Einzigartige Bibliothek vom Zerfall bedroht

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vom Zerfall bedroht

Vor einem Jahr hatte der Unterzeichnete in seinem Bericht über die erste "Journée des Bibliothèques" Zweifel an der Ernsthaftigkeit des einzigen dort von einem Regierungsvertreter gemachten Versprechens geäußert (forum, Nr. 124, S. 48). Der Direktionsbeauftragte des Kulturministeriums hatte dem Bibliothekar der "Section Historique de l’Institut grand-ducal" versprochen, spätestens in drei Jahren erhalte seine Bibliothek – und jene der anderen Sektionen – eine neue Bleibe in der Neumünsterabtei in Stadtgrund. Dem Unterzeichneten war daraufhin vom betroffenen Beamten vorgehalten worden, einem Vorurteil aufzusitzen, doch – leider – sollte er recht behalten.

Auf der diesjährigen "Journée des Bibliothèques" am 12.11.1991 im Centre Jean XXIII mußte Herr Paul Margue seinen Hilfeschrei wiederholen. Diesmal hörten ihn zumindest die Mitarbeiter aus den übrigen öffentlichen Bibliotheken und Archiven des Landes. Sie verfaßten einerseits eine Protestresolution, in der sie die Regierung aufforderten, "à prendre d’urgence les mesures nécessaires pour assurer la sauvegarde et la survie de cette bibliothèque", und beschlossen andererseits, für Montag, den 25.11.1991, um 17 Uhr zu einer Solidaritätskundgebung in Form eines gemeinsamen Besuchs der dem Untergang geweihten Bibliothek aufzurufen. Rund zwei Dutzend Beamte und Angestellte, vom Direktor der Nationalbibliothek über zwei Konservatoren des Staatsarchivs bis zu den Leitern der Bibliothek des Priesterseminars, des Diözesanarchivs oder verschiedener Schulbibliotheken, waren im Athenäum auf "Geesseknäppchen" erschienen, um sich das fürwahr traurige Schauspiel anzusehen. Auch das Erziehungsministerium war vertreten, nicht aber das eigentlich zuständige Kulturministerium.

Die Lage ist aus doppeltem Grund traurig: Einerseits vermodert der ältere Teil der um 1840 angelegten Bibliotheksbestände im zu feuchten Keller und der jüngere Teil ist starken Temperaturschwankungen und den Schneemassen ausgesetzt, die gelegentlich ins Dachgeschoß eindringen. Andererseits sind die Bestände, die von zum Teil einzigartigem Wert sind, weil die "Section historique" des großherzoglichen Instituts seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einen Austausch ihrer Veröffentlichungen mit ausländischen Universitäten betreibt wie keine andere Bibliothek in Luxemburg, für Forscher unzugänglich. Die hier versteckten Bücher und Zeitschriftenbände müssen statt dessen für teures Staatsgeld über Fernleihe aus dem Ausland bestellt werden, weil keiner an jene der historischen Sektion rankommt. Und zu guter Letzt gab der Direktor des Athenäums auch noch allen Anwesenden unverblümmt zu verstehen, daß seine Schule froh wäre, wenn sie die beiden Räume möglichst bald für ihre Zwecke zurückhaben könnte.

Alle waren sich einig, daß hier "schnellstens etwas geschehen muß". Aber auch die Nationalbibliothek platzt aus allen Nähten und der Staatsarchitekt hat ihr verboten, unter dem Vorplatz zur Seite des Boulevard Roosevelt ein Silo zu planen, das mehr als 300 Millionen koste. Und der vom "Fonds de Kirchberg" schon auf seinem Modell der zukünftigen, ‚humaneren‘ Gestaltung des Plateaus Kirchberg eingetragene Turnbau rechts am Ende der roten Brücke, der vertrauenswürdigen Indiskretionen zufolge einmal eine neue Nationalbibliothek beherbigen soll, wird heute und morgen noch nicht gebaut – nicht einmal der heutige Leiter der Nationalbibliothek war über diese Pläne informiert -, denn vorerst muß alles Geld aus dem Kulturat in den Prunkbau des Pei-Museums gepumpt werden. Wir werden in fünf Jahren Bilder zeitgenössischer Maler betrachten dürfen statt in alten Büchern rumzuschmökern. (Der fertig eingerichtete Saal für audiovisuelle Informationsträger in der NBL kann auch nicht in Betrieb genommen werden, weil die Regierung das entsprechende Personal nicht aufstockt. Ähnliches steht dem neu geschaffenen Literaturarchiv in der Maison Servais in Mersch bevor: Auch hier wird der Umbau fertig sein, aber kein Personal zur Verfügung stehen, ansonsten es heute schon mit seiner zukünftigen Aufgabe betraut werden müßte.)

Diese einhellige Meinung aller Anwesenden verhalte leider im Wind. Von der eingeladenen Presse waren nur eine Vertreterin des "Letzeburger Land" und der "forum"-Mitarbeiter vom Dienst erschienen. Die Kulturjournalisten der geschriebenen, gesprochenen und gefilmten Tagespresse hören lieber Ieoh Ming Pei zu und klopfen lyrische Sprüche. So verdienen sie sich auch das Wohlwollen der Regierung, lies die verdoppelte Pressehilfe besser. m.p.

Die Bestände, die von zum Teil einzigartigem Wert sind, weil die "Section historique" des großherzoglichen Instituts seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einen Austausch ihrer Veröffentlichungen mit ausländischen Universitäten betreibt, sind für Forscher unzugänglich.

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