Zwei Kulturen?
Die Zukunftsoffenheit der Geistes- und Humanwissenschaften
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Georg Mein
Wer sich heutzutage als Intellektueller hervortut bzw. als ein solcher angesehen wird, der ist in der Regel Philosoph, Historiker, Schriftsteller oder ähnliches – jedenfalls wird er gemeinhin der Sphäre der Geistes- und Humanwissenschaften zugerechnet und nicht etwa den Natur- oder Ingenieurwissenschaften.¹ Warum ist das eigentlich so – bzw. warum ist das immer noch so? Warum existiert im anglo-amerikanischen Raum zwischen den sogenannten Humanities und den Sciences eine schier unüberbrückbare Kluft? Warum denkt man im deutschsprachigen Raum, wenn man von Bildung spricht, in der Regel nicht an die Wissensbestände der Naturwissenschaften? Warum erwartet in einer „gepflegten“ Konversation niemand von seinem Gegenüber, dass er den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik oder die Heisenberg’sche Unschärferelation erläutern kann? Und warum gilt es in einer ebensolchen Konversation gleichzeitig als selbstverständlich, dass man sich zu einem Zitat wie Alle Menschen werden Brüder angemessen äußern kann, und zwar von Schiller bis Beethoven? Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Iser hat es einmal sehr treffend auf den Punkt gebracht, als er bemerkte: „Die Gebildeten waren die ‚Eingeweihten‘, deren Symbole aus jenem reichen Zitatenschatz der Weltliteratur bestanden, durch den sie sich ‚in Gesellschaft‘ wechselseitig zu erkennen gaben.“² Sicherlich nicht ohne Grund hat Iser für seine Formulierung die Vergangenheitsform gewählt, denn ohne Frage haftet einer solchen Gemeinschaft der Eingeweihten etwas Nostalgisches an. Existiert sie überhaupt noch – oder anders gefragt: Ist dies das Leitbild, das es zu verteidigen gilt? Sicherlich nicht!
Das Problem an dem skizzierten Bild dieser elitären Gemeinschaft der Gebildeten ist weniger, dass es als Selbstentwurf immer noch in den Köpfen vieler vor-
handen ist, sondern vielmehr, dass es als Zuschreibungsmodell für das vermeintliche weltferne Wesen der Geistes- und Humanwissenschaften fungiert. Nach wie vor stehen die Humanities unter Luxusverdacht und sehen sich immer wieder genötigt, ihre Daseinsberechtigung insbesondere mit Blick auf die Sciences zu begründen. Die dichotomische Gleichung – bzw. die Verlustrechnung –, die aufgemacht wird, lautet in etwa wie folgt:
Auf der einen Seite gibt es die Naturwissenschaften, die Hard Sciences. Dazu gehören neben Biologie, Physik und Chemie auch die Ingenieur- und Materialwissenschaften, sämtliche Technologiewissenschaften und natürlich auch die Medizin. Im Zentrum stehen reale Körper, hier wird empirisch geforscht, statistisch erhoben und ausgewertet, gemessen und gewogen, gerechnet und bewiesen. Hier werden Maschinen gebaut, Teilchen beschleunigt, Erdbeben vorhergesagt, Impfstoffe entwickelt und Leben gerettet. Alles, was unser Leben angenehmer, gesünder, effizienter und sicherer macht und den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen hilft, stammt von hier: der Toaster, das Auto, die Mikrowelle, die Atombombe, der CD-Spieler, das Handy und natürlich das Internet.
Auf der anderen Seite gibt es die Geistes- und Humanwissenschaften, die Soft Sciences. Dazu gehören unter anderem die Philosophie, die Pädagogik, alle Sprach- und Literaturwissenschaften, die Geschichte, die Soziologie, die Politikwissenschaften, die Psychologie, die Psychoanalyse und auch die
Warum denkt man im deutschsprachigen Raum, wenn man von Bildung spricht, in der Regel nicht an die Wissensbestände der Naturwissenschaften?
Georg Mein ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Luxemburg und Dekan der Fakultät für Sprachwissenschaften und Literatur, Geisteswissenschaften, Kunst und Erziehungswissenschaften.
Eine Allegorie
(Willem van der Vliet, 1627)
Theologie. Im Zentrum stehen mentale Objekte, hier wird gelesen und interpretiert, übersetzt, kreativ gedacht, ästhetisch bewertet, geglaubt und vermutet. Hier werden Archive durchforstet oder aufgebaut, Altes mit Neuem verglichen, Sprachvarianten untersucht, die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis definiert und kanonische Wissensbestände gepflegt. Alles, was unser Leben schöner, geistvoller und interessanter macht und uns den Glanz längst überlebter Traditionen erhält, stammt von hier: die schönen Künste, das Museum, das Archiv, die Moral, die Erziehung, das Unbewusste, das historische Bewusstsein und das Feuilleton.
Menschen denken gerne in binären Unterscheidungen. Sie bringen Ordnung in die immer unübersichtlicher werdende Wirklichkeit, indem sie einen beruhigenden Entweder/Oder-Schematismus anbieten. Man ist dann entweder dafür oder dagegen, Demokrat oder Republikaner, Mann oder Frau, schwarz oder weiß, Natur- oder Geisteswissenschaftler. Wie bei allen binären Unterscheidungen scheint auch die zwischen Hard und Soft Sciences unmittelbar einzuleuchten. Es gibt dabei nur ein Problem: Sie ist in hohem Maße zweifelhaft und mit Blick auf die durch diese Unterscheidung tradierten Gemeinplätze in großen Teilen schlichtweg falsch! Insofern ist auch alles, was aus ihr gefolgert wird, höchst problematisch. Damit soll nicht behauptet werden, dass es keine Unterschiede zwischen den Wissenschaften gäbe. Natürlich macht ein Physiker im CERN etwas anderes als ein Kinderpsychologe und ein Molekularbiologe etwas anderes als ein Linguist. Das heißt aber nicht, dass deshalb diese Forscher in zwei unter-
schiedlichen Welten beheimatet sind – und dass es genau nur diese zwei Welten gibt.
In wissenschaftstheoretischer Hinsicht wurde die Trennung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften vor allem durch einen Text des Physikers und Publizisten Charles Percy Snow zementiert. In einem zuerst 1956 publizierten Artikel mit dem Titel The Two Cultures, der 1963 zu einem Buch erweitert wurde, spricht Snow von einem völligen Nichtverstehen zwischen der literarisch-intellektuellen Kultur auf der einen und der naturwissenschaftlich-technischen Kultur auf der anderen Seite. „Man hat“, so Snow, „ein seltsam verzerrtes Bild voneinander“, das mitunter in Feindschaft und Antipathie müde. Snow, der ja in gewisser Hinsicht an beiden Kulturen partizipiert, bedauert diese antagonistische Positionierung der beiden Wissenschaftskulturen zutiefst. Er konstatiert, dass der Zusammenbruch der Kommunikation zwischen Natur- und Geisteswissenschaften eines der größten Hindernisse darstellt, die drängenden Probleme der Welt zu lösen. Die Bildungsprogramme für die heranwachsende Generation müssten insofern entschieden dazu beitragen, die Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu überwinden, um von den Wissensbeständen beider Kulturen zu profitieren.
Obwohl Snows Überlegungen darauf abzielen, die Trennung zwischen den zwei verschiedenen Wissenschaftskulturen zu überwinden, ist die Ausgangslage seiner Überlegungen eine faktische Dichotomie zwischen den beiden Kulturen. Eben damit aber hat Snow die diskursive Trennung zwischen den Natur-
Wie bei allen binären Unterscheidungen scheint auch die zwischen Hard und Soft Sciences unmittelbar einzuleuchten. Es gibt dabei nur ein Problem: Sie ist in hohem Maße zweifelhaft […]
Gottfried Wilhelm Leibniz:
einer der letzten Universal-
gelehrten
(Nationalbibliothek Paris)
und Geisteswissenschaften eher befördert, als zu
ihrer Überwindung beigetragen. Weiterhin gelten
daher die Naturwissenschaften als zukunftsfähig,
während man den Geisteswissenschaften eher Ver-
gangenheitsverliebtheit zuschreibt.
Wie also müsste man ansetzen, um das Problem zu
lösen? Vergegenwärtigt man sich noch einmal die
oben skizzierte schematische Gegenüberstellung der
Natur- und Geisteswissenschaften, so muss zunächst
festgehalten werden, dass diese vor allem von der
Tradierung unreflektierter Vorurteile lebt. Mit der
Realität der Wissenschaften jedenfalls hat sie wenig
gemein, was sich an einigen Beispielen leicht belegen
lässt. So ist es ja keineswegs so, dass naturwissen-
schaftliche Forschung sich durchgängig mit Blick
auf die Nutzbarkeit der Resultate definiert. Im Ge-
genteil interessiert man sich gerade im Rahmen von
Großprojekten, wie z. B. dem CERN, für Dinge,
von denen sich niemand jemals irgendeinen Nutzen
erwartet. Jedenfalls scheint sich derzeit noch kaum
jemand vorstellen zu können, worin die konkrete
Anwendbarkeit des Nachweises von Higgs-Teilchen
liegen könnte. Damit ist nicht in Abrede gestellt,
dass gerade aus Projekten wie dem CERN regelmä-
ßig sehr nützliche Erfindungen hervorgehen. An-
getrieben wird diese Forschung aber – und das gilt
selbst für die Ingenieurwissenschaften – in erster Li-
nie von rein wissenschaftlichen Interessen. Ein nicht
zu unterschätzender Unterschied zu den Geisteswis-
senschaften besteht letztlich darin, dass die Natur-
wissenschaften – Stichwort: bildgebende Verfahren –
sehr effektive Möglichkeiten gefunden haben, der
Öffentlichkeit klarzumachen, dass sie (mittelbar!)
auch an Dingen arbeiten, die für gegenwärtige Pro-
blemstellungen der Gesellschaft und für unser aller
Zukunft sehr nützlich sein werden.
Weiterhin ist die Gegenüberstellung eines empiri-
schen Ansatzes in den Naturwissenschaften versus
eines hermeneutischen Ansatzes in den Geisteswis-
senschaften in keiner Weise zutreffend. Sprachwis-
senschaftler, Psychologen, Soziologen, um nur einige
Disziplinen zu nennen, arbeiten schon lange auf
einer empirisch erhobenen Datenbasis und belegen
ihre Thesen mit komplexen statistischen Berechnun-
gen, die denen von Biologen oder Materialwissen-
schaftlern in nichts nachstehen. Umgekehrt müssen
sich auch Physiker, Biologen und Ingenieure einge-
stehen, dass ihre Daten oder Parameter, mit denen
sie operieren, aus einer immer schon kommunikati-
ven und selbstreflexiven, und d. h. doch eben herme-
neutischen, Einstellung heraus konstituiert werden.
Daten sprechen eben nicht für sich selbst, auch wenn
dies populärwissenschaftlich gerne so dargestellt
wird. Max Planck, der Begründer der Quantenphy-
sik, hat dies einmal mit Blick auf die Arbeit des Phy-
sikers mit wünschenswerter Deutlichkeit formuliert:
„Seine einzigen Forschungsmittel, seine Messungen,
sagen ihm niemals etwas direkt über die reale Welt,
sondern sind immer nur eine gewisse mehr oder we-
niger unsichere Botschaft oder, wie es Helmholtz
einmal ausgedrückt hat, ein Zeichen, das die reale
Welt ihm übermittelt und aus dem er dann Schlüsse
zu ziehen sucht, ähnlich einem Sprachforscher, wel-
cher eine Urkunde zu enträtseln hat, die aus einer
ihm gänzlich unbekannten Kultur stammt.“⁴
Mit anderen Worten, die vorgeblich so klare Tren-
nung zwischen qualitativer und quantitativer For-
schung stellt eine grobe Vereinfachung dar, die mit
Blick auf die konkrete Arbeit in den verschiedenen
Wissenschaftsbereichen kaum aufrecht zu halten ist.
Grundsätzlich gilt, dass sich die Forschungsdiszipli-
nen in den letzten Jahrzehnten auf eine dramatische
Weise weiter entwickelt haben, sodass die Rede von
zwei Kulturen in keiner Weise mehr adäquat ist.
Manche plädieren daher für eine dritte Kultur, die
sie in den Wirtschafts- und den Rechtswissenschaft-
ten sowie im breiten Spektrum der Sozialwissen-
schaften bereits verwirklicht sehen. Dort habe sich,
so argumentiert etwa Rudolf Stichweh, eine inten-
sive kognitive und konzeptuelle Dynamik zwischen
Human- und Naturwissenschaften freigesetzt, „die
in ihrer Intensität und Produktivität historisch neu
ist und die alle Ideologeme der Abgrenzung, der
prinzipiellen epistemischen Differenz und der an-
geblichen Überlegenheit der einen oder der anderen
Seite entbehrlich macht.“⁵ Man kann vielleicht noch
etwas grundsätzlicher argumentieren, indem man
darauf hinweist, dass die Probleme der Gegenwart
von einer Disziplin alleine kaum mehr bewältigt
Warum denkt
man im
deutschsprachigen
Raum, wenn
man von Bildung
spricht, in der
Regel nicht an die
Wissensbestände
der Naturwissen-
schaften?
werden können, sondern nur im interdisziplinären Zusammenspiel. Dieses Zusammenspiel der Wissenschaften fordert von allen Beteiligten eine gewisse Bereitschaft und Offenheit – doch wer sich einmal darauf einlässt, wird erstaunt feststellen, wie überraschend gut es dann doch funktioniert. Ein gutes Beispiel sind die Herausforderungen der Bioethik. Hier forschen Philosophen und Juristen gemeinsam mit Biologen und Medizinern an komplexen Fragestellungen. Ein anderes Beispiel ist die kognitive Erfassung von Lernprozessen, wo Erziehungswissenschaftler und Psychologen gemeinsam mit Neurologen und Informatikern Testverfahren entwickeln, Messungen durchführen, Daten auswerten, Modelle erstellen und Vorschläge für die konkrete Unterrichtspraxis formulieren.
Keinesfalls sollen diese Beispiele interdisziplinärer Zusammenarbeit als Plädoyer für die Nivellierung von Disziplinengrenzen verstanden werden. Interdisziplinarität kann nur auf dem Boden einer klar umrissenen und selbstbewussten Disziplinarität erfolgreich sein. Doch das heißt nicht, dass diese Disziplinarität sich in ein binäres Schema einordnen lassen muss. In den meisten Fällen erfordern schon die eigenen disziplinären Kernprobleme eine Perspektivierung, die jenseits der Dichotomie von Natur- und Geisteswissenschaft angesiedelt ist (man denke etwa an das Forschungsfeld der Digital Humanities).
Dennoch wird es kaum möglich sein, die Unterscheidung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften einfach aufzugeben. Sie ist über Jahrhunderte gewachsen und lässt sich, schon mit Blick auf die Regeln des Diskurses, nicht von heute auf morgen durch ein anderes Modell ersetzen. Das aber bedeutet, dass die Geistes- und Humanwissenschaften die Frage nach ihrer Zukunftsfähigkeit nicht grundsätzlich ablehnen können – und im Übrigen auch gar nicht ablehnen wollen –, weshalb im Folgenden auf eben diese Frage noch einmal genauer eingegangen werden soll.
Überblickt man die historische Entwicklung, so fallen die vermeintlichen Legitimationskrisen der Geistes- und Humanwissenschaften jeweils auffällig mit Phasen verstärkter Zweckrationalität zusammen. Immer dann, wenn nach dem Praxisbezug der Wissenschaften gefragt wird, wenn ihr Beitrag für politische, soziale und ökonomische Ansprüche geprüft und über ihre Anwendungsorientierung gestritten wird, sehen sich die Geistes- und Humanwissenschaften direkt genötigt, ihre Daseinsberechtigung zu verteidigen.⁶ Denn in einer Gesellschaft, die ihre Zuflucht primär in technologischem Fortschritt und wirtschaftlicher Expansion sucht, in der Men-
schen als Humanressourcen definiert werden und dies alles durch die Zwänge der Globalisierung und das Diktat der Ökonomie legitimiert wird, muten die Geistes- und Humanwissenschaften schon per definitionem anachronistisch an. Und eben dieser Anachronismusvorwurf ist auch Ausgangspunkt für fachinterne Diskussionen darüber, ob man sich dem Akzeptanzangebot der Stunde beugen und seine Gegenstände, Fragestellungen und Aufgaben gemäß den von außen angetragenen zweckrationalen Verwendungsansprüchen zurichten sollte. Nichts wäre schlimmer als das!
Und es wäre zudem völlig überflüssig, denn längst hat sich der sogenannte Kultursektor in Europa als ein äußerst rentabler Wirtschaftszweig etabliert, so dass eigentlich sämtliche Fragen nach dem ökonomischen Nutzen der Geistes- und Humanwissenschaften, die ja die ‚Humanressourcen‘ für diesen Sektor ‚produzieren‘, überflüssig sind. Der Soziologe Harald Welzer hat einmal ausgerechnet, dass in Deutschland allein die Kulturwirtschaft – also Galerien, Agenturen, Verlage, Theater usw. – eine jährliche Wertschöpfung von 35 Milliarden Euro erzeugt, „womit sich dieser volkswirtschaftliche Sektor knapp vor der Software-Industrie und knapp hinter der Energiewirtschaft einreiht.“⁷
Das Problem an der gesamten Debatte um den vermeintlichen Nutzen oder die Zukunftsfähigkeit der Geistes- und Humanwissenschaften liegt darin, wie diese Debatte von den Fächern selber aufgenommen wird. Anstatt souverän zu reagieren sieht man sich in einer Legitimations- und Daseinskrise und bringt sich selber in eine defensive Verteidigungshaltung. Die Argumente, die dann für die Unverzichtbarkeit der Geisteswissenschaften vorgebracht werden, sind im Kern zwar durchaus zutreffend, erzeugen auf der anderen Seite aber neue Probleme. Ich möchte im Folgenden kurz auf die wichtigsten Argumentationslinien zur Legitimation der Geisteswissenschaften eingehen.
Der Philosoph Odo Marquard hat 1985 in einem prominenten Vortrag die äußerst wirkungsmächtige These aufgestellt, dass die Geisteswissenschaften in spezifischer Weise auf die Naturwissenschaften reagieren würden. Ihre Aufgabe sei vor allem kompensatorischer Natur, weil sie das spezialisierte Wissen der Naturwissenschaften narrativ kontextualisieren und so erst an das historisch situierte Individuum rückbinden. „Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften“,⁸ lautet seine Kernthese.
So einleuchtend Marquards Begründung im Detail auch sein mag, so problematisch ist die implizite
Anstatt souverän zu reagieren sieht man sich in einer Legitimations- und Daseinskrise und bringt sich selber in eine defensive Verteidigungshaltung.
Sir Francis Bacon: einer der Begründer der modernen Wissenschaftsmethode (Wikicommons)
Botschaft seiner Argumentation. Denn zum einen bestätigt Marquard die schematische Aufteilung in Natur- und Geisteswissenschaften mit vorgeblich völlig differenten Forschungsparadigmen und Methoden; zum anderen schreibt er den Geisteswissenschaften durch die Kompensationstheorie eine sekundäre und d. h. bloß reaktive Rolle zu. Zwar klingt es zunächst attraktiv, wenn behauptet wird, dass die Geistes- und Humanwissenschaften die Kollateralschäden einer entfesselten Moderne, die durch das hohe Tempo der naturwissenschaftlichen und technischen Innovationen entstehen, nicht nur aufdecken, sondern sogar kompensieren können. Allerdings bestätigt die Kompensationstheorie damit implizit den unterstellten Konservativismus der Geisteswissenschaften, denn innovativ sind nach dieser These allein die Naturwissenschaften. Würden die Geisteswissenschaften die Rolle tatsächlich annehmen, die ihnen Marquards Kompensationstheorie zuweist, so wären sie schlecht beraten. Denn sie würden dadurch nicht nur Snows Zwei-Kulturen-These nachdrücklich bestätigen, „sondern auch auf jede systematische Funktion bei der Weiterentwicklung rationaler Kulturen verzichten.“⁹
Eine weitere, ebenfalls sehr prominente Begründungsfigur für die Geistes- und Humanwissenschaften geht von der Überlegung aus, dass diese Wissenschaften kein Produktionswissen, sondern Reflexionswissen, kein Verfügungswissen, sondern Orientierungswissen erzeugen. Mit anderen Worten, die Geistes- und Humanwissenschaften handhaben Wissensbestände, die im Zuge der Identitätsbildung, d. h. einer historisch gewordenen und für die Gegenwart und Zukunft zu applizierenden kulturspezifischen Selbst- und Weltorientierung, stets aufs Neue zu reaktualisieren sind. Dabei resultiere der
zunehmende Bedarf an Reflexions- und Orientierungswissen, wie Jürgen Habermas betont, aus dem Selbstverständnis moderner Gesellschaften: Ihre orientierenden Maßstäbe kann und will die Moderne „nicht mehr Vorbildern einer anderen Epoche entlehnen, sie muß ihre Normativität aus sich selber schöpfen.“¹⁰
Auch diese Argumentationslinie hat ihre Tücken. Zwar werden die Geistes- und Humanwissenschaften in eine relativ komfortable Position gebracht; allerdings wird diese Position wiederum auf der Basis eines problematischen Schematismus erkauft, nämlich dem zwischen Verfügungs- und Orientierungswissen. Auch hier muss gesagt werden, dass sich die Wissenschaften insgesamt einem solchen Schematismus nicht fügen. Warum sollte bspw. die Biologie nicht auch Orientierungswissen vermitteln und warum bspw. die Linguistik nicht auch Verfügungswissen? Und weiterhin: Wie wäre das Verhältnis von Verfügungs- und Orientierungswissen selbst zu denken und worin unterscheiden sich diese Wissensformen konkret? Vergegenwärtigt man sich hier die einschlägige Antwort, wonach Orientierungswissen als ein regulatives Wissen um Ziele, Zwecke und Maximen aufzufassen sei, wohingegen Verfügungswissen ein positives Wissen um Ursachen, Wirkungen und Mittel darstelle, so wird unmittelbar klar, dass kaum eine Disziplin sich nur auf eine der genannten Wissensformen beschränken kann. In Anlehnung an das berühmte kantsche Diktum könnte man sagen: Orientierungswissen ohne Verfügungswissen ist leer – Verfügungswissen ohne Orientierungswissen ist blind.
Bleibt noch die letzte und vielleicht überzeugendste Argumentationsfigur, die zur Legitimation der Geistes- und Humanwissenschaften ins Feld geführt wird. Diese Argumentation firmiert unter verschiedenen Labeln, z. B. als Mündigkeits-, als Emanzipations- oder als Demokratietheese. Im Kern geht es darum, dass die Ideen der Aufklärung das Produkt geistes- und humanwissenschaftlicher Einsichten sind. Geisteswissenschaftliches Wissen in dieser Perspektive ist nicht Kompensations-, sondern Vollzugswissen der Moderne, weil es die Basis für selbstbestimmtes Handeln, Mündigkeit und Demokratie bildet. Ausgangspunkt für diese Zuschreibung ist die Identifizierung eines ästhetisch-utopischen Surplus des geistes- und humanwissenschaftlichen Wissens gegenüber dem naturwissenschaftlich-rationalen Wissen. Erst durch dieses ästhetisch-utopische Surplus eröffnet sich eine Perspektive jenseits utilitaristischer Sachzwänge – eine Beobachtung zweiter Ordnung, die kreative Zukunftsprojektionen jenseits ausgetretener Denkpfade, kritisches Hinterfragen hegemonialen Herrschaftswissens sowie Konsensbildung
In Anlehnung an das berühmte kantsche Diktum könnte man sagen: Orientierungswissen ohne Verfügungswissen ist leer – Verfügungswissen ohne Orientierungswissen ist blind.
durch vorurteilslose Grenzüberschreitung und die Fähigkeit zur Empathie möglich macht.
Die amerikanische Philosophin Martha C. Nussbaum, eine prominente Vertreterin der Demokratietheese, argumentiert, dass durch Profitmacherei als Handlungsorientierung in modernen Gesellschaften essentielle Fähigkeiten verloren gingen, die aber gebraucht werden, um die drängendsten Probleme der Welt konstruktiv zu lösen. Es reiche nicht aus, eine Generation von nützlichen Maschinen hervorzubringen. Der Fortbestand der Menschheit werde nicht dadurch gesichert, dass die Bildungssysteme der Gegenwart auf die Vermittlung sogenannter Zukunftstechnologien setzen. Es müssen spezifische Fähigkeiten hinzukommen, die primär aus den Geisteswissenschaften und Künsten erwachsen: „die Fähigkeit zum kritischen Denken; die Fähigkeit, über lokale Bindungen hinaus zu denken und die Probleme der Welt als ‚Weltbürger‘ anzugehen; und schließlich die Fähigkeit, sich in die Notlage eines anderen Menschen zu versetzen.“¹¹
Nussbaum schließt damit an eine Frage an, die von dem französischen Philosophen Michel Foucault als die Schlüsselfrage angesichts moderner Regierungstechniken identifiziert wurde: die Frage nach der Möglichkeit von Kritik. Foucault schreibt: „Wie ist es möglich, daß man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird – daß man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird?“¹² Foucault geht es hier vor allem um die Kritik an jenen latenten Strukturen, die auch innerhalb von vorgeblich stabilen Demokratien die Individuen und Bürger kontrollieren und reglementieren. Wie aktuell Foucaults Bedenken sind, wird nicht erst durch die NSA-Affäre deutlich, die derzeit zu empfindlichen transatlantischen Verstimmungen zwischen Europa und den USA führt. Die Kritik an regulativen Vorgaben und an Mechanismen, die den ‚Output‘ von Systemen nach bestimmten Kriterien misst – und in der Regel eben nach Kriterien, die nicht systemimmanent erzeugt wurden –, diese Möglichkeit von Kritik muss auch mit Blick auf das System der Wissenschaftsorganisation gewährleistet sein. Eben hier kommt den Geistes- und Humanwissenschaften eine zentrale Bedeutung zu, weil sie Widerstand gegen externe Kontrollmechanismen artikulieren, und zwar im Sinne des Systems moderner Wissenschaften an sich! Denn das basale Ziel dieses Systems moderner Wissenschaften liegt eben darin, die Eigenkomplexität zu steigern, und zwar sowohl in den Natur- wie in den Geisteswissenschaften. Nur so können die Wissenschaften im größtmöglichen Maße zukunftsoffen bleiben, weil nur so ein Raum geschaffen wird, in dem auch das nicht Erwartete und für unwahrscheinlich Gehaltene passieren kann.
Und wir alle wissen, dass es eben diese unerwarteten Ergebnisse sind, die die Wissenschaft revolutioniert haben. Dies aber gelingt nur, wenn sich die Wissenschaften nicht primär über einen zukünftigen Verwendungsnutzen ihrer Ergebnisse definieren, sondern nur dann, wie Jürgen Fohrmann es einmal formuliert hat, wenn es gelingt, systematisch Freiräume und Kontingenzen in regulierende Strukturen einzubauen.¹³ In diesem Sinne ist die aus den Geistes- und Humanwissenschaften erwachsende Kritikfähigkeit selbst immanenter und unverzichtbarer Bestandteil der Zukunftsoffenheit des Wissenschaftssystems insgesamt.
Wer also die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Geistes- und Humanwissenschaften stellt, muss sich bewusst machen, dass das Fundament, auf dem diese Frage selbst fußt, der Raum, in dem diese Frage gestellt werden kann, sowie das öffentliche Bewusstsein, das dieser Frage Gehör schenkt, dass all dies das Produkt der Geistes- und Humanwissenschaften ist. Und dass eben diese Wissenschaften es sind, die diesen Raum und dieses Bewusstsein auch in Zukunft ermöglichen werden, indem sie beides durch kritische, grenzüberschreitende und imaginative Reflexionen überhaupt erst bilden. ♦
1 Mein Dank gilt an dieser Stelle Till Dembeck für die kritischen Hinweise und Ergänzungen zu diesem Text.
2 Wolfgang Iser: Literaturwissenschaft in Konstanz. In: Hans Robert Jauss und Herbert Nesselhauf (Hg.): Gebremste Reform. Ein Kapitel deutscher Hochschulgeschichte. Universität Konstanz 1966-1976. Konstanz 1977, S. 181-200, hier: S. 183.
3 C.P. Snow: Die zwei Kulturen. Rede Lecture, 1959. In: Helmut Kreuzer (Hg.): Die zwei Kulturen. Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz. C.P. Snow These in der Diskussion. München 1987, S. 19-58, hier S. 21.
4 Max Planck: Positivismus und reale Außenwelt. In: Ders.: Vorträge und Erinnerungen. Darmstadt 1965, S. 235.
5 Rudolf Stichweh: Die zwei Kulturen? Gegenwärtige Beziehungen von Natur- und Humanwissenschaften. In: Luzerner Universitätsreden Nr. 18, S. 7-21, hier S. 13. Zitiert nach: http://www.unilu.ch/files/luzerner_unireden_18.pdf
6 Vgl. Wolfgang Frühwald u.a.: Geisteswissenschaften heute. Eine Denkschrift. Frankfurt/M. 1991, S. 85.
7 Harald Welzer: Schluss mit nutzlos! In: Die Zeit vom 25.1.2007.
8 Odo Marquard: Über die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften. In: Ders.: Apologie des Zufälligen. Philosophische Studien. Stuttgart 1986, S. 98-116.
9 Frühwald u.a.: Geisteswissenschaften heute, S. 34.
10 Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen. Frankfurt a.M. 1984, S. 16.
11 Martha C. Nussbaum: Nicht für den Profit! Warum Demokratie Bildung braucht. Überlingen 2012, S. 21.
12 Michel Foucault: Was ist Kritik? Berlin 1992, S. 11f.
13 Vgl. Jürgen Fohrmann: Antrittsrede vom 23.04.2009. Zitiert nach: http://www3.uni-bonn.de/einrichtungen/rektorat/ansprache-fohrmann.pdf (25.11.2013).
[…] die aus den Geistes- und Humanwissenschaften erwachsende Kritikfähigkeit selbst immanenter und unverzichtbarer Bestandteil der Zukunftsoffenheit des Wissenschaftssystems insgesamt.
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