Fundamentalismus und Terrorismus

Versuch eines Resümees

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Thomas Kolnberger

Fundamentalismus und Terrorismus

Versuch eines Resümees

„Terror ist der Krieg der Armen. Krieg ist der Terror der Reichen.“
(Peter Ustinov)

Das Zitat aus Sir Peters Feder ist mehrdeutig: Soll Terrorismus als Form von Selbstverteidigung und legitime Gegenoffensive der Schwachen gegen die Starken und Mächtigen dieser Welt verstanden werden? Kocht machtlose Wut über? Steht das Zitat für die moralisch-legitime Seite des Terrorismus als „Eigenermächtigung“, oder beschreibt es mehr die technisch-strategische Dimension von Terrorismus in einem asymmetrischen Konflikt? Ist Terrorismus ein Verfahren, mit dem – ganz allgemein gesprochen – ressourcenschwache Akteure unter Zuhilfenahme radikaler Mittel gegen ressourcenstarke Gegner auftreten können? Ist fundamentalistischer Terror heiliger Zorn? Einige grundlegende Betrachtungen zur thematischen Einführung.

Fundamentalismus und Terrorismus sind Konsequenzen der Moderne. Was Fundamentalismus und Terrorismus verbindet, ist nicht nur ihr erstmaliges Auftreten im Westen oder ihr etwa zeitgleiches Aufkommen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, sondern ein mindest ebenso weit zurückreichendes Missverständnis: Fundamentalismus und Terrorismus sind keine „Lehren“ im Sinne eines Gedanken- oder Glaubenssystems des an „ismen“ so reichen 19. und 20. Jahrhunderts. Fundamentalismus ist vielmehr die Art und Weise, wie religiöse Lehren auszulegen und zu leben sind; Terrorismus eine Strategie, wie sich kleine, substantiellere Akteure Aufmerksamkeit für ihre Anliegen verschaffen können. Im Sinne Ulrich Becks zeichnen sich „reflexiv-moderne“ Gesell-

schaften dadurch aus, dass sie Probleme und Gefahren, denen sie sich tagtäglich gegenüberstehen, in großen Teilen selbst hervorbringen. Das Beispiel der Umweltproblematik macht diese These unmittelbar einsichtig: Grundlagen des Zusammenlebens werden „von selbst“, durch Vollzug modernisierter Lebenswelten, in Frage gestellt. Bei Fundamentalismus und Terrorismus fällt der Befund der Reflexivität ambivalent aus und erschließt sich nicht unmittelbar. Der alltägliche Gebrauch dieser Begrifflichkeiten hat überdies eine diffuse Vertrautheit geschaffen, die darüber hinwegtäuscht, dass Definitionen zu beiden Phänomenen höchst unterschiedlich ausfallen können. Im politischen Diskurs dienen beide als Kampfbegriffe, was wiederum jene Akteure, die – in zumeist denunziatorischer Absicht –, Fundamentalismus als Fremdbezeichnung anderen überstülpen, genauso ins Licht rücken sollte wie die „Fundamentalisten“ selbst. Abhängig vom

Betrachter können Zurechnungen terroristischer Gewalt in diametralen Positionen zwischen „Freiheitskampf“ und „Terrorismus“ wechseln. Hier spielen also die einer jeden Gesellschaft eigenen Verhandlungs-, Kommunikations- und Verständigungsprozesse eine wichtige Rolle. Folglich stehen hier nicht vordergründig „Inhalte“ und Motivationen von Terrorismus oder Fundamentalismus im Mittelpunkt der Betrachtung, sondern deren Methodik und Logik.

Was ist Terrorismus?

Der Soziologe und Terrorismusforscher Peter Waldmann definiert Terrorismus primär als „Kommunikationsstrategie“. Sein Definitionsvorschlag lautet: „Unter Terrorismus sind planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund zu verstehen. Sie sollen vor allem Unsicherheit und Schrecken verbreiten, daneben aber auch Sympa-

Thomas Kolnberger ist Doktorand an der Universität Luxemburg (FLHASE/Globalgeschichte).
Forschungsinteressen: Globalgeschichte, Militärgeschichte, Landesgeschichte Kambodschas.

Die vier Wellen des modernen Terrorismus

In Ablösung vormoderner Protest- und Widerstandsformen ist Terrorismus Teil radikaler Methoden politischen Protests und zur wirksamsten Form politischer Agitation individueller, substantieller Akteure geworden. Diesem allgemeinen modus operandi können unterschiedlichste Motive „eingespeist“ werden. Schwerpunktmäßig sind in historischer Abfolge vier empirisch belegbare „Wellen“ aufgetreten (nach David Rapaport). Am zähesten erweist sich die anti-koloniale/ethnische Spielart, die – statistisch gesehen und trotz des „islamistischen Terrors“ –, die häufigste Form des Terrorismus repräsentiert.
(siehe: www.europol.europa.eu/publications/EU_Terrorism_Situation_and_Trend_Report_TE-SAT/TESAT2007.pdf, retrieved Feb 18/08)

thie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen.¹ Attentate sind gewiss keine Erfindung unserer Zeit und physische wie psychologische Gewaltmaßnahmen vertraute Mittel in der gesellschaftspolitischen Geschichte der Menschheit. Nur: Bis zur großen Transformation der Gesellschaften als Folge einer Reihe von bürgerlichen Revolutionen und der Industrialisierung – Eric Hobsbawm bezeichnet die Umwälzung der alteuropäischen Gesellschaftsordnung, die dem Zeitraum von 1789 bis 1848 entspringt, in diesem Sinne als „Doppelte Revolution“ – konnte sozialen Protest höchstens im Kollektiv wirkmächtig und politischer Druck nur in Bündnissen auf breiter Ebene und Konsens zu Erfolgen führen. Erst die Industrielle Revolution spielte dem Einzelnen auch jene technischen Mittel in die Hände, die es ermöglichten, mit handhabungssicheren Sprengstoffen (Dynamit) großen Schaden, mit verlässlichen, bald halbautomatischen Waffen, viele in Schach zu halten. Effektive Nötigungs- und Zerstörungsmittel bilden die erste Grundvoraussetzung für modernen Terrorismus. Die zweite wichtige, der Aufstieg des Nachrichten- und Pressewesens zum Massenphänomen, sorgte für die entsprechende Publizität der Taten. Ohne den Umbau einer ständischen, weitgehend lokal orientierten Gesellschaftsordnung zu einer „Staats-

bürgernation“ aber, würden terroristische Anschläge als eine „propagande par le fait“ auf Unverständnis stoßen, sozusagen den Adressaten verfehlen. Der lang gezogene Verstaatlichungsprozess während der Neuzeit, der schließlich in das beherrschende Modell des Nationalstaates mündete, basiert auf

Terrorismus ist ein modus operandi der Moderne, der durch unterschiedliche Motive und Motivationen in Gang gesetzt werden kann.

der Fiktion des Gewaltmonopols: alle Gewaltmaßnahmen, die unter Achtung regionaler Usancen in der traditionellen Gesellschaft noch als legitime Verhandlungs- oder Schlichtungsmittel galten – ich denke hier u. a. an Fehde, Blutrache, Königs- und Tyrannenmord bis hin zu harmloseren Sühnebräuchen –, wurden für illegal erklärt. Bei der Durchsetzung des modernen, flächendeckenden Verwaltungs- und Polizeistaates stand die Abschaffung des gängigen Machtpluralismus an vorderster Stelle. Die dritte Voraussetzung für Terrorismus ist das Vorhandensein eines zugleich mächtigen wie leicht verwundbaren Monopolisten staatlicher Ordnung, der auf jeden

Verstoß und jede Provokation reagieren muss. „Substaatliche Gruppen“ nutzen diese neue Konstellation und greifen den Staat demonstrativ „von unten“ an. Mit verhältnismäßig geringem Mittelaufwand reizen diese Akteure den Leviathan, fordern das Gewaltmonopol heraus und provozieren zu Gegenmaßnahmen. Das verschafft Publizität und Gehör für die Botschaften der Terroristen. Dass dabei Angst und Schrecken und zivile Opfer im Kauf genommen werden, gehört zum perfiden Kalkül des Terrorismus. Halten wir fest: Terrorismus ist ein modus operandi der Moderne, der durch unterschiedliche Motive und Motivationen in Gang gesetzt werden kann. Fehlt das politische, gesellschaftskritische Motiv, funktioniert zwar derselbe Modus, welcher die Menschen so offensichtlich aus der Fassung bringen kann und ein stechendes Gefühl der Verwundbarkeit hinterlässt, doch vermischt moderner Terrorismus stets Eigeninteressen mit dem Glauben, für das Gemeinwohl anderer ohne Mandat auch gewaltsam eintreten zu dürfen. Historisch ist Terrorismus eine Entwicklung der „Ersten Welt“. Die in der Forschung unterschiedenen Typologien wie ethno-nationaler, sozialrevolutionärer, anti-kolonialer, religiös-motivierter Terrorismus u. a. liegen demselben Mechanismus zugrunde: staatliche Reaktionskopplung und die Umwerbung des

„interessierten Dritten“. Natürlich ergeben sich in diesem Reaktionsautomatismus Streuungen, denn jeder terroristische Akt hat „performative“ Qualität, die sofort und umgehend zu staatlichen Maßnahmen führt. Letztendlich schielt Terrorismus als öffentlichwirksame Strategie mit politischem Hintergrund immer auf ein Publikum – so diffus die Zielsetzungen und die Zielgruppe des Terroristen auch sein mögen.

Was ist Fundamentalismus?

Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus haben sich im Laufe des 19. Jahrhunderts als Antworten auf die Zumutungen der Aufklärung, der Französischen Revolution und des Kapitalismus formiert. Der Fundamentalismus entsprang, historisch gesehen, dem amerikanischen Protestantismus als Reaktion auf die zunehmende „Liberalisierung“ der Heilslehre, deren Fundamente durch wissenschaftlich-kritische Lehren, u. a. hermeneutische Bibelkritik deutscher Wissenschaftstradition, in Frage gestellt wurden. Der Zweifel am Alleinvertretungs- und Erklärungsanspruch der Bibel, allgemein der Religion für die Lebenswelt, war mit einiger Zeitverzögerung bis an die Basis durchgesickert. Alle Religionen, und nicht nur die großen Buchreligionen, auf die sich der Begriff ursprünglich bezog, weisen fundamentalistische Auslegung auf. Nach Martin Riesebrodt lässt sich Fundamentalismus$^{2}$ „als ein spezifisches, religiöses Geschichtsbewusstsein beschreiben, das auf besonderen metaphysischen und anthropologischen Annahmen fußt. (…) Fundamentalismus ist keineswegs anti-modernistisch oder schlicht traditionalistisch. Vielmehr repräsentiert Fundamentalismus einen Prozess der bewussten Erneuerung von Tradition, der aus dem Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne erwächst und Aspekte beider inkorporiert.“ Fundamentalisten reflektieren auf die Moderne, führen auf selektive Weise Elemente von Tradition und Moderne zusammen, und formulieren keine beliebige oder zeitlose ideologische Position. Primär sind es Reinterpretationen als Ausdruck von Krisenbewusstsein: „Fundamentalismus (…) entsteht aus der Dynamik neuer Gruppen- und Klassenbildung im Kontext sozialer Umstrukturierungsprozesse.“ Für den Fundamentalisten liegt der sichere Hafen sozialer Ordnung in der Rück-

Rückführung und Verankerung des Lebenswandels der ursprünglichen Gemeinde im Heute. „Entgegen dem weitverbreiteten Eindruck, dass Fundamentalisten überwiegend politische Ziele verfolgen, kann man zudem festhalten, dass sich die meisten fundamentalistischen Gruppen als religiöse Subkulturen oder als Kommunen organisieren, indem sie sich entweder primär symbolisch oder auch räumlich von anderen Gruppen und kulturellen Milieus abgrenzen.“ Die Gleichsetzung von Fundamentalismus mit religiöser Militanz und Terrorismus

Fundamentalisten reflektieren auf die Moderne, führen auf selektive Weise Elemente von Tradition und Moderne zusammen, und formulieren keine beliebige oder zeitlose ideologische Position.

ist also nicht zutreffend. Radikale und gewaltbereite Fundamentalisten repräsentieren nur eine Teilmenge, denen Terrorismus dieselben Kommunikationskanäle öffnet, wie jeden anderen Extremisten auch. Mit gewisser Berechtigung weisen Autoren auf Analogien zwischen säkularen und profanen Spielarten fundamentalistischer Strömungen hin. So werden aus abgeschlossenen Weltbildern heraus „Patentrezepte“ für das Alltagsleben geboten. Ebenfalls vergleichbar ist die Ausblendung entgegenstehender Auffassungen, Sichtweisen und Erfahrungen, die zum absoluten Wahrheitsanspruch eigener Wertvorstellungen führt. Ideologien, die als Gegenbewegung zur rationalistischen Weltanschauung einer – wenn man so will – fundamentalistischen Aufklärung überhaupt entstanden sind, stehen wie Religionen als Grundlage für soziale Identität und Solidarität selten ohne gesellschaftspolitischen Kontext da. Die so genannte Rückkehr der Religionen in der modernen globalen Gesellschaftsordnung kann hier auch als Sinnkrise nicht erfüllter ideologischer Verheißungen wie des Sozialismus interpretiert werden. Fundamentalismus ist in diesem Zusammenhang genauso als Kritik an der eigenen „Kultur“, der staatlichen Ordnung, anderer Religionsgruppen oder als Sozialprotest zu verstehen. Die Konfliktlinien sind keine ausschließlichen Bruchlinien zwischen Kulturen,

die – nach der populären Interpretation Samuel Huntingtons und Epigonen – in einer Art religiös-kulturell aufgeladenen politischen „Plattentektonik“ aneinander reiben. Religiös-fundamentalistisch motivierte Terroristen erwachsen aus den feinen Ziselierungen der eigenen Religionsgemeinschaft genauso, wie in Verteidigung der größeren Religionsgemeinschaft nach „außen“. Durch das strategische Mittel des Terrorismus ist es dem radikalen „Islamismus“ geglückt, diesbezüglich weltweit höchste Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Dass der Islam so prominent Teil der „vierten Welle des modernen Terrorismus“ (siehe Graphik) geworden ist, sollte als Ausdruck eines veritablen Krisenbewusstseins interpretiert werden, ist aber keine genetisch dem Islam veranlagte Eigenschaft.

Literatur

Thomas Kolnberger/Clemens Six (Hgg.): Fundamentalismus und Terrorismus – Zu Geschichte und Gegenwart radikalisierter Religion, Essen 2007.

Thomas Meyer: Fundamentalismus – Aufstand gegen die Moderne, Reinbek/Hamburg 1989.

David C. Rapaport (Hg.): Terrorism – Critical Concepts in Political Science (Bd. I-IV), London-New York 2006.

Louise Richardson: What Terrorists want: understanding the enemy, containing the threat, New York 2007.

Martin Riesebrodt: Die Rückkehr der Religionen – Fundamentalismus und der „Kampf der Kulturen“, München$^{2}$ 2001.

Clemens Six/Martin Riesebrodt/Siegfried Haas (Hgg.): Religiöser Fundamentalismus – Vom Kolonialismus zur Globalisierung, Wien 2004.

Charles Townshend: Terrorism. A Very Short Introduction, Oxford-New York 2002.

Peter Waldmann: Terrorismus – Provokation der Macht. Hamburg$^{2}$ 2005.

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