Neues von der Drogenszene

Antoine P. ist tot

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Antoine P. aus Esch/Alzette ist ’nur‘ einer von vier Herointoten, die es mit Sicherheit seit November 1979 in Luxemburg gegeben hat; wahrscheinlich gab es sogar acht, aber diese Zahl ist nicht sicher zu belegen. Diese erschreckende Nachricht stammt von der ‚Release‘-Gruppe im Kollektiv ‚Spackelter‘, die am 14.5.1980 zu einer Pressekonferenz eingeladen hatte. Die Gruppe zog Bilanz über ihre Arbeit, die sie bekanntlich in November 1979 aufgenommen hat, und stellte ihre Zukunftspläne vor.

Rosig fiel die Bilanz nicht aus. 4, wenn nicht 8 Herointote konnten nicht verhindert werden. Immerhin fanden aber 200 Interessierte (Drogenabhängige, Eltern, Erzieher) in den 6 Monaten den Weg zur Beratungsstelle. Der ‚Kunden‘-kreis reicht vom Arbeitslosen bis zur Europabeamtin. An Interesse fehlt es also keineswegs; die Toten beweisen auch, wenn es des Beweises noch bedurfte, daß die Arbeit blutnotwendig ist.

Aber es fehlt immer noch an Mitteln. Während der großen Aufklärungskampagne des ‚Spackelter‘ im Oktober-November 1979, zu der ‚forum‘ ja mit dem Drogen-Dossier in der Nr. 34 entschieden beigetragen hatte, hatten Politiker aller Parteien finanzielle Hilfe gelegentlich der ausstehenden Budgetdebatten versprochen (1). Familienminister Jean Wolter hatte dem Kollektiv formell 840 000 F. zugesichert … Aber abgesehen vom Versprechen der Gemeinde Luxemburg ihm ein Haus für ’sleep-in‘ zur Verfügung zu stellen, hat das Kollektiv bis heute keinen Franken aus der Staatskasse gesehen. Die beiden Berater, die es im Hinblick auf das Subsid eingestellt hatte, blieben bis heute unbezahlt! Staatsminister Werner erklärte nun erstmals (siehe Kasten), Wolters Nachfolger Spautz halte deswegen das von seinem Vorgänger gegebene Versprechen nicht, weil der Staat selbst nun ein Therapiezentrum in Manternach aufbauen wolle. Daß aber erstens dieses Zentrum noch nicht funktioniert, und daß es zweitens maximal 12 Abhängige gleichzeitig wird aufnehmen können, darüber schweigt er. Ebenso übergeht er die 200 Ratsuchenden, für die der Staat keine Beratungsstelle offenhält.

Manternach scheint also nur ein Vorwand, um nicht mit dem Kollektiv ‚Spackelter‘ zusammenarbeiten zu müssen. Das geht ganz klar auch noch aus Aussagen des Majors F. Diederich, Chef der ‚Sûreté‘, hervor. Bei privaten Service-Clubs (u.a. Soroptimisten) machte er vor Zeugen offen Propaganda gegen das Kollektiv ‚Spackelter‘, um so auch private Hilfsgelder zu unterbinden. Seine Verleumdungen beruhen, seinen Aussagen zufolge, auf Erkenntnissen aus der ‚Sûreté‘ – Kartei. Er gibt damit offen zu, daß es eine solche Kartei über Luxemburger Bürger (2) gibt. Zweitens scheint diese Kartei auch noch Lügen zu enthalten. (Unsere Leser mögen verstehen, daß wir inhaltlich nicht genauer sein können, aber es bestünde dann die Gefahr, daß ‚immer etwas hängenbleibt‘.) Das Kollektiv ‚Spackelter‘ sollte sich m. E. überlegen, ob es nicht gerichtlich gegen die Verleumdungskampagne vorgehen sollte. Daß in Staatsbeamtenkreisen verleumderische Gerüchte zirkulieren, habe ich jedenfalls selbst auch erlebt.

Welch schlimme Folgen solche Gerüchte, aber auch der Mangel an Mitteln des Kollektivs ‚Spackelter‘ haben kann, zeigt der Fall Antoine P. A. war nach einer Entwöhnungskur von der Escher in die Stadtluxemburger Berufsschule übergewechselt und schien sich auch einzuleben. Bis ein schon kriminell zu nennender Lehrer A. vor seinen Mitschülern seine Drogenvergangenheit vorwarf, indem er von einem Bericht der Escher an die neue Schule Gebrauch machte. Trotz mehrmaliger Interventionen des Kollektivs ‚Spackelter‘, in dessen Obhut A.

Mat groußem Bedaueren a grad
esou groußer Roserei wou mir
den Doud vun eisem Frënn, dem
jéngsten Member

Antoine P.

genannt „Tan“

mussen matdeelen.

Am Alter vun 15 Joer gestuer-
wen, as hien d’Opfer vun enger
onseriöser, krimineller Sozialpo-
litik.

Eis Trauer as en wëderen Impuls
fir eis Arbecht.

All Memberen vum Kol-
lektiv Spackelter, an seng
Arbeitsgruppen.
Lëtzebuerg, den 7. Mee 1980.

Das L.W. verwelgerte die Veröffentlichung
dieser Todesanzeige

lebte, und der Mutter, brachte der Direktor es nicht
fertig, den Lehrer zum Schweigen zu bringen. Es kam
wie vorauszusehen: Antoine hatte es eines Tages satt.
Durch Kameraden „die er vorhatte zur Entwöhnung zum
Kollektiv Spackelter zu bringen (!), liess er sich
eine erste Heroinspritze setzen, bald noch eine, die
dritte oder vierte war tödlich…

Es dürfte schwer fallen den Lehrer durch Prozeß
nachzuweisen, daß er schuldig ist am Tod von A.P.
Auch der Regierung kann diese Schuld – wie Antoines
Mutter auf der Pressekonferenz es tat – nur schwer
nachgewiesen werden. Höchstens ist ihr wegen mangelnder
Unterstützung alternativer Drogentherapiezentren ein
Prozeß zu machen "pour non-assistance à personne(s)en
danger. Mir scheint aber, daß gegen den Lehrer mindes-
tens ein Disziplinverfahren wegen seines unqualifi-
zierten pädagogischen Benehmens eröffnet werden müßte.
Zudem finde ich es recht sonderbar, daß während der
Ferien (als Antoines Kameraden nicht als Entlastungs-
zeugen gehört werden konnten!) A. zu einem "Conseil de
discipline" in die Schule geladen wurde. Sicher, Pro-
zesse, Disziplinverfahren werden A.P. nicht zum Leben
erwecken; ähnliche Fälle könnten sie aber verhindern
helfen.

Bei Justizminister G. Thorn soll allerdings, einer
Unterredung mit "Spackelter" am 13.5. zufolge, ein er-
ster Gesinnungswandel stattgefunden haben. Er versprach
durch Gesetzesänderung die Drogenabhängigen zu entkri-
minalisieren, so daß der Jugendrichter nicht mehr, wie
mehrmals geschehen (1), eine Zwangseinweisung nach Et-
telbrück verordnen kann. Da auch beim Rundtischgespräch
vom 21.11.1979 alle Parteivertreter dieser Meinung wa-
ren (1), sollte man meinen, dieses Gesetzesprojekt könn-
te schnellstens den legislativen Weg durchlaufen. Wenn
man aber sieht, wie die der ach so familienfreundlichen
Regierung nahestehende Presse die aktuellen Vorfälle
auf der Drogenszene vertuschelt (im L.W. und im Jour-
nal war nichts von der "Spackelter"-Pressekonferenz

Anschuldigungen

zurückgewiesen

Im Anschluß an eine Pressekonferenz
des „Kollektiv Spackelter“ sieht die Di-
rektion des Lycée Technique du Centre
sich veranlaßt gegen den dargestellten
Sachverhalt heftig zu protestieren und
die Anschuldigungen gegenüber der
Schule und einer Lehrperson energisch
zurückzuweisen.

  • Es entspricht nicht der Tatsache, daß
    ein „Dossier“ aus den Mittelschulen Dü-

delingen und Esch/Alzette der Schuldi-
rektion zugestellt wurde; auch wurden
seitens der Direktion keine mündlichen
Informationen über den Schüler einge-
holt.

  • Es stimmt des weiteren nicht, daß
    die beanstandete Lehrperson den Schü-
    ler A.P. mit dem Ausdruck „Hasch-
    pappi“ lächerlich gemacht hat.

  • Dem Schüler wurde seine „Drogen-
    vergangenheit“ nie vorgeworfen, wie es
    in besagter Pressekonferenz unterstellt
    wurde.

zu lesen!), darf man wieder pessimistisch sein…

Es bleibt, daß die Drogenberatung von "Spackelter"
unbedingt weitergeführt und ein Therapiezentrum, das
diesen Namen verdient, aufgebaut werden muß. Da vom
Staat in nächster Zukunft wohl kein Geld zu erwarten
ist, hat das Kollektiv "Spackelter" eine originelle Lö-
sung gefunden. Mit Hilfe von 4 Luxemburger Ärzten, die
schon zugesagt haben, will es eine regelrechte Klinik
für Süchtige aufbauen, deren Personal ( 5 Mann für 30
Patienten) mit den Krankenkassenbeiträgen bezahlt wer-
den könnte. Eine gesetzliche Schwierigkeit gibt es
offenbar nicht. Und eine Bank soll bereit sein, günsti-
ge Kreditmöglichkeiten zu eröffnen.

Die Therapie – die sich an das deutsche Modell Day-
top anlehnen wird – beruht auf der gemeinschaftlichen
Auseinandersetzung mit der Drogenvergangenheit. Vor al-
len die Mithilfe von "Ex-usern" in den einzelnen
"Familien" wird dabei von Wichtigkeit sein. In der Kli-
nik gilt absolutes Drogenverbot, auch für Medikamente,
Tabak, Alkohol, usw.

Wer "Spackelter" bei ihrer lebensrettenden
Aufgabe helfen will, kann z. B. die 5 Anti-
Drogen-Plakate von Patricia Lippert, einer Lu-
xeoburgischen Künstlerin, für 250,- F. kaufen
(CCP 65 362-81) und sie an geeigneten Orten wie Schu-
len Kirchenvorhallen, Vereinslokalen, Verwaltungen,
u.ä. aufhängen (vgl. Bild, S. 22). Spenden sind
auch willkommen.

m.p.

(1) vgl. "forum" Nr. 36/31.12.1979

(2) Maj. Diederich: Über alle Gründungsmitglieder
von irgendwelchen Vereien legen wir eine Karteikarte
an.

Im Auftrag von Familienminister Spautz,
versicherte Werner der Presse, daß die
Gespräche zwischen dem verstorbenen
Familienminister Wolter und dem „Kol-
lektiv Spackelter“ betr. die staatliche Un-
terstützung dieser Gruppe bei der Dro-
gentekampfung zu einem Zeitpunkt
stattgefunden haben, wo die Regierung
noch nicht wußte, daß sie in Maniermach
ein eigenes Therapiezentrum aufbauen
würde.

Auf eine Frage unsererseits hin, ob es
stimme, daß das „Kollektiv Spackelter“
von der „Sörte“ unter die Lupe benom-
men wurde, meinte Werner, es sei normal,
daß der Staat bei der Zusammenarbeit
mit privaten Organisationen untersuchen
lasse, mit wem er es zu tun habe. Diese
Untersuchung habe jedoch die Entschei-
dung über den Verzicht einer Zusammen-
arbeit mit dem Kollektiv in nichts been-
flußt. Wer’s glaubt wird seine!

t-Bericht über das wöchentliche
Presse-Briefing mit Staatsmini-
ster Werner am 16. Mai 1980

Deshalb weisen wir den Versuch ener-
gisch zurück, einen Lehrer, der seinen
Dienst bisher gewissenhaft und zur voll-
sten Zufriedenheit aller Beteiligten er-
füllt hat, zum Sündenbock abzuetem-
peln. Außerdem zeugt es von erschrek-
kender Verantwortungslosigkeit, wenn
auf solch leichtfertige und verleumderi-
sche Art und Weise öffentlich an einer
Lehrperson Rufmord begangen wird.

Die Direktion des LTC

im L.W., 24. 5. 1980

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