Neue Scharmützel um das Fort Thüngen
Herbstoffensive der Standortgegner
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Herbstoffensive der Standortgegner
Mit einem zweiten Tag der Offenen Tür im Rahmen der diesjährigen "Journée Européenne du Patrimoine" am 15.9.1991, hat die Aktionsgemeinschaft der Vereinigungen, die sich gegen das Fort Thüngen als Standort für das "Centre d’Art contemporain" (CAC) ausgesprochen haben, ihr Herbstkampagne neu lanciert. Gleichzeitig wurde ein Aufkleber von Roger Leiner veröffentlicht, der zum Preis von 30 Franken verkauft wird und einerseits die breite Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam machen, andererseits zur Deckung der Unkosten beitragen soll. Bestellen kann man das Bild auch bei "forum" (6, rue Vauban, L-2663 Luxemburg, Tel. 438916); wer es nicht selbst dort abholen kann, möge seiner Überweisung 5 Franken Portokosten hinzufügen. Unter die in "forum" Nr. 128-129 veröffentlichte Petition werden auch noch weiterhin Unterschriften gesammelt. Mittlerweile sind es weit über 5000. "forum"-Leser, die noch Unterschriftenlisten zuhause liegen haben, werden gebeten, sie bis spätestens den 14. Oktober einzusenden, damit sie dann der Abgeordnetenkammer überreicht werden können. Eine voraussichtlich letzte Gelegenheit das riesige Ausgrabungsareal des Fort Thüngen zu besichtigen, bieten die Vereinigungen, die sich für dessen Erhalt einsetzen, am Sonntag, 13. Oktober 1991 an.
Die Aktionsgemeinschaft hat dann auch als alternativen Standort für das CAC, das keineswegs als solches abgelehnt wird, die beiden "Rotondes" der Eisenbahn im Bahnhof Luxemburg zur Bonneweger Seite vorgeschlagen. Sie liegen nicht nur verkehrsgünstiger, stehen auch schon unter Denkmalschutz, lassen sich problemlos unter dem Boden erweitern und könnten vorteilhaft zur kulturellen Bereicherung der Stadtviertel Bonneweg und Bahnhof beitragen, wo kulturelle Einrichtungen ja eher Mangelware sind. Städteplanerisch stellt diese Alternative sicher die bessere Wahl dar.
Gegenoffensive der I. M. Pei-Anhänger
In einer Pressekonferenz am 12. September 1991 stellte die Regierung die überarbeiteten Pläne des sino-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei vor. Wenn auch die Tagespresse einmal mehr die Brisanz der Veränderungen im Vergleich zum ersten Projekt nicht erkannt hat und ihre sog. "Berichterstattung" zum Teil für lyrische Höhenflüge mißbrauchte (siehe Julien Bestgen im LW, 13.9.1991), so kommen die Standortgegner nicht am Eingeständnis vorbei, daß dem Stararchitekten in der Tat ein großer Wurf gelungen ist. Dadurch daß er das Hauptgebäude auf der Enveloppe stärker vom vorderen Teil mit dem Réduit
Drei Eicheln, in dem die Eingangshalle, eine Geschäftsgalerie, ein Restaurant u.a. untergebracht werden, trennt, wird die Struktur der alten Festungsanlage, insbesondere der Graben zwischen Réduit und Enveloppe sowie der Aufgang zu letzeren, deutlicher sichtbar. Auch die Anhebung des Hauptgebäudes mit den Ausstellungsräumen um 180 cm bringt die darunterliegenden Festungsmauern besser zur Geltung. Doch es bleibt, daß dieses Gebäude weit in den Graben um die Enveloppe hineinreicht, daß die Stadtwärts gerichtete Seite der Drei Eicheln durch eine breites Eingangstor völlig verunstaltet wird, daß die weitläufigen Kasemattengänge zubetonniert werden und vor allem daß am Prinzip nicht gerüttelt wird: Während viele andere Standorte denkbar wären, hat sich die Regierung für einen entschieden, bei dem historische Bausubstanz zerstört werden muß und dessen historische Funktion als Verteidigungsanlage durch die Veränderungen nicht mehr erkennbar bleibt. Statt in situ, wie es nunmehr dank der Ausgrabungen möglich geworden wäre, muß die Bedeutung der Festung Luxemburg für die nationale Selbständigkeit unseres Landes auf Bildern und in Museen erklärt werden.
Was den Kostenpunkt anbelangt, hüllten die Verantwortlichen sich diesmal in Schweigen. Der Luxemburger Architekt G. Reuter, der I. M. Pei vor Ort vertritt, meinte, der Quadratmeterpreis des Zentrums werde nicht höher liegen als bei jenen Museen, die in den vergangenen sechs Jahren in Deutschland geplant und gebaut wurden. Eine beruhigende Antwort! Geplant ist in Luxemburg eine gesamte Baufläche von 19000 qm, von denen 7500 qm für Ausstellungszwecke dienen werden. Unter anderem verteidigte der Staatsminister die riesigen Ausmaße des Projekts mit dem Argument, dann stehe der Regierung endlich auch ein Bau zur Verfügung, in dem sich Staatsbanketts in gediegenem Rahmen veranstalten lassen… (geschätzter Baupreis: 5 Milliarden Franken). Auf die Frage angesprochen, warum er das Hauptgebäude nicht etwas kleiner plane, damit es nicht in den Enveloppe-Graben hineinreiche, meinte I. M. Pei: "That is a political problem", die Antwort habe der Premierminister zu geben. Und auf die Frage, was der jährliche Unterhalt des CAC nach seiner Fertigstellung kosten wird – eine für das Staatsbudget ja nicht unerhebliche Frage -, meinte Architekt Reuter: "Das wissen wir nicht. Die Regierung hat uns die Frage auch noch nicht gestellt."
Die Folgen sind aber schon heute zu spüren, sowohl auf finanzieller Ebene als auch in puncto Arbeitsüberlastung der Beamten im Kulturministerium. Das "Centre national de l’Audiovisuel" in Düdingen, das dringend erweiterter Räumlichkeiten bedarf, wird wohl noch einige Jahre auf seine Vergrößerung
Die Standortgegner kommen nicht am Eingeständnis vorbei, daß dem Stararchitekten in der Tat ein großer Wurf gelungen ist.
warten müssen: Die Erklärung des Kulturministers für die Nicht-Berücksichtigung im Haushaltsprojekt 1992 war Mitarbeitern des CNA zufolge entwaffnend: "Wir brauchen das Geld auf Drei Eicheln." Und dasselbe gilt für einen Kongreß, den der Europäische Schriftstellerverband 1992 in Luxemburg veranstalten wollte zum Thema "Literatur von Minderheitensprachen". Obschon aufgrund einer mündlichen Kreditzusage von 5 Millionen Franken der LSV bzw. der zuständige Beamte des Kulturministeriums schon Schriftsteller von Korsika, aus dem Baskenland, Wales, Slowenien, der rätoromanischen Schweiz usw. eingeladen hat, wurde der vorgesehene Kredit in der Endfassung des Haushaltsprojekts gestrichen. Die Erklärung liegt auch hier auf der Hand. Der Anschaffungskredit des Staatsmuseums wurde hingegen leicht erhöht; mit rund 8,5 Millionen, die Kunst- und historische Sektion sich teilen müssen, wird sich aber auch ein CAC erst in einigen Jahrzehnten füllen lassen.
LSAP-Offensive gegen CSV-Kulturpolitik
Ausgehend vom Fiasco des "Euroballet" veröffentlichte die dynamische kulturpolitische Arbeitsgruppe der LSAP mit – dem Vernehmen nach – wohlwollender Zustimmung der Parteileitung eine Pressemitteilung, deren gehamnischer Ton an die Adresse des Koalitionspartners zumindest in der Oppositionspresse (Journal, 10.9.1991) für entsprechende Kommentare sorgte. Das Kommuniqué prangert zuerst die leichtfertige Vergeudung von 50 Millionen Franken an Steuergeldern an ("en pure perte, sans profit pour la vie culturelle luxembourgeoise"). Die LSAP vergißt hinzuzufügen, daß diese 50 Millionen schon Mitte des Jahres ausgegeben waren¹, obschon eine wichtige Bedingung, die der Staat den Euroballet-Promotoren gesetzt hatte, nicht erfüllt war: keine andere europäische Regierung oder Institution hatte sich wie verlangt zur Mitfinanzierung bereit erklärt. Und – das konnte die LSAP-Arbeitsgruppe wahrscheinlich noch nicht wissen – auch im Budgetprojekt
1992 sind nochmal 20 Millionen für "Euroballet" vorgesehen.
In der Tat hätte sogar ein Erfolg des "Euroballet" der luxemburgischen Kulturszene recht wenig eingebracht, da das Projekt völlig künstlich mit ausländischen Fachkräften aus dem Boden gestampft worden war, ohne daß auch nur ansatzweise auf luxemburgische Vorarbeiten aufgebaut worden wäre. Entwicklungswürdige Projekte von Luxemburger Kulturschaffenden, die ihr Können längst unter Beweis gestellt haben, dürfen – wie die LSAP zurecht festhält – von ähnlich hohen Unterstützungsgeldern nur träumen; schon viel kleinere Summen könnten hingegen manchem Projekt zum internationalen Durchbruch verhelfen.
Die LSAP nennt auch die Verantwortlichen beim Namen: "C’est un certain ‚establishment culturel‘ proche du PCS qui est responsable de cette débâcle. Sans idées et sans intérêt autre qu’électoraliste pour la politique culturelle, les responsables chrétiens-sociaux orientent celle-ci vers des projets de prestige, mais oublient l’action culturelle en profondeur." Die LSAP bestätigt also vollauf, was in "forum" Nr. 128-129 über den Provinzialismus der Luxemburger Kulturpolitiker geschrieben wurde.
Wer Prestigeprojekt sagt, denkt natürlich sofort an das "Centre d’art contemporain", das die Regierung auf Drei Eicheln plant und für das im 1992er Haushalt schon 200 Millionen Franken vorgesehen sind sowie 2,8 Milliarden für die nächsten Budgetjahre, wobei jeder weiß, daß das Projekt mit allem drum und dran eher 5 als 3 Milliarden kosten wird. Auf Drei Eicheln droht auch nicht nur ein einmaliger archäologischer Park zerstört zu werden, angesichts der geplanten Dimensionen wird das ganze Zentrum auf Sand gesetzt. Auch hier fehlt die authentische, luxemburgische Basis, von der ausgehend eine sinnvolle Weiterentwicklung geplant werden könnte. Hingegen verläßt man sich einmal mehr auf ausländische Mäzenen, die angeblich nur darauf warten, Luxemburg ihre Kunstsammlungen zur Verfügung zu stellen.
Allerdings hat die LSAP nun Hoffnungen geweckt, an deren Erfüllung sie sich nicht vorbeidrücken darf: Das Projekt des Architekten I. M. Pei wird seit Monaten in den zuständigen parlamentarischen Kommissionen diskutiert und dürfte demnächst auch als Gesetzesprojekt auf den Instanzenweg gehen. Dann müssen die LSAP-Vertreter Farbe bekennen! Mindestens einer hat die Petition der Standortgegner schon unterschrieben.
m.p.
¹ Hingegen ist von der einen Million Franken für Subsidiën, die in letzter Minute in den Staatshaushalt 1991 eingeschrieben wurde und die unter voraussichtlich acht Kulturzeitschriften aufgeteilt werden soll, bis heute (Ende September) kein Franken ausbezahlt worden. Da hilft auch die erfreuliche Nachricht nichts, daß im 1992er Haushalt 2 Millionen vorgesehen sind.
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