Raum als Analysekategorie in den Humanwissenschaften
Überlegungen im Spannungsfeld von Regionalität und Globalität
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Georg Mein
Seit Anfang der 1980er Jahre lässt sich in den Humanwissenschaften eine deutliche Hinwendung zur Kategorie des Raumes beobachten. Manche erblicken darin einen Paradigmenwechsel, der unter dem Schlagwort des spatial turn oder des topographical turn rubriziert wird. Gemeint ist die deutliche Hinwendung zu Fragen, welche die grundlegende Bedeutung des Räumlichen bzw. die Funktion räumlicher Strukturen für die Konstitution von Sprache und Gesellschaft ins Visier nehmen. Diese Neuausrichtung wird in der Regel als Konsequenz der Diskussionen um das global village angesehen, also als logische Folge des Zusammenschmelzens von Entfernung und damit der Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Zudem, so heißt es, haben bislang eher temporale Strukturen den Horizont kulturwissenschaftlicher Fragestellungen geprägt. Dieses Argument ist nachvollziehbar, bedenkt man, dass sich das neuzeitliche Denken maßgeblich unter philosophischem wie auch theologischem Einfluss ausgebildet hat. Hier aber genießt die Zeit ein deutlich höheres Prestige als der Raum. Dieser Prestigevorsprung lässt sich, wie Bernhard Waldenfels gezeigt hat, im Wesentlichen auf drei Gründe zurückführen.¹
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So scheint die Zeit der Innerlichkeit des Geistes, der Seele, des Bewusstseins oder des Erlebens deutlich näher zu stehen als der Raum. Von Augustinus über Descartes bis hin zu Kant, Hegel, Bergson und schließlich Heidegger: stets lässt sich ein Primat der Zeitkategorie gegenüber der Kategorie des Raumes nachweisen.
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Weiterhin gilt, dass die Zeit mit teleologischem Prozessieren identifiziert wird und somit „einer Dynamik unterliegt, die deutlich von der raumverhafteten Statik archaischer oder traditioneller Kulturen absticht.“²
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Schließlich findet die Vorrangstellung der Zeit durch die Entäußerung und Entleerung des Raumes in der neuzeitlichen Physik auch eine methodische Rechtfertigung. Der Raum erscheint hier als ein leerer Behälter, als ein Schema, dessen Äußerlichkeit durch eine verstärkte Innerlichkeit kompensiert wird.
Diese dreifache Vorrangstellung der Zeit wird im 20. Jahrhundert in verschiedenen Disziplinen mehr oder weniger parallel überwunden. Etwa durch den Milieubegriff in der Soziologie, die Fokussierung auf die Umwelt in der Biologie, die Betonung der räumlichen Beobachterposition in der Quantentheorie, die linguistische Verankerung sprachlicher Symbole in einem Zeigefeld, die Rolle des Gedächtnisortes in der jüngeren Geschichtsforschung, die Ergebnisse der topologischen Forschung der Mathematik, die wachsende Rolle räumlicher Installationen, Skulpturen und anderer Formen der Raumkunst in den Künsten bis hin zur Architektur. Die Reihe ließe sich fortsetzen.
Michel Foucault, auch in dieser Frage seiner Zeit weit voraus, hatte bereits 1967 nachdrücklich auf die wachsende Bedeutung der Kategorie des Raumes hingewiesen und sie „als Signatur materieller und symbolischer Praktiken“³ beschrieben. In einem Vortrag, der unter dem Titel Des espaces autres allerdings erst 1984 publiziert wurde, charakterisiert Foucault die aktuelle Epoche als eine Epoche des Raumes: „Wir sind in der Epoche des Simultanen, wir sind in der Epoche der Juxtaposition, in der Epoche des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander, des Auseinander.“⁴ Ausgehend von dieser Feststellung entwickelt Foucault den Begriff der Heterotopie, eine Kategorie, mittels
Georg Mein ist Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Luxemburg.
Raumsoziologen [denken] heute darüber nach, wie der Mensch räumliche Ordnungen schafft und welche Bedeutung diese wiederum für soziale und politische Prozesse entfalten.
der die Heterogenität von Ordnungen räumliche Züge annimmt. Heterotopien sind nach Foucault die ebenso wirklichen wie wirksamen Orte einer Zivilisation, „die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können“.
Als Quintessenz der skizzierten Überlegungen hat sich in den Humanwissenschaften die Überzeugung durchgesetzt, dass den räumlichen Kategorien wieder ein größerer Stellenwert beigemessen werden müsse. Der spatial turn begründe sich somit im Bedarf neuer Begriffe für die Beschreibung einer neuen Ordnung der Welt – einer Ordnung, die sich auch und vor allem dem verdankt, was unter dem Begriff der Globalisierung gemeinhin zusammengefasst wird.
In diesem Kontext markiert die Diskussion um einen adäquaten Raumbegriff den wohl zentralen Punkt der aktuellen Debatten. Denn immer noch sind viele Forschungsbeiträge in der alten „Raumfalle“ der Sozialwissenschaften verhaftet. Vor allem die Beiträge zur kulturellen Globalisierung sind häufig mit einer sehr herkömmlichen Vorstellung von der Existenz territorial-kultureller Einheiten verbunden. Denn auch mit der Betonung einer Verschiebung territorial verankerter Kulturen – Stichwort Multikulturalismus – schwingt eben noch die Vorstellung von stabilen, geographisch-kulturellen Einheiten mit. Hinter dieser Vorstellung steckt der klassische geographische Gegenstand der „Raumgestalten“, in denen, wie der Sozialgeograph Benno Werlen schreibt, „Natur“, „Kultur“ und „Gesellschaft“ zu einer Einheit zusammengewachsen“ sind. Mit anderen Worten: Raumgestalten wie der Nationalstaat, der „Kulturkreis“ oder auch der Kontinent leben davon, dass sie „Nichträumliches (z. B. Soziales) als räumlich-materiell Fixierbares, Verankertes, Bedingtes, Verursachtes, Steuerbares, ja als weitgehend bis ganz und gar Räumliches oder Physisch-Materielles erscheinen (…) lassen“. Dabei wird Soziales oder Kulturelles mit dem geographischen (Erd-)Raum verbunden; je nach Perspektive auf Natur projiziert, an Natur adressiert oder mit Natur verschmolzen und so letztlich seines politischen Gehalts enthoben.
Symptomatisch für diese Sichtweise sei, so Frithjof Benjamin Schenk, dass in den Schulen der Geopolitik und der klassischen Geographie der Raum in der Regel als Territorium begriffen wurde, also als etwas, das unabhängig vom Menschen existiere. Diese Auffassung ist allerdings in neueren raumsoziologischen Ansätzen revidiert worden. Denn hier wird der Raum nicht länger als ein fest gefügter Behälter beschrieben, in dem sich historische Prozesse entfalten. Vielmehr wird umgekehrt betont, dass der gesellschaftlich und historisch relevante Raum primär als das Produkt menschlicher Hand-
lung und Wahrnehmung zu begreifen sei. In Abgrenzung von einer essentialistischen Raumvorstellung hat der Geographie-Historiker Hans-Dietrich Schultz diesen neuen Ansatz auf eine einprägsame Formel gebracht: „Räume sind nicht, Räume werden gemacht!“
Während – vereinfacht gesprochen – Theoretiker der Geopolitik darüber reflektierten, wie der Raum gesellschaftliche Prozesse gleichsam erzwang, denen Raumsoziologen heute darüber nach, wie der Mensch räumliche Ordnungen schafft und welche Bedeutung diese wiederum für soziale und politische Prozesse entfalten. Dabei rücken Fragen der aktiven Gestaltung des dreidimensionalen physischen Raumes, seiner Bebauung und Erschließung ebenso in den Blick wie solche nach raumstrukturierenden Regeln und Normen, nach sozialen Praktiken im Raum und der Wahrnehmung und symbolischen Codierung von Räumen durch den Menschen. Für die Geisteswissenschaften richtungsweisend sind hier vor allem die Ansätze von Georg Simmel, Pierre Bourdieu, Pierre Nora (lieu de mémoire) oder Aleida Assmann (Konzept der „Erinnerungsräume“).
Die Literaturwissenschaft interessiert sich in diesem Kontext vor allem für die sprachliche Strukturierung dieser Räume und welche Rolle die Literatur dabei spielt. Ganz offensichtlich ist die symbolische Codierung von Räumen nicht nur wesentlich auf den literarisch erzeugten und durch Literatur tradierten Bestand an Kollektivsymbolen angewiesen. Literatur als fiktionaler Raum ist darüber hinaus immer auch ein Möglichkeitsraum in dem Handlungsoptionen für die Realität im Modus des als ob durchgespielt werden können. Das Gleiche gilt für das Konzept der Erinnerungsräume, das ohne die regulative Idee einer Nationalliteratur kaum denkbar wäre. Und auch der soziale Raum strukturiert sich, wie Bourdieu gezeigt hat, unter anderem durch Rückgriff auf ästhetische Kategorien und Präferenzen, die erst die „feinen Unterschiede“ und Demarkationslinien sichtbar machen. Literatur als wesentlicher Bestandteil des kulturellen Kapitals entfaltet ihre Wirkung hier vor allem über ihr Distinktionspotential.
Ohne Zweifel ist die Globalisierung nicht nur ein geopolitisches oder soziales Phänomen, sondern vor allem ein mediales.
Virulent wird die Kategorie des Raumes insbesondere, situiert man sie im Spannungsverhältnis von Regionalität und Globalität.
Ohne Zweifel ist die Globalisierung nicht nur ein geopolitisches oder soziales Phänomen, sondern vor allem ein mediales. Globalisierung heute meint insbesondere die mediale Inszenierung der Rede über Globalisierung. Zugleich – und darauf haben vor allem die Arbeiten von Marshall McLuhan verwiesen – ist Globalisierung selbst ein Ergebnis medialer Repräsentationsformen. Nicht allein aus diesem Grund rückt in den Literaturwissenschaften vermehrt die Frage nach der medialen Verfasstheit des Wissens in den Vordergrund. Eine Frage, die immer auch die Frage nach der räumlichen Repräsentation impliziert. Das Feld der Literatitätsforschung etwa untersucht nicht nur die historische Genese von Schrift und ihre linguistischen Variationen – vielmehr geht es auch darum, in welcher Weise die Materialität des Zeichenträgers, seine ganz konkrete räumliche Figuration in sozialanthropologischer Perspektive relevant ist.
Ein weiterer, aktueller Anschlusspunkt an die Raumthematik wird unter dem Begriff der Liminalität diskutiert, womit statt der starren Grenze ein flexibler Schwellenraum ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Hier wird vor allem an den Raum-, Schwellen- und Passagenbegriff Walter Benjamins angeschlossen sowie an die in der Nachfolge Arnold van Genneps stehende ethnosoziologische Ritualtheorie Victor Turners. Doch auch die mit den Kategorien Ausschluss, Diskontinuität, Bruch und Schwelle operierende Diskurstheorie Foucaults ist hier zu nennen, ebenso wie die an Foucault anschließende Interdiskurstheorie Jürgen Links.$^{10}$
Virulent wird die Kategorie des Raumes insbesondere, situiert man sie im Spannungsverhältnis von Regionalität und Globalität. Von besonderer Bedeutung ist hierbei das vielgestaltige Phänomen der Grenzziehungen bei gleichzeitiger Infragestellung von Grenzen, insofern die dem Regionalen verbundenen symbolischen (geographischen, kulturellen, sozialen usw.) Grenzen zunächst in strikter Opposition zur Enträumlichung, Entgrenzung und Universalisierung als Signaturen der Kultur der Globalisierung erscheinen. Die Frage ist dann z. B., wie solche Grenzziehungen in der Medienkultur – in der Globalisierung und Regionalisierung unmittelbar aufeinanderprallen – überhaupt noch vollzogen und vermittelt werden können, ob nicht ständige Grenzverschiebungen bzw. -auflösungen zu konstatieren sind. Zu fragen wäre weiter, in welchem Verhältnis die imaginären Entwürfe und Erzählungen des Regionalen zu den vergangenen Imaginationen des Nationalen stehen. Sie können nach Inklusion/Exklusion-Schemata strukturiert sein, um unter veränderten verunsichernden Bedingungen Identität, Sinn, Kohärenz zu stiften. Neue Regionalitätsvorstellungen können sich aber auch gegen überkommene Konnotationen des Authentischen, Ursprünglichen, Volkstümlichen richten und sich stattdessen von Heterogenitäten bestimmen lassen, indem z. B. durch die Integration unterschiedlicher Lebensentwürfe in einem Raum neue Formen hybrider Kulturen generiert werden.
In diesem Kontext ist insbesondere an die Zentrum-Peripherie Differenzierung zu erinnern, in der die geläufige Gegenüberstellung unterschiedlicher Kulturen von Metropolen und Regionen aufgehoben erscheint. Globalisierungprozesse verdichten sich zunächst in den Zentren und unterstützen von daher zunächst – etwa durch Akkumulation von kulturellem Kapital – die Machtansprüche der Metropolenkulturen. Der sekundäre, marginale Status regionaler Kulturen wird somit scheinbar gefestigt. Auf der anderen Seite ist diese Teilung durch informationstechnische und medienkulturelle Entwicklungen überholt. Obgleich Zentren und Peripherien je eigene Kontexte entwickeln, sind sie dennoch strukturell miteinander verbunden und können nicht wirklich getrennt voneinander betrachtet werden, die Unterscheidung basiert auf vielschichtigen grenzüberschreitenden Austauschprozessen. Das begünstigt den Blickwechsel vom Zustand auf die Bewegung, von der Abgrenzung auf die Verflechtungen.
Es dürfte deutlich sein, dass all diese Fragen insbesondere mit Blick auf das Verhältnis Luxemburg – Europa von besonderer Relevanz sind.
Vom 13.-15. Dezember findet an der Universität Luxemburg die vom FNR finanzierte Konferenz „Peripherie Zentren oder zentrale Peripherien: Kulturen und Regionen Europas zwischen Globalisierung und Regionalität“ statt, wo der skizzierte Themenkomplex im Mittelpunkt stehen wird.
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