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Nr.24 20.5.1978
fir kiirch a gesellschaft
NOTIZEN AM RANDE DER ABTREIBUNGSDEBATTE
Es scheint, als ob die "Dreihundertjahrfeier" und die Diskussionen über das Regie-
rungsprojekt zur Frage der Abtreibung die zwei wichtigsten Anliegen sind, die die Katholiken dieses Jahr in Luxemburg in Bewegung setzen. Ich möchte gerne heute ein paar allgemeine Bemerkungen zum zweiten Thema machen.
Es sollen thesenartig einige Punkte am Rande der Debatte herausgegriffen werden, die man meiner Meinung nach bedenken soll, wenn man die Debatte sinnvoll und sachlich führen will.
- Das Thema Abtreibung gehört in den allgemeinen Rahmen der Debatte über die Sexualität. Genau so sieht es das Regierungsprojekt auch vor. Und gleich schon stellt sich für uns Christen ein ziemlich grosses Hindernis, denn gerade auf diesem Gebiet war und ist die Haltung der Kirche ja bekanntlich nicht sehr aufgeschlossen. Wir dürfen uns also nicht wundern, wenn gerade unsere Stellungnahmen zum Thema von Gegnern mit einem Hinweis auf vergangene Kirchenpraxis ziemlich leicht abgetan werden können.
- Ich kenne niemanden im Luxemburger Land, der für die Abtreibung ist. Wir sollten uns doch endlich einmal klar darüber werden, dass die Debatte hauptsächlich um das von der
Regierung vorgelegte Projekt zur Entkriminalisierung der Abtreibung geht und nicht über die Abtreibung an sich. Der gute Wille der Verfasser des Projektes wurde übrigens auch vom Bischof nicht bestritten.
- Abtreibungen gibt es seit Jahrtausenden und wird es höchstwahrscheinlich immer geben. Abtreibungen gab und gibt es sicher auch in Luxemburg. Wir sollen also nicht so tun, als ob wir Christen die alleinige Lösung für dieses Problem in der Hand hielten. Es genügt nämlich nicht, alles Mögliche zu tun, um das ungeborene Leben zu schützen. Man sollte endlich einmal klare Stellung beziehen zu einer vernünftigen Geburtenregelung. "Humanae Vitae" war dazu bestimmt nicht der beste Beitrag.
abtreiben
- Abtreibungen unter den besten medizinischen Bedingungen waren bisher für die reichen Leute immer möglich und werden es auch immer sein, egal ob das Regierungsprojekt einmal in Kraft treten wird oder nicht. Arme Frauen, die unbedingt abtreigen wollen (und Experten wissen, dass es bei allem Abtreibungsverbot diese Situation immer noch geben wird) mussten und müssen sehr oft ihr eigenes Leben dabei aufs Spiel setzen.
- Einigen Gegnern und auch einigen Befürwortern des Regierungsprojektes scheinen alle Mittel recht, um ihr Ziel zu erreichen. Emotionsgeladene Diskussionen führen jedoch selten zu guten Resultaten. Man kann sich tatsächlich die Frage stellen, wieviele Leute denn überhaupt noch die täglichen Artikel lesen. Zu lange Auseinandersetzungen, in denen keine neuen Elemente angeführt werden, schaden der Sache.
- Die Heftigkeit der Debatte lässt darauf schliessen, dass es nicht allein um die
Abtreibungsproblematik, sondern eventuell auch um Parteipolitik geht.
- Man soll sich vor einer doppelzüngigen Moral hüten. Auf der einen Seite wird der absolute Schutz des ungeborenen Lebens gefordert, auf der andern Seite werden immer wieder Morde toleriert und Folterregime zumindest indirekt unterstützt.
- Das Prinzip des absoluten Schutzes des ungeborenen Lebens wird auch dann schon durchbrochen, wenn die Erlaubnis gegeben wird, bei Gefahr für das Leben der Mutter das Kind abzutreiben.
- Ob für oder gegen das Regierungsprojekt, wir alle sollen die Gelegenheit nutzen, alle nur möglichen Massnahmen in die Wege zu leiten, damit in kürzester Zeit keine Abtreibungen mehr notwendig sind. Dazu gehören insbesondere Sexualaufklärung und Informationen über Methoden der Empfängnisverhütung auf breitester Basis.
Jean-Paul Lehners
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