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Entwurf zu einer nationalen Bibliotheksstrategie
Wie ein Bibliotheksentwicklungsplan (BEP) für Öffentliche Bibliotheken in Luxemburg aussehen könnte
Das aktuelle Gesetzesprojekt N° 8523 für öffentliche und spezialisierte Bibliotheken, eingereicht am 4. April 2025, enthält im Artikel 25, Paragraf 4, Punkt a) als Aufgabe für einen Bibliotheksrat eine „stratégie nationale ayant pour objet le développement futur des bibliothèques au Luxembourg“. Diese „Mission“ klingt nach einer üblichen Beschäftigungstherapie für eines von vielen nationalen Beratungsgremien.
Fünf Bibliothekstypen
Ein Bibliothekswesen besteht laut UNESCO in großen Ländern aus sechs, in kleinen aus fünf Bibliothekstypen. Dies sind: 1) Öffentliche Bibliotheken (ÖB, für die Allgemeinheit), 2) Schulbibliotheken (SB, untergliedert in Grund- und Sekundarschule), 3) Spezialbibliotheken (SpB, die in besonderen Umgebungen agieren), 4) akademische Bibliotheken (Hochschulbildung, meist Universitätsbibliotheken [UB]) und 5) Nationalbibliotheken (NB, mit Pflichtexemplaren [dépôt légal]). Fehlen tut in Luxemburg der Typus der „anderen bedeutenden nicht-spezialisierten Bibliotheken“ (weder NB noch UB, wie etwa deutsche Landesbibliotheken [LB]).
Zusammengefasst: Eine Hand, fünf Finger, und schon kann sich jeder merken, wie viele Bibliothekstypen das Luxemburger Land zählt.
Was ist die Aufgabe einer Bibliothek heutzutage? EU-Richtlinien1 folgend, soll sich ihre aktuelle Konzeption um vier Kernbereiche drehen: öffentliches Engagement (Demokratie), Nachhaltigkeit (Klima), kulturelle Diplomatie (Verbreitung von Information) und digitaler Wandel (digitale Inklusion und Künstliche Intelligenz [KI]). Der Trend Report 2024 des bibliothekarischen Weltverbandes IFLA nennt sieben allgemeine Trends.2 Das Center for the Future of Libraries der American Library Association (ALA) zählt 42 Tendenzen in sieben Kategorien auf ihrer Webseite3 auf, welche einen möglichen Einfluss auf Bibliotheken haben können. Bei der überwiegenden Mehrzahl aller Trends handelt es sich um technologische Neuerungen, wovon in der Regel nur wenige eine langfristige Lebensdauer haben werden.
Jedoch ist eine Bibliothek nicht gleich eine Bibliothek. Zum Beispiel besitzt eine NB vielleicht eine Kinderliteraturabteilung musealen Charakters, jedoch keine Kinderabteilung zur Unterhaltung. Eine UB enthält vielleicht eine Kinderecke für Studenteneltern. Eine SpB, wie eine Gefängnis-, Abtei- oder Blindenbibliothek, verfügt über nichts dergleichen. Und eine SB, in der Grundschule mit mindestens einem Klassenschrank mit Kinderbüchern ausgestattet, kann nicht die Aufgaben einer ÖB im Bereich Leseanimation und außerschulischer Leseförderung für Kinder übernehmen. Jeder Bibliothekstyp und Untertyp versorgt ein bestimmtes Zielpublikum und bietet verschiedene Bestände und Dienstleistungen an.
Strategie heißt BEP
Der Dornseiff4, das beste Wortschatzerweiterungshilfsmittel zum Aufspüren bedeutungsähnlicher Begriffe, bietet drei Deutungsoptionen für „Strategie“ an. Wird eine Strategie benötigt a) für einen Plan, b) für eine Zukunftsprognose oder c) um in einen Krieg zu ziehen? Die Mehrheit dieser Strategien im Bibliothekswesen besteht aus Bibliotheksentwicklungsplänen. In den 1970er Jahren in Deutschland sehr beliebt, ziemlich planwirtschaftlich aufgebaut, verloren sie an fachlicher und politischer Bedeutung. Bis sie seit den 2010er Jahren in einer demokratischeren Form von Richtlinien ein Comeback feierten und heute feiern.5 Der letzte „regionale“ BEP (März 2025) stammt aus Rheinland-Pfalz, dem Großherzogtum immerhin sehr nah gelegen, als Folgeprodukt des dortigen Kulturentwicklungsplans (KEP). Der für das ganze Land Österreich erschien im Mai 2024. Beide BEP fokussieren sich allerdings nur auf einen einzigen Bibliothekstypus, auf die öffentlichen Bibliotheken (ÖB), auch Büchereien (Österreich) genannt. Warum? Weil die ÖB, im Gegensatz zu allen anderen Bibliothekstypen, die gesamte Gesellschaft einer Nation, Region oder Stadt bedienen. Ebenso wird der luxemburgische KEP irgendwann einen BEP für ÖB benötigen.
BEP für ÖB
Der Unterbau jedes Bibliothekswesens besteht aus ÖB (public libraries / bibliothèques de lecture publique), vor 1940 Volksbibliotheken (popular libraries / bibliothèques populaires) genannt. In Luxemburg ziemlich unterentwickelt: „Wat d’Zuel vun den ëffentleche Bibliothéiken ugeet, esou si mir haut zu Lëtzebuerg am internationale Verglach en Entwécklungsland“, so Mill Majerus (1950-2011) im Parlament am 22. April 2010. Stimmt diese Aussage noch immer? Ja, denn vergleicht man unser Ländle mit dem 16km2 kleineren Saarland (992 000 Einwohner), so besitzt dieses 22 Gemeindebibliotheken, plus 37 katholische öffentliche Bibliotheken. Total: 59 ÖB. Und Luxemburg? 672 000 Einwohner, sieben Gemeindebibliotheken, plus acht community libraries. Total: 13 ÖB. Beschämend! Da kann ein Planspiel wie ein BEP vielleicht von Nutzen sein
– oder auch nur zur Papiertigerproduktion beitragen.
ÖB-Trends
Werfen wir einen Blick auf die ÖB-Trends der letzten 50 Jahre, wo Bibliothekare international versuchten, die Nur-Bücher-Sammlungen und -Dienstleistungen auszubauen:
Vor 1970 herrschte die Bibliothek der Büchersammlung (collection) vor, d. h. ein Raum mit Büchern, ähnlich einem Bicherschaf im öffentlichen Raum (seit 2013) mit reiner Bücherausleihe, also Ausleihautomaten, wie sie ebenso Fahrbibliotheken (Bicherbus) darstellen. Dienstleistungen (services) spielten keine oder nur eine untergeordnete Rolle in der täglichen Bibliotheksarbeit.
Zur Genetik einer modernen ÖB gehörte seit jeher die Dorfbrunnenfunktion.
Nach 1970 tauchte die Bibliothèque de programmation auf, in der soziokulturelle Animation rund ums Buch/Lesen mehr Leben in die Bibliothek brachte, jedoch auch mehr Raum beanspruchte.
Ab 2003, das Jahr indem (75) Internet-Stuffen in Luxemburg implementiert wurden, mutierte die ÖB in anderen Ländern nebenbei zur Bürgerberatungsstelle, digitale Inklusion computer literacy und E-Government inbegriffen. Jeder Dorfbibliothekar sollte etwa bei der Steuererklärung oder beim Briefeschreiben an Behörden helfen. Oder als Beitrag zur Kostenminderung Dienstleistungen einer Gemeindeverwaltung zu Tageszeiten mit anbieten, wenn diese geschlossen oder überlastet ist.
Ab 2010 war die Bibliothek-als-Teil-eines-Kulturzentrums an der Reihe. Der flexible Kultur- und Veranstaltungsort mit einem breiten digitalen Angebot sowie Reparatur-Café, Makerspaces, Tonstudios, interaktiven Spielecken (Gaming), etc. wurde durch Dokk1 im dänischen Aarhus europaweit als Nachahmungsmodell hochgehalten. Die ÖB als Entertainment-Tempel oder flexibler Dienstleister: Die Meinungen dazu gehen auseinander.
Ab 2015 kam schließlich die Bibliothèque de proximité verstärkt ins Gespräch, nämlich als Teil des Konzepts der 15-Minuten-Stadt (Ville du quart d’heure). Jeder Einwohner soll nicht länger als 15 Minuten per öffentlichem Transport oder Privatfahrzeug von seiner ÖB, Apotheke, Lebensmittelladen, etc. entfernt sein.
Mit der Covid-Krise 2020 meinte die Bibliotheksgemeinschaft, dass ÖB eigentlich gut zu Ray Oldenburgs „independent meeting places“6 passen würde, dem sogenannten Dritten Ort. Zur Genetik einer modernen ÖB gehörte seit jeher die Dorfbrunnenfunktion. Gemeinschaften treffen sich in ÖB. Doch sollte die Atmosphäre bitte einladend wirken. „Design your library as your living room“, so ein Motto Anfang der 2000er Jahre, auch wenn so ein sich-nicht-registrierender, sich Statistiken entziehender Benutzerkreis (séjourneurs) angezogen wird. Sie gehört zu jeder öffentlich leicht zugänglichen Bibliothek einfach dazu.
Nur wenige Leser werden sich vollends vom gedruckten Buch trennen können.
All diese Entwicklungen gilt es in Luxemburg nachzuholen – oder auch nicht. Denn die europäische 2024er Studie Sentobib, die Benutzer nach den Aufgaben von ÖB befragte, kam zu der ernüchternden konservativen Erkenntnis: Sie möchten weiterhin vor allem Medien ausleihen. Das traditionelle jahrhundertalte Kerngeschäft Bücherausleihe bleibt am beliebtesten. Gibt es also doch noch eine Überlebenschance für Bücherbusse? Eigentlich nicht, denn die Teilnahme an Animationen folgte als gewünschte Hauptaufgabe direkt an zweiter Stelle.
Strategievorschlag
Von den oben genannten Trends abgesehen, braucht unser Land unbedingt prioritär eine kritische Masse an kommunaler Bibliotheksinfrastruktur. Wie kann dies am schnellsten erreicht werden? Der Autor verweist hier auf die von ihm mit ausgearbeitete Strategie der FëBLux ASBL, die im Rahmen des KEP am 25. Oktober 2020 beim Kulturministerium eingereicht wurde und hier resümiert7 wiedergegeben wird:
1. Vollständige Abschaffung des Gesetzes vom 24. Juni 2010 über öffentliche Bibliotheken, einschließlich der Abschaffung des Obersten Bibliotheksrates (CSB), Rücknahme der Angliederung des Bicherbus an die Nationalbibliothek und der Beendigung der kontinuierlichen staatlichen Finanzierung aller regelmäßigen Betriebsausgaben von ÖB.
2. Gründung einer unabhängigen Stiftung für ÖB nach dem Schweizer Vorbild Bibliomedia.
3. Ermöglichung der staatlichen Finanzierung über die gerade genannte Stiftung von Investitions- und außerordentlichen Ausgaben.
4. Förderung der Gründung von Gemeindebibliotheken.5.
Anreize für die Kommunalisierung bestehender ÖB in Trägerschaft von Vereinen.
6. Vermeidung der Gründung von interkommunalen Bibliotheken.
7. Endgültige Auflösung der staatlichen Fahrbibliotheken.
Manche dieser Vorschläge wurden im Gesetzesprojekt N° 8523 aufgenommen, sei es in Artikelform oder in Erwähnung im Artikelkommentarteil. Auch ein Kulturministerium kann hinzulernen. Gut so! Weiter so!
Zukunft
Wird ein Bibliotheksgesetz heute überhaupt noch benötigt? Wird die klassische Bibliothek – und mit ihr das klassische Buch – nicht doch in Zukunft verschwinden? Hier folgend einige hoffnungsvolle Aspekte für die Zukunft:8
1. Qualität: Jeder qualifizierte oder entsprechend fortgebildete Bibliothekar sorgt dafür, dass nur das „gute“ Buch seinen Platz in Bibliotheken finden wird. Im Gegensatz zum öffentlichen Bücherschrank beispielsweise existiert eine Person, welche für „gute Bücher“, d. h. einen gefilterten Bibliotheksbestand sorgt. Die Bibliothek ist und bleibt ein Safespace.
2. Kosten: Kann sich jeder Bürger das billige oder teure, d. h. kostengünstige oder -intensive Buch privat leisten? Das Buch stellt das kostengünstigste Fortbildungsmittel der Welt dar. Dennoch kann niemand sich alle Bücher der Welt leisten. Gemäß dem ewig gültigen 1937er Zitat von Batty Weber (1860-1940): „Et ass jo gutt, dass et Bibliothéike gëtt, déi Bicher ausléinen u Leit, déi kee Geld hunn, fir sech s’all ze kafen.“9 So viel zur Existenzberechtigung von Bibliotheken.
3. Form: das „richtige“, d. h. das körperliche Buch bleibt trendy. „Print is still king.“ Nur wenige Leser werden sich vollends vom gedruckten Buch trennen können. Alle Autoren träumen davon, richtige Bücher publizieren zu können – keine zweitklassigen E-Books. Doch Print-Bücher benötigen Platz ‒ und Platz stellt ein hohes und immer teuer werdendes Gut in nicht ferner Zukunft dar. Bibliotheken bieten Platz.
Fazit
Als Schlussfolgerung in Bezug auf zukünftige Strategien von Bibliotheken allgemein möchte der Autor auf die Aussagen des berühmten niederländischen Bibliotheksarchitekten Aat Vos während des Deutschen Bibliothekartags 2019 in Leipzig verweisen: Was ist eigentlich an einer heutigen Bibliothek modern? Nun, die Aufenthaltsdauer eines Benutzers in einer Bibliothek ist im Vergleich zu den 1960er Jahren von durchschnittlich 15 bis 30 Minuten auf heutige ein bis zwei Stunden gestiegen! Man möge dies bitte bei jeder Strategie oder Planung des gesamten Bibliothekswesens berücksichtigen.
Jean-Marie Reding ist Diplom-Bibliothekar mit einem Masterabschluss in Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Außerdem ist er als Autor des Lëtzebuerger Land bekannt.
1 www.eblida.org/projects/elan/ (alle Internetseiten, auf die in diesem Beitrag verwiesen wird, wurden zuletzt am 25. Mai 2025 aufgerufen)
2 https://repository.ifla.org/items/ae4dfcc0-8def-4318-8c4c-7f0507d15609
4 Dornseiff – Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen, 9. überarb. u. erw. Aufl., Berlin, De Gruyter, 2020.
5 www.bibliotheksverband.de/entwicklungsplaene
6 Ray Oldenburg, The Great Good Place: Cafés, Coffee Shops, Bookstore, Bars, Hair Salons and Other Hangouts at the Heart of a Community, New York, Marlowe & Company, 1989.
7 www.feblux.lu/deutsch/wp-content/uploads/2022/07/FeBLux.Loi_.2010.Avis_.08.07.2022.pdf
8 Jean-Marie Reding, „Dat gutt, bëllegt a richtegt Buch“, in: D’Feuille de liaison (ALBAD), 21 (2014), 3 (50), S. 6-9.
9 heutige Schreibweise; Original im Luxemburger Wort vom 7. Januar 1937.
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