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In schweren Zeiten fehlt es nicht an "starken Männern", die meinen mit einem soliden Ordnungsdenken und einem simplistischen Weltbild einen – zumindest von ihnen diagnostizierten – Werteverfall zu Leibe rücken zu müssen. Sie wollen festgefügte Vorstellungen von "oben" und "unten", "gut" und "böse", "Mann" und "Frau" usw. wiederherstellen und begründen dies gar mit pseudo-populistischen Argumenten. Wie der Autor dieses Artikels (der 1. Teil erschien in "forum"-Nr. 85) nachweist, gibt es diese Männer auch in der katholischen Kirche. Die entscheidende Frage ist, ob bzw. wieweit sie sich durchsetzen können.
Anhand der drei vorangehenden Kapitel haben wir schon die Rückkehr des "alten" Geistes in gewissen Kirchenkreisen bemerken können. Wir haben Kardinal Ratzinger als Aushängeschild und gleichzeitig treibende Kraft der "Restauration" erkannt. Es breitet sich wieder eine gewisse Elfenbeinturm- oder Ghettomentalität aus, nach dem Motto: "Die böse Welt meiden, und uns auf uns selbst, die wir ja die Wahrheit haben, zurückziehen." Denn Ratzinger sagt nicht von ungefähr: "Aujourd’hui, après avoir tant erré, on découvre que le devoir le plus urgent est de se rattacher à l’ancienne spiritualité, celle de la ‚fuite du monde‘!" (E137)
Zu einer solchen Spiritualität der Weltflucht gehört natürlich auch die Vision einer hierarchischen, unfehlbaren Kirche, deren Strukturen von Gott selbst so gewollt sind (E 50). Es gibt aber zahlreiche neuere Publikationen, die diese Aussage in ihrer neu formulierten Globalität nicht gelten lassen können (16). So schreibt dann auch der bekannte französische Historiker Jean Delumeau: "L’auteur est mal à l’aise avec l’histoire. Il la maltraite ou il la gomme, Joseph Ratzinger déclare (p.50) que les ’structures fondamentales (de l’Eglise) sont voulues par Dieu lui-même, et donc intouchables‘. De quelles structures s’agit-il? Aujourd’hui, dans l’Eglise romaine, le pape nomme les évêques du monde entier. Mais il n’en a pas toujours été ainsi. En 458, le pape saint Léon le Grand écrivait à l’évêque de Narbonne: ‚On ne peut pour aucun motif compter au nombre des évêques ceux qui n’ont pas été élus par le clergé, demandés par le peuple, consacrés par les évêques de la province, avec la décision du métropolitain‘." (17)
Und wenn Kardinal Ratzinger der Auffassung ist, der christliche Glaube lasse sich eindeutig in katechismusartigen Sätzen aussagen, es lasse sich ihm eine Formung geben, die in allen Kulturen und allen Zeiten verständlich sei und dieselbe bleibe (18), dann verkennt er 1. die ganze Problematik der "Inkulturation". Denn: "L’expression, c.-à-d. le langage, la façon de manifester l’unique foi, peut être multiple et par conséquent originale, conforme à la langue, au style, au tempérament, au génie, à la culture de qui professe cette unique foi" (19). Ausserdem gilt sicherlich: "La manière de lire l’Évangile, de le comprendre et d’interpréter notre situation à sa lumière a tout à voir avec ce que nous mangeons, avec le nombre de nos repas quotidiens, avec
notre salaire, avec le fait que nous possédons ou non un logement, que nous pouvons ou non vivre heureux avec notre famille" (20). Und 2. versteht er den christlichen Glauben allzusehr – wenn nicht sogar primär – als "Für-wahr-Halten" von Glaubenssätzen. Der christliche Glaube kann sich aber niemals in der gläubigen Annahme eines noch so perfektioniert-konstruierten Systems "wahrer Lehrsätze" erschöpfen. Zu kurz kommt nämlich hier die Dimension des Wagnisses, des Ganzheitlichen, des Persönlichen und des Praktischen. Denn Glauben kann "höchstens mit Vertrauen und mit Liebe verglichen werden" (21). Dem "Evangelium glauben bedeutet, mit dem Evangelium leben. Und vertrauend auf seine Tragfähigkeit, ohne Angst unterzugehen, kann der Glaubende alle Sicherungen lassen, er kann sich vom Ufer der alten Welt fortbewegen zu einer neuen Zukunft hin" (22), wo aber Handeln, d.h. die Praxis, nicht blosses Anwendungsgebiet, sondern Ausdruck, wesentliche Manifestation, des Glaubens ist.
Wenn aber Glauben dies alles beinhaltet, dann kann man hinter gewissen resignativ-pessimistischen Aussagen Ratzingers über die "Welt" und über das II. Vatikanische Konzil und seine "falsche" Rezep-
tion nur eine Art Kleingläubigkeit vermuten. Ratzinger, obwohl er selber immer wieder die Überwindung des Misstrauens fordert, – so zuletzt auf der aussergewöhnlichen Bischofssynode in Rom (23) – begegnet den Bischofskonferenzen, den Theologen, den Exegeten, den Ethikern, den Bischöfen, Priestern und Laien eindeutig mit einem Mangel an Vertrauen. Er traut diesen Menschen schwerlich zu, daß sie es ernst mit ihrem Glauben meinen, besonders dann, wenn sie kritische Anfragen stellen und sich allzu "einseitig" auf die Seite der Armen und Unterdrückten stellen. Ratzinger kann sich nicht vorstellen – daher auch seine Aussage, die Bibel sei katholisch -, daß der Pluralismus auch in der Theologie eine dringende Notwendigkeit geworden ist; daß über den Wolken schwebende allgemeine Wahrheiten, in Lehrsätzen zusammengefaßt, allzuschnell zu Leersätzen werden können; daß die Theologie nach Auschwitz ihre Unschuld verloren hat und daß die Zeit vorbei ist, situations- und subjektlos Theologie zu betreiben. "Cela veut dire qu’une théologie, qui doit être au service de l’évangélisation concrète, ne peut jamais faire abstraction du contexte culturel et social de l’évangélisation, si celle-ci entend être efficace dans la situation qui est celle de son destinataire" (24).
Kardinal Ratzinger wird von der Vision einer Wahrheit – die eindeutig aussagbar ist – so in Beschlag genommen, daß es für ihn schwer ist, "andere Richtungen in der Theologie zu akzeptieren … Kardinal Ratzinger denkt, die Theologie der Befreiung sei keine echte Theologie. Er vertritt parteiisch eine andere Denkweise in der Theologie … Um uns zu verstehen, muß man nicht nur ein theologisches, sondern auch ein pastorales Herz haben. Man muß unsere Lage, die Ausbeutung der Armen und diese Armen selbst wirklich sehen. Denn nur dann wird man sagen können: "Da müssen wir etwas ändern" (25).
Ratzingers "restaurative Visionen" sind natürlich nicht "wertneutral". Wie schon in seiner Silvesterpredigt hervorgehoben, ist Ratzinger davon überzeugt, daß "das weltumfassende absolute Böse in eine entscheidende Phase des Angriffs getreten" ist. Auch in der Instruktion werden die "Erfahrungen mit den politischen Kräften, die aus der Oktoberrevolution entstanden sind und heute im Bereich des ‚realen Sozialismus‘ herrschen" angesprochen. "Die Instruktion nennt sie ‚diese Schande unserer Zeit‘ (XI, 10) und spricht von den ‚bitteren geschichtlichen Erfahrungen‘ (XI, 11) … Die Instruktion hat also eine eindeutig und primäre politische Zielsetzung. Die damit verbundene theologische Aburteilung ist pauschalgenereller Natur". (26)
Ratzingers Verdächtigungen kommen aber auch noch auf einer anderen Ebene zum Tragen. In seinem Interview mit V. Messori wird ein paarmal die Befürchtung geäussert, die katholischen Ethiker, die sich einer Autonomie des Sittlichen im christlichen Kontext verpflichtet fühlen, wollten das Lehramt überflüssig machen (E 103), und die Exegeten und Theologen wollten sich selber zu einem neuen Lehramt erklären (E 87). Wie schon die ganze Unfehlbarkeitsdiskussion bezüglich der Küngbücher, so weisen diese Äusserungen mit ihren simplen Assoziationen eindeutig auf die Angst vor Einbissung von Macht hin.
Etliche lateinamerikanische Bischöfe (u.a. Helder Camara, Lorscheider, Arns) sind davon überzeugt, daß sie im Kontakt mit den armen Leuten in den Kommunitäten eine echte persönliche Bekehrung erlebt haben: "Ces pauvres nous évangélisent, nous évêques, et nous convertissent" (27). Diese Sicht ist aber mit einer hierarchischen Struktur der Kirche, wo der Bischof der "maltre de la foi" (E 68) ist, sehr schwer in Einklang zu bringen!
Ein Rückgriff auf die "Lehrautorität der Gläubigen" wäre hier unerlässlich. Denn es "ist keine Rede davon, daß es bei der Glaubenserkenntnis irgendwelche Privilegien gäbe" (28). Da ausserdem nach Karl Rahner "der ‚offizielle Glaube der Amtskirche‘ und der ‚reale Glaube des faktischen Kirchenvolkes‘ sich gegenseitig normativ" verhalten, und der ursprünglichste Adressat und Träger der Offenbarung "der Mensch" ist, d.h. "die in bestimmten gesellschaftlich verfassten Gruppen existierende Menschheit, das ‚Volk’" (29), kann man nur schlussfolgern: "Das Normale und Ordentliche in der Kirche muß die kollektive und dialogische Wahrheitsfindung sein. (…) Dem wäre", so schreibt H. Fries, "nichts hinzuzufügen ausser der Frage, ob die gegenwärtige Praxis damit (noch) übereinstimmt." (30)
Erstaunlich und zugleich erschreckend ist aber auch die Tatsache, daß Kardinal Ratzinger in seinem Interview von einer Krise der Moral spricht (E 95-106) und sich hier ausschliesslich auf das sechste Gebot beschränkt. Atomare Bedrohung, Verelendung der "Dritten Welt", Arbeitslosigkeit, Rüstungswahnsinn, Umweltzerstörung werden nicht erwähnt. Es geschieht bei Ratzinger keine notwendige Auseinandersetzung mit diesen Lebensbedrohungen der ganzen Menschheit. Dies ist umso erstaunlicher, als gerade hier eine Wiederbelebung des "wahren Konzilsgeistes" absolut unerläßlich ist. Denn, so schreibt Kardinal König, einer der Konzilsväter, "non seulement les armes modernes menacent d’extinction l’humanité dans son ensemble, mais des millions d’hommes meurent de faim tous les ans à la suite de cette politique d’armement. A cause du gaspillage de sommes énormes et à la suite d’un ordre économique mondial injuste, l’ensemble du tiers-monde est pris dans un engrenage inextricable de paupérisation, de déstabilisation sociale, et, en conséquence, de violence politico-militaire … En dépit de cette situation tragique, nous devons admettre que presque deux décennies se sont passées avant que les conférences épiscopales des pays industrialisés aient commencé – sous la pression de l’opinion publique – à s’occuper sérieusement des décisions prises par le concile en matière de paix." (31)
Hier könnte Ratzinger dann wirklich von einer Krise der Moral, aber auch vom eigenen Versagen sprechen!
Erstaunlich und abermals erschreckend ist die Tatsache, daß Ratzinger absolut unfähig ist, das bedeutsamste Geschehen der letzten 20 Jahre zu erkennen: nämlich das Ereignis, daß die Kirche –
wenigstens in Lateinamerika – "in den ausgebeuteten Klassen des armen Volkes Fuß gefaßt hat" (32). Gewichtige Teile der Kirche haben nämlich Anteil am grossen gegenwärtigen Prozess, in dem sich die Ausgebeuteten organisieren, um eine neue Gesellschaft herbeizuführen, die ihnen mehr Leben und Freiheit ermöglicht. In einem solchen Kontext kann die berühmte "Instruktion" zur Befreiungstheologie für diese engagierten Christen nur ein Schlag ins Gesicht bedeuten, zumal "da jedes theologische Dokument gegen die Theologie der Befreiung von den Machthabern in den lateinamerikanischen Diktaturstaaten als politisches Instrument zur Verfolgung und Unterdrückung all jener Christen benutzt wird, die sich für die Armen und Ausgebeuteten engagieren" (33).
Mindestens fatal und symptomatisch ist es auch, wenn in Leonardo Boff ein Mann bestraft wurde, "dessen Glaube und kirchliche Gesinnung trotz manch wortreicher Polemik nie in Zweifel gezogen wurde" (34). Was das über Boff verhängte "Busschweigen" anbelangt, kann man nur feststellen, "daß römische Behörden ungerührt und in einem wenig menschenfreundlichen Ton auf dem Verwaltungsweg … Disziplinarstrafen verhängen, die menschenrechtliche Sachverhalte berühren. Das uneingeschränkte Rede- und Schreibverbot tangiert die Meinungs- und Gewissensfreiheit, die durch kein Disziplinarrecht und kein Ordensgelübde aufgehoben ist bzw. werden kann" (35).
Interessanterweise bestätigt die Kirchenleitung mit diesem auch kirchenrechtlich anfechtbaren "Büschweigen" (36) die Boffsche Deskription der faktischen Kirchenstrukturen mit ihren "katholischen Pathologien" (u.a. Verwandtschaft mit Klassengesellschaften, Sichverlassen einseitig auf Vollmachten und Zwangsmittel) (37).
Diese "grosse Disziplinierung" (Verdächtigungen, Unterstellungen, Suspendierung, "Büschweigen", Ernennung von Bischöfen, "die die Gewähr bieten", etc.) lässt ein Klima entstehen, "in dem nicht nur die Freiheit verdirbt, sondern Lebendigkeit abstirbt", was notwendigerweise auf Kosten der ganzen Kirche geht (38).
Hervorzuheben ist, daß diese Disziplinierungsmaßnahmen keineswegs nur von Kardinal Ratzinger ausgehen oder nur Theologen treffen. Bekannt ist z.B. auch die restriktivere Handhabung der Relaisierungsverfahren von Priestern. Insbesondere haben auch die Orden unter römischen Eingriffen in ihre Autonomie zu leiden. Wenn der grosse Jesuitenorden die aufgezwungene Präsenz eines päpstlichen Delegaten bei der Ordensleitung und dem Generalkapitel einigermassen verkraften kann, so muss man die Entscheidung des Vatikans, den unbeschuhten Karmelitinnen ihr Recht auf Ausarbeitung eines neuen Statuts zu entziehen (weil eine kleine konservative Minderheit den Text ablehnte), als demütigende Entmündigung ansehen. Im Fall L. Boff wurden die Leitung des Franziskanerordens und die brasilianische Bischofskonferenz offenbar genauso vor vollendete Tatsachen gestellt wie der Jesuitenorden bei der Suspendierung der nicaraguanischen Priester-Minister von ihrem geistlichen Amt (39).
"Ein seltsamer Zentralismus …, durch heutige Verwaltungs- und Kommunikationsmethoden erleichtert, überwuchert mehr denn je die Kirche. Zentralisierung und Bürokratisierung vollziehen sich nicht im luftleeren Raum, sondern verstärken Trends", und der Trend heisst: "Hinter das Konzil zurück!" Von "aggiornamento" wird nicht mehr geredet. Allergrösste Sorge scheint die institutionelle Sicherung der Kirche und die Wiederholung dogmatischer Formeln zu sein! Wie soll aber
Wenn wir an die Art und Weise zurückdenken, wie die Impulse zu einer Theologie des XX. Jahrhunderts, die von Karl Rahner und Eduard Schillebeeckx, beide Experten von Vatikan II. ausgingen, unter Johannes Paul I. rezipiert wurden, wenn wir uns zurückerinnern an die Warnungen, die Johannes Paul II gleich in seiner ersten Enzyklika "Redemptor Hominis" an die Theologen richtet, wenn wir uns schließlich den Fall Küng noch einmal vergegenwärtigen, so haben wir Anlaß zu fragen, ob der Papst den Verfallserscheinungen in der Kirche nicht dadurch Einhalt gebieten will, daß er das Rad der Geschichte zurückdreht und – nach außen vorgebend, er gebe den Konzilsbestimmungen ihren eigentlichen Sinn wieder – nach innen eine Restauration einleitet. Er hat unmißverständliche Zeichen in diese Richtung gesetzt.
Fernand HOFFMANN
in: nos cahiers 3/1985
"christlicher Glaube kirchlich gelebt und weitergegeben werden, wenn nicht die persönlichen Erfahrungen des täglichen Lebens das Material sind, aus dem einzelne Gemeinden sich formen, sondern abstrakte, ins kirchliche Recht übersetzte Glaubens- und Sittenregeln allein ohne Rückbezug auf Erfahrungswirklichkeit die kirchliche Strategie bestimmen? Und wenn dabei die dies alles schön verwaltende und regelnde Kirche zu einem institutionellen Gerippe abmagert, dem nicht die Wächter, aber die Gläubigen fehlen?" (40).
Ratzinger klammert sich in Erbitterung und Enttäuschung an dieses institutionelle Gerippe fest und macht damit deutlich, daß er Absicht und Geist (Gaudium et spes!) des letzten Konzils sehr einseitig interpretiert. Aber gerade der "Leiter der Glaubenskongregation müsste der Vorreiter einer Bewegung sein, die in treuer Weiterführung der Texte und des Geistes des Konzils neue Fragen angeht und in diesem Sinne das Konzil in der Kirche durchzusetzen hilft. Solche Fragen und solche Aufgaben gäbe es genug. So aber verspielt die Kirchenleitung all das, was das Konzil bedeutet" (41).
Es gibt also eindeutig restaurative Tendenzen in der katholischen Kirche. Kardinal Ratzinger darf als ihr Aushängeschild, als ihre treibende Kraft und als ihr offener Befürworter gelten.
Dieser restaurative (Un(?))-Geist (42) besteht in einer ängstlichen Kleingläubigkeit, die der innovativen, immer wieder zur Umkehr motivierenden Kraft des Evangeliums nicht gerecht wird, dem einzelnen Gläubigen nichts zutraut, der "Freiheit eines Christenmenschen" mit tiefstem Misstrauen begegnet, der wirklich gelebten – und nicht nur proklamierten – Option für die Armen "Einseitigkeit" unterstellt, dem Amtlichen übermässige Aufmerksamkeit widmet, sich in Konfliktsituationen einseitig auf Vollmachten und Zwangsmittel verlässt und ihre eigenen Interessen an der Erhaltung von Machtpositionen und Einflussbereichen "auch noch mit grossen und schönen Worten legitimiert: Wahrung des Glaubens, Sorge für die Einheit, kostbares Glaubensgut und so weiter" (43).
Diesen restaurativen Tendenzen stehen aber überall in der Kirche mutig-engagierte Frauen und Männer entgegen, die den im Konzil begonnenen "Aufbruch" verteidigen und fortsetzen wollen. Kardinal Ratzinger hat diese wachen Christen zusätzlich motiviert und ausserdem eine grössere Anzahl Bischöfe veranlasst, ihr "Befremden" über seine Interview-Themen direkt oder indirekt zu manifestieren (was ja von Ratzinger sicherlich nicht intendiert war!).
Ratzingers "Schuss von der Kanzel" ging nach hinten los. Denn die einseitig-pessimistische "Bilanz" des "obersten Glaubenshüters" forderte geradewegs die Bischöfe und Bischofskonferenzen heraus. So insistierten die österreichischen Bischöfe auf der offenkundigen Tatsache: "Neben der Gefahr, die Aussagen des II. Vatikanischen Konzils einseitig für sich in Anspruch zu nehmen und zu deuten, gilt es heute vermehrt, der Gefahr zu wehren, dass dieses Konzil, seine Absicht und seine Dokumente in Vergessenheit geraten und übersehen werden" (44). Die englischen Bischöfe bedauern den römischen Zentralismus, verlangen eine grössere Mitverantwortung der Laien und mehr Kollegialität unter den Bischöfen (45). Kardinal Daneels sagt scherzend: "Von der Synode darf man sich nicht die Kanonisierung von Ratzinger erwarten" (46).
Die Bischöfe wehren sich, sprechen von "einem gestörten Vertrauen der Ortskirchen zum Vatikan" (47), verlangen einen Übergang "de la peur à la foi" (48), sagen frei heraus, daß man nicht genug würdigen könne, "was es für die Kirche bedeute, aus gewissen selbstverschuldeten Getobildungen herauszukommen" (49) und sind davon überzeugt, daß das Konzil für die Kirche eine grosse Chance war.
So ist es keineswegs verwunderlich, wenn die Bischofssynode in ihrer "Botschaft an die Christen in der Welt" das Konzil Vatikan II eindeutig als ein "Geschenk Gottes an die Kirche und die Welt" versteht (50). Wie dieses Geschenk inhaltlich aber zu umreissen ist, darüber bestehen weiterhin Meinungsverschiedenheiten.
So verstehen z.B. die einen – sich auf Vatikan II berufend – die Kirche primär als "communio", als "Volk Gottes", das zusammen "auf dem Wege ist", ein "Gottesvolk", das in einer Vielzahl von unterschiedlich gearteten Diensten wirkt und Verantwortung für das Ganze trägt. Bei einem solchen Kirchenbild werden logischerweise mehr Mitverantwortung der Laien, eine effektive Solidarisierung mit den Armen und "Kleinen" und eine grössere Kollegialität unter den Bischöfen gefordert. Denn der "Stellvertreter Jesu Christi" in dieser Welt ist in erster Linie nicht der Papst, sondern die kirchliche Gemeinschaft als ganze.
Die andere Seite – sich ebenfalls auf Vatikan II
berufend – versteht die Kirche primär als "mysterium", als eine "Pyramiden-Kirche mit dem Papst an der Spitze, darunter abgestuft Bischöfe, Priester und Ordensleute, am Schluss die breite Basis des hörenden und gehoessamen Kirchenvolkes" (51).
Um solch unterschiedlichen Auffassungen gerecht werden zu können, musste die Formulierung des Schlussdokumentes der Bischofssynode notgedrungen eher "allgemein" ausfallen. So fehlt es im ganzen Dokument nicht an "Sowohl-als-auch"-Sätzen (52), an Kompromissen aber auch an gewissen Zweideutigkeiten. Eine kritische Sichtung der Ergebnisse dieser Synode ist daher äusserst schwierig. Das Konzil Vatikan II wird von der Synode eindeutig bejaht; die Frauen sollen in der Kirche vermehrt ihren Beitrag leisten können; die "Inkulturation" wird grundsätzlich gutgeheissen; die "vorrangige Option für die Armen" wird als dem Evangelium entsprechend begrüsst (53). Aber neben diesen begrüssenswerten Aussagen stehen die "Ratzinger-Forderungen": Verfassung eines "Weltkatechismus" (an dem sich alle nationalen Katechisten orientieren müssen) und Überprüfung der Rolle der Bischofskonferenzen (was nichts anderes als eine Beschneidung ihrer Kompetenzen bedeutet).
Die "Ratzinger-Linie" hat sich also in wichtigen Punkten durchsetzen können, und gewisse Aussagen der Synode erlauben eine grössere Zentralisierung der Kirche und eine "bessere" Kontrolle der Ortskirchen durch den Vatikan.
Zu bemängeln ist auch, daß das Schlußdokument nicht die ganze Bandbreite der Probleme, Anregungen und Forderungen widerspiegelt, die von den Bischöfen in der Synode eingebracht wurden.
Was die "Welt" und die "Übel dieser Welt" anbelangt (54), wäre vielleicht das Bekenntnis eines Verwebenseins der Kirche in die entfremdeten, von Herrschaft und Unterdrückung geprägten Kulturen und Strukturen, not-wendig gewesen. Und im Sinne der Stellungnahme von Kardinal Koenig (siehe oben), hätte auch das öffentliche Eingeständnis eines gewissen Versagens der Kirche, was die Friedens- und Rüstungsfrage anbelangt, sicherlich befriedigend gewirkt (55) und dem hoffnungsvollen und ermutigenden Charakter der "Botschaft an die Christen in der Welt" (sowie des Schlussdokumentes der Bischofssynode) keinerlei Abbruch getan.
Wie die Beurteilung dieser Synode auch immer ausfallen mag, so darf man nicht vergessen – und die Kirchengeschichte liefert diesbezüglich unzählige Beispiele -, daß die Kirche "von unten" lebt. Dieser Tatbestand relativiert allfällige neue Impulse oder auch störende Bremsmanöver, die von Rom ausgehen.
Ein Neuaufbruch kommt von der Basis her und von den Bischöfen und Priestern, die mit der Basis "auf dem Wege" sind – wie die Kirche in Latein-
Statt pauschal und undifferenziert alles, was auch nur den Anschein hat, einen Bezug zu Karl Marx zu haben, als "Marxismus" oder "marxistische Analyse" zu verurteilen, sollte man die Leute zunächst einmal darüber informieren, was Marx überhaupt lehrt. Nur so könnten sie begreifen, wovon man sie warnt, wovon man sie abschrecken will, welche ihrer Meinungen oder Vorstellungen sie als gottwürdig oder als in einer andern Hinsicht irrig oder bedenklich aufgeben sollten.
Fernand HOFFMANN
in: nos cahiers 3/1985
amerika und immer wieder neu Zeugnis gibt. Die befreiende Praxis der Befreiungstheologie und der Basisgemeinden wird so oder so weitergehen, gleichgültig ob es aus Rom noch weitere Redeverbote oder sonstige Maßnahmen gibt (56). Dieses unerschütterliche Vertrauen in die "Dynamis" des Evangeliums – tagtäglich bezeugt von unzähligen Christen – wird die katholische Kirche und überhaupt alle Kirchen immer wieder neu aus ihren periodischen "Winterstarren" erwachen lassen. Die "Sache Jesu" wird weitergehen. Rom kann – und soll – dazu eine Hilfe sein.
Mathias Flammang
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cf. Lohfink, Wie hat Jesus Gemeinde gewollt, Freiburg/Br. 1982; H.J. Venetz, So fing es mit der Kirche an, Zürich/Einsiedeln/Köln 1981; E. Schillebeeckx, Das kirchliche Amt, Düsseldorf 1981.
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Le Monde 22.6.1985.
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cf. Ratzingers Silvesterpredigt 1979.
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Paul VI. AAS LXI S. 577 (30.9.69).
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Libération ou adaptation? La théologie africaine s’interroge. Colloque d’Accra, Paris 1979, p. 206.
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H.J. Venetz, aa0. S. 40.
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id.
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LW 28.11.1985.
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Karl Rahner, in seinem Brief, den er 15 Tage vor seinem Tod an Kardinal Ricketts, Erzbischof von Lima richtete, in: dial 940 (31.5.1984).
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Kardinal Lorscheider, Bischof von Fortaleza, in: Publik-Forum 18.10.1985.
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H. Vorgrimler, (VV 139).
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Peuples du Monde n° 134 (sept. 1980)
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H. Vorgrimler, in: Concilium 21 (1985) S. 235-293, hier: S. 237.
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id., S. 240-241.
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H. Fries, Concilium 21 (1985) S. 293, hier Walter Kasper zitierend: W. Kasper, Die Lehre von der Tradition in der römischen Schule, (Freiburg/Basel/Wien 1962) S. 65.
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Le Monde, 26.11.1985.
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L. Boff, in: Orientierung 48 (1984) S. 134.
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Pastoralkommission der Vereinigung der Höheren Ordensoberen in der Schweiz, Publik-Forum 22.2.85 S. 12.
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D. Seeber, Mehr als Restauration, Herder Korrespondenz 39(1985) S. 245.
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Ebda., S. 246.
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cf. Orientierung 49 (1985)S.191.
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cf. D. Seeber,aa0, S. 246, vgl. L. Boff, Charisma und Macht.
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D. Seeber,aa0, S. 246-247.
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Orientierung 15.1.85 und 31.5.1985.
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D. Seeber, S. 247ff.
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cf. Publik-Forum 30.11.1984 S. 4.
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Wenn Ratzinger sich die Freiheit nimmt, überall einen bestimmten "Konzilsungeist" zu vermuten, so muss er sich sicherlich die Frage gefallen lassen, inwiefern seine eigenen Überzeugungen nicht auch mit einem gewissen Ungeist behaftet sind.
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D. Wiederkehr, in: Wendekreis Nr. 12/1985, S. 43.
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Erklärung der österreichischen Bischöfe 20 Jahre nach Abschluss des II. Vatikanischen Konzils, in:LW 27.11.1985.
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Le Monde 1.8.1985/forum, Nr. 83, S. 42.
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LW 26.11.1985.
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Erklärung der holländischen Bischöfe, DS 29.8.1985.
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Cardinal Marty, in: Le Monde, 14.9.1985.
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Bischof Karl Lehmann, in: Publik-Forum 18.10.1985.
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LW 14.12.1985.
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Publik-Forum 13.12.1985.
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DS 15.12.1985.
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vgl. DS. 15.12.1985.
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cf. Botschaft an die Christen in der Welt, LW 14.12.1985.
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oben zu Anm. 31.
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Bischof Adriano Hypolito, in: Publik-Forum 29.11.1985; Kardinal Arns, in: DS 8.12.1985.
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