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Seit eine neue Generation von Geschichtswissenschaftler sich mit der Geschichte Luxemburgs vor und während des Zweiten Weltkriegs beschäftigen, fehlt es nicht an Stimmen aus Teilen der damaligen Resistenzbewegung, die von einer "germanisation mentale progressive" sprechen. Zum ersten Mal scheint der Begriff bei der Generalversammlung der "Anciens Combattants" im Februar 1986 gefallen zu sein (LW, 17.2.86). Jacques Dollar (Leserbrief in: LW, 22.2.86), Ed. Barbel (bei einem LPPD-Kongreß, R.L., 24.2.86) übernahmen ihn, trotz Antwortschreiben der Anvisierten, Henri Grethen (DP) benutzte ihn in einer parlamentarischen Anfrage, bei deren Beantwortung der Staatsminister ihn aber entschieden zurückwies (Compte-rendu 19/85-86, Kol.2361f.). Pfarrer Jacques Ludwig machte ihn gar zum Thema einer Predigt in Hinzert. Und Ex-Kriegsminister Emil Krieps (DP) frischte ihn als Vereinspräsident wieder auf bei der diesjährigen Generalversammlung der "Anciens Combattants" (Journal, 17.2.87). Er sprach gar von einer "mafia d’historiens, à laquelle appartiennent même des professeurs d’histoire". Léon N. Nilles hatte in der "Revue" (Aug. 86) schon ein Berufsverbot für zwei Lehrer gefordert, die für das Außenministerium ein Gutachten über die These von Kurt Waldheim angefertigt hatten, das nicht nach seinem Gustus ausgefallen war. Neu ist bei der Kriegs’schen Intervention, daß nunmehr Namen mißliebiger Historiker genannt werden (Paul Dostert, Emile Krier).
Der Vorwurf lautet jeweils, die beiden (nur sie?) hätten bei ihren Arbeiten exklusiv deutsche Archive benutzt statt sich auf die Zeugnisse der noch lebenden Widerstandskämpfer zu stützen. Ein jeder, der die Thesen der beiden Historiker gelesen hat, wird sofort feststellen, daß der Vorwurf unhaltbar ist, ansonsten auch eine deutsche Universität sie nicht zur Promotion zum Dr. phil. angenommen hätte. (Vgl. die Besprechung des Buches von P. Dostert in: "forum" Nr.82/1985.) Würde man sich nur auf deutsche Quellen stützen, wäre das in der Tat genauso das Ende der Geschichtswissenschaft wie wenn man sich mit Luxemburger Quellen begnügen würde.
Hingegen zitieren die oben genannten Kritiker immer wieder die Arbeiten eines Henri Koch-Kent, Ehrenpräsident der "Anciens Combattants", als Musterbeispiel: "bon exemple de travail sérieux de recherche avec des témoignages véridiques" (Krieps laut "Journal"). Nun steht außer Zweifel, daß Koch-Kent ein authentisches Zeugnis ablegt aus einer umstrittenen Zeit. Jeder Historiker wird ihm Rechnung tragen müssen, allerdings mit der nötigen Sorgfalt und Vorsicht, die er üblicherweise in seinem Beruf einer Autobiographie entgegenbringt. Das gleiche gilt z.B. auch für die im Staatsarchiv auf Tonband aufgezeichneten Augenzeugenberichte. Hagiographische Beiträge wie sie letzthin die KP-"Zeitung" (14.2.87) und das "tageblatt" (21.2.87) zur Person von Koch-Kent lieferten, vermögen die Regeln der Geschichtswissenschaft nicht außer Kraft zu setzen.
Der Außenstehende muß also den Eindruck gewinnen, als würden hier auf dem Rücken junger Historiker völlig andere Querelen ausgetragen, solche, die in den Zeiten vor und während der Schreckensherrschaft entstanden sind, wo es nicht immer leicht war, sofort die richtige Entscheidung zu erkennen. Bestätigt wird man in diesem Eindruck, wenn man im neuesten Heft des "Rappel" (Nr. 1-2/87) liest, wie Aloyse Raths dem Autor des "Vu et entendu", Bd. 2, Geschichtsfälschung vorwerfen muß, da H. Koch-Kent in der Tat sich nicht zuschade war, einen von den Nazis frisierten Bericht des jetzigen Generalsekretärs des "Conseil National de la Résistance" über seine Zeit beim Arbeitsdienst als dessen wahre Meinung darüber darzustellen.
Als Fazit aus dieser Debatte kann man nur ziehen, daß das Staatsarchiv unbedingt seine Inventarisierung der Bestände dieser Periode beschleunigen und damit den Zugang zu den Luxemburger Quellen erleichtern muß, andererseits aber auch daß es sicher nicht verlorene Mühe wäre, mehr Historiker zwecks Forschungsarbeiten freizustellen, da ungeschulte Amateurhistoriker offenbar ein gestörtes Verhältnis zur Quellenarbeit haben und leider regelmäßig vergessen, ihre Behauptungen zu belegen. Und das gilt nicht nur für den Bereich der Zeitgeschichte.
m.p.
ERRATA:
In "forum" Nr. 93-94 hatte sich der Fehlerteufel eingeschlichen.
Der Autor des Artikels "Existe-t-il un déterminisme de la très petite dimension?" ist natürlich Gaston Reinesch und nicht Fernand Reinesch wie fälschlicherweise im Vorspann stand. Die ebenda zitierte Arbeit "Fonctionnement d’une micro-économie: analyse théorique et application au Grand-Duché de Luxembourg" ist im Institut Universitaire International, 162, av. de la FaTencerie, Luxembourg, einsehbar.
S. 36 muss es in den Zwischentiteln zweimal Regulierungskrise heissen statt Regierungskrise.
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