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Die zur Zeit laufenden Spendeaktionen zugunsten der Hungerleidenden in Äthiopien kennen erstaunlich hohe Erfolge. Leider fehlen aber die Informationen über die Ursachen der Hungersnöte: nicht Klima und politische Unfähigkeit sondern ungerechte Handelsstrukturen sind schuld an der Katastrophe. Auch wir müssen daher umdenken, wenn langfristig der Hunger aus der Welt verschwinden soll.
Aufgedunsene Bäuche, spindeldürre Arme und Beine, riesige Augen in von Mücken versteckten, ausgemergelten Höhlen, … Sie kennen die Bilder! Oder drehen Sie etwa regelmässig den Fernseher zu, wenn Nachrichtensendungen beginnen?
Binnen weniger Wochen erbrachte der Spendenaufruf der CARITAS zugunsten der Hungerleidenden in Äthiopien 10.960.000 Franken. (Stand vom 15.12.1984). Im Durchschnitt hat also jeder Einwohner des Landes 30 lfr. gespendet. Dabei sind Parallelaktionen wie jene der "Revue" oder der "AFC-Solidarité Tiers Monde" nicht einmal mitgerechnet.
Diese Hilfsbereitschaft im Falle von Hungerkatastrophen gibt es nicht nur in Luxemburg. Ende September sammelten RTL und FR3 52.000.000 FF im Rahmen einer Aktion SOS Sahel. 2 Flugzeuge und 23 Lastwagen fuhren seither schon mit Proteintabletten nach Mauretanien, Senegal, Mali und Niger. Weitere werden folgen.
In Grossbritannien haben eine Reihe Pop-Stars eine gemeinsame Platte aufgenommen, deren Erlös sie integral der Äthiopienhilfe zur Verfügung stellen. Sie schaffte es, auf Anhieb den Spitzenplatz in den Hitparaden zu erobern. Nur Maggy Thatcher war nicht bereit, auf die Mehrwertsteuer zu verzichten.
In der Pfarrei Niederanven, um nur dieses Beispiel zu nennen, erbrachte eine Kollekte zugunsten von "Médecins sans frontières" in Äthiopien an einem Wochenende in drei Messen die Summe von 48 000 Franken: der absolute Rekord, der je in dieser Pfarrei gesammelt wurde.
Der Freigebigkeit und dem Einfallsreichtum sind offenbar keine Grenzen gesetzt. Und – das verdient hervorgehoben zu werden – angesichts dieser Solidaritätswelle im Volk sah auch die luxbg. Regierung sich herausgefordert, ihrerseits 10 Millionen Franken für Nahrungsmittelhilfe in der Sahelzone locker zu machen. Der politische Druck durch den Mann von der Strasse kann also noch immer Erfolg haben!
Gefühle statt Information
Auf keinen Fall möchte ich die edlen Spender bremsen, denn ihr Scherflein rettet sicher Leben. Ich kann aber nicht umhin, eine gewisse Beklemmung zu verspüren, jedesmal wenn ich die betreffenden Spendenaufrufe und die anschliessenden Erfolgsmeldungen
gen der sammelten Organisationen lese. In der ganzen aktuellen Kampagne zugunsten Äthiopiens habe ich nur einen einzigen Aufruf gelesen (1), der erklärte, warum die Menschen dort plötzlich (?) Hunger leiden und täglich zu Tausenden sterben. Seit einem guten Jahrzehnt geben sich nun Dritte-Welt-Organisationen u. Zeitschriften wie die unsrige (2) auch in Luxemburg, die Mühe, die Ursachen der katastrophalen Welternährungslage und der fortschreitenden Unterentwicklung der armen Länder aufzudecken und zu popularisieren. Doch sobald aus akutem Anlass um Geld gebeten wird, sind alle Informationen vergessen, wird nur noch an die Gefühle appelliert. Nächstenliebe soll offensichtlich nicht in Verbindung mit Wirtschaftssystem oder Weltpolitik gebracht werden.
Diese Appellstrategie ist ohne Zweifel kurzfristig die erfolgreichere, vor allem wenn die Vorweihnachtsstimmung und das schlechte Gewissen wegen des anstehenden Konsumfestes noch das ihrige dazu beitragen. Doch sind sie langfristig noch zu verantworten, wenn wir gleichzeitig auf wirksame Hungerbekämpfungsstrategien, die bei den Ursachen ansetzen, verzichten? Wäre es dann nicht wichtiger, heute auf 100 oder auch 1000 F zu verzichten, wenn die Information über politische und wirtschaftliche Zusammenhänge nur für diesen Preis zu vermitteln ist, wenn dadurch aber der politische Druck auf
die Verantwortlichen derart gesteigert werden kann,
dass sie endlich Strukturveränderungen zustimmen,
welche die Katastrophenhilfe für die Zukunft seltener nötig werden lassen?
Die Schuld der Natur?
Ohne Zweifel ist auch die Natur an manchen Hungerkatastrophen schuld. Ausbleibende Regenfälle kann der Mensch nicht herbeizubbern, genauso wie durch Überschwemmungen zerstörte Ernten nicht völlig aus der Welt geschaffen werden können. Insofern werden akute Hilfsmassnahmen mit entsprechenden Spendeaufrufen immer wieder nötig sein.
Wenn 1983 der Senegal-Strom weniger als 250 m³ Wasser pro Sekunde führte (gegenüber durchschnittlichen 700 m³ in normalen Jahren), dann stehen Klima und Natur klar als Schuldige des Ernteausfalls fest. Wenn in der Sahelzone in den letzten 15 Jahren die Regenperiode sich im Durchschnitt von 4-6 auf 2-3 Monate verkürzt hat, so kann nur die Natur schuld sein, auch wenn die Wissenschaftler das Phänomen noch nicht erklären konnten (3). Die Sahel-Zone war jedenfalls nicht immer Dürregebiet, auch wenn sie schon 1968-73 einmal als solche bei uns Schlagzeilen machte (4), denn das arabische "Sahel" bedeutet eigentlich "Ebene" und steht im Gegensatz zu "Sahara": der Sahel war mal Erholungszone nach den Härten der Wüste.
Und doch wäre es zu einfach, die Natur zum alleinigen Sündenbock zu stempeln. Die Menschen haben auch die Finger mit im Spiel: Wegen verbesserter Hygiene (positive Folge des Kolonialismus!) wuchs
die Bevölkerung der 8 Sahel-Länder zwischen 1900 und 1980 von 9 auf 30 Millionen Bewohner. Dieses Wachstum bedeutet nicht nur, dass ihr Nahrungsbedarf, der früher daselbst gedeckt werden konnte, 1980 zu 12% importiert werden musste und bis 1990 mit dem Import von mehr als 5 Millionen Tonnen Getreide pro Jahr gerechnet wird, bei normalen Regenfällen!
Zum Vergleich: die Luxemburger Getreideproduktion lag 1980 bei 121.000 Tonnen. Eine weitere unbedachte Folge des Bevölkerungswachstums ist der steigende Energiebedarf (für Küche, Heizung, …) der von 95% der Bevölkerung in Form von Holz gedeckt wird. Dieser Holzverbrauch führte aber zu
einem Rückgang des Baumbestandes und infolgedessen zu einer Austrocknung des Bodens, die heute nur noch als Ausbreitung der Wüste zu bezeichnen ist. Statt 70000 ha müssten, laut Weltbankexperten, heute 1.050.000 ha wiederaufgeforstet werden (5). Das Bohren von neuen Brunnen, für das ja in Luxemburg auch Geld gesammelt wird, kann auch kein Allheilmittel sein, da dadurch der Grundwasserspiegel nur noch tiefer sinkt, die Viehzucht noch weniger Quellen findet …
Zum Teil ist die Ausdörrung des Bodens aber auch auf die zur Kolonialzeit eingeführten Monokulturen zurückzuführen, die dem Boden immer dieselben Nährstoffe entziehen: Mali ist bis zu 60% vom Baumwoll export abhängig, der Tschad gar zu 60-70%, Äthiopien zu 60% vom Kaffee-Export, Senegal zu über 50% von Erdnüssen und abgeleiteten Produkten (Öl, Olkuchen), Burkina-Faso (Obervolta) zu 1/3 von Baumwolle und zu 1/3 von Viehzuchtprodukten, usw. (6). Durch die Kolonialherren wurden hier Exportplantationen angelegt. Heute sind die Länder darauf angewiesen, Nahrungsmittel zu importieren, so dass sie gezwungen sind, weiter vorrangig für den Weltmarkt zu produzieren statt für die eigene Ernährung, da ihnen sonst die Devisen für den Import und die Schuldenrückzahlung fehlen. Das führt dann zu so grotesken Situationen, dass mitten in der Sahel-Dürrekatastrophe (1973-74) Obervolta Erdbeeren für den europäischen Weihnachtsmarkt produzierte.
Der Welthandel produziert Hunger
Durch diese Exportabhängigkeit fallen aber die Weltmarktpreise. Die Importländer der nördlichen Halbkugel können in dem Falle nämlich die Preise diktieren. (Die europäische Preis- und Abnahmegarantie der Lomé-Verträge ist insofern zwar der richtige Schritt, aber nur eine Teillösung, vor allem wenn man weiss, wie die US-Firmen mit Dumpingpreisen der EG sogar Märkte abjagen.) Mit fallenden Preisen sinkt aber auch das Interesse der afrikanischen (oder asiatischen, lateinamerikanischen …) Bauern an der landwirtschaftlichen Produktion. Sie verlassen die Dörfer und stärken in den Städten das Heer der Arbeitslosen und Hungerleidenden: eine politisch leicht manipulierbare Masse, die den Militärherrschern als (pseudo-) revolutionäre Basis dient. Diese politischen Eliten zeigen kaum Interesse an einer Agrarpolitik zugunsten der verarmenden und landflüchtigen Bauern, denn allein populäre Hilfsmassnahmen zugunsten dieser städtischen Mehrheiten (z.B. bewusst niedrig gehaltene Preise der Grundnahrungsmittel!) bringen ihnen politischen Gewinn. Profit aus dieser Landflucht ziehen aber nicht nur die Händler, die verstärkt Nahrungsmittel importieren können – der amerikanische "Agrobusiness" ist in Afrika fest im Sattel!-, sondern auch die Grossgrundbesitzer, die das verlassene Land billig aufkaufen und für ihre Monokulturen nutzen können. Die dort und in den seltenen Industrien angestellten Arbeiter verdienen aber so wenig, dass ihre Kaufkraft nicht reicht, um die Agrarpreise zu heben und die Bauern zu einer Mehrproduktion anzutreiben.
Ägypten musste 1983 1 Mio. Tonnen Mehl einführen aus den USA, aber ein Viertel der besten Ackerfläche des Landes, das mal die Kornkammer des Römischen Reiches war, ist für Baumwollproduktion, lies-Export, bestimmt. Costa-Rica hat seine Fleischexporte nach den USA verdoppelt, während der Fleischkonsum der eigenen Bevölkerung um 26%
sank. Unsere Hamburger und Steaks bedeuten ein Minus an Nahrungsmitteln für die Dritte Welt! Im Nordosten Brasiliens stirbt man seit 2 Jahren wieder vor Hunger, während das Land für Milliardenbeträge Soja als Futtermittel für europäische und amerikanische Kühe ausführt, und für 1 Mrd. US-Dollar (1979) Weizen einführte (7). 1930 war die gesamte Dritte Welt noch Selbstversorger!
Nicht selten stecken also ausländische, politische und wirtschaftliche Interessen hinter einer bauernfeindlichen Agrarpolitik. In Chile z.B. fiel seit dem Militärputsch von General Pinochet die für Weizen genutzte Anbaufläche von 700 000 ha auf 375 000 ha, die Anbaufläche für Zuckerrüben ging gar um 2/3 zurück. 1983 deckte die nationale Produktion nur 30% des Mehlbedarfs, 20% des Öl- und Zuckerbedarfs. Parallel stiegen selbstverständlich die Importe: Weizen von 460 000 t (1977) auf 1 034 000 t (1981), Zucker von 50 000 t (1977) auf 266 000 t (1980), 180 600 t (1982). Das war gewollt: seit 1973 wurden die Importsteuern, welche vorher die Landesproduktion schützten, gesenkt; Produzenten, die sich auf den Exportmarkt ausrichteten, erhielten staatliche Hilfen; eine gewaltige Abwertung des Peso (und die Aufwertung des Dollar) taen das übrige. Man schätzt, dass heute 40% der Chilenen unterernährt sind. Der Index der Lebensmittelpreise stieg allein in den letzten 6 Monaten von 1982 um fast 50% (gegenüber 39% für den allgemeinen Preisindex) (8). Der US-Agrobusiness scheffelt die Gewinne ein. In solchen Fällen bestimmt nicht mehr die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse die Produktionsentscheidung des Bauern (sofern er überhaupt noch selbständig entscheiden darf), sondern die Landwirtschaft wird zur reinen Profitquelle, die noch nicht einmal genügend abwirft, damit der Bauer selbst sich immer ernähren kann.
Das Klima allein ist also nicht schuld an den Hungersnöten. In der öffentlichen Meinung wird an 2. Stelle meistens die unfähige, lies korrupte Landesregierung als verantwortlich bezeichnet. Im Falle Äthiopiens fällt das umso leichter, als dort eine (pseudo-) marxistische Militärregierung Moskauer Prägung an der Macht ist. Tatsächlich muss dieses Einparteienregime sich den schweren Vorwurf gefallen lassen, mehr Geld in den Krieg gegen Somalia und in die Unterdrückung des Befreiungskampfes in der Nordprovinz Eritrea investiert zu haben (9), als es sich um wirtschaftliche Strukturveränderungen gesorgt hat. (Ohne es entschuldigen zu wollen, sei aber darauf hingewiesen, dass schon vor einem Jahr erste Warnungen betreffend eine bevorstehende Hungerkatastrophe in Äthiopien bei uns ankamen, diese aber wohl wegen der marxistischen Ausrichtung des Regimes von unsern Politikern einfach überhört wurden.) Diese Unfähigkeit mancher Dritte-Welt-Regierungen sollte im übrigen ein Grund mehr sein, die agrarische Selbstversorgung dieser Länder zu fördern, da Nahrungsmittel- und
finanzielle Hilfe häufig gar nicht bei den betroffenen Bevölkerungsteilen ankommen, bzw. von den besagten Politikern als Vorwand genutzt werden, keine ernsthaften strukturellen Hilfsmassnahmen in die Wege zu leiten.
Es gibt genug zu essen!
1983 gab es Hungersnöte in Bolivien, in Peru, im Nordosten Brasiliens,…
1984 gab es Hungerkrawalle in Tunesien, Marokko, Sao Paulo (Brasilien), …, Hungersnöte in Mosambik, Sahel, Äthiopien …
1985 werden zumindest letztere nicht bewältigt sein.
Auch unsere bäuerlichen Vorfahren litten vor 300 Jahren Hunger: die Zwei- oder Dreifelderwirtschaft brachte nur karge Erträge und die Abgaben für Grundherr, Kirche und König waren hoch. Und doch waren Hungerstote verhältnismässig selten; es gab sie nur unter besonderen Umständen: Kriege mit Verwüstung der Felder, ausgedehnte Regenfälle zur schlechten Jahreszeit, Viehseuchen …, Dass heute sich der Unterschied zwischen strukturellen Hungersnöten, chronischer Unterernährung und akuten Hungerkatastrophen verwischt, ist aber sicherlich weder die Folge einer weltweiten Klimaverschlechterung noch korrupter Regierungen.
Es ist nicht einmal die Folge eines weltweiten Nahrungsmangels: Alle Experten, alle Studien sind sich einig (nur die westliche Presse verschweigt es noch, da die Schlussfolgerungen zur Selbstkritik führen müssten): Die Weltnahrungsproduktion genügt, um die gesamte Erdbevölkerung zu ernähren: Schon 1980 hiess es im Jahresbericht der Weltbank: "Die Getreideproduktion allein könnte täglich für jeden Mann, jede Frau, jedes Kind mehr als 3000 Kalorien und 65 g Proteine liefern: das übersteigt den Bedarf, sogar wenn er grosszügig berechnet wird".(10).
Falsch ist nur die Verteilung der vorhandenen Nahrungsmittel. Der Weltbankbericht 1980 fuhr fort: "Um die Fehlernährung auszuschalten, würde es genügen, 2% der Weltgetreideproduktion zu jenen umzuleiten, die sie brauchen." 1982 erreichte die Weltproduktion die neue Rekordhöhe von 1544 Mio. Tonnen, 2% mehr als 1981. Die FAO schätzte 1982-83 die Weltreserven auf 329 Mio. Tonnen, 50 Mio. Tonnen mehr als im Vorjahr.
Aber in der Dritten Welt hat die Pro-Kopf-Produktion abgenommen. Im Zeitraum 1960-80 stieg der Nahrungsbedarf in der Dritten Welt um 3,5% im Jahr, während die Produktion nur um 2,8% wuchs (11). Im Chile fiel sie um 11% von 1970 bis 1979; in Brasilien nahm der Konsum der 11 gebräuchlichsten Nahrungsmittel von 1970 auf 1980 um 13% ab (12). In seinem Vortrag, den er im April 1983 auf Einladung der AFC-Solidarité Tiers-Monde in Luxemburg hielt, schätzte der damalige EG-Entwicklungskommissar Edgar Pisani, dass die Getreideimporte der Dritten Welt von heute 90 auf 250 Millionen Tonnen im Jahr 2000 steigen werden. Die Agrarüberschüsse der EG seien also nicht das Problem, meinte er, obschon er zugab, dass die EG-Agrarpolitik seines Erachtens in eine falsche Richtung läuft. (Die EG exportiert seit einigen Jahren z.B. Zucker und konkurrenziert damit Länder, aus denen sie früher importierte!) Wohl aber sei es ein Problem, wie man die armen Länder bewegen könne, wieder selbst zu produzieren, obschon billige Importe zur Verfügung stehen.
Grosse Unterschiede im Getreideverbrauch pro Kopf
Rudolf H. Strahn, Uberschwesterling – Unterentwicklung, 3. Auflage 1978
- Lauter Verlag GmbH, Stens-Mtr. in Verbindung mit den Verlagen Buckelundthaus und Christopherse
Grafik: Peter Hohschy – nach FAO/Agronomischen
Kopienverlagen, zur Kopiefreigegebenen für den nichtkommunalen Gebrauch.
Darin sind sich mittlerweile nämlich auch die meisten Experten einig: Hauptziel jeder vernünftigen Entwicklungspolitik muss die selbständige, importunabhängige Nahrungsmittelversorgung sein. Die Bauern, die immer noch den Grossteil der Bevölkerung in den armen Ländern stellen, müssen Anreize erhalten, selbst wieder mehr zu produzieren. Dazu gehören höhere Agrarpreise, aber unbedingt auch eine Umverteilung des Landbesitzes: auf eigenem Boden produziert der Bauer zighmal lieber und mehr als auf fremden Latifundien. Die dadurch steigende Kaufkraft wird dann auch dem Handwerk und der Klein- und Mittelindustrie der Dritte-Welt-Länder zugute kommen. Mittelfristig können die dadurch fallenden Agrarexporte der Industrieländer dann sogar durch eine steigende industrielle Nachfrage aus diesen Ländern aufgewogen werden.
Wie schwer es ist, dahin zu kommen, zeigten nicht nur die verhaltenen Reaktionen der europäischen Politiker auf das Memorandum, das Pisani ihnen 1982 vorlegte (13) und in dem er diese Überlegungen darstellte. Er erzählte in seiner Konferenz, wie schwer selbst die afrikanischen Politiker sich tun, auf solche agrarpolitischen Vorstellungen einzugehen; das am 8.12.1984 endlich unterzeichnete Lomé III-Abkommen setzt allerdings endlich entsprechende Zeichen. Es genügt nämlich nicht, dass die EG
aufhört, ihre Überschüsse zu niedrigen Preisen in die armen Länder zu exportieren, denn dann springen die US-Agrarkonzerne sofort in die Bresche, und deren Finanzkraft ist oft stärker als jene eines ganzen europäischen Staates (14). Eine solche Umorientierung verlangt aber auch eventuell von uns neue Essgewohnheiten: weniger Fleisch, weniger exotische Früchte, … Die gesamte liberale Weltwirtschaftsordnung, die letztlich nur den Multis Profit bringt, wird somit in Frage gestellt. Es ist wohl kein Zufall, dass 1984 kein Politiker, keine Zeitung den 10. Jahrestag der UNO-Erklärung über eine Neue Weltwirtschaftsordnung gefeiert hat. Der Zynismus wäre zu offensichtlich gewesen.
13 Millionen Franken wurden bis heute schon gesammelt. Vielleicht werden’s bei Erscheinen dieses Artikels 20 Millionen sein. Mit ihnen werden Menschen gerettet, die morgen tot wären. Auch ich habe deshalb mein Scherflein dazu beigetragen. Aber es plagt mich weiterhin die Frage: ändern wir damit die Spielregeln des Weltmarkts, die solche Katastrophen wenn nicht provozieren so doch ermöglichen? Nächstenliebe hat heute mit Politik zu tun. Den Spendenaufrufen der Caritas, Revue, usw., so notwendig sie auch sind, muss man leider den Vorwurf machen, solche Einsicht in Zusammenhänge zu verschleiern. Unsere Grossmütigkeit mag keine Grenzen haben. Wenn sie aber verhindert, dass dem Fass endlich ein Boden gebaut wird, beginnt sie pervers zu werden. Die Verantwortlichen und die Spender mögen’s bedenken. m.p.
(1) "Warum die Fondation Folleresu in Äthiopien hilft", in: LW, 8.12.1984, S.20.
(2) Siehe u.a. den Comic "Food First", den "forum" in den Heften 28(1978)-39(1980) veröffentlichte.
(3) Daniel Le Gac, Sahel: barrer la route au désert, in: Croissance des Jeunes Nations 265/ oct.1984, p.42; vgl. Artikel in (1).
(4) Vgl. "Bulletin d’informations" der "Jugendpor Lëtzebuerg", Nr.2/2.2.1974.
(5) Le Gac, p.43; vgl. (1).
(6) Zahlen nach Fischer- Weltalmanach 85.
(7) Albert Samuel, Vaincre la faim pas à pas, Dossier in CJN 254/ oct. 1983, pp. 31 sp.
(8) Denis Lagrange, Chill: la faillite alimentaire, in: CJN 254/ oct. 1983, pp. 20 sp.
(9) Aus diesem Grund rufen "APC-Solidarité Tiers Monde", "Boutique Tiers Monde" und "Iwerliemen für bedreete Völker" zu Spenden zugunsten der Bevölkerung in den befreiten Gebieten Eritreas auf (CCP 999-96 der APC-STM mit dem Stichwort "Hirse für Eritrea").
(10) Zit. u. übers. nach A.Samuel, p.31.
(11) Gilbert Blardone, Agriculture mondiale: abondance et sous-alimentation, in: CJN 248/ mars 1983, p.27.
(12) Wie (7).
(13) Vgl. Brennpunkt Dritte Welt, Nr. 52/ April 1983
(14) Vgl. Peter Krieg, Der Mensch stirbt nicht am Brot allein. Lesebuch zum Film "Septemberweizen", Wuppertal 1982, Kapitel 3: Kassaweizen, und 6: Blutweizen. (Die Filme sind im Verleih des "Office du Film Scolaire" in Walferdingen erhältlich.)
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