Regionale/nationale Identität durch Schule?

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Rolf Wittenbrock, Gérard Michaux, Paul Dostert (Hg.): Schule und Identitätsbildung in der Region Saar-Lor-Lux. Enseignement scolaire et formation d’identités collectives dans l’espace Sar-Lor-Lux. Ottweiler Druckerei und Verlag Saarbrücken 1994, 208 S.

Der vorliegende Sammelband geht auf eine zweitägige Fortbildungstagung zurück, die im März 1992 von den Geschichtslehrerverbänden des Saarlandes, Lothringens und Luxemburgs unter dem Thema "Schule und Identitätsbildung in der Grenzregion Saar-Lor-Lux. Funktionen des Geschichtsunterrichts im zwanzigsten Jahrhundert" organisiert wurde. Dieses Kolloquium reiht sich somit ein in die Bemühungen, grenzüberschreitend in der Großregion zusammenzuarbeiten, wobei sich hier auf das eigentliche Kerngebiet dieser Region "à géométrie variable" beschränkt wurde.

Der Band ist chronologisch gegliedert: vier Artikel für die Periode des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg (François Roth für das annektierte und das französische Lothringen, Jacques Maas für Luxemburg, Theo Nesser für den preußischen, Karl-Heinz Kohl für den bayerischen Teil des Saarreviers), drei für die Zwischenkriegszeit und den Zweiten Weltkrieg (Jürgen Hannig für das Saargebiet, Jean Kieffer für das département de la Moselle, allerdings nur bis 1939, Paul Dostert für Luxemburg), wiederum vier für die Zeit nach 1945 (Armand Thill für Luxemburg, Jean-Pierre Harbulot für Frankreich, Rolf Wittenbrock für das Saarland bis 1955, Heinz Lafontaine für das Saarland seit 1955). Daß ein Artikel, der die heutige Periode betrifft, sich nicht mit Lothringen allein, sondern mit der Entwicklung in ganz Frankreich befaßt, kann als Fehlplanung ausgelegt werden, gilt aber auch als Indiz für die nationalen Rahmenbe-

dingungen des Geschichtsunterrichts in Frankreich im Gegensatz etwa zur Länderautonomie in Deutschland.

Die partnesprachlichen Kurzfassungen der vier Beiträge in französischer und der sieben Beiträge in deutscher Sprache am Ende des Bandes (mit Ausnahme der Schlußbemerkungen von Gérard Michaux, die nur auf französisch im Band enthalten sind) ersparen dem Rezensenten, auf die einzelnen Artikel getrennt einzugehen. Daher wird eine Gesamteinschätzung des Werkes versucht.

Die Initiative, den Geschichtsunterricht (es geht also haupt-sächlich nur um diesen Unterricht, selten über die Schule insgesamt, wie im Titel des Buches angedeutet) in den drei Gebieten miteinander zu vergleichen, ist zu begrüßen. Daß es sich nur um eine erste Bestandsaufnahme handelt, soll den Organisatoren nicht unbedingt angelastet werden. Unter den gegebenen Umständen (fehlende wissenschaftliche Studien, schwer zugängliche Quellenlage usw.) war höchstwahrscheinlich nicht mehr zu erreichen. Der informative Charakter der einzelnen Artikel ist jedoch nicht zu unterschätzen und ermöglicht den notwendigen gegenseitigen Informationsaustausch, der bisher weitgehend fehlte und auf dem weitere Kontakte bzw. Studien aufbauen können.

Wenig thematisiert wird der Begriff der Großregion Saar-Lor-Lux selbst: ist dieser Begriff (Region im deutschen, Raum [espace] im französischen Titel) der geeignete territoriale Rahmen, um der Frage nach der Identitätsbildung nachzugehen? Natürlich werden in Grenzländern patriotische Gefühle besonders gepflegt (siehe auch Zitat von L. Dill im Vorspann des Buches: "In keinem Land werden Kinder so früh, so leidenschaftliche Patrioten wie in den Grenzländern…"). Und daß dieser Patriotismus verschieden ausfiel, je nachdem man sich im annektierten Teil Lothringens, im preußischen Saarland oder auch im nationalen Großherzogtum Luxemburg befand, dürfte auf der Hand liegen. Der Unterscheidung zwischen

regionaler und nationaler Identität wird jedoch meines Erachtens nicht genug Bedeutung beigemessen. Darüber hinaus gibt es ja noch andere Formen von Identitäten. Allgemein ist festzuhalten, daß der Begriff der Identität (in der Einzahl im deutschen, in der Mehrzahl mit dem zusätzlichen Adjektiv "collectives" im französischen Titel) in diesem Band fast nirgendwo kritisch hinterfragt wird. Dabei gibt es gerade in den letzten Jahren eine Fülle von theoretischen Überlegungen zum Thema mit konkreten Anwendungen (siehe etwa Detlev Briesen, Rüdiger Gans, Armin Flender: Regionalbewußtsein in Montanregionen im 19. und 20. Jahrhundert, Saarland-Siegerland-Ruhrgebiet, Bochum 1994). Das Fehlen eines theoretischen Rasters bzw. Fragekatalogs könnte eine, wenn auch nicht die einzige Erklärung für das Vermissen eines roten Fadens in den verschiedenen Aufsätzen sein. Die sich daraus ergebende Heterogenität, die man nicht unbedingt als Vorteil gelten lassen muß, wie die Herausgeber es tun, auch bei Berücksichtigung der Tatsache, daß es sich um einen ersten Versuch handelt, drückt sich u.a. in folgenden Aspekten aus: Heterogenität in der Zusammensetzung und der Qualifikation der Teilnehmer: Historiker, Geschichtslehrer, Fach- und Schulleiter. Heterogenität in der Form: vom ausgereiften wissenschaftlichen Artikel mit ausführlichen Fußnoten bis zum Vortragstext mit bibliographischen Hinweisen am Ende (dies soll wiederum kein Vorwurf sein: auch ich bin kein Anhänger einer pedantischen Vereinheitlichung!). Heterogenität durch die unterschiedliche Berücksichtigung der einzelnen Schultypen (es dürfte einleuchten, daß der Geschichtsunterricht in der Grund- bzw. der Primärschule einen anderen Stellenwert hat als im Gymnasium). Heterogenitätsschließlich im wissenschaftlichen Ansatz, von der einfachen Deskription des erschichtsunterrichts aufgrund der vorgeschriebenen Lehrbücher bis zum Versuch, komparativ vorzugehen, d.h. diese Schulbücher in zwei verschiedenen Gebieten miteinander zu vergleichen und auch die Beziehungen zwischen den beiden zentralen Begriffen der Tagung (Schule und Identität) zu erörtern.

Homogenität gibt es allerdings bei der gelungenen und nützlichen Auswahl der Illustrationen: es handelt sich meistens um Titelseiten bzw. Textbeispiele aus Lehrbüchern.

Doch zurück zum Inhalt. Am interessantesten scheinen mir die Aufsätze mit einem komparativen Ansatz, etwa der Vergleich des Geschichtsunterrichts im annektierten und im französischen Lothringen von 1871 bis 1914, im bayerischen und im preußischen Teil des Saarreviers, im Saarland vor oder nach 1955. Daraus geht u.a. hervor, daß die großen Änderungen im Geschichtsunterricht nicht unbedingt mit den Zäsuren der politischen Geschichte übereinstimmen. Sind die Folgen des Mai 68 (A. Thill: "Mai 68 laisse des traces" S. 126) für den Geschichtsunterricht und die curriculare Entwicklung etwa höher einzuschätzen als die Folgen der zwei Weltkriege? (P. Dostert: "… der Schulbetrieb … dort wieder anknüpfte, wo er am 10. Mai 1940 unterbrochen worden war" S. 116; A. Thill: "Au lendemain de la guerre, l’histoire retrouve peu à peu ses marques dans un enseignement où les traces du conflit seront bientôt

Frank Nikol, in: die tageszeitung

effacées" S. 119) Die Tatsache, daß in Luxemburg gleich nach dem Zweiten Weltkrieg keine deutschen Lehrbücher auf dem Programm stehen konnten, oder daß im Saarland wie in den anderen deutschen Ländern die normativen Vorgaben des Unterrichts auf eine andere Grundlage gestellt wurden, deuten darauf hin, daß dieser Krieg doch eine Zäsur bedeutete, wenn auch natürlich in unterschiedlichem Maße. Inwieweit der Nationalsozialismus die Schule für seine Zwecke intensiv instrumentalisiert hatte bzw. zu instrumentalisieren beabsichtigte, darüber scheint weiter diskutiert zu werden (siehe J. Hannig: "Die Schule, an die sie sich erinnern, war für die heutigen Verhältnisse etwas altertümlich, spezifisch nationalsozialistisch war sie nicht" S. 71; ders.: "Das Bild, das man aus solchen Erzählungen gewinnt, steht in krassem Gegensatz zu dem in den Geschichtsbüchern vermittelten Bild der totalen Erfassung und Indoktrination der Jugend" ibid.). Die Schule war ja nie die einzige Sozialisationsinstanz.

Der hier angeschnittene Sachverhalt deutet auf ein wesentliches Problem hin, das den gesamten Band betrifft: die Diskrepanz zwischen den Lehrplänen und -büchern auf der einen, der konkreten Schulwirklichkeit auf der anderen Seite. Auch die ausführlichsten Überlegungen über ministerielle Rahmenrichtlinien bzw. über Form und Inhalt der Lehrbücher sagen noch nichts aus über die effektive Situation im Klassensaal. Gerade die Beantwortung dieser Frage ist jedoch im Zusammenhang mit dem Thema des Buches (der Beitrag des Geschichtsunterrichts zur regionalen bzw. nationalen Identitätsbildung) von entscheidender Bedeutung. Eine Reihe von Autoren sind sich dieses Problems bewußt, etwa F. Roth ("Il serait imprudent de déduire mécaniquement des manuels et des instructions pédagogiques la transmission des connaissances par le maître et leur réception

tion et leur interprétation par les élèves", S. 14-15), oder auch J. Hannig (passim), J. Maas (S. 27) und J-P. Harbulot (S. 135). Den Schulalltag zu erfassen dürfte wegen fehlender Quellenlage für den Anfang des Jahrhunderts allerdings schwierig sein; mit den Methoden der mündlichen Geschichte, mit der Auswertung von Tagebüchern, Memoiren und Eintragungen in Klassenbüchern dürfte für die letzten Jahrzehnte jedoch noch manches herauszuholen sein. Eine Folgetagung ist also unbedingt erforderlich und erstrebenswert.

Die allgemeinen Schlußfolgerungen der Tagung hatte man eigentlich erwartet: die Instrumentalisierung des Geschichtsunterrichts für politische Zwecke, sei es regional, national, oder auch ideologisch; die Legitimation heutigen Handelns durch Geschichte, auch wenn dafür historische Entwicklungsstränge und Kontinuitäten künstlich fabriziert werden müssen; der zaghafte Versuch einer Neuorientierung in den 70er Jahren mit unterschiedlichen, im übrigen auch schwer meßbaren Erfolgen (siehe oben: Diskrepanz zwischen curricularen Entwürfen und Alltagspraxis); der unterschiedliche Stellenwert regionaler Geschichte (als eigener Ansatz mit eigenen Lernzielen oder einfach nur als Illustration der "allgemeinen" Geschichte). Die Beantwortung der Frage nach dem, was denn eigentlich gelernt wird, was hängenbleibt (G. Michaux: "Quel impact l’Histoire [hier wohl der Geschichtsunterricht?] exerce-t-elle sur l’individu?" S. 196), wird offen gelassen, nicht nur bei dieser Publikation.

Jean-Paul Lehners

(Derselbe Text wird in der Herbstausgabe der Saarbrücker Hefte erscheinen.)

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