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Eureka im CUL?
In Fortsetzung der Serie über die staatlichen Kulturinstitute nehmen Simone Baldauff-Beck und Michel Pauly diesmal das "Centre Universitaire de Luxembourg" (CUL) unter die Lupe. Sie sprachen mit Präsident Paul Margue und Direktor Gilbert Trausch und stellten fest, daß auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forschung die Möglichkeiten des CUL größer sind als sie derzeit in der Praxis wahrgenommen werden.
Spätestens seit François Mitterand das Projekt "Eureka" lanciert hat, ist die wissenschaftliche Forschung auch im Munde der Politiker zum modischen Schlagwort geworden. Auch bei uns fordern sie – vom CSV-Fraktionspräsidenten F. Colling bis zum LSAP-Staatssekretär im Wirtschaftsministerium J. Lahure – eine verstärkte staatliche Förderung der wissenschaftlichen Forschung, ohne die so dringend notwendige industrielle Innovation nicht möglich sei. Die Industriellenföderation belohnt jene Betriebe mit Ehrenpreisen, die eigene Forschungsprojekte entwickeln und vermarkten. Auch die Abgeordnetenkammer bildete eine neue parlamentarische Kommission "Recherche et Innovation".
Solche Forschung hat auf den ersten Blick wenig mit Kultur zu tun, umso mehr aber mit Wirtschaft. Und doch müsste auch sie einen geeigneten Rahmen finden, um unabhängig vom Privatkapital im Dienste der nationalen Gemeinschaft das intellektuelle Potential unseres Landes zu verbessern. Dies gilt vor allem für jene unabdingbare Grundlagenforschung, die nicht immer direkt kommerziell verwertbar ist, ohne die aber angewandte Forschung nicht denkbar ist.
Im Ausland gibt es für solche Zwecke spezifische Forschungseinrichtungen, meistens in der Form von Universitäten. Das "Centre Universitaire de Luxembourg" (CUL) scheint sich zu sehr auf die Lehre zu konzentrieren und die Forschung zu vernachlässigen. Das gilt nicht nur für die "modernen" Wissenschaften wie Biologie, Chemie, Physik, Medizin oder Informatik, sondern selbst für die traditionellen Humanwissenschaften wie Geschichte, Geographie, Linguistik oder Literaturwissenschaft. Da aber, wie wir in den vorhergehenden Beiträgen gesehen haben, auch an anderen staatlichen Instituten wie Staatsmuseum, Nationalbibliothek oder Archiv, die Forschung nicht gerade gross geschrieben wird, scheint es im allgemeinen eher schlecht bestellt um Luxemburgs wissenschaftliche Tätigkeit. Kultur scheint nur mit der Erhaltung des Vergangenen oder Gegenwärtigen zu tun zu haben, die Erschliessung von neuem zukunftsorientiertem Wissen aber scheint kaum in den staatlichen Instituten zu geschehen.
Die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese gefährliche Lage zu ziehen, hatten sich am 25. Januar 1984 acht Wissenschaftler zur Aufgabe gestellt, indem sie ein Rundtischgespräch über "L’enseignement universitaire et la recherche scientifique au Luxembourg" organisierten. Da der 1977 geschaffene "Conseil luxembourgeois pour la recherche scienti-
fique" wegen seiner Schwerfälligkeit völlig versagt hatte, wollten Jul Christophory (Linguistik), Paul Kintziger (Biologie), Norry Kirsch (Chemie), Henri Kintziger (Medizin), Jean-Paul Pier (Mathematik), Charles-Marie Ternes (Geschichte und Archäologie), Claude Wehenkel (Mikroelektronik) und Robert Wennig (Pharmakologie) ihre Verantwortung übernehmen und auf die bestehenden Missstände hinweisen. Nicht zu Unrecht stellten sie fest, dass so manche junge Luxemburger Forscher entweder ein Betätigungsfeld im Ausland suchen oder hier auf eigene Kosten forschen müssen. Auch galt ihre Hauptkritik dem "Centre Universitaire de Luxembourg" und sie verlangten: "Afin de se donner les meilleures chances pour dispenser un enseignement de haute qualité, le Luxembourg devrait se doter d’une infrastructure culturelle en développant son enseignement universitaire. L’enseignement supérieur devrait pouvoir offrir les études d’un premier cycle complet dans plusieurs spécialités. Il devrait aussi favoriser des activités postuniversitaires de haut niveau dans certaines disciplines: un enseignement du type IIIe cycle en tenant compte des spécificités luxembourgeoises devrait être organisé systématiquement."
Die Zeit, da es an Fachkräften in der Luxemburger Wirtschaft und an Lehrkräften im Luxemburger Unterrichtswesen mangelte, gab es natürlich wenig Möglichkeiten, Leute für Forschungszwecke freizustellen. Nun aber, da Arbeitslosigkeit herrscht,
und dies auch bei Akademikern, da Lehramtskandidaten abgewiesen werden, wäre der Aufbau von Forschungsinstituten sicher möglich, nicht um der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken, sondern um das "graue Kapital" des Landes zu nutzen und für die eigene wirtschaftliche, soziale und kulturelle Zukunft einzusetzen.
Als wir die Verantwortlichen des CUL, Herrn Paul MARGUE, Präsident, und Herrn Gilbert TRAUSCH, Direktor, auf diese Probleme ansprachen, zeigten sie sich sofort einverstanden mit der Forderung nach einem Ausbau der Tätigkeit des CUL: Wenn man nicht vom Aufbau einer gesamten Universität in Luxemburg träume, sondern nur von einem zweijährigen Zyklus, entspräche man durchaus ihren Zielvorstellungen. Ein auf zwei Jahre ausgebauter unterer Zyklus also, der auch von ausländischen Universitäten anerkannt (wenn nicht erwünscht!) würde und eine verstärkte Tätigkeit im Bereich der postuniversitären Lehre und Forschung seien unbedingt anzustreben. Was nun die Kritik an der mangelnden Forschungstätigkeit (zugunsten der reinen Lehre) anbelangt, so belehnen sie uns allerdings, dass am CUL mehr geschieht als öffentlich wahrgenommen wird. Am CUL laufen vier Forschungsprojekte in dem Bereich der Naturwissenschaften (Mathematik – wobei das "Séminaire de Mathématiques" immerhin schon zwei internationale Kolloquien mit je über 100 Fachleuten organisiert hat -, Physik, Biologie und Chemie in Zusammenarbeit mit den Universitäten Nancy, Strasburg und Lüttich sowie dem "Centre Hospitalier"), ein Projekt im Bereich Geschichte (Erforschung der Echternacher Vergangenheit – allerdings ein Ein-Man-Projekt, das auf 20 Jahre angelegt ist, und entsprechend auch Kredite monopolisiert) und ein Projekt im Bereich vergleichende Literaturwissenschaft (in Zusammenarbeit mit der Universität Aachen). Auch internationale Tagungen von Fachwissenschaftlern finden regelmässig statt, sei es in eigener Regie (z.B. die "Journées Lotharingiennes", welche sich alle zwei Jahre dem Studium mittelalterlicher Probleme im Raum Mosel-Maas widmen), sei es indem das CUL seine Infrastruktur autonomen wissenschaftlichen Vereinigungen zur Verfügung stellt. Allerdings macht das CUL wenig Reklame für diese Forschungstätigkeit und es fehlen auch die Kredite zur Veröffentlichung der Resultate. Die Akten der beiden ersten "Journées Lotharingiennes" (1980 und 1982) wurden z.B. von der "Section Historique de l’Institut Grand-Ducal" veröffentlicht und finanziert; wegen Geldmangels muss der Aktenband der dritten "Journées" (1984) auch dort noch ungedruckt warten.
Etwas erstaunt zeigten sich die beiden Verantwortlichen des CUL über eine Reihe lödlicher (!) Initiativen, die das Kulturministerium zur Zeit entwickelt – internationales Kolloquium über die Besatzungsgebiete im 2. Weltkrieg, audiovisuelle Erforschung der Industrialisierungsperiode im Süden des Landes, luxemburgische Sprachakademie, Literaturgeschichte Luxemburgs, u.a.m. – die offenbar in freier Tätigkeit durchgeführt werden sollen, während das CUL durchaus zu einer Zusammenarbeit bereit wäre, die solchen Projekten auch eine institutionelle Verankerung sichern könnte.
Eine bauliche Erweiterung des CUL soll nächstes Jahr in Angriff genommen werden: 50 Millionen sind dafür im 1986iger Haushaltsplan vorgesehen. Zum Anstoss mag das genügen, später muss aber der Etat aufgestockt werden, soll sich der Neubau nicht auf lange Jahre hinaus ausdehnen. Er dient hauptsächlich dem "Département des Sciences", das unter äusserst schwierigen Umständen im LGL auf Limpertsberg arbeitet. Dieser Neubau mit der dazugehörigen Apparatur wird der Forschung neue Möglichkeiten eröffnen.
Was nun die Forschungspolitik anbelangt, so versuchten die Herren Margue und Trausch mit ernstzunehmenden Argumenten Unterrichtsminister Fernand Boden, von dem man ja in dieser Hinsicht weit weniger hört als etwa von seinem Kollegen Kulturminister, zu rehabilitieren. Als nämlich auf Betreiben des Wirtschaftsministeriums die Regierung beschloss, ein Gesetzesprojekt über Forschungsförderung auszuarbeiten, dachten die Initiatoren eigentlich nur an die industrielle Innovation. Minister Boden aber liess ein Vorprojekt redigieren, in dem alle Forschungszweige, auch z.B. die Humanwissenschaften berücksichtigt werden sollen. Nach dem Vorbild etwas der "Deutschen Forschungsgemeinschaft" wollte er einen "Fonds national de la recherche scientifique" schaffen, der Impulse geben könnte, indem er ihm unterbreitete Forschungsvorhaben gezielt finanziell unterstützen würde. Ein unabhängiges Gremium von Fachleuten für jeden wissenschaftlichen Zweig sollte, eventuell in Absprache mit ausländischen Kollegen, die Vorhaben auswählen, die nach Kriterien des nationalen Nutzens und der Machbarkeit, am ehesten oder am stärksten gefördert würden. Eine solche Zentraleinrichtung sollte auch die Einbeziehung von Privatgeldern à la "Volkswagen-Stiftung" ermöglichen. Die Vergabe von Freistunden zu Forschungszwecken an Lehrer ("décharges pour recherche scientifique"), die bisher allzu häufig eher auf persönlichen Beziehungen zu beruhen scheint denn auf einer durchdachten Politik, könnte in Zukunft ebenfalls nach anerkannten Kriterien vom selben "Fonds"-Beirat gewährleistet werden. Dieses Projekt aus dem Unterrichtsministerium fand aber im Wirtschaftsministerium offenbar wenig Anklang und zur Zeit ist nicht abzusehen, wie es weitergehen wird. Eine zentrale Steuerstelle für Forschung jeder Art, die gültige Kriterien für staatliche Förderungszuschüsse erarbeiten würde, scheint jedenfalls nicht mehr vorgesehen zu sein.
In: La Croix 25.10.82
Doch auch ohne neues Gesetz wäre vieles möglich. Im Statut des CUL ist die Forschung offiziell vorgesehen. Es fehlt nur an den Haushaltsmitteln um diesen gesetzlichen Auftrag auszuführen. An kompetenten Interessenten fehlt es in den meisten Branchen ebenfalls nicht. Auch auf der jetzigen Basis also könnte die Regierung zeigen, ob sie der Forschung in Luxemburg eine echte Chance geben will.
Und noch etwas wäre leicht möglich: Sekundarschullehrer, die an wissenschaftlicher Tätigkeit interessiert sind, könnten ohne grössere organisatorische Probleme für Forschungszwecke (stundenweise) freigestellt werden, sei es dass sie am CUL, am Museum, am Archiv oder an der Nationalbibliothek eine Teilzeitarbeit erhalten. Derzeit versucht der Unterrichtsminister aber offenbar solche Stundendeputate ("décharges") möglichst einzu-
schränken. Es gibt sogar Lehrer (und andere Beamte?), die bereit wären, während einem oder mehrerer Jahre auf einen Teil ihres Gehaltes zu verzichten, um sich der wissenschaftlichen Forschung zu widmen, denen das aber duch das 1981 votierte Gesetz über den Staatsbeamtenstatus verboten wurde (es sei denn, sie haben Kleinkinder zu erziehen und verzichten auf die Pensionsansprüche während dieser Zeit).
Ohne wissenschaftliche Forschung aber ist Kultur nun einmal nicht denkbar. Diese Forschung ist nicht ein Gegensatz zur kulturellen Freizeitbeschäftigung, die den Staat nichts kostet (?… und die Vereinssubsidien?), sie ist nicht ein elitärer Luxus, den ein Kleinstaat sich nicht leisten kann. "Le Luxembourg a-t-il le droit de recevoir plus qu’il ne donne, de se cantonner dans un rôle de consommateur – de consommateur de produits matériels et intellectuels étrangers? Peut-il avoir un avenir s’il ne s’efforce pas de favoriser au plus haut niveau la formation professionnelle, d’encourager le savoir-faire, de donner à sa jeunesse et à ses forces vives la possibilité de s’investir sur place? Le capital le plus précieux d’un pays
à long terme est son acquis intellectuel. Dans le développement et la mise en valeur de ce capital l’université assume la fonction de catalyseur." So schrieben 1984 die schon zitierten acht Luxemburger Wissenschaftler. Das CUL hat ohne Zweifel gerade angesichts der Wirtschaftskrise eine hoch notwendige Aufgabe zu erfüllen, natürlich in Zusammenarbeit (die übrigens auch nicht optimal organisiert ist) mit den anderen staatlichen Kulturinstituten, die "forum" schon vorgestellt hat und noch präsentieren wird. Die Politiker aus Regierung und Parlament täten gut daran, für eine finanzielle und personale Erweiterung der Möglichkeiten des CUL Sorge zu tragen. Es wäre schon ausreichend, wenn die Forschung, – und dies auch im Interesse der wirtschaftlichen Zukunft unseres Landes – mit den gleichen finanziellen Mitteln unterstützt würde wie der – zugegebenermassen wahlpolitisch eintragreichere – Sport. Diese Mittel würden dazu beitragen eine unserem Land angemessene Forschungspolitik zu betreiben. Es verlangt ja niemand, morgen müsse im CUL ein Projekt geboren werden, mit dem Luxemburg am "Eureka"-Programm teilnehmen könnte. (Warum eigentlich nicht?)
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