Es waren einmal 17 Schüler…

Einige fiktive, aber dennoch realistische Schülerlaufbahnen

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einige fiktive, aber dennoch realistische Schülerlaufbahnen

Die Strukturen des Sekundarunterrichts sind recht kompliziert, und trotz Aufklärungsversammlungen und Informationsbroschüren finden die wenigsten Eltern und Schüler sich darin zurecht. Der folgende Beitrag versucht daher, diese Schulstrukturen, was den technischen Unterricht anbelangt, an Hand exemplarischer Schülerlaufbahnen darzustellen. Gleichzeitig wird auf Probleme dieses Unterrichtstyps hingewiesen. Alle Namen und die Zusammensetzung der Ausgangsklasse sind frei erfunden. Doch die einzelnen Schülerlaufbahnen beruhen ausnahmslos auf Fakten und stellen keine Sonderfälle dar. Wollte man Ausnahmefälle unseres Unterrichtssystems darstellen, wären noch ganz andere Beispiele möglich. Gezeigt wird hier der Durchschnittsschüler im schulischen Alltag des "enseignement secondaire technique" (EST). Der Beitrag kam zustande nach längeren Gesprächen mit Lehrern, Schuldirektoren, Schulpsychologen, Eltern und zahlreichen Schülern, sowie auf Grund eigener Erfahrungen des Autors. Für die wahren Zahlenverhältnisse, wieviele Schüler zu diesem oder jenem Typ gehören, sei auf den Beitrag von Fernand Fehlen verwiesen, der allerdings nicht alle Verhältnisse aufklären konnte, weil das Erziehungsministerium sich wohl hütet, bestimmte Tatsachen statistisch belegen zu lassen.

Einleitung

Es waren einmal 17 Jungen und Mädchen, die bildeten gemeinsam eine Klasse des 6. Schuljahrs. Alain, Bea, Chantal, Dora, Erny, Fernand und Guy gingen Anfang Juli zur "großen Schule", ins "Lycée" ("enseignement secondaire" – ES) nach Belair, um dort die Aufnahmeprüfung zu machen. Die andern, außer Mario, fuhren acht Tage später in verschiedene "Lycées techniques" der Hauptstadt, um dort eine ähnliche Prüfung abzulegen, die, wie der Lehrer offen gestand, an Schwierigkeit der ersten keineswegs nachstand. Wie es den 17 Schülern aus einer Klasse in ihrem späteren Schulleben erging, erzählen die folgenden Geschichten.

ALAIN oder die zweite Chance im EST

Die Aufnahmeprüfung schaffte Alain problemlos, und er besuchte ohne Aufenthalt den ES von VII bis IV. Seit V war seine Leidenschaft für Computer aber so stark geworden, daß er auf IV durchfiel, weil er mehr Zeit hinter seinem PC verbrachte als bei den Hausaufgaben. In Mathematik hatte er zwar eine eins, aber für Sprachen, Geschichte, usw. konnte er sich einfach nicht interessieren, und so kam es, daß es in drei Fächern nicht mehr langte auf IV, und er mußte diese Klasse wiederholen. Auf III sollte es ihm dann nochmals so ergehen. Da er aber einen Notendurchschnitt von 30 Punkten hatte, konnte er sich einem Aufnahmeexamen für die 12 ST "technique générale" (TeG) stellen. Wegen seiner guten Noten in Mathematik, Physik und Chemie wurde er von diesen Fächern entbunden und mußte sich schließlich nur in den drei Sprachen prüfen lassen. Da das Niveau der 11 ST als Minimum verlangt wurde, schaffte Alain die Aufnahme mühelos.

Von ABBES, einem Kameraden der III D, erfuhr er, daß es diesem ähnlich erging, was dessen Überwechseln in eine 12 ST ECG anbelangte; allerdings war hier eine Genügende in Wirtschaftswissenschaft Voraussetzung.

Als Computerfreak hatte er auch keine größeren Probleme mit den vielen technischen Fächern. Er war auch offensichtlich besser vorbereitet als die meisten seiner Klassenkameraden, die von einer 11 E ST kamen. LED (siehe unten) erklärte ihm später, woher dieser Unterschied kam. Alain vermittelte diese Situation ein Erfolgserlebnis, und er konnte sich auffangen: seine Noten stiegen wieder,

weil das Lernen ihm wieder Spaß machte. Allerdings
war er eine Ausnahme, denn die meisten Klassenka-
meraden, die wie er aus dem ES in den EST "abge-
stiegen" waren, zeichneten sich eher durch ein
überdurchschnittlich hohes Alter, häufiges Fehlen,
schlechtes Betragen und wenig Lernerfolg aus. Sie
hatten im ES schon eine ganze "Karriere" hinter-
sich und betrachteten das Überwechseln in den EST
keineswegs als zweite Chance, sondern eher als
Flucht vor der Arbeitswelt.

Nach der Abschlußprüfung, die zwar keineswegs
leicht war – mit ihm schafften es nur noch 4 ande-
re seiner Klasse: alle vier waren schon beim zwei-
ten Anlauf -, entschied Alain sich, in Karlsruhe
Informatik zu studieren. Anfangs hatte er dort
zwar etwas mehr Schwierigkeiten als die paar Lux-
emburger, die vom ES dorthin kamen, weil der Abs-
traktionsgrad im EST doch nicht ganz so hoch gewe-
sen war, und er auch die mündlichen Prüfungen gar
nicht gewohnt war, aber immerhin: er, der Versager
aus dem ES, der Aufsteiger im EST, brachte es ei-
nes Tages zum Ingenieur, und niemand fragte mehr
nach seinem Schulweg.

Ein Rest Unzufriedenheit blieb nur, weil Alain
sah, wie seine Freundin ARLETTE auf 13 ST TeG
strauchelte: Sie war wirklich auch eine sehr gute
Schülerin in Electro, Mechanik, Physik, gar Mathe-
matik, aber in Informatik wollte es nicht klappen.
Sie hatte einfach nicht genug Übung. Ihre Eltern
waren Bauern. An die Anschaffung eines eigenen
kleinen Computers war nicht zu denken. Das intere-
ssierte Arlette auch nicht. Er wollte sie zwar
gern auf seinem üben lassen, aber ihre Eltern lie-
ßen das nicht zu. Eigentlich wäre es ja auch an
der Schule gewesen, hier Hilfestellung zu geben.
Aber wen interessierte das schon?

Von Alains andern Klassenkameraden setzten die
meisten das Studium am "Institut Supérieur de
Technologie" (IST) fort, denn mit dem "Diplôme
de fin d’études techniques" allein war nicht viel
anzufangen. ARNO wollte anschließend auch zur Uni-
versität, aber keine wollte ihm sein IST-Diplom so
recht anerkennen. Von seinen drei Jahren im IST
hätte man ihm höchstens eins gutgehalten. Da be-
ließ er es beim "ingénieur-technicien", eine hö-
here Laufbahn war nicht drin.

BEA

Bea blieb ihre ganze Schulzeit über im ES.

CHANTAL oder das Auffangbecken

für Gestrauchelte

Bei Chantal sah der Lehrer der Aufnahmeprüfung im
ES mit etwas gemischten Gefühlen entgegen, da sie
zuhause – sie hatte noch 5 Geschwister, von denen
sie die zweitälteste war – kaum die notwendige Un-
terstützung fand, um das Examen und vor allem die
späteren Jahre zu bestehen. Doch zu seiner Überra-
schung schaffte es Chantal: sie war sorglos mit
den 6 Kameraden und Kameradinnen losgezogen, ohne
sich eigentlich Rechenschaft abzulegen, was der
Schritt bedeutete. Da sie unter keinem Leistungs-
druck stand, hatte sie es trotzdem geschafft.

Allerdings war der Pessimismus ihres Lehrers nicht
völlig abwegig gewesen. Gleich auf VII stellte
sich der Mißerfolg ein. Mit zwei Nachexamen in
Französisch und Geographie schaffte sie zwar den
Aufstieg auf VI, doch diese Klasse mußte sie dann
zweimal absolvieren. Auch beim zweiten Mal sollte
sie noch ein Nachexamen in Französisch haben. Der
Klassenrat schrieb nun einen Brief an ihre Eltern,
um ihnen zu empfehlen, Chantal vom nächsten Jahr
an in ein "Lycée technique" zu schicken.

Mit einem Jahresdurchschnitt in Französisch von 22
Punkten auf VI ES brauchte sie nicht einmal eine
Aufnahmeprüfung zu bestehen, sie wurde anstandslos
in eine 9 ST fil. I aufgenommen. Allerdings hatte
diese Abstufung ihr einen kleinen Knacks in der
Lernlust verpaßt, und am Ende des Jahres erhielt
sie nur das Diplom einer 9 ST fil. II, da sie in
Französisch und Englisch jeweils nur 26 Punkte
hatte. Auf Empfehlung des Klassenrates wiederholte
sie die 9 ST fil. I und schaffte jetzt den Über-
gang in eine 10 C, allerdings nur mit knapper Not
in den Sprachfächern.

Sie war zwar jetzt zwei Jahre älter als die meis-
ten ihrer Klassenkameraden, aber sie war keines-
wegs allein in diesem Fall. Sie kannte einen Jun-

M. Marcks in: Krümm dich beizeiten (rororo)

gen einer 9 ST fil. II, CARLO, der war schon 19 und schaffte trotzdem nicht das Diplom der fil. II. Er verließ dann die Schule und schob bei "Cactus" die Einkaufwagen vom Parking ins Geschäft.

DORA oder der Zufall der Information

Daß Dora die Aufnahmeprüfung für den ES nicht bestanden hatte, wurmte den Lehrer sehr. Sie hatte in allen Fächern sehr gute Noten gehabt, doch in Deutsch war sie als Portugiesin ohne Chance. Immerhin hatte sie 27 Punkte erreicht. Da hörte der Lehrer Gott sei Dank rein zufällig, daß in einem städtischen Lyzeum eine Sonderklasse für francophone Schüler eingerichtet wurde. Dank der Vermittlung ihres Lehrers wurde Dora dort aufgenommen. Sie hatte nun zwei Wochenstunden Deutsch mehr als in den normalen Klassen. Das erlaubte ihr, bis zur V ES ihren Rückstand in Deutsch so aufzuholen, daß sie schließlich ab IV in eine normale Schulklasse überwechseln konnte und ohne nennenswerte Schwierigkeit bis 1 kam. Ab IV war es sogar leichter für sie geworden, weil nunmehr alle Fächer auf Französisch unterrichtet wurden. Ein Glück, daß ihr Lehrer von dieser francophonen Sonderklasse gehört und sich so nett für sie engagiert hatte. Offiziell war nämlich nirgends ‚was darüber zu erfahren, so daß fast alle ihre Landesgenossen trotz höherer Begabung im EST weiterstudieren.

„Die Schule konnte dich nur vorbereiten, den Schritt ins Leben mußt du selber tun!“

ERNY und FERNAND oder Freundschaft im Klassenzimmer

Die beiden unzertrennlichen Freunde erreichten, daß der Schuldirektor sie auf VII in eine Klasse setzte. Bis V blieben sie beisammen, seit VI lernten sie Latein. Auf IV wählten sie verschiedene Sektionen, so daß Erny das Gebäude wechseln mußte: er wählte die Sektion A, die Klasse Latein/A gab es aber nur in einem Schulgebäude der Stadt, weil sich nicht genug Schüler in jedem Gebäude für dieses Studium meldeten.

GUY oder die Anpassung nach unten

Guy war in der Primärschule ein unsteter Schüler gewesen. Von seiner Intelligenz her hätte er eigentlich das Zeug gehabt, das Aufnahmeexamen in den ES zu schaffen, aber eine unerklärte (?) Zerstreutheit hatte ihm eine Ungenügende in Rechnen eingebracht. Da sie aber über 25 lag, und er in Deutsch und Französisch 36 bzw. 38 Punkte erreichte, wurde er ohne Nachexamen ins EST aufgenommen. Dort paßte er sich ziemlich schnell dem Leistungsniveau der Schülermehrheit an: hie und da gab es zwar Ungenügende, aber im Jahresdurchschnitt lag er jeweils gut über 30. Von 45 Punkten, die ihm ein Zurückwechseln in den ES erlaubt hatten, war er aber meilenweit entfernt. Und als Streber verschrieen zu sein wie sein Banknachbar Georges, wollte er auf keinen Fall. In Deutsch hatte er ohne größere Anstrengung eine Note 1. Theoretisch hätte er ab 8 ST fil. I in Deutsch einen Kurs vom Niveau a besuchen können, der an und für sich einen Unterricht auf der Leistungsebene des ES anbietet, aber es gab zu wenig Schüler dieses Niveaus in Deutsch in seiner Schule, so daß der Direktor keinen solchen Kurs organisierte. Nur in Mathematik hatte es in bestimmten Jahren mal a-Kurse gegeben.

Guys Nachbar GEORGES war wie gesagt der Beste der Klasse. Er war im EST gelandet, weil er aus Aufregung im Aufnahmeexamen für den ES in Französisch und Rechnen nur knapp 30 bekam und in Deutsch 33. In den drei Fächern zusammen hatte er also keine 100 Punkte und war durchgefallen. Im EST wurde er damit ohne Nachexamen aufgenommen. Die Mutter drängte zwar zu einem Nachexamen im Herbst im ES, da sie ihrem Sohn (und vor allem sich) die angebliche Schande ersparen wollte, "nur" in ein "Lycée technique" zu gehen. Doch der Lehrer konnte sie überzeugen, daß Guy im EST nach glänzend bestandener 7 ST – bei einem Notendurchschnitt von mindestens 45 Punkten – ohne Zusatzprüfung ins ES zurückwechseln könne. Und das gelang Georges auch. Georges war allerdings die große Ausnahme. Schüler, die den Übergang vom EST ins ES schaffen, gibt es jedes Jahr kein Dutzend im ganzen Land.

HELENA oder der EST für Aufsteiger

Helena hatte nie die Absicht gehabt, höhere Studien zu machen. Sie war die erste in der Klasse, die sich sofort fürs Aufnahmeexamen im EST entschied. Sie wollte was Praktisches lernen, um bald Geld zu verdienen. Der Lehrer verstand diesen Wunsch durchaus, wußte aber auch, daß Helena sicher nicht die Dümmste war.

Auf 7 ST vervielfachten sich dann aber die Probleme. Im Deutschen war sie als Ausländerin "natürlich" schwach. Sie konnte zwar freitags von 16 bis 17 Uhr einen Förderkurs in Deutsch besuchen, doch es blieb am Ende des Jahres bei 27. Das wäre nicht so schlimm gewesen, da sie in Französisch und Mathematik gute 36 Punkte im Durchschnitt hatte, aber auch Geschichte, Geographie und Biologie wurden auf Deutsch unterrichtet, und der Lehrer kam nicht mehr wie in der Primärschule während der Prüfung an ihrer Bank vorbei, um die Fragen schnell auf französisch zu übersetzen. Hier war

sie eine von 27, und es schien allen Lehrern egal, ob sie das Minimum schaffte oder nicht. Wären die Nebenfächer nicht gewesen, hätte sie immerhin auf einer 8 ST fil. I weiterstudieren können und nur im Deutschen einen c-Kurs besuchen müssen.

Zu ihrer Überraschung konnte sie am Ende des Jahres dann doch in eine 8 ST aufsteigen, allerdings in eine fil. II, wo alle Fächer im Niveau c unterrichtet werden. Bei der Zensur hatte ein Zettel gelegen, auf dem geschrieben stand, wenn die Eltern recht verstanden haben – immerhin war eine französische Übersetzung dabei –, daß der Klassenrat Helena empfahl, die 7 ST zu wiederholen. Aber die Eltern und Helena waren so erfreut über den Aufstieg, daß das gar nicht in Frage kam. Wozu sollte das denn gut sein? Bestimmt nicht, um schneller Geld zu verdienen.

Auf 8 ST fil. II schaffte Helena mühelos den Aufstieg zur 9 ST fil. II. Sogar in Deutsch hatte sie am Jahresende eine wenn auch Knappe Genügende. In Französisch hätte sie an einem b-Kurs teilnehmen dürfen, aber das ließ sich angeblich vom Stundenplan her nicht organisieren. Von 45 in allen Hauptfächern und 40 in den Nebenfächern war sie allerdings noch ziemlich weit weg. Ein einziger, HEINZ, ein deutscher Junge, der nur wegen Einschulungsschwierigkeiten nach dem Umzug seiner Eltern nach Luxemburg auf dieser Klasse gelandet war, schaffte diesen Durchschnitt. Er durfte nächstes Jahr auf 9 ST fil. I weiterstudieren. (1987 wurde dann das Minimum auf 40 Punkte im Durchschnitt aller Fächer herabgesetzt.)

Am Ende der 9 ST war die Lage bei Helena auf den ersten Blick durchaus rosig: 33 im Deutschen, 40 im Englischen, gar 46 im Französischen, eigentlich eine sehr schöne Zensur. Und doch wäre sie ihr fast zum Verhängnis geworden. Angesichts ihrer guten Resultate und auf den Rat des Schulpsychologen hin waren auch ihre Eltern einverstanden, daß sie nicht sofort eine Lehre als Verkäuferin antrat. Helena wollte auf einer 10xC weiterstudieren, um eventuell eine Stelle in einer Bank zu finden. Sie würde dann fast von Anfang an mehr verdienen als ihr Vater, der sein Leben lang Steinmetz war. Um auf 10xC zugelassen zu werden, muß man aber, obschon es "nur" eine Klasse des "régime professionnel" ist, in allen Sprachen mindestens 36 Punkte haben. Im Deutschen lag sie klar darunter. Sie war um so verdrossener darüber als sie ganz genau wußte, daß es zahlreiche Banken in der Stadt gab, wo nie ein deutscher Brief geschrieben werden mußte. Um so größer war ihre Freude, als die Zensur der 9 ST fil. II ankam: Mit 33 in Deutsch war sie trotzdem auf 10xC zugelassen, weil eine Note unter 36 durch einen Notendurchschnitt in den drei Sprachen von 40 Punkten kompensiert werden konnte.

Auf 10xC traf sie dann allerdings sehr komische Klassenkameraden. Keiner hatte Lust zu lernen, sich ordentlich auf Prüfungen vorzubreiten, geschweige denn Hausaufgaben zu machen. Alle sprachen von "Flemm" und von Aussichtslosigkeit und von der Arbeitslosigkeit, die sie alle erwarte. Ihre alte Kameradin KARIN (siehe unten) war ein typisches Beispiel für diese Mentalität. Helena konnte das nicht glauben. Sie hatte sich doch immer verbessert. Von Abstieg konnte doch keine Rede sein. Ihr Vater, ihre Mutter, die abends Büros reinigte, hatten doch bei weitem nicht die Berufe, die ihr offen standen.

Und Helena setzte sich durch. Mit ihr schafften aber nur wenige den Aufstieg in die 11xC sofort beim ersten Anlauf. Helena hatte allerdings den kleinen Vorteil, daß fast alle neuen Fächer, von denen sie vorher noch nie was gehört hatte und die sehr schwer waren, weil sie angeblich direkt aufs praktische Berufsleben vorbereiteten (Comptabilité, Economie, Droit civil, Informatique, Instruction civique), zum größten Teil auf Französisch unterrichtet wurden. Für die meisten Kameradinnen, das gab Helena bereitwillig zu, war das sicher eine zusätzliche Schwierigkeit. Im 2. Trimester hatte es ein paar bange Tage gegeben, als die ganze Klasse sich einem Psycho- und Intelligenztest des Bankervereins unterziehen mußte, aber alle waren für geeignet gefunden worden, eine Lehrstelle in einer Bank anzustreben.

Nach der 11xC mußte Helena ein Examen ablegen. Gott sei Dank aber nicht in allen Fächern, sondern nur in denen, welche auf 012 wegfielen (Sprachen, Bürgerkunde u.a.), sowie in jehen berufsbezogenen Fächern, in denen sie im Jahresdurchschnitt keine Genügende hatte. Bei ihr waren das nicht viele. Mehrere Kameradinnen aber wurden erst gar nicht zur Prüfung zugelassen, weil sie mehr als drei Ungenügende im Jahresdurchschnitt hatten.

Nach dem Examen hieß es eine Bank finden, wo sie

während des nächsten Schuljahres eine Lehrstelle haben könnte. Auf 012 CB ging Helena nämlich nur noch an drei Vormittagen zur Schule, den Rest der Zeit arbeitete sie schon als Lehrmädchen in der Bank. Ihre Mutter hatte in der Bank, wo sie als Reinemachefrau arbeitete, rechtzeitig für Helena um eine Lehrstelle gebeten, denn es war gar nicht einfach, eine solche zu finden. Zum Abschluß mußte sie dann einen Bericht über die verschiedenen Tätigkeiten schreiben, in die sie eingewiesen worden war, und eine Prüfung in den sog. praktischen Fächern ablegen. Dann hatte sie das CATP erreicht und konnte eine definitive Arbeitsstelle suchen. Ihre Hoffnungen hatten sich voll bestätigt, aber Helena wußte auch jetzt, daß sie keineswegs das große Los gezogen hatte, das sie noch auf 8 ST oder 10xC in Händen zu halten glaubte. Aber immerhin, im Vergleich zu den viel zahlreicheren Mitschülerinnen und -schülern, die unterwegs auf der Strecke geblieben waren, durfte sie sich glücklich schätzen.

KARIN oder die schulische Produktion von Lernunlust

Karin und Nathalie (siehe unten) waren in der Primärschule zwei unzertrennliche Freundinnen. Sie hatten denn auch das Aufnahmeexamen im selben "Lycée technique" gemacht. Doch der erste Schultag brachte gleich die ersten dicken Tränen: Sie waren nicht in derselben Klasse. An Stelle von 16 Kameradinnen und Kameraden, die sie gut kannten, saßen jeweils 26 unbekannte Gesichter neben ihnen. Und die Wände waren kahl, der Schrank hatte keine Türen mehr, die Bänke standen in Beih und Glied auf die Tafel ausgerichtet. In der Primärschule war es doch viel gemütlicher gewesen. Da konnte man sich noch einigermaßen wohlfühlen. An der kalten Atmosphäre sollte sich alle die Jahre über nichts ändern. Nicht einmal Poster durften sie im Klassensaal aufhängen, um die Flecken an der Wand zu verstecken.

Die 7 ST schaffte Karin ohne größere Probleme, obschon sie nicht gerade mit Begeisterung zur Schule ging. Auf 8 ST fil. I gab es dann aber ein Nachexamen in Englisch und in Geschichte. Das erste schaffte sie, da sie ab Ende August die "Rattrapage"-Kurse besuchte, um sich aufs Nachexamen gezielt vorzubereiten; das zweite aber nicht, dort gab es auch keine solche Vorbereitungskurse. Da die Note aber über 20 lag, wurde sie auf 9 ST fil. II zugelassen. Einen Hinweis, daß sie besser getan hatte, die 8 ST fil. I zu wiederholen, gab ihr nach dem Nachexamen niemand mehr.

Allerdings versprach ihr ein Lehrer auf 9 ST fil. II, daß sie mit einem Notendurchschnitt von 45 Punkten trotzdem auf 10 C ("régime technique") zugelassen werde. Das schaffte sie denn auch ohne allzu große Probleme. Sie war zwar eine der jüngsten ihrer Klasse, da sie im Gegensatz zur Mehrheit noch nie durchgefallen war, dafür hatte sie aber auch noch den Willen, sich zu verbessern, während alle andern jede Hoffnung aufgegeben hatten. Außerdem war sie ja auch nur durch ihren Geschichtslehrer hier gelandet. Alle Fächer wurden aber jetzt im Niveau c unterrichtet, obschon sie ja auf 8 ST fil. II das Niveau b erreicht hatte, wenn auch in Englisch erst im Nachexamen. Doch am Ende des Schuljahres kam die böse Überraschung: der Lehrer hatte sich geirrt. Was auf 8 ST fil. II möglich ist, um in eine 9 ST fil. I aufzusteigen, ist nicht mehr möglich auf 9 ST fil. II. Böse konnte sie dem Lehrer für die falsche Hoffnung nicht sein, aber enttäuscht und niedergeschlagen war sie allemal. Wozu war das ganze Lernen eigentlich gut? Und jetzt riet man ihr auch noch, die 9 ST fil. I zu besuchen, d. h. ein Jahr zu verlieren, um dann im zweiten Anlauf den Zugang zur 10 C zu erreichen. Kam gar nicht in Frage.

Auf 10xC, wo sie jetzt gezwungenermaßen hinging, lernte sie einfach überhaupt nichts mehr. Sie hatte jetzt 14 verschiedene Fächer, d. h. auch 14 verschiedene Lehrerinnen und Lehrer. Und jeder hatte seine Eigenart. Sie konnte sich einfach nicht an alle gewöhnen. Und die Lehrer kannten auch nicht alle Schüler der Klasse mit Namen, denn sie sahen sie z. T. nur eine Stunde jede Woche. Verschiedene von ihnen waren nicht einmal richtige Lehrer(innen), sondern eine war Sekretärin, ein

anderer Rechtsanwalt. Von Disziplin war in deren Stunden nicht immer viel zu spüren, von pädagogischem Geschick und Motivation natürlich auch nicht.

Eigentlich hatte Karin auch kein richtiges Interesse für alle diese berufsspezifischen Fächer. Daß sie auf 10xC gelandet war, war schließlich nicht aus freier Wahl geschehen. Auf 9 ST hatte es zwar eine sog. Aufklärungsversammlung im Festsaal gegeben, wo sie sich informieren sollten über ihre späteren Berufswünsche und den schulischen Weg dorthin. Aber die ganze Klasse hatte die Veranstaltung eher als schulfreien Nachmittag genossen. Die wenigsten von ihnen wußten schon, was sie im Leben mal tun wollten. Die Herren von den Berufskammern hatten auch z. T. unverständliches Zeug geredet. Soviel hatte Karin nur verstanden, daß es nicht viele Arbeitsplätze in keinem Beruf gab, und das hatte sie ahnungsweise schon von ihren Eltern gewußt.

So saß Karin nun auf einer 10xC, weil es einfach die einzige x-Klasse – d.h. eine 10. Klasse im "régime professionnel", zu dem sie allein von einer 9 ST fil. II zugangsberechtigt war – war, die in ihrem Schulgebäude funktionierte. Sie fand jedenfalls, daß der Unterricht hier keineswegs leichter war als auf einer 10 C im "régime technique", wenn sie ihre Kameradinnen von diesen Klassen reden hörte. In den Sprachfächern machten sie sogar dieselben Prüfungen, obschon von 9 ST fil. II aus 36 Punkte (Niveau c) in den Sprachen Voraussetzung waren, um auf 10xC zugelassen zu werden, während die Schüler der 9 ST fil. I nur die üblichen 30 Punkte (Niveau b) brauchten, um eine 10 C zu besuchen.

Die 10xC besuchte sie denn auch wie die meisten zwei Jahre lang hintereinander. Hätte sie einen Notendurchschnitt in allen Fächern von 36 Punkten gehabt, wären zwar sogar drei Nachexamen erlaubt gewesen. Aber wer lernt schon in den Ferien für drei Nachexamina, und 36 war ja wohl auch illusorisch.

Auf 11xC ging es etwas besser. Jetzt kamen noch praktische Übungen in Buchführung und Bürotechnik hinzu. Von Handels- und Steuerrecht verstand sie zwar sozusagen nichts. In mehreren Fächern mußte sie am Ende des Jahres zu einem Examen antreten (siehe Helena). Sie hatte Angst, weil nur zwei Lehrer ihrer Klasse mitverbessern sollten. Die Handelskammer hatte das ganze Examen in der Hand. Die Schule hatte fast nichts mehr mitzureden. Die Schülerkopien wurden auch nur von zwei Lehrern verbessert und nicht von dreien, wie das in den andern Schulexamina üblich ist. Sie schaffte es trotzdem. Wie sie das fertiggebracht hatte, konnte sie sich selbst nicht so recht erklären, denn ganz so viel hatte sie nicht aufs Blatt gebracht, aber offenbar war nicht allzu streng verbessert worden, denn noch andere Kameradinnen hatten die Prüfung bestanden, bei denen sie sich noch stärker wunderte.

Jetzt hieß es, eine Lehrstelle bei einer Bank finden. Das war gar nicht einfach, zumal sie spät dran war, weil sie ja gar nicht mit einem Examenserfolg gerechnet hatte und die Resultate erst Ende Juli proklamiert wurden, als sie schon in Ferien war. So besuchte sie im September die 012 CB an drei Vormittagen vorerst ohne Lehrstelle. Da sie zu mehreren in dieser Lage waren, erbarmte sich schließlich der Unterrichtsminister ihrer und er

stellte sie fiktiv als Lehrmädchen ein, damit sie ihre 12. Klasse trotzdem weiterbesuchen durften. Im Januar fand sie dann auch eine Bank, die sie als Auszubildende annahm. Aber von Ausbildung war eigentlich nicht sehr viel zu merken: sie mußte den ganzen Tag vor dem Computerbildschirm sitzen und Zahlen eintippen. Einen Einblick in die einzelnen Abteilungen der Bank erhielt sie nicht, außer in Gesprächen mit Kolleginnen. Die praktische Abschlußprüfung Ende Juni schaffte sie denn auch vorerst nicht. Ihr Lehrvertrag wurde um ein halbes Jahr verlängert, und im Frühjahr nahm sie mit einigen Leidensgenossinnen an einer Sondersession der Abschlußprüfung teil. Komischerweise bestanden alle mit Erfolg. Die Banken brauchten wohl wieder CATP-Inhaber(innen), die sie zum Mindestlohn bezahlen konnten, und so erleichterte die Handelskammer die Prüfungskriterien.

LEO oder die 36-Stunden-Woche und das Loch in der Programmstruktur

Die drei unteren Klassen des EST schaffte Leo sozusagen spielend. In Mathematik war er der Star der Klasse. Nach der 9 ST fil. I wählte er die E-Sektion im "régime technique". Elektrotechnik wollte er studieren, um Elektroingenieur im Computerbereich zu werden, sicher ein Beruf mit großen Zukunftschancen. Auf 10 E erlebte er zwar insofern eine Enttäuschung, als von Informatik hier nichts zu sehen war, um so mehr aber von Elektrizität. Schlimmer war aber, daß er 36 Wochenstunden zur Schule gehen mußte. Statt drei freien Nachmittagen, hatte er nur zwei, und montags und freitags war Schule bis 18 Uhr. Daran hätte er sich vielleicht noch gewöhnt, obschon selbst die Lehrer das verrückt fanden und daran zweifelten, daß das pädagogisch sinnvoll sei. Aber ihre Zweifel änderten nichts an ihren Erwartungen: sie verlangten genau-soviele Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen wie von den Schülern, die viel mehr Freizeit hatten! Wohl hätte er auf 10 E drei Stunden und auf 11 E zwei Stunden Deutsch fallenlassen dürfen, aber er wußte ja noch nicht, ob er nicht vielleicht eine 12 TeG besuchen wollte, und dann mußte er wieder Deutsch lernen. Und die drei Stunden hätten ihm auch keinen freien Nachmittag beschert, denn sie waren über die ganze Woche verteilt.

M. Marcks in: Krümm dich beizeiten (rororo)

Leo war auch ein ausgezeichneter Fußballspieler. Nicht nur in der Dorfmannschaft, auch in der Schulmannschaft stellte er seinen Mann und wurde von seinen Sportlehrern eifrig unterstützt. Wenn ein LASEL-Turnier war, durfte er sogar dienstagnachmittags in der Schule fehlen. Zweimal in der Woche trainieren, war allerdings nur mehr möglich, wenn er die Hausaufgaben nicht immer allzu ernst nahm.

Die Folgen sollten natürlich nicht ausbleiben: Die 10 E mußte er zweimal besuchen und die 11 E auch. Und jeder gab dem Sport die Schuld. Daß die 36-Stunden-Woche mindestens so stark mitschuldig war, wollte keiner wahrhaben.

Statt zum Elektroingenieur brachte Leo es darob nur zum Elektrotechniker, obschon er eigentlich das Zeug zu höherem gehabt hätte. Nach der 11 E wußte er allerdings lange Zeit nicht wohin: Auf eine 12 TeG, wie die meisten seiner Kameraden, weil es diese Klasse in seinem Gebäude gab, und dann nach der 13 TeG aufs IST, um "ingénieurtechnicien" zu werden? Oder sofort ins Handwerk, um Geld zu verdienen, d. h. eine 012 E "essentiellement pratique" besuchen, wo er 17 Stunden in der Woche zur Schule ging und 22 bei einem Meister im Betrieb arbeitete. Einen guten Rat konnte er weder vom Schulpsychologen erhalten, noch von seinen Lehrern, die ihn wohl gerne los gewesen wären, nachdem er die zwei letzten Klassen doppelt abgesessen hatte.

Er entschied sich dann doch dafür, zuerst auf einer 12 TeG zu probieren. Da kannte er die meisten Kameraden, und er konnte die 40-Stundenwoche, die ihn auf einer 012 E erwartet hätte, noch ein bißchen hinausschieben. Auf 12 TeG geriet er allerdings noch schneller ins Hintertreffen als auf 11 E, und er war nicht allein. Was er bisher gelernt hatte, hatte rein gar nichts mit dem Programm der 12 TeG zu tun. Auf 11 E waren sie auf elektrotechnischem Gebiet ausgebildet worden, aber sie hatten weder Ahnung von höherer Mathematik, noch von Informatik, noch von Technologie und Mechanik und nur minimal von Physik und Chemie. Er wiederholte diese Klasse nicht auch noch, sondern wechselte in ein anderes "Lycée technique", wo eine 012 E angeboten wurde. Eine Lehrstelle in diesem Fach zu finden, war kein Problem. Und so erreichte er, wenn auch mit etwas Verspätung, das CATP als Elektrotechniker.

MARIO oder der fehlende Schulabschluß

Mario war der einzige, der nicht an einem Aufnahmeexamen teilnahm. Er wußte genausogut wie sein Lehrer, daß er keine Chance gehabt hätte. Er besuchte das 7. Schuljahr im Komplementarunterricht (7 COM). Auch eine Aufnahme in eine 7 P, wie Marie-Lou sie besuchen sollte (siehe unten), wurde abgelehnt. Er war schon in der Primärschule immer der Letzte gewesen und im Komplementarunterricht waren sozusagen alle die Letzten. Wer seine familiäre Situation kannte, verstand auch warum. Die 8 COM besuchte er zweimal. An eine Aufnahme in eine 9 ST fil. III war nicht mehr zu denken. Es wäre seine letzte Chance gewesen, um danach noch irgendeine praktische Lehre anzutre-

ten. Aber ohne Abschluß einer 9 ST fil. III gab es keine Lehre, also auch kein CATP. Nach der 9 COM verlangten seine Eltern, er müsse jetzt eine Arbeitsstelle suchen. Das war natürlich leichter gesagt als getan. Unqualifizierte Arbeitskräfte waren beim Arbeitsamt massenweise gemeldet. Da er ja noch nicht so alt war, empfahl man ihm, eine 010 CCM zu besuchen.

Mario hatte nichts dagegen, da diese Klassen auch in der Regionalschule neben seinen bisherigen COM-Klassen untergebracht waren, er also seine alten Kameraden wieder treffen konnte. Aber seine Eltern straighten sich, weil das nichts einbrachte, doch als Schulabgänger hatte er auch nicht sofort Recht auf eine Arbeitslosenunterstützung. Die Aufnahme auf eine 010 CCM, die ihm erlaubt hätte den praktischen Teil des CATP in drei Jahren zu machen, war aber auch nicht so einfach. Dazu hätte er einen Meister finden müssen, der ihn als Lehrling eingestellt hätte, z. B. einen Gärtner. Aber die Meister gaben den Abgängern der 9 ST fil. III, wenn nicht gar fil. II, den Vorzug. Eine Lehrstelle fand er also nicht und so mußte er nach drei Monaten provisorischer Aufnahme auf einer 010 CCM in ein COIP überwechseln.

(Zum Fall Mario: vgl. "forum"-Dossier Nr. 69/14.1.1984: "Filière III: Verbarrikadierte Berufschancen" und den Beitrag "Les COIP – un moyen efficace dans la lutte contre le chômage?" in: "forum" Nr. 86/1.3.1986.)

MARIE-LOU oder die Gleichstellung von Ungleichen

Daß Marie-Lou im Aufnahmeexamen für die 7 ST scheiterte, hatte den Lehrer kaum überrascht. Er hatte sie immerhin den Versuch machen lassen. Er empfahl sie jetzt für eine 7 P ("préparatoire"). Der Lehrer überzeugte den Inspektor, daß Marie-Lou durchaus eine Chance hatte, in den EST aufzusteigen, aber sie war einfach noch zu jung. Sie war gerade noch rechtzeitig geboren, um in ihrem Jahrgang eingeschult zu werden, insgesamt aber etwas in ihrer Entwicklung hinter ihren Klassenkameraden zurück. Und so fuhr sie mit Mario jeden Morgen in die Regionalschule in der Nachbarortschaft. Sie absolvierte aber ein anderes Programm als er. Der Lehrer des 7. Schuljahres nahm mit ihr das Programm der 7 ST durch, aber im Unterschied zu den Schülern einer normalen 7 ST hatte sie eben nur einen Lehrer, der sich um sie kümmerte, der auch die Prüfungen vielleicht etwas leichter gestaltete. Marie-Lou schaffte die Klasse jedenfalls ohne Problem.

Nach der 7 P durfte sie dann auch zum "Lycée technique". Sie war eine der besten Schülerinnen der Klasse. Sie war auch sehr ehrgeizig, denn sie hatte, wenn auch mit einem Jahr Verspätung, aber ohne ein Schuljahr zu verlieren, den Sprung in die "große Schule" geschafft. Einen Notendurchschnitt von 45 sollte sie aber nicht erreichen; keiner in ihrer Klasse erreichte das, denn vor allem in den Nebenfächern machten die Lehrer kaum Unterschiede mit den 8 ST fil. I, und so drückten diese Noten leider den Durchschnitt in den Hauptfächern. Sie mußte also auf einer 9 ST fil. II weitermachen.

Ihrer Freundin MONIQUE, die auch von einer 7 P aufgestiegen war, erging es nicht so gut. Sie mußte die 8 ST fil. II wiederholen. Die Resultate der 7 P waren bei ihr, wie bei vielen, offensichtlich vom Lehrer überbewertet worden, um ihr das Tor zum EST zu öffnen, aber sie hielt dort nicht mit. Sie folgte ein Jahr später den Pfaden von Serge (siehe unten).

Nach Abschluß der 9 ST stieg auch bei Marie-Lou die Unlust mit der Schule. Sie wollte Fotografin werden, fand aber keinen Meister, der sie in die Lehre nahm, obschon sie ein Diplom von 9 ST fil. II vorweisen konnte und eigentlich nur fil. III für diesen Beruf verlangt war. Sie wollte dann eine 10 "artistique" besuchen, da war aber eine 9 ST fil. I als Voraussetzung verlangt. Im "régime professionnel" gibt es keine Künstlerklasse. Das verstand Marie-Lou zwar überhaupt nicht, da für diese Fachrichtung doch Fingerfertigkeit, Ausdrucksvermögen, Emotionen wichtig sind, und nicht etwa Buchwissen, wie es im "régime technique" verlangt wird. Aber es war nun einmal so. Übrigbleib nur eine 10x für Schaufensterdekorateure, wenn sie ein bißchen ihre artistische Begabung im Beruf später nutzen wollte. Aber auch hier mußte sie zuerst eine Lehrstelle finden, denn sie brauchte nur 8 Stunden pro Woche zur Schule zu gehen.

Nach drei Lehrjahren hatte sie ihr CATP in der Tasche, dasselbe Diplom wie die Abgänger einer "Beaux Arts"-Klasse im "régime technique", deren Ausbildung offiziell höher gewertet wird. Aber bei der Stellensuche wurde Marie-Lou jenen vorgezogen, denn sie brachte praktische Erfahrung mit.

NATHALIE oder das Schicksal der Grenzfälle

Von Nathalies großer Enttäuschung am ersten Schultag im "Lycée technique" ging schon die Rede (vgl. Karin). Sie wurde in den drei ersten Jahren jeweils versetzt, auch wenn sie in den Sprachen nie sehr stark war. Sie konnte zwar dann Förderkurse besuchen, aber die lagen jeweils von 16-17 Uhr, und die Energie dazu brachte sie meistens nur vor der Prüfungszeit auf, wenn es häufig schon zu spät war, so daß manches Nachexamen nicht mehr zu vermeiden war. Zur Zeit ihrer älteren Schwester waren die Förderkurse noch in den Stundenplan integriert gewesen; damals gab es die sog. Optionsfächer auch noch nicht.

Wegen ihrer schwachen Sprachkenntnisse wurde ihr dringend von den C-Klassen ("formation administrative et commerciale") abgeraten, die sowieso überfüllt seien. Als Mädchen fühlte sie sich auch nicht begabt für eine E- oder M-Klasse ("électrotechnique" oder "mécanique"). Da sie auch nicht das Schulgebäude wechseln wollte – das tat fast niemand in ihrer Klasse und in den andern 9 ST auch nicht -, besuchte sie halt eine 10 P ("paramédicale"). Ihr Geschick mit Kranken war zwar fraglich, aber darüber machte sie sich zur Zeit noch keine Gedanken.

Als viel schlimmer empfand sie zur Zeit, daß sie freitagnachmittags von 13 bis 18 Uhr Schule hatte, 33 Stunden in der Woche. Abends war sie jeweils

völlig geschafft. Sie fragte sich, wie ihre Freundinnen es schafften, an dem Abend auch noch in die Diskothek zu gehen. Allerdings, die Resultate ihrer Klasse waren in keinem Fach glänzend.

Nathalie hatte auf 10 P zuerst mal Schwierigkeiten mit dem neuen Fach "Connaissance du monde contemporain". Was der Lehrer da über die Familie und die Schule und die Luxemburger Geschichte redete, fand sie zwar nicht uninteressant, aber das auf Französisch in einer Prüfung wiederzugeben, war doch echt zuviel verlangt. Sie war offenbar nicht allein in dem Fall, denn in der Parallelklasse hatte der Lehrer den Schülern erlaubt, in der Prüfung auf deutsch zu antworten. Ihr Lehrer war aber nicht dazu zu bewegen. Mit je einem Nachexamen in CMC, Psychologie und Informatik hoffte sie zwar dann davonzukommen. Aber sie hatte wieder mal nicht mit der Tücke des Gesetzes gerechnet. Drei Nachexamina waren nur erlaubt, wenn der Notendurchschnitt bei 36 lag. Wegen einer schlechten Nummer in der letzten Deutschprüfung, lag er aber nur bei 35. So fiel Nathalie durch.

Ihre Freundin NADINE hatte mehr Glück: sie war überzeugt, ein Nachexamen in zwei Hauptfächern sei nicht möglich. Als die Zensur kam, erfuhr sie dann, daß es diesen Unterschied auf 10 ST und 11 ST gar nicht mehr gibt, und da sie einen Durchschnitt von 30 Punkten hatte, durfte sie in Englisch und Mathematik im Herbst nochmals antreten. Kompensationen gab es allerdings auf dieser Schulstufe keine mehr.

Auf 11 P schlug Nathalie sich etwas besser. Mit zwei, drei Grenznoten schaffte sie die Klasse und besuchte im folgenden Jahr die staatliche Krankenpflegerschule beim "Centre hospitalier". Von den Nonnenschulen hatte sie Schlimmstes gehört und wollte auf keinen Fall dorthin. Was sie hier erwartete, hatte sie allerdings auch nicht geahnt. Die Programme waren offensichtlich nicht auf jene der 11 P abgestimmt. Der einzige, der einigermaßen mitkam, war NICO, ein älterer Schüler, der noch eine "Bio"-Klasse des alten "enseignement moyen" besucht hatte und nach etlichen Irrwegen endlich hier gelandet war. Die Krankenpflegerschule hatte sich offenbar noch nicht auf den EST umgestellt. Nathalie verließ die Schule, sobald sie eine Stelle bei einer Bank gefunden hatte. 15 von 24 Schülerinnen und Schüler ihrer Klasse gaben vor Ende des ersten Jahres auf. Sie feiern trotzdem regelmäßig Konveniat.

PIT oder die vielen Wege zum Mechaniker

Pit war bis 9 ST bei Leo in einer Klasse. Statt auf 10 E ging er auf 10 M; er wollte Automechaniker werden. Da er auf 11 M in den berufspraktischen Fächern einen Durchschnitt von mehr als 40 Punkten erreicht hatte, ermutigten seine Lehrer ihn, nicht die 012 MA zu besuchen, d. h. eine Lehre in einer Garage mit 8 Wochenstunden Schulbesuch zu absolvieren, sondern auf einer 12 und 13 ein "Diplôme de technicien" vorzubreiten. Dazu mußte er zwar das Gebäude wechseln, weil es nur in einem Schulgebäude in der Hauptstadt solche Klassen gab (das gilt auch für andere Berufe), doch dieses Diplom ist ohne Zweifel höher einzustufen und auch besser bezahlt als das CATP, zu dem man auch vom "régime professionnel" aus gelangen kann (siehe unten: Pierrette). Vom Besuch der noch weiterführenden 12 und 13 TeG, der ihm zwar theoretisch offenstand, wurde ihm abgeraten, da die Programme noch weniger aufeinander abgestimmt seien als von einer 11 E aus (vgl. Leo). Die 12 und 13 "technicien" hätte er zwar auch nach bestandenem CATP besuchen können, aber es gab erfahrungsgemäß nicht viele, die auf die Schulbank zurückkamen, nachdem sie einmal an der Werkbank gestanden hatten. Nunmehr mußte er in den Ferien zwischen 12 und 13 ST ein Praktikum in einem Betrieb absolvieren.

PIERRETTE war der große Motorradfan in Pits Klasse gewesen. Sie hatte die 7 ES schon vor der 7 ST besucht und die 9 ST zweimal gemacht und besaß daher vor allen andern ein eigenes Motorrad, das sie mit Hilfe ihres großen Bruders etwas hochfrisiert hatte. Die Jungen aus der 12. und 13. Klasse umlagert ihr Motorrad und umschwärmten sie schon, als sie erst auf 9 ST war. Aber auf 9 ST fil. I hatte sie erneut Pech. In Französisch hatte sie 26 im Jahresdurchschnitt, und das Kompensationssystem spielte nicht wegen ungenügenden Durchschnitts in den andern A-Fächern. So erreichte sie nur den Abschluß einer 9 ST fil. II. Statt sich dem Nachexamen zu stellen, zog Pierrette es vor, eine 10x MA im "régime professionnel" zu besuchen. Sie mußte genau wie Pit noch 33 Stunden die Woche die Schulbank drücken, aber im Gegensatz zu Pit nur ein Jahr lang. Ab 011 MA stand sie im Beruf. Der Garagist in ihrer Ortschaft zögerte zwar, sie als Lehrling einzustellen, weil sie ein Mädchen war. Aber er willigte schließlich doch ein, denn solche Lehrlinge erhalten nur eine knapp bemessene Entschädigung, während er einer selbst unqualifizierten Hilfskraft, die z. B. aus einem COIP oder aus einer 9 COM gekommen wäre (Mario z.B.), den Mindestlohn hätte zahlen müssen. Auf 011 MA und 012 MA ging Pierrette nur mehr während zwei Nachmittagen, 8 Stunden, zur Schule. Den Rest verbrachte sie im Betrieb. Dort gab’s zwar manchmal Ärger, weil sie immer nur den Ölwechsel vornehmen und nie eigentlich an den Motoren arbeiten durfte. Wie sollte sie da was lernen? Aber wenn der Meister nicht da war, der fürchtete seine Kunden könnten ihm weglaufen, wenn er das Mädchen an ihre Wagen lasse, zeigte ihr der Geselle, der das CATP vor ein paar Jahren erhalten hatte und Pierrettes Sorgen verstand, wie sie sich anlegen mußte. Nach zwei Lehrjahren war Pierrette Automechanikerin mit CATP und verdiente früher Geld als Pit.

RENEE oder die nicht immer süßen

Verlockungen des Bankfachs

Außer mit diesem oder jenem Nachexamen in Mathematik oder Physik beschloß Renée die drei ersten Jahre im EST ohne Panne. Sie wählte wie die ganz große Mehrheit ihrer Klasse die 10 C. Von hier aus könnte sie in einer Bank oder bei einer Versicherungsgesellschaft oder bei einem "Expert comptable" unterkommen. Auf 10 C war die Durchfallquote in ihrer Klasse dann allerdings erschreckend hoch. Alle jammertten über das Französische als Unterrichtssprache. Offensichtlich hatten aber auch viele diese Sektion gewählt, obschon sie nicht so stark in Sprachen und logischem Denken waren, das in den wirtschaftswissenschaftlichen Fächern doch wichtig war. Sie hatten sich vom "Image" der Bankangestellten verführen lassen: "Die verdienen schon während ihrer Ausbildungszeit ganz schön Geld, im Gegensatz zu den Handwerksberufen, zur Frisörin oder zur Laborantin. Und man kann für billige Zinsen Geld leihen, sobald man heiratet." Und die Regierung sprach doch ständig von der großen Zukunft des Bankplatzes Luxemburg. Das Erwachen für manche Klassenkameradinnen und -kameraden war eher hart. Aber in drei oder vier Jahren schafften die meisten die 10 C und 11 C trotzdem.

Am Ende der 11 C gab es ein Problem. Eigentlich hatte Renée nicht vorgehabt weiterzustudieren. Aber die 11 C brachte keinen Schulabschluß. Es gab ja auch kein Examen. Sie konnte jetzt wählen: entweder auf einer 012 CB (Bankwesen) oder CS (Sekretariat) oder CG (Gestion) weiterstudieren und mit den Schüler(inne)n zusammentreffen, die eine 10xC und 11xC im "régime professionnel" besucht hatten – darin sah Renée aber eine Abstufung und lehnte daher ab, oder auf einer 012 S (Sekretariat) oder G (Gestion) des "Cycle supérieur" weitermachen.

Auf 012 S sollte es dann auch Renée erwischen. Hier fielen sowieso 75% der Schüler durch. Aber sie konnte sich tröstten: Gerichten zufolge sollen erst ein Dutzend Schüler das Studium in den reglementarischen 7 Jahren abgeschlossen haben. Nach dem Abschlußexamen auf 013 S hatte Renée eigentlich noch keine Lust arbeiten zu gehen. Vor allem wenn sie an den Andrang von Bewerbern dachte, der ihnen im Bankwesen an die Wand gemalt wurde, wollte sie lieber weiterstudieren. Sie schrieb sich in Deutschland in einer Fachhochschule für Wirtschaftswissenschaften ein, um, wie es offiziell hieß, Diplomkaufmännin zu werden. Für ein Studium in Frankreich war es mittlerweile zu spät; da hätte sie sich schon im Februar anmelden müssen, aber in der Schule hatte niemand sie darauf aufmerksam gemacht, wohl weil niemand damit rechnete, daß auch EST-Schüler an eine ausländische Universität dürfen. Sie ärgerte sich zwar über diese Mentalität, doch nach sechs Monaten gab sie das Studium auf. Es war doch etwas hart, und sie war vor allem so weit weg von ihrem Freund. Sie meldete sich für den Rest des Schuljahres als Ersatzlehrerin.

Fürs nächste Schuljahr schrieb sie sich dann im "Centre universitaire" in Luxemburg im sog. "cycle court" ein. Man hatte ihr versprochen, mit dieser Zusatzausbildung könnte sie hoffen, in einer Bank in eine gehobene Laufbahn hineinzukommen. Ob es stimmte, würde sie aber erst nach mehreren Jahren Berufspraxis erfahren.

SERGE oder die Illusion vom

Weiterkommen

Bei Serge hatte der Lehrer auch seine Bedenken gehabt, ob er die Aufnahmeprüfung in den EST schaffen würde. Nach einem Nachexamen im Französischen klappte es im Herbst.

Auf 7 ST häuften sich aber schon die Probleme: kaum ein Fach über 30, allerdings auch kein Fach unter 20. Zu dem Förderkurs in Mathematik war er nie gegangen, auch wenn er so des öfteren sein verspätetes Nachhausekommen erklärte. Am meisten interessierten ihn die "travaux manuels", wo sie mit Lehm und Holz arbeiteten. Bei der Zensur lag ein Zettel, der Klassenrat empfehle eine Wiederholung der 7 ST. Serge sei aber auch auf 8 ST fil. II zugelassen.

Weiterkommen war in seiner Familie die Parole, und Serge ging auf die 8 ST fil. II. Am Ende dieser Klasse sah die Zensur aber ähnlich aus wie auf 7 ST: In den Hauptfächern hielten sich die Ungenügenden in Grenzen – hier gab es ja auch nur Kurse vom Niveau c – , aber in den Nebenfächern hatte Serge nie was gelernt. Vater und Mutter arbeiteten. Wenn er nach Hause kam, gab es Interessanteres zu tun als Hausaufgaben. Dieses Jahr hatte er allerdings dreieinhalb Stunden Optionskurs pro Woche: im 1. Trimester lernten sie Brot backen und Popcorn braten, im 2. werkten sie mit Metall, und im 3. Trimester lernten sie ein Bankkonto eröffnen, einen Scheck ausstellen usw. Aber hier hatten sich alle eher gut amüsiert als etwas hinzuge-lernt. Mit 27 in Englisch und 26 bzw. 24 in Geschichte und Geographie war Serge nur zur 9 ST fil. III zugelassen. Daran änderte auch die gute Note im Optionskurs nichts. Vom Klassenrat wurde ihm empfohlen, sich den drei Nachexamina zu stellen. Die Eltern hatten inzwischen auch gemerkt, daß Serge nichts arbeitete und wollten streng werden. Er müsse unbedingt die Prüfung im Herbst machen. Sie meldeten ihn auch zu den "Rattrapage"-Kursen in den Ferien. Serge fuhr dann auch in die Stadt, aber in der Schule wurde er Anfang September nur selten gesehen. Er schrieb trotzdem eine 30 in Mathematik, aber in Geschichte und Geographie gab er ein weißes Blatt ab. Der Klassenrat beschloß, ihn auf 9 ST fil. III zu versetzen; keiner hatte Lust, ihm ein zweites Mal auf 8 ST fil. II zu begegnen. Die Eltern unternahmen nichts dagegen; sie wußten gar nicht, daß sie damit einverstanden sein mußten. Hauptsache, er war wieder weitergekommen.

Auf 9 ST fil. III gab es kein Englisch mehr. Ihr Mathematikunterricht hatte das Niveau eines 5. Schuljahres, und trotzdem hatten manche Schwierigkeiten. Sie hatten ihre Intelligenz offenbar zurückgebildet. Die Lehrer rauften sich die Haare, die einen versuchten es mit der Terrormethode, die meisten durch hochnäug-gelangweites Absitzen ihrer Wochenstunden, aber die Schüler konnte nichts erschüttern. Von den meisten muß man sogar sagen, daß sie ehrlich ihr Bestes hergaben. Mehr war einfach nicht drin. Und in den 8 Wochenstunden, die sie in der Werkstatt verbrachten, kam auch nicht viel raus, weil hier einige Schüler regelmäßig für Zauber sorgten. Serge gehörte zu den wenigen, die die 9 ST fil. III erfolgreich ohne Widerhaken abschlossen.

Hier muß allerdings eingeflickt werden, daß Serges Schule die einzige war, die noch so funktionierte. Meistens finden die 9 ST fil. III-Klassen in den Regionalschulen Unterkunft, wo dann ein Lehrer, der alle Schüler gut kennt und mit angepaßten Methoden und individueller Betreuung an die Klasse herangeht. In Serges Schule aber "konnte" ein Deutschlehrer "unmöglich" gleichzeitig Rechnen geben, selbst wenn es auf dem Niveau des 5. Schuljahres war. Von andern Fächerkombinationen gar nicht zu reden.

Aber was nun? Für die Berufswahl blieb nur eine Methode: Die Liste derjenigen Berufe zur Hand nehmen, zu deren Lehre man mit einer fil. III zugelassen war. Das waren nicht sehr viele. So konnte er Blechschläger oder Fahrradmechaniker, Anstreicher oder Dachdecker, Frisör oder Glaser und noch etliches andere werden. Die Liste der zugänglichen Berufe war zwar ausnahmsweise in diesem Jahr wegen Kandidatenmangels erweitert worden, aber nur unter der Bedingung eines Notendurchschnitts von 40 Punkten auf 9 ST fil. III; es war nicht daran zu denken.

TANIA oder das Dickicht der Promotionsordnungen

Schon im 6. Schuljahr war Tania schwach im Rechnen gewesen. Die Aufnahmeprüfung schaffte sie, weil sie ihre 27 Punkte im Rechnen durch ein Durchschnitt von 36 in den drei Fächern kompensieren konnte.

Auf 7 ST hatte sie ab dem 1. Trimester eine Ungenügende in Mathematik. Sie war deshalb in einem

Förderkurs. In ihrem "Lycée technique" fand der nicht erst nach der Schule statt, sondern an Stelle der "travaux manuels" und auf 8 und 9 ST an Stelle einer Optionsstunde. Am Ende des Jahres blieb bei Tania trotzdem eine 24 in Mathematik. Dank guter Noten in den zwei Sprachen (über 36) konnte sie das aber kompensieren.

Auf 8 ST fil. I wurde sie nun von Anfang an in einen Mathematikkurs vom Leistungsniveau c gesetzt, während die meisten ihrer Klasse im Niveau b waren. Mit diesem Resultat wurde sie auch auf 9 ST fil. I versetzt. Ihre 38 im Niveau c entsprachen immer noch nur knapp 25 im Niveau b, aber ein Durchschnitt von 36 in den Sprachfächern, zu denen nunmehr auch Englisch gehörte, erlaubte ihr die Versetzung. Auf Empfehlung ihres Lehrers schickten die Eltern Tania während der Ferien in die "Rattrapage"-Kurse, damit sie eventuell im Nachexamen den Aufstieg in den b-Kurs schaffen sollte. Aber das war verlorene Mühe gewesen.

Auf 9 ST fil. I blieb sie komischerweise in ihrer Klasse für Mathematik, denn es gab keinen c-Kurs mehr. Da es im b-Niveau aber nicht zu einer Genügenden reichte, erhielt sie nur das Diplom der 9 ST fil. II. (Ein Abschlußzeugnis der 9 ST fil. I mit einer Bemerkung, in Mathematik habe sie nur das c-Niveau erreicht, war offenbar NICHT vorgesehen.) Auch im Nachexamen, wo sie 30 im Niveau b hätte erreichen müssen, war nichts mehr daran zu ändern. So studierte sie im "régime professionnel" auf einer 10xC weiter. Hätte sie gewußt, was ihr da blühte (siehe Karin), sie hätte die 9 ST fil. I nochmals probiert, um dann doch im "régime technique" weitermachen zu können. Aber das sah sie erst später ein.

Ihr Freund TONY war noch schlechter dran: Auf 7 ST hatte er in Französisch 28 und in Mathematik 27. Zwei Förderkurse konnte er aber nicht gleichzeitig besuchen. Dank 42 in Mathematik schaffte er trotzdem den Aufstieg in 8 ST fil. I, aber in zwei Fächern saß er im Niveau c. (Damit hatte er Glück gehabt, denn ab 1987 war das Kompensieren nur mehr bei einer Ungenügenden möglich.) In Französisch gelang ihm auf 8 ST im 2. Trimester der Aufstieg in den b-Kurs, wo er sich mit knapp 30 halten konnte, dank intensiven Nachhilfeunterrichts. Im Jahresdurchschnitt sah es dann so aus: Deutsch und Englisch (b): je 38, Französisch (b): 28 (=42/c), Mathematik (c): 42. Hier war nur die Versetzung in eine 9 ST fil. II oder eine Wiederholung der Klasse möglich, da er zur Kompensation in Deutsch und Englisch einen Durchschnitt von 41 (b) benötigt hätte. Gott sei Dank hatte er in allen Nebenfächern über 30, ansonsten die Kompensationen nicht gespielt hätten und auch ein Nachexamen nicht möglich gewesen wäre, weil das nur in drei Fächern erlaubt ist, wenn nur eins ein Hauptfach ist. Es war ihm auch jetzt nicht erlaubt, wie Tania in Französisch und Mathematik eine Prüfung im Herbst abzulegen, um vielleicht doch in 9 ST fil. I zu gelangen, weil es sich bei ihm um zwei Hauptfächer handelte.

Sein Fall war wirklich zum Haareraufen, denn im Deutschen hatte er eigentlich nur durch eine schlechte Note (37) im 3. Trimester den Durchschnitt von 41 verpaßt, weil dieses Trimester zu 3/6 zählte. Im folgenden Jahr (1986/87) sollten aber alle Trimester gleichgewichtig in den Jahresdurchschnitt eingebracht werden. Dann hätte auch er in eine 9 ST fil. I aufsteigen dürfen. Vom sel-

ben Jahr an sollte außerdem die Durchschnittsnote aller Fächer (nicht nur der A-Fächer) beim Kompensieren berücksichtigt werden. Und in den Options-fächern (Mikroskopie, Modellieren, Haushaltskassenführung, u.ä.), wo alles nicht so streng ablief, sammelte Tony genug Punkte, um seinen Gesamtdurchschnitt von 40 Punkten ziemlich sicher zu schaffen.

Während Tony wie gesagt nicht einmal zu zwei Nachexamina zugelassen wurde, durfte TOM gar drei ablegen, um in eine 8 ST fil. I aufzusteigen. Er hatte auf 7 ST 28 in Französisch, 27 in Biologie und 28 in Geschichte. Kompensieren war trotz guter Noten in Deutsch und Mathematik nicht möglich wegen der Ungenügenden in den Nebenfächern. Aber dank intensivster Lern"motivation" (absolutes Spieiverbot u. a.) von seiten seiner Mutter brachte er das seltene Kunststück fertig, drei Nachexamina mit Erfolg zu bestehen.

Auf 8 ST fil. I saß er dann überall im b-Niveau. In den Hauptfächern konnte er sich auch durchaus halten, aber für die Nebenfächer reichte die Ausdauer nicht so ganz. In Biologie blieb es bei 28. Zu spät erfuhr er, daß er mit 45 statt 41 in Geographie den Durchschnitt der Nebenfächer auf 36 gehoben und so das Nachexamen vermieden hätte, aber er hatte zuviel Biologie gelernt, da sie diese Prüfung am Tag nach der Geographie hatten. Was ihm auf 7 ST im Nachexamen gelungen war, gelang ihm auf 8 ST natürlich noch einfacher.

Auf 9 ST fil. I klappte es wieder in Mathematik nicht. Er schloß das Jahr mit 26 ab. Da er diesmal aber 36 im Durchschnitt der andern Hauptfächer hatte – mittlerweile kannte er als einer der wenigen den Trick -, hatte er doch die 9 ST fil. I bestanden.

THEO war sogar durch eine einzige Ungenügende (26) in Biologie der Erfolg auf 8 ST fil. I verwehrt. In den übrigen Nebenfächern hatte er nämlich keinen Durchschnitt von 36, so daß er nicht kompensieren konnte. Vorbereitungskurse fürs Nachexamen gab es aber nicht in den Nebenfächern, und so fiel er durch und durfte nur zur 9 ST fil. II. Die bestand er allerdings glänzend, da ja nur eine trotz aller Kompliziertheit unflexible Promotionsordnung ihn dorthin gebracht hatte. Aber trotz eines Durchschnitts in allen Fächern von 47 erhielt er nur das Diplom der 9 ST fil. II. Um im "régime technique" weiterzustudieren, wo er auch intelligenzmäßig hingehörte, mußte er die 9 ST auf fil. I wiederholen.

Tania, Tony, Tom, Theo kannten noch zahlreiche andere Kameraden, die aus ähnlichen Gründen im Diklicht der Promotionskriterien hängengeblieben waren oder die wunderbare Errettung erlebt hatten. Vorausberechenbar war der Erfolg oder Mißerfolg jedenfalls nie. Immer tauchten übersehene Sonderregeln auf. Zur Lernmotivation trug diese Situation sicher nicht bei, auch wenn das Kompensationssystem den erklärten Zweck hatte, Schülern, die ein schwaches Fach hatten, eine zusätzliche Chance zu geben. Und ihren Eltern graute es für die jüngeren Geschwister, denn sie merkten, daß selbst die Lehrer sich nicht im System zurechtfanden und angeblich tüftelte im Erziehungsministerium ein Beamter an noch feineren, lies komplizierteren Regeln für die Versetzung. Über eine attraktive Unterrichtsgestaltung dachte aber offenbar niemand nach.

XAVIER oder die Sackgassen des EST

Weil Xavier eins von zwei Nachexamen nicht geschafft hatte, war er auf eine 8 ST fil. II gekommen. Er schloß das Jahr mit Erfolg ab, wiederholte es trotzdem, um auf 8 ST fil. I den Anschluß an die 9 ST fil. I zu finden, denn 45 Punkte im Durchschnitt (im Niveau c) hatte er trotz allen Erfolges auf 8 ST fil. II nicht erreicht. Vielleicht wäre es auch besser gewesen, die 7 ST zu wiederholen, um sofort die nötige Basis zu haben. Aber die Lehrer hatten ihm von der Möglichkeit gesprochen, sich auf 8 ST fil. II heraufzuarbeiten und den Anschluß wiederzufinden, ohne ein Jahr doppelt zu machen. Die Lehrer der 8 ST fil. II hielten ihn aber kaum dazu an, beschäftigt wie sie mit jenen Schülern waren, die das fil.II-Niveau kaum halten konnten.

Im zweiten Jahr, diesmal auf 8 ST fil. I, mutete er sich etwas zuviel zu. Er glaubte als einer der Älteren den Clown spielen zu können, und stürzte ab. Er schaffte diesmal nur den Aufstieg in die 9 ST fil. III. Da er im Vorjahr schon zur 9 ST fil. II zugelassen worden war, galt jene Entscheidung.

Er hatte es satt, nach besseren Noten zu streben. Ohne größere Anstrengung schaffte er die 9 fil. II. Er fuhr auf 10xC weiter, stellte aber schnell fest, daß diese Kommerzfächer ihm nicht behagten. Er hatte die Sektion eigentlich nur gewählt, weil er das Gebäude nicht wechseln wollte nach der 9 ST. Eventuell wäre er auf 10 P gegangen, weil der Beruf eines Sanitäters ihn interessierte, aber deren Zugang war ihm von 9 ST fil. II aus verwehrt.

So beschloß er auf 10xC nach einigen Monaten schlechter Noten, bei der nächsten Gelegenheit in

Lehrer Vollzugsbeamte

des amtlich verordneten

Leistungssystems zu

nennen ist zu wenig

ein großer Teil spricht

und vollstreckt Urteile

über Menschen die sich

nicht einmal wie im

Prozeßrecht üblich

verteidigen dürfen

von den fehlenden Revisions-

möglichkeiten ganz zu schweigen

(Leserbrief Ulrich Zimmer-

mann, Durmersheim, in:

Die Zeit, 15/1977)

M. Marcks in: Krönm dich beizeiten (rororo)

die Armee einzutreten. Er hatte gehört, dort könne er die 9 ST fil. I in Abendkursen nachholen. Als zukünftiger Polizist konnte er einen dem Sanitäter nicht unähnlichen Beruf anstreben.

Schlußwort

Es wäre natürlich ein leichtes, bei jedem Schüler einzeln die Gründe seines schulischen Mißerfolgs aufzuspüren. Der eine sucht sie im Elternhaus, der andere im schlechten Umgang, vielleicht geben auch welche zu, daß der eine oder andere Lehrer durch sein unpädagogisches Verhalten zum Scheitern beigetragen hat. Wenn man sich aber die Zahlen ansieht, greifen alle solche individuellen Erklärungsversuche zu kurz. Sie sind sogar gefährlich, insofern sie den Blick auf die strukturelle Verantwortung des derzeitigen Schulsystems verstellen.

Aus obigen Schülerbiographien dürften einige Strukturprobleme deutlich geworden sein. Sie mögen nochmals zusammenfassend und auf theoretischer Ebene festgehalten werden:

  • Der EST muß zuviele verschiedene Schülertypen nach demselben Schema unterrichten (Bsp. Alain neben Serge). Die Zweckbestimmung des EST ist zu breit und undifferenziert. Das Ziel einer größeren Chancengleichheit, das diese Einheitsschema gerechtfertigt hat, wurde nicht erreicht. Dazu wäre ein Ausbau der Forderkurse und paedagogischer Hilfestellungen nötig.
  • Die große Komplexität der Strukturten und Promotionsordnungen ist an sich kein Fehler, wenn sie das Zeichen einer großen Flexibilität und Anpassungsgeschwindigkeit für alle möglichen Schülertypen darstellt. Das ist de facto aber nicht der Fall. Die mangelnde Transparenz vermittelt dem Schüler und vielen Eltern hingegen das Gefuhl des Ausgeliefertseins, der Machtlosigkeit und fordert davon die Passivität, stört die Lernmotivation (Bsp. Karin).

in: La Croix 29/4/82

Ich bin dafür, daß der Lehrer in die Klasse hineinhorcht, daß er den Kindern als Fragender gegenübersteht: Was brauchen sie jetzt? Was kann ich ihnen geben? Und das ist in den seltensten Fällen das, was im Lehrplan steht. (Walter Kempowski in: Die Zeit)

  • Die Promotionsordnung ist trotz angestrebter Berücksichtigung von einzelnen Schülerresultaten und Kompensationsmöglichkeiten unflexibel (Bsp. Tony). Dem Klassenrat müßten größere Entscheidungsbefugnisse zugestanden werden. Zur Vereinfachung müßten mindestens die Promotionskriterien in den drei Jahrgängen der Orientierungsstufe in allen "filières" identisch sein.

  • Änderungen am Stundenplan und an den Promotionsordnungen sind zwar häufig (jährlich wird ein neues Promotionsreglement promulgiert!); sie verfolgen aber selten pädagogische Ziele oder solche der größeren Geschmeidigkeit, sondern folgen meistens außerschulischen Beweggründen: Antwort auf Kritik von seiten der Berufskammern u. a. (Stärkung der Optionsfächer zum Nachteil der allgemeinbildenden Fächer, …) oder – die Aussage entstammt dem Mund eines Ministerialbeamten vor (verdutzten) Zeugen – "well et an deem Fach zevill Datze get, gouf d’Stonnenzuel gekierzt" (als ob nicht die umgekehrte Logik pädagogisch allein zu rechtfertigen wäre!).

  • Die 36-Stunden-Woche ist ein Skandal. Sie kann weder mit paedagogischen Argumenten gerechtfertigt werden, noch ist sie der Gesundheit der Jugendlichen zutraglich.

  • Es gibt zu weitere Fächer, die von zu weitere verschiedenen Lehrern unterrichtet werden, so daß ein sinnvolles, einheitliches paedagogisches Konzept nicht möglich ist.

  • Die angestrebte Durchlaessigkeit besteht hochstens auf dem Reibbrett, in der Schulwirklichkeit Funktioniert sie nur nach unten.

  • Orientierung und Beratung wird zur "en masse" angeboten (auf 9 ST gibt gar es ein eigenes Fach – "Initiation à la vie active" – in dem die Schüler mit der Berufsausbildung und den Zulassungsbedingungen vertraut gemacht werden sollen), aber selbst die Lehrer finden sich kaum in den komplizierten Strukturten zurecht. Dadurch werden nicht seiten auch Fehlentscheidungen und Irrtümer im Klassenrat provoziert. Zudem werden die Schüler und Eltern oft durch Ausnahmefalle (Vetternwirtschaft, Betriebe, die sich nicht an die Zugangsbedingungen halten, …) oder Abänderungen der Reglemente in letzter Minute (12. Juli für das laufende Schuljahr!) verwirrt.

  • Trotz der prinzipiellen Gleichheit des Unterrichtsangebots gibt es einen Unterschied zwischen den einzelnen Schulgebäuden des EST. Diese Hierarchie hat durchaus Auswirkungen auf das Schülervorhalten (vgl. Marie-Lou / Monique; Tania / Nathalie).

  • Auslanderkinder haben auch im EST kaum Chancen, die weiterführenden Stränge dieser Schultrupps zu erreichen, vor allem weil auf der unteren Stufe Deutsch die vorherrschende Unterrichtssprache bleibt.

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