Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Da der Beitrag in unserer letzten Nummer eine Reihe von Echos ausgelöst hat – z.B. stellte Amnesty International uns eine Broschüre ihrer französischen Sektion über Argentinien zu – und da es andererseits seither eine Reihe von Entwicklungen bzw. Nicht-Entwicklungen gegeben hat, möchte ich kurz auf einige Aspekte der Problematik zurückkommen.

1 Ich bin kein Fussballkenner. Ich habe mir aber von glaubhaften Zeugen lassen, das spielerische Niveau dieser Weltmeisterschaft sei nicht gerade hoch gewesen. Ich kann nur hoffen, dass dies die nötigen finanziellen Konsequenzen haben wird wie bei jedem Showbusiness. Denn allein darum ging es ja bei diesen Fussballspielen: professionelle Spieler erlauben gegen entsprechende Gage professionellen Massemedienspezialisten riesige Profite einzustecken. Dass Millionen von Fernsehzuschauern und Sportszeitungenlesern ihnen diese miese Show abkaufen, ist ihre Schuld. Moralischer wird das Geschäft dadurch nicht. (Einen ähnlichen Totaleinsatz aller Propagandamitteln zugunsten einer ‚humanitären Idee‘ hat man leider noch nie gesehen: kein Zufall!)

2 Das Geschäft wird umso unmoralischer als es auch noch politische Funktionen erfüllt. Die Fussball-WM erfüllt nicht nur im Veranstalterland den Zweck, den im alten Rom die Zirkusspiele mit ihren Gladiatoren/wettkämpfen zu erfüllen hatten: das Volk ablenken von den Nöten des Tages. Dieses Regierungsmittel gibt es seit es unterdrückende Regierungen gibt – und welche ist das nicht, wenn auch nur ein bisschen? In Frankreich haben vor einiger Zeit einige Bischöfe aus genau diesem Grunde das sonntägliche ‚Tiercé‘-Spiel angeklagt: Statt falschen Glücksvorstellungen nachzulaufen, sollten die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Die katholische Kirche hat Erfahrung mit Gladiatorenkämpfen. Trotzdem liess sie kein Wort zur Fussball-WM in einem einst reichen, aber jetzt tief in wirtschaftlichen und sozialen Problemen steckenden Land der Dritten Welt von sich hören. Die Generäle der argentinischen Junta hatten aber, wie man merkt klare politische Ziele, als sie

trotz krasser Ungerechtigkeit in den Besitzverhältnissen und trotz fortschreitender Verarmungspolitik (Blockierung der Löhne; 13,5% Inflation allein im Januar 1978; …) 700 Millionen Dollar für die Veranstaltung der Spiele bereitstellten. Und sie hatten Erfolg: im Jubel über den Sieg scheint das argentinische Volk wieder vereint hinter der Militärjunta zu stehen.

3 Oder gibt es vielleicht doch Ausnahmen? Zum Beispiel die 15 000 Menschen, die in den beiden letzten Jahren verschwunden sind (und deren Angehörigen), die 8 000 politischen Gefangenen (und deren Angehörigen), die Verwandten der 8 000 – 10 000 Ermordeten. Der wöchentliche Protestmarsch der Frauen auf der ‚plaza de Mayo‘ vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires fand jedenfalls auch noch während der WM statt (vgl. Beitrag aus ‚Le Monde‘, 10/6/1978).

(Diese Zahlen standen zwar schon in der letzten Nummer. Da sie aber nicht abgenommen haben und da der LW-Direktor nur von 4000 Gefangenen schreibt (3/6/78) – interessant ist, dass die Militärjunta selbst von 8500 ‚ausser Gefecht gesetzten‘ spricht -, wollte ich sie hier nochmals wiederholen. Für weitere Einzelheiten (über Folter, Gefängniszustände, Repressionsgesetze und ähnliches) wende man sich an Amnesty International: wer will, kann sich jedenfalls informieren.)

4 Genau das war die Hoffnung mancher Regimegegner in Argentinien gewesen. Da die Weltpresse wegen der Fussball-WM in Argentinien weile, würde sie die Weltöffentlichkeit auch über die dort herrschenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Zustände aufklären. Diese Hoffnung war eine Illusion. Einerseits wusste die Militärjunta alle diesbezüglichen Versuche (z.B. das ARD, von Antenne 2 und ‚Le Monde‘) schnellstens zu vereiteln, andererseits unterliefen die meisten Vertreter der Weltpresse viel zu sehr den Gesetzen des Showbusiness, um wegen einiger Menschenrechtsverletzungen den Lesern und Zuschauern die Freude am ‚Sport‘ verderben zu wollen. Und auch die Spieler und ihre Begleitpersonen hatten andere Interessen als in Gefängnissen verschwundene Menschen aufzuspüren. Die Liste von einigen Franzosen, deren Spur die französische Nationalmannschaft wiedergefunden haben will, darf nicht darüber hinwegtäuschen; jedes Konsulat hätte sie mit wenig Mühe zusammenstellen können; schlimm ist nur, dass es dies bis dahin noch nicht getan hatte. Es gab demnach nicht einmal zwei Fäuste, die sich zum Protest erhoben, wie 1968 bei den olympischen Spielen von Seiten schwarzer Amateursportler aus den USA. Die argentinische Regierung hat also auch ihr offen eingestandenes politisches Ziel erreicht: ihr Image hat sich verbessert.

5 Das gilt ganz besonders für Luxemburgs grösste Tageszeitung. ‚Die Argentinier haben inzwischen viele Vorurteile ad absurdum geführt. (…) Staatspräsident Jorge Rafael Videla bekam bei seinem Erscheinen im River Plate Stadion tosenden Beifall. Viele Millionen Argentinier fühlen sich unter seinem Regime wieder sicher. (…) Sicherheit in der bisher demonstrierten Form ist zu ertragen.‘ So hiess es dort schon nach der Eröffnungszeremonie (L.W.2/6/78). Wie man diesen Beifall zu deuten

hat, dürfte aber doch wohl seit Hitlers Nürnberger Parteitagen bekannt sein. (Allerdings haben LW-Redakteure damals auch die Wirklichkeit zu lange ignoriert, bis sie selbst davon erfasst wurden und mit dem Leben zahlen mussten.)

Und am 10.6.1978 hiess es in einem längeren historischen Bericht eines gewissen Robert Peter: "(…) wandten Militär und Polizei die Folter an, ohne die sie des Terrorismus nicht Herr geworden wären – allerdings benützten sie dieses fürchterliche Mittel auch ohne Notwendigkeit." Ein LW-Korrespondent kann also kommentarlos behaupten, es gebe manchmal Notwendigkeit zur Folter!! Unweigerlich fühlt man sich an einen andern LW-Korrespondenten erinnert, der vor Jahren die Folter ebenfalls verniedlichen durfte. Er meinte: "In Argentinien sterben immerhin noch mehr Menschen bei Verkehrsunfällen als durch die Folter." Als LW-Direktor A. Heiderscheid einmal darauf angesprochen wurde, vergass er gar seinen Anstand und nannte den Hinweis eine ungeheuerliche Frechheit. Il n’y a que la vérité qui blesse!

6 Der LW-Direktor war diesmal aber der einzige Schreiber, der sich im LW vom argentinischen Terrorregime distanzierte (3. und 5. Juni 1978). Leider klang sein Protest wenig glaubwürdig. Abgesehen davon, dass ausser dem oben erwähnten, die Wahrheit verfälschenden Bericht von R. Peter die Nachrichten über die politische Lage in Argentinien auf ein Nichts sanken, ging es ihm in besagten Leitartikeln leider weniger um einen Protest gegen die argentinische Diktatur als vielmehr um die

ein einseitiger Protest das Uebel zu sein.

7 Das LW bewist übrigens durch eine solche (Nicht-) Berichterstattung und Kommentierung, dass es die argentinische Situation einfach gar nicht kennt. Die moskauhörige KP-Presse in In- und Ausland ist nämlich nicht zufällig auch so diskret in Sachen Argentinien. Die Wirtschaftspolitik der Militärs forcierte nämlich in erster Linie die Entwicklung der agrarischen Exportproduktion zugunsten selbstverständlich

erneute Hetze gegen die luxemburgischen Linkskreise, die angeblich nur gegen Argentinien protestierten, ohne die Menschenrechtsverletzungen im Ostblock zu erwähnen. Was im ersten Leitartikel eventuell noch als Schlussbemerkung erscheinen konnte, wurde im zweiten zum Zentralthema: Während andere die Fussball-WM zum Anlass nehmen, um über die "Menschen-schindung" in Argentinien zu berichten, nimmt das LW diesen Protest zum Anlass, um über den angeblichen "Links-Opportunismus" und die "handfesten Interessen" christlicher Kreise herzufallen, deren Protest "eine besonders hinterhältige Art marxistischer Propaganda" sei. DDR-Gefangene werden gar mit falschen Zahlen gegen argentinische Diktaturopfer aufgerechnet. -Abgesehen von ihrer Unglaubwürdigkeit beruhen solche Leitartikel auf reinen Falschdarstellungen: in Luxemburg gibt es ausser der KP-"Zeitung" kein Blatt der sog. Links-Presse – vom LSAP-"tageblatt" bis zum LCR-"Klassenkampf" – das nicht regelmässig gegen die Menschenrechtsverletzungen im Ostblock wie anderswo protestiert. Und in christlichen Kreisen scheint uns eher kein Protest, als

der Grossgrundbesitzer mit Wirtschaftsminister M. Martinez de Hoz an der Spitze. Dies hatte zur Folge, dass die UdSSR zum ersten Abnehmer Argentiniens wurde: argentinische Getreidexporte stellen für die UdSSR die einzige Alternative zu den US-Lieferungen dar. Zur Zeit der WM fand in Buenos Aires eine sowjetische Industriemesse statt. Die UdSSR will 3 Elektrozentralen und den grossen Staudamm von Salto Grande bauen. Anfang des Jahres lag der Handelsbilanzüberschuss mit der Sowjetunion bei 1 Mrd. Dollar. An zweiter Stelle der Handelspartnerliste rangiert Cuba. Selbstverständlich spielen geopolitische und strategische Interessen bei den Ueberlegungen der Kremlherren und ihrer Satelliten ihre eigene Rolle: insbesondere soll eine Südatlantik -‚NATO‘ verhindert werden. Solche Tatsachen passen aber nicht ins Schwarz-Weiss-Bild der LW-Ideologie.

8 Nicht nur die Informationspolitik des LW hat uns aber gelegentlich der Fussball-WM in Argentinien enttäuscht. In der letzten Nummer hat die Redaktion ihren Lesern ihre Mitgliedschaft im luxemburgischen WM-Boykott-Komitee mitgeteilt. Von diesem Komitee hat sie aber seit ihrer Beitrittserklärung nichts mehr gehört. Im nachhinein erfuhren wir, dass es am 25.5.1978 ein Argentinien-Solidaritätsmeeting organisiert hatte. Warum war es nicht in der Tagespresse angekündigt? Hatten etwa Presseorgane eine diesbezügliche Anzeige abgelehnt? Wäre es dann nicht umso notwendiger gewesen zumindest die Mitgliedsorganisationen des Boykott-Komitees zu benachrichtigen? Warum diese Geheimnistuerei wenn es um die Verteidigung von Menschenrechten geht?

9 Bis dato griff noch niemand, weder von rechts noch von links, unsern Vorschlag auf, jetzt schon die Olympischen Spiele von 1980 in Moskau politisch vorzubereiten. Es könnte doch sein, dass dann das LW wieder das veranstaltende Regime so diskret behandeln will wie eben Argentinien…

10 Erstaunlicherweise hebt aber gerade das LW den wohl einzigen politisch positiven Aspekt hervor, den man dem argentinischen WM-Titel abgewinnen kann: ‚Die Massen sind, durch den Fussball motiviert, erstmals seit 27 Monaten wieder auf die Strassen gegangen. Sie könnten erspürt haben, welche Kraft und Macht von ihnen ausgehen kann,‘ meint am 27.6.1978 ein unbekannter Schreiber im LW, und weist auf den wichtigen Miettermin des 1. Juli hin, der das Militärregime ins Wanken bringen könnte. (Nahzielvorstellungen nennt er zwar, ohne Gründe anzugeben, unrealistisch, doch der Beitrag dieses Unbekannten nach der WM bringt erstmals konkrete Hinweise über die Lage des Volkes und seine politischen Chancen in Argentinien. Schade, dass er so in der Luft hängt und für Nur-LW-Leser wohl angesichts seiner bisherigen Informationslücken weitgehend unverständlich bleibt.)

Literatur für Informationswillige:
Argentine. Rapport d’Amnesty International – Section

Française, Mars 1978

Jean-Pierre Clerc, L’Argentine en état de choc, in: Le Monde, 2-6/6/1978

Argentine. Numéro Spécial de ‚Croissance des Jeunes Nations‘ (N° 196), Juin 1978

Ch. Margue, L’Argentine – ou à quoi mène la doctrine de la Sécurité Nationale, in:

Brennpunkt 3. Welt, N° 25, pp. 3-7

m.p.

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code