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"Jahrhundert des Kindes wollte unser Zeitalter einmal genannt werden, ein Jahrhundert der Flüchtlinge ist es geworden." (Heinrich Böll)
Mehr als 13 Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht. Die Dunkelziffer ist außerordentlich hoch. Sicher ist nur, daß die Zahl der Flüchtlinge ständig wächst. 1979 stand die Flüchtlingsbewegung aus Indochina im Brennpunkt des Weltinteresses, 1980 war es jene aus Afghanistan, heute sind es die Flüchtlinge in Mittelamerika. Gerade die lebensgefährliche Flucht von über 1 Million Menschen, davon rund 500 000 auf seeuntüchtigen Booten, aus Vietnam und Kamputschea, hat die Weltöffentlichkeit auf das Problem der Flüchtlinge aufmerksam gemacht.
1. Wer ist Flüchtling?
Im "Westermann Lexikon der Geographie" wird ein Flüchtling definiert als "Mensch, der vor Verfolgung oder wegen Gefahr für Leib und Leben, vor einem Krieg oder wegen politischen Druck, in gewissem Sinne aber noch freiwillig, sein Heimatland verläßt, ohne zunächst die Staatsangehörigkeit zu verlieren."
Ein Flüchtling kann ebenfalls definiert werden als Mensch, der den Schutz des Staates, in dem er lebte, verloren hat und der nicht unter dem Schutz eines andern Staates steht. Ein Flüchtling ist somit benachteiligt gegenüber einem andern Ausländer: er kann ja nicht mehr mit der Hilfe seines Staates rechnen (z.B. wenn er vom Konsul Papiere über seine Identität, Zivilstand, Familienstand, Studien, usw. bekommen will).
Die moderne Bevölkerungsgeographie versteht unter dem Begriff "erzwungene Mobilität" die "Mobilitätserscheinungen, die durch psychische oder physische Gewalt verursacht sind" und faßt damit politische Flüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge, Vertriebene, Verschleppte, Deportierte zusammen.
Eine Typologie der Wanderungsbewegungen hat der Soziologe Peterson erstellt. Er unterscheidet nach den Motivationen der Migranten: Zieht jemand mit der Absicht um, im Zielgebiet eine Verbesserung seiner derzeitigen Lebensverhältnisse zu erreichen, gilt er als innovativ. Soll der bisherige Lebensstandard bewahrt werden, spricht Peterson von einem konservativen Migrationstyp. Diese Unterscheidung hilft auch heutige Wanderungsbewegungen zu erklären.
Kausalschema Zwangswanderungen
| Beziehung | Ursache der Wanderung | Art (Klasse) der Wanderung | Wanderungstypus | |
| — | — | — | — | — |
| | | | konservativ | innovierend |
| Natur und Mensch | ökologischer Druck | ursprünglich (engl. primitive) | Wanderung – Ranging – | Landflucht |
| Mensch und Staat (oder Äquivalent) | Wanderungs- politik | gewaltsam zwangsweise | Verschleppung Flucht | Sklavenhandel Kuli-Handel |
| Mensch und seine Normen | Streben nach Besserem | freiwillig | Gruppenwanderung | Pioniere |
| kollektives Verhalten | soziale Verhältnisse | massenhaft | Besiedlung | Verstädterung |
2. Erzwungene Mobilität im Laufe der Geschichte
Flüchtlinge gab es zu allen Zeiten.
Die meisten historischen und gegenwärtigen Zwangsmigrationen sind – außer den Sklavenwanderungen des Altertums und dem kolonialen Sklavenhandel – auf politische und/oder kriegerische Auseinandersetzungen zurückzuführen, z.T. haben sie auch religiöse Gründe.
Chronisten zählen dazu den Auszug des Volkes Israel aus Aegypten.
In der antiken griechischen Gesellschaft konnte durch ein Ostrakismos (Tonscherbengericht) ein Mann für 10 Jahre außerhalb des Landes geschickt werden, um ihn aus dem politischen Leben der Stadt zu entfernen. Gleichzeitig kannten alle griechischen Städte das Asylrecht. Dem Fremden, der "Asylie" genoß, wurde von den Behörden und Gerichten der gewährenden Stadt Rechtsschutz zugesichert.
Nach seinem Einzug in Rom erließ Sulla 82 v. Chr. die "lex Cornelia de proscriptione": die Namen seiner Gegner wurden öffentlich angeschlagen, die Geächteten waren vogelfrei. Viele versuchten durch Flucht ihr Leben zu retten.
Viele Wanderungen ganzer Völker, Stämme oder Stammesfehden haben in der Vergangenheit eine entscheidende Rolle gespielt und so zur Verteilung der Weltbevölkerung beigetragen:
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die frühen Hochkulturen der Menschheit in den Flufoasen des Vorderen Orients und im Mittelmeerraum waren immer wieder das Ziel von Nomadenstammen, die zivilisatorisch und kulturell auf niedriger Stufe standen;
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die sogenannte 1. und 2. indoeuropaischen Wanderungen führen zu gewaltigen Bevolkerungsumschichtungen und zur Entstehung neuer politischer Ordnungen und Kulturen im Mittelmeer- und vorderasiatischen Raum;
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im Zuge der griechischen Kolonisation wurden die Kusten des Mittel- und Schwarzen Meeres von zahlreichen Ackerbau- und Handelskolonien besetzt;
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die bei Griechen, Römern, in China und im islamischen Bereich übliche Sklavenwirtschaft war mit großen Zwangswanderungen verbunden;
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die germanische, die slavische und die arabische Völkerwanderungen haben die mittelalterlichen und z.T. bis heute nachwirkenden kulturell-politisch-religiösem Gruppierungen in der "Alten Welt" eingeleitet und bestimmt.
Als Beispiele für religiös bedingte Flüchtlingsbewegungen kann man die Vertreibung der Juden aus Spanien Ende des 15. Jh. erwähnen und die Flucht der Hugenotten aus Frankreich, als im Jahr 1685 das Edikt von Nantes aufgehoben wurde. Damals verließen 100 000 Protestanten Frankreich in Richtung Deutschland, Holland und England. Die französischen Hugenotten, die in Preussen als "réfugiés" aufgenommen wurden, legten dort die Grundlage für die Blüte merkantilistischer Manufakturen und gründeten Dörfer und Dorfgruppen, um von dort aus mit eigenem Anbaustil und eigenen Anbaupflanzen zu wirtschaften. Neben den Hugenotten entzogen sich auch andere protestantische Religionsgruppen und Sekten einer Verfolgung durch grenzüberschreitende Wanderungen: so z.B. die Baptisten, die Mennoniten, die Waldenser.
Die europäische Erschließung Amerikas ist verbunden mit umfangreichen Sklavendeportationen, v.a. aus dem westlichen Teil Aequatorialafrikas: zwischen 1520 und 1850 wurden 8 – 12 Millionen Neger in die östlichen Küstenregionen des nördlichen Südamerikas, auf die Westindischen Inseln und in das südliche Nordamerika gebracht. Bei der Edelmetallgewinnung, der Perlfischerei und in der Plantagenwirtschaft wurden die schwarzen Sklaven eingesetzt. Die Versklavung der indianischen Bevölkerung war von der portugiesischen und der spanischen Kolonialverwaltung und von der katholischen Kirche verboten worden. Nach der sukzessiven Abschaffung des Sklavenhandels (19. Jh.) setzten große Binnenwanderungen in den USA, z.T. auch Rückwanderungen nach Afrika (Liberia) ein. Die Probleme, welche diese Bevölkerungsbewegungen ausgelöst haben, sind heute noch erkennbar: starke Rassentrennung, Benachteiligung der US-amerikanischen Neger im öffentlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben. Negerghettos, soziale Segregation.
Politische Radikalisierungstendenzen, häufig zusammen mit einem übersteigerten Nationalismus und dadurch entstandene Kriege (1. und 2. Weltkrieg, Japanisch-Chinesischer Krieg, Russischer und Spanischer Bürgerkrieg), Auseinandersetzungen während und nach der Entkolonialisierung und Konflikte in den Überschneicungszonen weltpolitischer Interessen sind die Hauptursachen für die Zunahme der Zwangsmigrationen im 20. Jahrhundert. Die Zahl der Flüchtlinge nahm derart zu, daß internationale Hilfsprogramme notwendig wurden.
3. Der Beginn der Flüchtlingshilfe
Nach der Vertreibung bzw. Flucht von 1 Million Armeniern aus der Türkei (1890-1919) kam es zu einer ähnlich großen Flüchtlingsbewegung nach 1917: rund 1,5 Millionen russische Flüchtlinge suchten Asyl in Europa und in den USA. Um den russischen Flüchtlingen zu helfen, schuf der Völkerbundesrat im Jahre 1921 ein Hochkommissariat für Flüchtlinge, das unter der Leitung des norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansen (Friedensnobelpreis 1922) stand. Ein internationales Abkommen regelte die Flüchtlingsbewegungen; ein sogenannter "Nansen-Pass" wurde für Staatenlose eingeführt. 53 Staaten unterzeichneten diese Abkommen zugunsten der russischen Flüchtlinge, 38 Staaten zugunsten der armenischen Flüchtlinge. Kein anderes Abkommen hat damals eine so breite Zustimmung erlangt!
Im Jahre 1933, nach Nansens Tod, wurde eine Konvention über den Status der russischen, armenischen, assyrischen und türkischen Flüchtlinge von 8 Staaten ratifiziert. Die Verfolgung der Juden und der Gegner des Nationalsozialismus während der Hitlerdiktatur erforderte dann eine neue Zusammenarbeit. Da Deutschland noch Mitglied des Völkerbundes war, konnte der Völkerbund keine Flüchtlinge dem Schutz eines seiner Organe unterstellen. Es mußte daher eine neue Behörde geschaffen werden: das Hochkommissariat für Flüchtlinge aus Deutschland. Eine neue Konvention (1936) sicherte den deutschen Flüchtlingen denselben Status wie den Russen und den Armeniern.
Der Spanische Bürgerkrieg (1936-1939) löste dann eine Flüchtlingsbewegung von Spanien nach Frankreich aus. Ohne internationale Absprache dehnte Frankreich damals die Konvention von 1933 auf spanische Flüchtlinge aus.
Seit 1945 wurde die Flüchtlingsproblematik immer dramatischer. 400 000 Karelier flüchteten vor der sowjetischen Besatzung nach Finnland. Millionen von Kriegsgefangenen und Deportierten kamen nach Hause zurück, 12 bis 15 Millionen Deutsche verließen die deutschen Ostgebiete, Hunderttausende Polen, Rumänen, Bulgaren, Juden wollten nicht nach Osteuropa zurück. Die UNRRA (Unites Nations Refugee Relief Agency) übernahm die materielle Betreuung der Flüchtlinge, ein internationales Komitee (1938 auf Initiative Roosevelt gegründet) gewährte ihnen juristischen Schutz. Der Ruf nach einer für alle Flüchtlinge kompetenten Organisation wurde laut. 1946 wurde dann von der UNO die Internationale Flüchtlingsorganisation gegründet. Die Mehrzahl der Mitgliedstaaten stimmte zu, mit Ausnahme der Ostblockländer, die die Flüchtlinge aus ihren Ländern nicht als Flüchtlinge anerkannten und deren Repatriierung forderten. Nachdem mehr als 1 Million von "displaced persons" in verschiedenen Ländern installiert worden waren, wurde 1950 diese Organisation aufgelöst. Ihre Funktionen wurden einem neuen "Hohen Kommissariat für Flüchtlinge" (UNHCR = United Nations High Commission for Refugees) übertragen. Die Genfer Konventionen reichten nicht mehr aus, so daß 2 neue Abkommen, die weltweit Anerkennung fanden, über den Rechtsstatus der Flüchtlinge unterzeich-
in: L’Etat du monde 1983, p.527
net wurden: die Konvention von 1951 und das Protokoll von 1957. (siehe S.3f.)
4. Flüchtlinge seit 1945
Die Zahl der Flüchtlinge ist seit dem 2. Weltkrieg weiter angestiegen:
- Während dem 2. Weltkrieg waren in China 50 bis 60 Millionen Menschen auf der Flucht;
- nach der Teilung Indiens (1947) waren 17 Millionen Hindus und Moslems vom Bevölkerungsaustausch zwischen Indischer Union und Pakistan betroffen;
- aus Palästina flüchteten nach der Gründung des Staates Israel (1948) rund 1 Million Araber;
- 22 Millionen Chinesen flüchteten 1949, nach der kommunistischen Machtergreifung, und 1962 in einer Massenflucht nach Hongkong und Formosa;
- nach der gescheiterten Volkserhebung in Ungarn (1956) verließen 160 000 ungarische Flüchtlinge ihr Land;
- seit 1964 flüchteten 300 000 Menschen aus Angola in Richtung Kongo-Republik;
- 1971 verließen 10 Millionen Flüchtlinge Ost-Pakistan, das heutige Bangladesch;
- nach Stammeskriegen flüchteten 740 000 Menschen aus Kongo und 700 000 aus Ruanda und Sudan.
Die politisch- und kriegsbedingten Zwangsmigrationen übertreffen seit 1935 zahlenmäßig die bis dahin meist freiwillig erfolgten internationalen Wanderungen. Vor 30 Jahren galt Europa noch als der Kontinent der Flüchtlinge. Mittlerweile hat sich das Problem aber von Europa in die Länder der Dritten Welt verlagert. Wie unterschiedlich die Fluchtmotive in einer Region sein können, sei an 2 aktuellen Beispielen illustriert:
z. B. Kamputschea
1970 wurde Prinz Sihanouk, der bis dahin Kambodscha dank seiner Diplomatie einen Frieden erhalten konnte, gestürzt. Der Vietnamkrieg wurde zum Verhängnis für Kambodscha. Sihanouks Nachfolger, General Lon Nol, führte mit massiver amerikanischer Hilfe einen "Stellvertreterkrieg" gegen Nordvietnam. Die Folge war ein 5jähriger Bürgerkrieg, der verloren wurde. Das nachfolgende Regime Pol Pot kostete möglicherweise Millionen das Leben. Der Konflikt mit Vietnam verschärfte sich gleichzeitig. Die Folge: Einmarsch vietnamesischer Truppen in Kambodscha und Einmarsch chinesischer Truppen – als Vergeltung – in Vietnam. Ursache dieser Entwicklung war die chinesisch-vietnamesische Auseinandersetzung um die Vorherrschaft in Indochina. Für das kambodschanische Volk bedeutete das, nach 10 Jahren Krieg, Bürgerkrieg, Gewaltregime und Hungersnöten, eine Fortsetzung des Leidens. Nahe
der thailändischen Grenzen – diesseits und jenseits – hungern Hunderttausende von kambodschanischen Flüchtlingen.
z. B. Vietnam
In Südost-Asien leben an die 15 Millionen Auslandschinesen. Daß es dazu kam, ist auf 2 Faktoren zurückzuführen: in Südchina nahm im 19. Jh. der Bevölkerungsdruck und damit die Armut und Unzufriedenheit der Bauern zu. In den Kolonien Südost-Asiens wuchs der Bedarf nach billigen Arbeitskräften auf Plantagen und in Bergwerken. So kamen aus dem Übervölkerten und verarmten Südchina Millionen von Chinesen nach Südost-Asien.
In den Gastländern beherrschten mittlerweile die Auslandschinesen die Volkswirtschaft, was ihnen allerdings sehr viel Feindschaft einbrachte: rassische, religiöse, soziale und kulturelle Unterschiede zwischen Minderheit und Gastvolk sind unübersehbar. Allein in Südvietnam lebten bis vor kurzem über 1 Million Auslandschinesen, die z. T. erst während der französischen Kolonialherrschaft kamen. Sie wurden zu einer exklusiven Gesellschaft im Lande, und viele verdienten während des Vietnam-Krieges sehr gut. Nach dem Krieg ließen die nordvietnamesischen Truppen die chinesischen Geschäftsleute zunächst weiterarbeiten, doch die Verstaatlichungskampagne 1978 führte zum Bruch und zur – beabsichtigten – Massenflucht der Auslandschinesen.
Die Mehrheit der "boat people" waren Auslandschinesen. Das erklärt, warum Hanoi so viele Flüchtlinge ziehen ließ und warum sie in den Nachbarstaaten nicht gern gesehen wurden.
Der Rahmen dieses Artikels würde gesprengt werden, wenn noch andere aktuelle Flüchtlingsbewegungen detailliert dargestellt werden würden. Zu diesen gehören
- der Flüchtlingsstrom von Afghanistan nach Pakistan und Iran,
- die durch Befreiungskämpfe, Umstürze, Stammesfehden, zwischenstaatliche Konflikte, Hungersnöte ausgelösten Zwangsmigrationen in Afrika, dem heutigen "Kontinent der Flüchtlinge" (Vertriebenung von 1,5 Millionen Ghanaern aus Nigeria, Ausweisung der Kameruner und Beniner aus Gabun, Verfolgung der Ghanaer in der Elfenbeinküste und der Guineer in Sierra Leone, Flüchtlingsbewegungen von Aethiopien nach Somalia usw);
- Flüchtlingsbewegungen in Mittelamerika.
Für die Mehrzahl der Betroffenen besteht im allgemeinen keine Möglichkeit, in ihr Heimatland zurückzukehren. Oft legen Flüchtlinge eine Vielzahl von weiteren Wanderungsetappen zurück, bevor sie eine Bleibe finden. Ihr zukünftiges Schicksal ist ungewiss: Repatriierung? Ansiedlung in Ländern eines andern Kulturkreises? Integration im Aufnahmeland?
Georges Hengesch
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