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Vor diese Alternative scheinen die Verantwortlichen des im Aufbau befindlichen Stadtmuseums in der Hl.-Geist-Gasse gestellt zu sein, wenn sie, wie von den Politikern verlangt, 1995 die Tore öffnen wollen. In der Präsentation des Projekts in der Februar-Nummer des Stadt-Journals "Rendez-vous Lëtzebuerg" heißt es wohl vielversprechend: "Le musée d’histoire que la ville est en train de créer sera unique en son genre et dans sa conception. En effet, installé au coeur même de la vieille ville, dans des bâtiments au passé riche et mouvementé dont l’identité historique sera soigneusement conservée, il aura l’avantage de profiter d’une conception muséologique, architecturale et muséographique résolument moderne qui le rendra très attractif, à un public tant autochtone qu’étanger." Wer aber die bisherigen Arbeiten in der "Hossegässel" beobachtet, muß bezweifeln, ob die Konservierung der historischen Identität der Gebäude gewährleistet ist.
Eine archäologische Voruntersuchung hat nämlich nicht stattgefunden, obschon die Vorarbeiten lange gedauert haben und viel Zeit dafür gelassen hätten. Die Baggerarbeiten haben gerade drei Münzen zu Tage gefördert, die dann auch noch zum Leidwesen der Stadtverantwortlichen vom Leiter des staatlichen Münzkabinetts beschlagnahmt wurden. Auch im Hof links neben den eigentlichen Museumsgebäuden, dessen Vertiefung in den Fels erst im vergangenen Herbst begonnen hat, wurde keine archäologische Begleitung gewährleistet, obschon inzwischen die Fachleute Alarm geschlagen hatten. Erst als Bagger und Preßlufthammer sich in den Häusern und in den Höfen zwei Stockwerke tief unter das Kellerniveau in den Fels gefressen hatten, wurde eine private Schweizer Archäologenfirma, das "atelier d’archéologie médiévale s.a." mit einer Bauanalyse beauftragt. Deren Mitarbeiter stehen heute vor dem totalen Frust: Sie können wohl die noch stehenden Wände steingerecht aufzeichnen, aber ihre Erkenntnisse sollen keinen Einfluß auf die architektonische Gestaltung des Museums nehmen. Die Pläne wurden ohne Kenntnis der historischen Bausubstanz ausgearbeitet und sollen nicht mehr geändert werden.
Die bisherigen archäologischen Ergebnisse sind aber alles andere als uninteressant. So konnte festgestellt werden, daß ursprünglich an derselben Stelle ein Bau stand, dessen Straßenflucht in einer Linie mit den Häusern in der Hossegässel lag, und nicht auf die heutige Hl.-Geist-Gasse ausgerichtet war: eine für den historischen Stadtplan Luxemburgs bedeutende Erkenntnis. Die Substruktionen konnten aber nicht genauer verfolgt werden, weil ihre Verlängerung im Vorhof schon weggebaggert war. Dieser Vorgängerbau aus dem 14.-15. Jahrhundert wurde durch Brand zerstört. Dasselbe Schicksal erlitt übrigens auch im
- Jahrhundert zweimal das als Orvaler Refugium bekannte Hauptgebäude.
Dessen erst von den Archäologen entdeckte organische Verbindung mit dem Haus in der Hossegässel soll durch den Abriß eines Treppenhauses zerstört werden. Ein dahinterliegendes im Binnenhof stehendes Wohnhaus ist schon undokumentiert abgerissen worden. Ein weitere Treppe mit skulptiertem Holzgeländer im linken Flügel des Refugiums soll ebenfalls – im Gegensatz zu ihrem rechten Pendant – der Spitzhacke zum Opfer fallen, so daß der Besucher den symmetrischen Aufbau des Hausinneren nicht mehr erkennen kann. Ob die Decken im "impériale"-Stil wiederhergestellt werden, nachdem die Holzbalken durch Betonträger ersetzt sind, bleibt abzuwarten. Die Stukkaturen wurden immerhin zum Teil geborgen. Im Wohnhaus in der Hossegässel sollen die Zwischenwände alle herausgerissen werden, so daß der typische luxemburgische Grundriß (Zentralgang mit anstoßenden Zimmern) nicht mehr erhalten bleibt. Von Respekt für die historische Raumkonzeption kann also keine Rede sein. Das wäre aber für die historische Auswertung wichtiger als die Ausstellung von ein paar gotischen Architekturelementen, die zusammenhanglos bei den Baggerarbeiten gefunden wurden, denn Raumverteilung und benutztes Material erlauben eher Einsicht in die Wohnverhältnisse, Wirtschaftskraft, Sozialstruktur früherer Generationen als noch so spektakuläre Einzelfunde.
Ein historisches Stadtmuseum muß – bei allem Respekt für die Anforderungen der Museographie – in erster Linie wissenschaftlich verantwortbarer Geschichtsforschung entsprechen und darf nicht vorrangig ein Vorzeigestück der Politiker für die Kulturstadt Luxemburg im Jahr 1995 sein. m.p.
Carlo Schmitz
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