Langes Warten lohnte sich

Erfolgreiche archäologische Grabung in Diekirch

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Mehr als zehn Jahre lang war die Sanierung der Diekircher Altstadt im sog. "Dechensgaart" Gesprächsthema Nummer 1, sowohl im Gemeinderat als auch unter der Bevölkerung. Mehrere Gemeindewahlkämpfe standen im Zeichen der längst überfälligen Erneuerung des Viertels hinter der alt-ehrwürdigen St.-Laurentius-Kirche, wo ein 6325 m² großes Areal seit Jahrzehnten zum Teil brach lag. Nach 1988 kam die Firma "Match" auf ihr Interesse zurück, hier ein Geschäftszentrum zu errichten. Die Stadtverwaltung nutzte nun die Gelegenheit, die Interessen der Geschäftswelt mit den Interessen einer Stadtkernerneuerung zu verbinden, denn allein mit kommunalen Mitteln war nicht daran zu denken, das Stadtviertel zu sanieren. Nach einigem Hin und Her mit dem Bauherrn erwies sich, daß die Stadtverwaltung einen guten Verbündeten in der Person des Lütticher Architekten J. Kaisin hatte, der das "Match"-Projekt ausarbeiten sollte und die Berücksichtigung der urbanistischen Interessen im Herzen der Altstadt als

Herausforderung verstand. Es sollte nun nicht mehr nur darum gehen, ein Geschäftszentrum zu bauen, sondern gleichzeitig frühere Straßen wiederaufzubauen und öffentliche Infrastrukturen vorzusehen.

Als die ersten Pläne dann nach über einem Jahr Verhandlungen zwischen der Stadt und dem Promotor auf dem Tisch lagen, schaltete die Stadtverwaltung das Kulturministerium und die staatliche "Commission nationale des Sites et Monuments" (CoSiMo) ein. Letztere setzte nun eine Reihe von architektonischen Auflagen durch: Dachhöhe- und form, Straßenverlauf, Fassadenflucht u.a.m. sollten der Nähe der St.-Laurentius-Kirche und der zentralen Lage des Projekts besser Rechnung tragen.

Gleichzeitig wurde der archäologische Grabungsdienst des Staatsmuseums über das Vorhaben informiert, da mit Resten einer Römervilla gerechnet wurde, die schon 1926 in unmittelbarer Nähe ent-

Erfolgreiche Grabung im "Dechensgaart" in Diekirch in der Nähe der St.Laurentius-Kirche. (Photo: MNHA)

deckt worden waren, und die frühmittelalterliche Kirche auch auf die Existenz einer Wohnsiedlung schließen ließ. Die Voruntersuchungen der Archäologen waren denn auch sehr vielversprechend, und eine fachmännische Vollgrabung wurde beschlossen, die aber keine Restauration der erhofften Funde erwarten ließ. Die acht Monate dauernde Grabung unter der Leitung von Christiane Bis-Worch war mehr als erfolgreich, denn nicht nur gallo-römische Reste wurden freigelegt, sondern auch – den Schichten von oben nach unten folgend – der mittelalterliche Stadtgraben, Wohnbauten und Gräber aus der Karolingerzeit, eine römische Straße und Kanalisationsanlage, eine eisenzeitliche (8.-7. Jh. v. Chr.) sowie eine jungsteinzeitliche Siedlung, einer der westlichsten Funde der Rössener-Kultur (4.-3. Jahrtausend v. Chr.), der je in Europa gemacht wurde.

Die Diekircher Grabung ist vor allem ein gutes Beispiel dafür, daß trotz länger dauernder Grabung der Baubeginn nur unwesentlich (höchstens drei, vier Wochen) verzögert wurde. Weil der archäologische Grabungsdienst frühzeitig informiert wurde, konnte er für seine Arbeiten die gesamte Zeitspanne nutzen, während der noch eine ganze Reihe von Planungsschritten und Vorbereitungsarbeiten (Landerwerb, Verträge, Commodo-Incommodo-Verfahren u.ä.) durchzuführen waren, bevor mit den eigentlichen Bauarbeiten begonnen werden konnte. Außerdem ist das Diekircher Beispiel ein weiterer Beweis, daß archäologische Grabungen keineswegs zur völligen Umgestaltung der ursprünglichen Baupläne führen müssen. Selbst sensationelle Grabungsergebnisse wie hier bringen nicht unbedingt die Notwendigkeit mit sich, die alten Strukturen in situ zu erhalten oder gar wiederaufzubauen. Die historisch interessantes-

ten Strukturen lassen sich häufig gar nicht erhalten, sei es weil es sich nur um Erdverfärbungen handelt, sei es weil die Archäologen selbst sie abbauen müssen, um tiefer liegende Schichten freizulegen.

Die Diekircher Stadtverwaltung ist, wie uns Kulturschöffe Robert Bohnert (CSV) versicherte, natürlich hochzufrieden, daß es möglich war, Geschäftsinteressen und Altstadtsanierung und historische Forschung auf einen Nenner zu bringen. Der demnächst fertiggestellte, neue Bebauungsplan für Altdiekirch wird auf jeden Fall strenge Auflagen für Neubauten im Stadtkern vorsehen, die eine Erweiterung der historischen Kenntnisse ermöglichen sollen.

R. Bohnert hofft, daß das Staatsmuseum nicht auf den ausgegrabenen Fundgegenständen sitzenbleiben wird. Die Diekircher Stadtverwaltung möchte sie vor Ort ausstellen, doch die staatlichen Ausgräber sind bislang wenig begeistert von den in Aussicht genommenen Räumlichkeiten – und es mangelt ihnen wieder an Zeit, lies Personal, um die museologische Aufbereitung der Funde durchzuführen. Eine dezentrale Ausstellung der archäologischen Ergebnisse wäre aber höchst wichtig für eine noch breitere Sensibilisierung der Bevölkerung – und dadurch auch der potentiellen Promotoren – für die Belange der historischen Forschung und wird auch im Ausland von den Fachleuten überall begünstigt. Vielen Gemeinden, inklusive der Diekircher, fehlt es aber am nötigen Geld, um ihre kulturellen Schätze würdig zur Schau zu stellen. Die im Regierungsprogramm vorgesehene Dezentralisierung der Kulturpolitik, die auch finanzielle Mittel für kommunale Initiativen dieser Art zur Verfügung stellen müßte, läßt immer noch auf sich warten. m.p.

In Diekirch war es möglich, Geschäftsinteressen und Altstadtsanierung und historische Forschung auf einen Nenner zu bringen.

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