Keinen Tag bleib ich länger als nötig…

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bleib ich länger als nötig…"

Eine der Begegnungen aus meiner Tübinger Studentenzeit, die bei mir den stärksten Eindruck hinterlassen haben, war ein Gesprächsabend, den der Industrieseelsorger Paul Schobel im Winter 1974/75 für unsern Synodenarbeitskreis mit Arbeitern der Daimler-Werke in Böblingen arrangiert hatte. Ich sagte an jenem Abend kein Wort. Was diese Männer erzählten über ihre Arbeitswelt und über ihr Kirchenbild war für mich so fremd und andererseits so echt, mit der Wirklichkeit verwachsen, dass mir jede mögliche Bemerkung meinerseits als ihre Wirklichkeit nicht treffend, für die unverständlich vorkam. Ich denke, so ergeht es wohl den meisten von uns Intellektuellen, welche die Industriearbeit nur aus den Schulbüchern kennen, wohl abstrakte, wirtschaftstheoretische Überlegungen darüber anstellen, aber die alltägliche Wirklichkeit doch nicht kennen. Denn Bücher, die diese darstellen, dürften selten sein, einerseits weil die lesenden Gesellschaftsschichten daran kaum Interesse haben, andererseits weil es wohl ungemein schwierig ist, die materiellen Arbeitsbedingungen und sozialen Verhältnisse einigermassen konkret und wirklichkeitstreu literarisch darzustellen.

Das Verdienst dies fertiggebracht zu haben, kommt nun dem schon oben erwähnten Böblinger Industriepfarrer Paul Schobel zu:

Paul SCHOBEL, Dem Fließband ausgeliefert. Ein Seelsorger erfährt die Arbeitswelt, München/Mainz 1981, Kaiser-/Grünewald-Verlage (Gesellschaft und Theologie, Forum Sozialethik, Nr.12) 152 Seiten, ISBN 3-459-01345-1 (Kaiser), 3-7867-0863-0 (Grünewald).

Dreimal (1973,1974,1979) hatte Schobel nämlich "das Glück" am Fliessband von Daimler-Benz in Sindelfingen arbeiten zu können. Die nüchternen Berichte über diese Betriebserfahrung füllen die 73 ersten Seiten seines schmalen Buches. Sie sind ohne Zweifel die wichtigsten. Hier schildert einer, der es selbst erlebt hat, der sich aber im Gegensatz zu den vielen, die es tagtäglich erfahren, schriftlich ausdrücken kann, was es heisst, ein Fliessband zu "bedienen". Der Ausdruck ist

typisch: der Arbeiter tut nur das, was die Maschine von ihm verlangt, sie ist nicht mehr sein Hilfsmittel, sondern umgekehrt. Sie diktiert das Arbeitstempo. Sie nimmt ihm jede Entscheidungsfreiheit. Sie erlaubt ihm nicht, stolz zu sein auf "seine" Arbeit. Befriedigung vermittelt eine solche Tätigkeit nicht. Immer wieder klagen die Kollegen, die solches ein Leben lang machen müssen: "Langsam wirst du halt mit Sicherheit blöd …" (SS.22,61,111..) Es wäre ein Verrat an Schobels Text ihn hier zusammenfassen zu wollen. Man muss schon selbst lesen was Schichtarbeit bedeutet, welche gesundheitlichen Belastungen sie mit sich bringt, wie nach solcher Arbeit einfach keine Lust und meistens gar keine Möglichkeit besteht, sich für Politik, Kultur, Kirche, … Familie zu interessieren. Man muss selbst lesen, welche physische Kraft, welche Konzentration auch vom Fliessbandarbeiter immer noch verlangt wird, um 738 Kotflügel pro Tag einzulegen; wie der notwendige Zeitaufwand für jeden Handgriff gemessen wird; was es heisst, dass der Tag unendlich eintönig scheint und doch ständige Hetze verlangt ist. Ein alter Vertauensmann urteilte sehr hart: "Das ist ein KZ und nichts anderes, nur mit vornehmeren Methoden" (S.54). In der Tat, als Historiker fühlte ich mich auch an diese Schindereien erinnert.

Natürlich sieht Schobel auch die Wurzel des Übels. Die Bandgeschwindigkeit wird nicht von der Maschine eingestellt, das Kapital ist für die Arbeiter kein abstrakter Begriff. Deutlich wird dies z.B. als durch Streik eine neue Pausenregelung erreicht wurde: die Basis ist skeptisch, eine erhöhte Bandgeschwindigkeit wird sicher die vermehrten Pausen wettmachen.

Selbst die Gewerkschaft ist nicht allzugern gesehen. Die Entfremdung der Betriebsräte von den Produktionsarbeitern ist schon allzu gross. Die Forderungen werden im ‚Krawattenbau‘ ausgedacht, gehen kaum von der Belgeschaft aus.

Deutlich wird dies vor allem im 2. Teil des Buches in den Berichten, die von einigen Arbeitern selbst geschrieben wurden. P. Schobel fürchtete wohl sein Zeugnis könnte trotz allem doch noch unecht klingen, da er ja sicher war jeweils der Hölle nach 6 Wochen zu entrinnen. Doch die Arbeiteraussagen, so eindrucksvoll sie ohne Zweifel sind, ‚drehen oft um den Brei‘, man hat wohl Angst der Meister könnte den Text auch zu Gesicht bekommen. Denn die viel gelobte Kameradschaft hat auch Grenzen, vom Kapital wohl bewusst eingesetzt. Da gibt es die Kapos, die Kontrolleure, die wohl im selben Boot sitzen und trotzdem die Kameraden rügen und mit Meldung beim Meister drohen müssen. Dann gibt es den Ärger, wenn einer durch Missgeschick das Band wieder stoppen musste, die Tagesproduktion also mit erhöhter Geschwindigkeit gefertigt werden muss.

In diesen Arbeiterbeiträgen fallen vor allem die Folgen der Schichtarbeit fürs Familienleben auf: Viele Ehen brechen auseinander, weil Mann und Frau sich nur noch am Wochenende sehen, weil sie wegen der Kinder in Gegenschicht arbeiten. Und dann ist oft das Motorrad oder der Schrebergarten eine erfüllendere Beschäftigung als das Gespräch mit dem Ehepartner, da solche Arbeit im Gegensatz zu jener im Betrieb Zufriedenheit vermittelt.

Im 3. Teil versucht Paul Schobel seine Erfahrungen

zu systematisieren und auszuwerten.

Im 4. Teil geht es schliesslich um die ‚Kirche der Arbeiterschaft‘. Dass die Kirche nicht viel für oder mit Arbeitern tut, braucht keine lange Darstellung. Beide sprechen eine andere Sprache (siehe meine eingangs zitierte Erfahrung). Und die Kirche hat nicht einmal ein allzu schlechtes Gewissen, da sie den Arbeiter nur in seiner Freizeit kennt und sein dort an den Tag gelegtes Verhalten, mit dem er sich der Mittelstandsgesellschaft anzupassen sucht, für bare Münze hält. Und wenn sie mal Missstände aufdeckt, bringt sie es nie fertig die Wurzeln im System zu erkennen.

Wer hinten beginnt und P. Schobels Ausführungen über eine prophetische, solidarische Kirche der Arbeiter zuerst liest, dürfte enttäuscht sein. Viel mehr als Johannes Paul II, in der später erschienenen Enzyklika ‚Laborem exercens‘ sagt er nicht. Aber wer seine Erfahrungen und Überlegungen im ersten Teil des Buches vorher gelesen hat, weiss was die abstrakten Vorstellungen konkret bedeuten: ‚Kritik üben, anklagen, schonungslos entlarven. Solange Wirtschaft und Gesellschaft nach dem ‚Prinzip des Stärkeren‘ funktionieren, werden sie nicht ‚human‘ (…) werden können‘ (S.135).

Zudem hat P. Schobel auch sehr konkrete Vorschläge. Sein am Schluss vorgestellter ‚Daimler-Treff‘ für Schicht- und Akkordarbeiter/innen ist ein Beispiel. Hier erleben Arbeiter/innen bewusst den Arbeitsalltag und überwinden ihre Scheu und Scham darüber zu reden. So wird es möglich sein, das oft in kirchlichen Kreisen gehörte Vorurteil, ihr Schweigen zeige, dass die Arbeiter letztlich mit ihrer Arbeit zufrieden seien, zu durchbrechen.

P. Schobel entscheidet sich dabei für eine schichtspezifische pastorale Arbeit. Arbeiter müssen seines Erachtens zuerst unter sich, auf ihre Art ‚bewusst‘ werden. Sie werden selbst dann die besten Apostel bei den Arbeitern sein. Der Dialog mit sozial andersstrukturierten Gemeinden wird später von selbst erfolgen. In ‚gemischten‘ Pfarreien ist die Gefahr zu gross, dass Mittelständler (ungewollt!) Arbeiter mundtot machen. Die Erfahrung der meisten Pfarrgemeinderäte gibt ihm recht.

Der IG-Metall-Bezirksleiter Franz Steinkühler (Stuttgart) kann im Nachwort als Gewerkschaftler nur seiner Betroffenheit Ausdruck verleihen. Wieviele Luxemburger Gewerkschaftler, wieviele Pfarrer aus Industriegebieten (und andere) werden ihrerseits von diesem Buch betroffen sein?

michel pauly

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