Heute Fremdsprachen?

Märchen- und Bibelsprache

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Heute Fremdsprachen ?

Das Wort Märchen löst bei vielen Erwachsenen die Erinnerung an kitschige Bilderbücher aus, mit hässlichen Illustrationen in billigen Farben. Andere Erwachsene setzen Märchen gleich mit heillos veralteten Erzählungen, mit Lügengeschichten oder mit Geschichten von einer Wunderwelt, die es nicht gibt. Noch andere bezeichnen die Märchen als grausam und dadurch für Kinder ungeeignet.

Die Schwierigkeiten, die wir Erwachsene mit Märchen haben, sind dieselben, die wir mit den biblischen Schriften haben. Märchen und Bibeltexte sprechen in einer verschlüsselten Sprache, sie sprechen in der Bildersprache. Diese Bildersprache wurzelt im Bilderschutz des Menschheitsgedächtnisses, sie benutzt sogenannte Urbilder. Es gibt keine zweierlei Urbilder, etwa profane und sakrale, oder religiöse und areligiöse. Um die Märchen und die Bibel zu verstehen, müssen wir uns Zugang zu unserer Tiefe und den dort lebenden Bildern verschaffen.

Ähnlich verschlüsselt wie Märchen und Bibeltexte sind unsere Träume. Die wenigsten von uns können die Weisungen, die unser Unbewusstes uns im Traum zukommen läßt, verstehen und Kontakt mit diesem Teil unseres Selbst aufnehmen. Wir träumen zwar noch in denselben Bildern, wie sie uns die Märchen vorstellen, sind dieser Bilderwelt aber entfremdet.

Diese Hilflosigkeit stammt zum Teil daher, dass die Menschen in Europa seit fast zweihundert Jahren sich von den Symbolen und Bildern abgewandt haben, um sich fast ausschließlich rationalen Erkenntnissen zuzuwenden. Unsere Schulen sind auf eine abstrakte Denkart ausgerichtet, erziehen die Kinder zu Menschen, die sich in einer Wirtschafts- und Industriegesellschaft zurechtfinden müssen, in der Schulzeug-

nisse, Examen und Diplome zählen. Elternhaus und Schule beschäftigen sich kaum mehr mit dem Erlernen von schwer erfassbaren Fähigkeiten, die in einem Balance-Halten zwischen Außen und Innen, Intellekt und Tiefenseele erworben werden.

Um uns dieses Urwissen, das von Generation zu Generation bis auf uns weiter-

Das Grundthema der Märchen ist die menschliche Reifung, besonders die sexuelle Reifung und Identität.

gegeben wurde, aneignen zu können, müssen wir Erwachsene die Märchensprache wieder erlernen wie eine Fremdsprache. Das geschieht, indem wir Märchen nicht nur lesen, sondern uns auf die Märchenbilder einlassen, uns mit ihnen beschäftigen, sie für uns meditieren. Das innere Betrachten belebt, regt die Gefühle und Erlebniskräfte an, tut uns gut und bringt uns voran.

Die Kinder kennen diese Schwierigkeiten von uns Erwachsenen nicht. Die bildhafte Sprache der Märchen trifft bei ihnen, besonders deutlich etwa zwischen dem vierten und dem siebten Lebensjahr, auf eine phasenspezifische Sensibilität. Um diese Zeit aktivieren sie eine Bewusstseinsschicht, in der

bildhaft erlebt und gedacht wird. Kinder begreifen in dieser Phase über Symbole und Bilder die ganze Welt und ihre hintergründigen Zusammenhänge. Wenn wir Erwachsene uns nicht darum bemühen, sie auf dieser Bilderebene zu erreichen, reden wir nicht nur an dem Fragehorizont und Begreif-Vermögen der Kinder vorbei, sondern wir machen sie zu unverstandenen und einsamen Wesen.

Märchenthemen und ihre Wirkung

Märchen stärken das Selbstvertrauen der Kinder. Sie erfahren: Auch in längst vergangenen Zeiten gab es schon Menschen, die Gefahren bestehen und Abenteuer erleben mußten. Vertrauensvoll und mutig wagten sie sich in die Welt, wurden angefochten und bedroht, konnten aber zum Ziel gelangen und ihr Leben meistern.

Da die Märchengestalten nie ambivalent gut und böse zugleich sind, erleichtern sie den Kindern die Identifikation. Der Erfolgreiche, der Held, ist für das Kind am attraktivsten. Die Frage: wem möchte ich gleichen? ist die wichtigste. Im Märchen ist der Held auch der gute. Daneben existiert aber auch die Welt der Schurken, Hexen, Räuber und Mörder. Neben dem Licht gibt es die Finsternis. Dass dann aber die böse Hexe verbrannt wird, erscheint dem Kind

nicht grausam sondern Hoffnung stiftend und Zuversicht erweckend. Das Märchen vermittelt die Gewissheit, dass das Gute der Gewalt überlegen ist.

Da im Märchen Ängste konkret gemacht werden, erleichtern sie dem Kind den Umgang mit den Gefühlen der Verlassenheit, der Schuld und Rache, der Allmacht- und Größenfantasien.

Das Grundthema der Märchen aber ist die menschliche Reifung, besonders die sexuelle Reifung und Identität. Das Märchen bietet die Möglichkeit, Konflikte auszuleben durch die Märchenhelden und -heldinnen. So bedeutet auch der so häufige Märchenschluss: »Sie führten ein glückliches und zufriedenes Leben bis an ihr seliges Ende« nicht ein Leben ohne Konflikte, sondern dass gereifte Menschen die Fähigkeit erworben haben, Konflikte zu akzeptieren, Spannungen zu ertragen und die eigene Persönlichkeit zu bejahen. Sie sind „König und Königin“ geworden.

Wann und wie Märchen erzählen?

Mit drei bis fünf Jahren können die Kinder ihre ersten Märchenerfahrungen machen. Wir wollen mit kleinen, kurzen Märchen beginnen, wie z. B. Rotkäppchen, der Wolf und die sieben Geißlein, die Heckenfür, die drei Federn, das Märchen von der Unke.

Fünf- bis achtjährigen Kindern können wir alle Märchen erzählen. Immer ist die Rolle des Erzählers wichtig, da er einen Raum der Geborgenheit und des Vertrauens schaffen kann. Keine Kassette, kein Radio, kein Fernseher können den Erzähler ersetzen.

Beim Erzählen sollen Mimik und Gestik nicht übertrieben werden, sondern diskret bleiben, um das Kind nicht zu ängstigen. Da das Kleinkind noch in der bildhaften Sprache lebt und diese unmittelbar seine Seele anspricht, brauchen wir ihm keine rationalen Erklärun-

gen über die Märchen zu geben. Da aber seine Gefühle stark angesprochen werden, ist die vertraute Atmosphäre noch über das Märchenerzählen hinaus möglichst eine Weile aufrechtzuerhalten. Das vermittelt dem Kind das Gefühl, dass Platz da ist für seine Fragen, für ein weiterführendes Gespräch. Dasselbe Märchen sollte sooft wieder holt werden, wie das Kind das verlangt, denn das Verweilen bei einer Erzählung, die das Kind stark anspricht, ist wichtig. Zu viele und immer neue Geschichten und Eindrücke überfordern das Kind.

Es gibt schön illustrierte Märchenbücher (z. B. von Bernadette im Nord-Süd-Verlag). Ich würde ein Märchen aber zuerst nur erzählen, keine Bilder dazu zeigen. Das ermöglicht es den Kindern, eigene Vorstellungen zu haben und ihre eigenen Bilder in ihrem Innern zu formen und zu aktivieren.

Kinder zwischen vier und sieben Jahren sind ausnahmslos Künstler, vorausgesetzt wir lassen sie frei arbeiten. Nach dem Erzählen eines Märchens können wir das Kind anhalten, seine Eindrücke durch Malen, Schneiden, Kleben, Modellieren festzuhalten. Dadurch verarbeitet das Kind den Erzählstoff für sich selbst, und wir Erwachsene erfahren, was das Kind bewegt. Märchenbilderbücher können wir uns später, zusammen mit dem Kind anschauen, einfach aus Freude an den guten Bildern.

Indem Kinder in der Vorschule ein Märchen als Theaterstück frei aufführen, sich dazu noch verkleiden, erleben sie sich in den Rollen der verschiedenen Märchenfiguren, haben Spaß und verarbeiten eine Reihe ihrer kleinen und großen Probleme und Ängste.

Märchenfilme würde ich für Kinder unter acht Jahren ablehnen. Die Bilder der Filme stammen nicht aus der Erfahrungswelt der Kinder, überfordern und ängstigen sie. Märchen spielen sich ab in dem Bereich, der innerlich im Kinde wirkt und dort von ihm verstanden und nachvollzogen werden kann.

Renée Estgen-Mertens

Die obigen Ausführungen erfolgten in Anlehnung an das Buch von Felicitas Betz. Märchen als Schlüssel zur Welt. Verlag Ernst Kauffmann, Lahr-Verlag J. Pfeiffer, München

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