Luxemburg blieb Dada-frei. Seine Kunst hat sich bis heute nicht davon erholt.
Dafür erreichte die Nachricht von der erfolgreichen Niederkunft des Gespenstes in Rußland die des Renerts überdrüssigen Berg- und Hüttenarbeiter der Sozialistischen Partei. Sie gründeten 1921 in einem Differdinger Lokal eine nach dem Titel der Gespenstergeschichte getaufte neue Partei.
Siebzig Jahre lang huldigte diese Partei mit Flugzetteln und Zeitungen, in Schmelzen, Gemeinderäten und dem Parlament dem Gespenst, ohne es zur Seßhaftigkeit bewegen zu können. Aber das Gespenst und vor allem sein von einem Unfall der Geschichte entstelltes russisches Kind hielten einen heißen und einen kalten Krieg lang ihre Hand über sie.
Aus Angst vor dem Wechselbalg erfanden nach 1968 eine Handvoll junger Bürgerkinder neue Geheimbünde, die mit wütender Entschlossenheit und Gebrauchsanweisungen aus Mexiko und China dem Gespenst huldigten. Aber es blieb unbeeindruckt.
Zum 100. Todestag des Trierer Journalisten erschien, nach 100 anderen, sogar eine luxemburgische Übersetzung seiner Gespenstergeschichte. Doch zu diesem Zeitpunkt mußten sich die Berg- und Hüttenarbeiter bereits reihenweise in den Vorruhestand verabschieden, und Leonid Breschnew war frisch begraben: So wurde die nach dem Manifest benannte Partei selbst zu einem Gespenst, und die Kirche kaufte ihr Gaspericher Heim.
Wurde das Gespenst von den Trümmern der Berliner Mauer erschlagen?
Nach dem Einsturz der Berliner Mauer wurde weltweit die Frage gestellt, ob das Gespenst vielleicht von ihren Trümmern erschlagen worden sei. Dies ist natürlich eine törichte Frage. Denn Gespenster können nicht sterben, nirgends fühlen sie sich wohler als in Ruinen. Deshalb machen sich seine unbeugsamsten Anhänger immer wieder die Mühe, die Gespenstergeschichte wie den Hundertjährigen Kalender zu lesen. So geben sie ihrem Glauben an das Gespenst immer neue Nahrung.
Die Globalisierung? Das Manifest beschrieb sie schon vor 150 Jahren: "Die Bourgeoisie hat durch die Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrieen, deren Einführung eine Lebensfrage für alle civilisierte Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten, und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Welttheilen zugleich gebraucht werden." (S. 5)
Die Informationsgesellschaft? "Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktions-Instrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Civilisation." (S. 6)
Ökologie? "Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Welttheile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen – welch früheres Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schooß der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten." (S. 6)
Der Binnenmarkt? "Die Bourgeoisie hebt mehr und mehr die Zersplitterung der Produktionsmittel, des Besitzes und der Bevölkerung auf. Sie hat die Bevölkerung agglomerirt, die Produktionsmittel centralisirt und das Eigenthum in wenigen Händen koncentrirt. Die nothwendige Folge hiervon war die politische Centralisation. Unabhängige, fast nur verbündete Provinzen mit verschiedenen Interessen, Gesetzen, Regierungen und Zöllen wurden zusammengedrängt in Eine Nation, Eine Regierung, Ein Gesetz, Ein nationales Klasseninteresse, Eine Douanenlinie." (S. 6)
Feminismus? "Geschlechts- und Alters-Unterschiede haben keine gesellschaftliche Geltung mehr für die Arbeiterklasse. Es gibt nur noch Arbeitsinstrumente, die je nach Alter und Geschlecht verschiedene Kosten machen." (S. 8)
Die Pflegeversicherung? "Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt." (S. 5)
Die Ratlosigkeit der LSAP? "Ein Theil der Bourgeoisie wünscht den socialen Mißständen abzuhelfen, um den Bestand
der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern. Es gehören hierher, Oekonomisten, Philantropen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klassen, Wohlthätigkeits-Organisierer, Abschaffer der Thierquälerei, Mäßigkeits-Vereinsstifter, Winkelreformer der buntscheckigsten Art. Und auch zu ganzen Systemen ist dieser Bourgeois-Socialismus ausgearbeitet worden." (S. 20)
Doch die Gespenstergeschichte ist nicht das Werk eines Trierer Nostradamus. Bereits Engels warnte zwei Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen, daß manches darin schon überholt sei. Schließlich ist sie nur ein aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts stammendes Kapitel in der Jahrtausende alten Erzählung von Armut und Reichtum. Wie Büchners Urenkel Müller feststellte, gibt das Ende des Kalten Kriegs, seiner Mauern, Spione, Propaganda und Atomraketen, nun wieder den Blick auf diesen Grundkonflikt frei. Und vielleicht unterscheiden sich seit dem Erscheinen der Gespenstergeschichte August Metz und Bill Gates weniger als ihre Dampfmaschinen.
Romain Hilgert
Journalist beim d’Letzeburger Land
Plantu, in: Le Monde
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