Niederanven ist überall

Der Konflikt um den Pfarrer von Niederanven, Teil III

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Die erzwungene Demission des Niederanvener Pfarrers Jupp Wagner durch den neuen Erzbischof hat mittlerweile auch international Schlagzeilen gemacht. Unserer Redaktion liegen Beiträge darüber aus folgenden Zeitschriften vor: Publik-Forum (Nr. 12/21.6.1991), Golias ("Le journal catho tendre et grinçant…", hors-série n° 4, août 1991), imprimatur (24. Jg., Nr. 5/1.8.1991), XXX(NL). Wir wissen darüber hinaus von Notizen in der Rhein-Pfalz (Kaiserslautern), in Radio Salü (Saarbrücken), …

Interessant scheint uns die Interpretation, welche die in Trier erscheinende, kritisch-katholische Zeitschrift "imprimatur" von der Absetzung Jupp Wagners gibt. Wir können uns zwar nicht mit allen Einzelheiten identifizieren, möchten sie aber unseren Lesern nicht vorenthalten:

Internationale Reaktionen auf den Konflikt um Pfarrer Jupp Wagner.

"Warum will (der neue Erzbischof) den Pfarrer Jupp Wagner bloßstellen? Rätselhaft, was sich diese Kirche immer wieder selbst antut. Es gibt für den luxemburger Masoschismus zwei Erklärungsmöglichkeiten, die vielleicht beide stimmen. Die erste Erklärung ist ganz bestimmt richtig:

Jupp Wagner war nicht nur ein guter Pfarrer, sondern auch (seit vielen Jahren) Mitarbeiter der luxemburger Zeitschrift forum. fir kritisch Informatioun iwer Politik, Kultur a Relioun. forum erscheint seit zwanzig Jahren in den drei luxemburger Sprachen; sie nimmt kein Blatt vor den Mund und war daher schon lange die Probe auf die luxemburger Toleranz. Unter Bischof Hengen durfte, konnte Jupp Wagner schreiben. Er verwaltete in forum das Ressort Kirche und Theologie: sachkundig, mutig, offen. Hervorgetreten ist er zuletzt durch seine öffentliche Kritik am staatlich verbürgten Religionsunterricht, den er für wirkungslos und überflüssig erklärte und den er als ein unverständliches Privileg für die Luxemburger Kirche ablehnte. Jupp Wagner sprach sogar von "Religionsunterrichtgeschädigten … die ihm nicht nur in Niederanven dutzendweise über den Weg liefen". Überhaupt schnitt er immer wieder in das dichte Flechtwerk ("Filz") zwischen Staat, Christlicher

Staatspartei, Luxemburger Wort, Bischof, Großherzog, Finanzen, Bischöfliches Generalvikariat hinein. Solange es Bischof Jean Hengen gab, war das ungestraft möglich. Jetzt sollte mit dem frech-kritischen forum Schluß sein. Eine ganz eigene Art von Pressezensur.

Jetzt aber die zweite Erklärung: viele Luxemburger behaupten, der Generalvikar sei der eigentliche Drahtzieher der Intrige gegen Jupp Wagner. Der Generalvikar Mathias Schiltz habe nämlich vor allem den luxemburgunerfahrenen neuen Bischof Franck treffen wollen und in den Skandal hineinrennen lassen, vielleicht aus Enttäuschung, weil er sich selbst für den besseren Nachfolger des emeritierten Jean Hengen gehalten hat. Die Toleranz ist weg, der Generalvikar regiert mit den luxemburger hardlinern, – den übrigen acht Domkapitularen."

Durch Vermittlung unserer Redaktion nahm auch eine Delegation der Pfarrgemeinde Niederanven an einem Vernetzungstreffen deutscher, schweizerischer, österreichischer, niederländischer und belgischer basiskirchlicher Aufbruchsbewegungen teil, das am 16.-18. August in Eschborn bei Frankfurt a.M. stattfand. Darüber werden wir in der nächsten Nummer berichten. In der dort verabschiedeten Pressemitteilung heißt es: "Delegierte der 8.-Mai-Bewegung aus Holland, der Schweizer "Aufbruch"-Bewegung, der deutschen "Initiative Kirche von unten", der österreichischen Organisationen "Aktionsgemeinschaft Kirche sind wir alle" und "Forum für eine offene Kirche" sowie Basischristen – Priester und Laien – aus Belgien und Luxemburg gründeten während eines ersten offiziellen Treffens das europäische Netzwerk "Kirche im Aufbruch", das nur aus praktischen Gründen – um zeit- und kostenaufwendige Übersetzungsarbeit zu vermeiden – in der Anfangsphase auf die deutschsprachigen Länder und die Benelux-Staaten beschränkt bleiben soll. In Zukunft will man sich halbjährlich reihum in den beteiligten Ländern wiedersehen. Das nächste Treffen findet am 12.-14.1.1992 in Chur/CH statt. Am Wochenende zuvor trifft sich – bereits zum dritten Mal –

die "Europäische Konferenz für Menschenrechte in der Kirche", an der über die genannten Länder hinaus auch Frankreich, England, Irland und Italien beteiligt sind. Luxemburger Christen, die an diesen Treffen interessiert sind können nähere Informationen und Kontaktadressen in unserem Land bei der "forum"-Redaktion (Tel. 438916) erhalten.

Auch der deutsche Katholikentag, an dem sich die "Initiative Kirche von unten" seit Jahren stets mit eigenen Veranstaltungen beteiligt, steht demnächst wieder ins Haus: vom 17.-20. Juni 1992 in Karlsruhe. Für den Katholikentag von unten sind schwerpunktmäßig folgende Themen vorgesehen: 500 Jahre Conquista, Kolonisierung der Sexualität (zur Lustfeindlichkeit traditioneller kirchlicher Moral und einem notwendigen Wandel), Kolonisierung des öffentlichen Christseins (zum Verhältnis von Kirche und Staat).

Zurück zum Kirchenkonflikt in Niederanven: Sowohl in den zitierten Fachzeitschriften als auch bei der Eschborner Tagung ist man sich darüber einig, daß die erzbischöfliche Maßnahme gegen Jupp Wagner Teil der von Papst Johannes Paul II. eingeleiteten rückschrittlichen Personalpolitik ist, die eigentlich der vom 2. Vatikanischen Konzil proklamierten Weltoffenheit der Kirche zuwiderläuft. In Publik-Forum Nr. 17 vom 23.8.1991 zitiert Hartmut Meesmann dazu eine ganze Reihe Beispiele: "In Olinda und Recife holt ein Bischof die weithin als korrupt bekannte Polizei gegen verfolgte Kleinbauern, die den Bischof sprechen möchten, weil sie mit einigen seiner Entscheidungen nicht einverstanden sind; in Luxemburg wird ein Pfarrer, der für eine strikte Trennung von Staat und Kirche eintritt, in rüdester Form in Pension geschickt; in Augsburg zensiert ein Bischof ohne Rücksprache Beschlußtexte der Diözesansynode; (…) in Chur verkündet ein fast dem gesamten Kirchenvolk abgelehnter Bischof unter Hinweis auf den Papst: ‚Wer die Bischöfe hört, hört Christus, und wer sie verachtet, verachtet Christus‘, ohne auch nur über die Inhalte dessen, was Bischöfe da verkünden, einen Gedanken zu verschwenden; (…) in Salzburg will der Bischof den Priesterrat nicht mehr einberufen, weil er dessen Rat für überflüssig hält; in Köln boykottiert der Kardinal die ortsansässige Herder-Buchhandlung, weil deren Leiter sich erkühnt hat, Eugen Drewermann zu einem Vortrag einzuladen; in Berlin grenzt der Bischof den

ungeliebten Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) kurzerhand aus der Gemeindearbeit aus. Der Beispiele sind noch viele." Meesmann, der in seinem Beitrag der Frage nachgeht, warum die katholische Kirche Mitglieder verliert und Esoterik- und Psychokulte (Bsp. New Age) sich über immer neuen Zulauf freuen können, kommt zur Feststel-

Zehentmayr

lung, daß der Individualisierungsschub in der modernen Gesellschaft die Menschen nicht nur immer mehr zu freien, selbstverantworteten Entscheidungen zwingt, sondern daß die Menschen auch die Entscheidungsfreiheit und Eigenverantwortung wollen. "Die Menschen lassen sich nicht einfach mehr gängeln. Sie lassen sich nur mehr überzeugen. Formale Autorität ohne inhaltliche Überzeugungskraft hat daher ausgespielt. Deshalb hat gerade die katholische Kirche für viele Menschen heutzutage an Überzeugungskraft und damit an Bedeutung verloren. (…) Die Emanzipation des Menschen von autoritären Institutionen ist nicht mehr rückgängig zu machen." Die Kirche muß aber nicht nur zur Dialogbereitschaft und -fähigkeit finden, um eine Überlebenschance zu haben. Sie ist dazu auch ganz einfach verpflichtet, weil der Mensch im biblischen Verständnis Ebenbild und Partner Gottes ist. Kirchenvertreter, die diese Wahrheit vorleben, gewinnen Autorität, weil sie sich in den Dienst des Menschen stellen. Und solche Autorität ist auch heute noch gefragt und wird anerkannt. m.p.

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