Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Unter den rund 1600 jugoslawischen Asylanten gibt es auch eine unbekannte Zahl schulpflichtiger Kinder. Über ihre Probleme und die Herausforderungen, die ihre Präsenz an das betroffene Lehrpersonal stellt, sprachen wir mit Lehrer(innen) aus der hauptstädtischen Primärschule in der Kongregationsgasse sowie aus der Vorschule auf Howald und wir lasen den Beitrag von Pia Burggraff in "Carrière" Nr.22/1992.

Eine Lehrerin aus der Schule in der Kongregationsgasse schilderte ihre ersten Eindrücke: "Am ersten Tag standen rund 40 jugoslawische Kinder mit ihren Eltern vor der Tür. Ich frage mich, was wir getan hätten, wenn nicht zufällig eine jugoslawisch sprechende Lehrerin dagewesen wäre. Es war verwirrend, erstmals direkt mit dem Krieg konfrontiert zu sein, den Kindern und Eltern in ihre verängstigten Gesichter zu blicken. Die Wirklichkeit macht betroffener, als wenn man das Kriegsgeschehen am Fernsehschirm verfolgt. Es wurde den Eltern erklärt, in welche Klasse ihre Kinder kämen, welche Hefte sie haben müßten, welche Lineale, doch niemand hieß sie einfach mal willkommen."

Das Chaos, das am Anfang in allen betroffenen Schulgebäuden herrschte, war vor allem dadurch bedingt, daß behördlicherseits niemand entschieden hatte, was mit den Kindern zu geschehen habe. Bis Mitte September hatte es aus dem Unterrichtsministerium verlautet, sie würden nicht in den normalen Schulbetrieb integriert, es würden Spezialklassen geschaffen. Am 15. standen sie dann trotzdem vor den Klassentüren, und kein Lehrer war darauf vorbereitet. Bis heute ist immer noch nicht geklärt, was denn nun eigentlich geschehen soll. Irgendwie wird man das ungute Gefühl nicht los, daß hier bewußt keine definitive Lösung gesucht wird, bewußt eine unklare Situation bestehen bleibt. Aus verschiedenen Äußerungen gewinnt man den Eindruck, daß es gar nicht erwünscht sei, die Flüchtlingskinder in normale Klassen zu integrieren. In verschiedenen Schulen trafen Lehrer(innen) diese Entscheidung am ersten Schultag also alleine und teilten die neuangekommenen Kinder nach bestem Willen und Gewissen in die verschiedenen Klassen ein. Die Schulinspektoren bzw. Schulkommissionen oder das Unterrichtsministerium zeigten bis heute wenig Interesse, die gewaltigen Probleme der betroffenen Klassen zu lösen, etwa durch Reduktion der Schülerzahl, lies Schaffung zusätzlicher Klassen oder durch Engagieren einer zusätzlichen, der fremden Sprache mächtigen Lehrkraft.

In der Kongregationsgasse wurden die jugoslawischen Kinder in den "Classes d’accueil" eingeschult. Diese Klassen sind aber normalerweise nur für Schüler gedacht, die schon lesen und schreiben können. Bei vielen jugoslawischen Kindern ist dies jedoch nicht der Fall. Einige unter ihnen haben das kyrillische Alphabet gelernt und können also in

unserem Sinn auch nicht lesen. Trotzdem sitzen diese Kinder in den "Classes d’accueil", die ja eigentlich auch ohne sie mit genug Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

Vielleicht wäre es besser gewesen, die Schüler, die im Don-Bosco-Heim untergebracht sind, in den verschiedenen Schulen des Limpertsberger Viertels einzuschulen? Da wo einzelne jugoslawische Kinder in normale Schulklassen eingeschult wurden, hat sich in der Zwischenzeit schon gezeigt, wie vorteilhaft eine solche Regelung ist: Diese Kinder sprechen heute schon luxemburgisch. In Klassen ohne Luxemburger Kinder, aber mit vielen Portugiesen und vielen Jugoslawen, ist dies jedoch kaum möglich.

In den Interviews mit den Lehrer(innen) schälte sich immer wieder das Sprachenproblem als Hauptschwierigkeit heraus. Vor allem im ersten Schuljahr, wo die Lehreranweisungen notgedrungen sehr zahlreich sind, fehlen dem Lehrpersonal einfach die notwendigen "jugoslawischen" Sprachkenntnisse. Auch der Kontakt mit den Eltern ist darum oft schwierig, wenn nicht unmöglich. Schon beim einfachen Ausfüllen von Formularen, denen keine jugoslawische Übersetzung beiliegt, kann man den Leuten nicht behilflich sein. Manchmal gibt es sporadische Hilfe; so war in der Kongregationsgasse zum Besuch beim Schularzt Gott sei Dank ein Dolmetscher zugegen.

Die Eltern stehen der Schulsituation ihrer Kinder unter den gegebenen Umständen mit unterschiedlichen Motivationen gegenüber. Viele jugoslawische Asylanten sind hochqualifiziert und wissen um die Bedeutung der Schulbildung. Die einen sind demnach sehr besorgt um den schulischen Erfolg ihrer Kinder, während andere wenig motiviert sind, vielleicht aus derselben Überlegung heraus, die der augenblicklichen Schulpolitik zu Grunde liegt: Warum die Kinder viel plagen, wo wir doch hoffen, so schnell wie möglich in die Heimat zurückzukehren?

Das Aufeinanderstoßen unterschiedlicher Kulturen und Mentalitäten zeigt sich bei kleinen alltäglichen Ereignissen. So heißt es zum Beispiel sich unserm regelmäßigen Lebens- und Schulrhythmus anzupassen. Schließlich läutet die Schulglocke täglich zur gleichen Zeit und auf Howald z.B. bringen in der Spielschule die Eltern ihre Kinder zwei- bis viermal täglich zur Schule oder holen sie dort wieder ab, gilt es doch verkehrsreiche Straßen zu überqueren. Die

Das Chaos, das am Anfang in allen betroffenen Schulgebäuden herrschte, war vor allem dadurch bedingt, daß behördlicherseits niemand entschieden hatte, was mit den Kindern zu geschehen habe.

albanischen Eltern, die im Howalder Heim leben,
lassen ihre Kinder alleine kommen. Der unbesorgte
Umgang mit den elementarsten Verkehrsregeln fällt
auf. Die schrecklichen Gefahren, die auf dem Schul-
weg auf die Kinder lauern, scheinen den wenigsten
(Kindern und Eltern) bewußt zu sein. In diesem kon-
kreten Falle wird die Zusammenarbeit zur dringen-
den Notwendigkeit. Aber auch hier scheitern viele
ehrliche Kontaktversuche an der unüberwindlichen
Sprachbarriere.

Stadt, die dann zerbombt wird. Sie basteln sich ein
Maschinengewehr, das mit weit mehr Einzelheiten
versehen ist, als die Waffen, die luxemburgische
Kinder sich herstellen. Oder sie spielen ganze
Szenen, etwa die Abführung eines Gefangenen. Vor
allem die Jungen vertiefen sich in solche Spiele, oder
vielleicht besser gesagt, vertieften sich, denn die
Lehrer(innen) beobachteten dies nur während ein
paar Wochen, dann hörte es auf. In Pia Burggraffs
Klasse wurden die Zeichnungen ebenfalls nach rund

Ich heiße Jasna.
Ich komme aus Bosnien.
Meine Mutter, mein Bruder und ich
sind in Luxemburg, Mein Vater, ein
Bosnien, Ertelefonier. Ich sage: „Ich
kommen nach Bosnien.“ Er sagt: „Mein
Es ist Krieg.“

Die ersten Erfahrungen, die LehrerInnen mit den
Asylantenkindern machten, sind eher widersprüch-
lich: Pia Burggraff schreibt in "Carrière", daß die ju-
goslawischen Schüler anfangs sehr verängstigt
waren und erst nach und nach wieder lachen und frei
malen lernten, während andere LehrerInnen uns er-
zählten, die Schüler seien Gott sei Dank noch echte
Kinder, die genauso unbesorgt wirkten wie luxem-
burgische. Manchen fällt auf, daß sie vielleicht
schneller und konsequenter gehorchen: Ihnen
braucht man nicht sechsmal zu erklären, daß Kleider
in den Umziehkabinen naß werden können, wenn
man sie nicht auf den Haken hängt. Pia Burggraff
fragt sich, ob dies etwa die Folgen eines autoritären
Schulsystems in Jugoslawien sind?

Wie bei den meisten luxemburgischen Kindern ist
Schwimmen sehr beliebt. In Konfliktsituationen
scheint jedoch die Faust ein gebräuchlicheres Um-
gangsmittel zu sein, vor allem wenn jedes weitere
Kommunikationsmittel mit dem luxemburgischen
oder portugiesischen Klassenkameraden fehlt.

Es ist schwer zu beurteilen, ob die übergroße Nervo-
sität vieler Kinder durch ihre Kriegserlebnisse oder
durch die katastrophalen Wohnverhältnisse hier in
den Heimen (Don Bosco und Howald) bedingt ist.
Wenn man zu viert oder fünft in einem Zimmer
wohnen muß, ist es wohl schwer, am Morgen ruhig
und entspannt zur Schule zu gehen. Ihre Konzentra-
tionsschwierigkeiten sind außergewöhnlich groß.
Vielen aus den Heimen merkt man morgens ihre
schlaflosen Nächte an. Kinder erzählen vom Lärm,
der sie abends daran hindert, einzuschlafen. Bei
anderen, die inzwischen in besseren Wohnverhält-
nissen leben, sind plötzlich deutliche Fortschritte
ihrer Sprachkenntnisse festzustellen.

Das Spielverhalten der jugoslawischen Kinder unter-
scheidet sich auch von demjenigen der luxemburgi-
schen. Beim Lego-Spiel bauen sie z.B. eine ganze

sechs Wochen entkrampfter, freier: ein deutliches
Zeichen, wie wichtig es war, den Kindern die Mög-
lichkeit zu geben, im Spiel ihr Trauma zu verarbeiten.
Das ist in ihren engen Wohnverhältnissen nicht
möglich. Die Kinder müßten unbedingt noch viele
andere Möglichkeiten erhalten, um ihre Erlebnisse zu
verarbeiten, z.B. auch durch parachutische Aktivi-
täten, etwa durch freies Theaterspiel u.ä. Daß dies
von allergrößter Wichtigkeit wäre, läßt sich an ein
paar weiteren Beispielen erläutern.

Ein Mädchen wollte von diesen Kriegsspielen nichts
wissen. Es wollte den Mitschülern sogar verbieten,
Krieg zu spielen. Es rückte mit seinem Stuhl zur Leh-
rerin und drehte seinen Kameraden den Rücken. Das-
selbe Mädchen, berichtet die luxemburgische Lehre-
rin, macht sich öfters Sorgen um seine Lehrerin, die
in Jugoslawien zurückgeblieben ist.

Ein Junge hält regelmäßig das Foto seines Vaters
zum Fenster hinaus, um ihm zu zeigen, wie Luxem-
burg aussieht.

Ein anderer hat zahlreiche nervöse Ticks, wird auch
unvermittelt aggressiv, wenn er sich bedroht fühlt.
Man weiß von ihm, daß er mit seiner Tante Hals über
Kopf geflüchtet ist, quer feldein, durch dick und
dünn. Er mußte unter offenem Himmel übernachten.
Seine Tante soll in einem Konzentrationslager
gewesen sein. Ob der Junge selbst auch inhaftiert
war, war bis jetzt nicht herauszufinden, daß ihm
jedoch unbedingt geholfen werden müßte, alle diese
furchtbaren Erlebnisse zu verkraften, liegt auf der
Hand.

Ein anderer Junge erzählte, er sei zugegen gewesen,
als seine Eltern umgebracht wurden. Wieder andere
wurden mit dem Maschinengewehr aus der Schule
getrieben. Trotzdem weigert sich der "Service de gui-
dance", bei diesen Kindern nach dem Rechten zu
sehen. Ihr Argument: Die verlassen unser Land ja

Ein Junge
hält
regelmäßig
das Foto
seines Vaters
zum Fenster
hinaus, um
ihm zu
zeigen, wie
Luxemburg
aussieht.

bald wieder. Nun gibt es neben den eigentlichen Asylantenkinder aber auch die Immigrantenkinder: Kinder jugoslawischer Männer, die schon seit einer Weile in Luxemburg arbeiteten und die nun ihre Familienangehörigen nachkommen ließen. Diese werden nach Ende des Krieges nicht nach Jugoslawien zurückkehren und wollen sich schnell und ganz hier einleben.

Der/die einzelne Lehrer(in) kann auf diese verschiedenen Probleme aber nur ungenügend eingehen. In den Klassen sind ja noch andere Schüler, für die er verantwortlich ist, so daß er sich im Unterricht nicht nur mit den Problemen der jugoslawischen Schüler auseinandersetzen kann. Mit diesen Kindern müßte eine Spieltherapie im außerschulischen Bereich unternommen werden. "Pax Christi" hat z.B im Don-Bosco-Heim eine Hausaufgabenhilfe in die Wege geleitet (auf Howald funktioniert etwas Ähnliches),

aber eine psychologische Kinderbetreuung fehlt weiterhin. Wahrscheinlich wird auch das wieder nur aufgrund einer privaten Initiative möglich sein, denn die offizielle Haltung ist ja, wie mehrmals erwähnt, eher abwartend.

Auch die außerschulischen Kontakte zwischen Luxemburgern und jugoslawischen Kindern müßten gefördert werden. Im Don-Bosco-Heim besteht anscheinend die Anweisung, daß die Kinder das Gelände in der Freizeit nicht verlassen dürfen. Da die meisten von ihnen nicht in den normalen Schulklassen dieses Viertels eingeschult sind, kommt es zu keiner Begegnung zwischen den Kindern beider Nationalitäten. Schade, denn der außerschulische Kontakt mit luxemburgischen Klassenkameraden würde sicher helfen, das eine oder andere Problem leichter zu lösen. Kinder überwinden Grenzen schneller – spielender. christ/m.p.

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code