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"Stell Dir vor, es ist Krieg und kein Katholik geht hin!" So könnte man in Abhandlung eines Brecht-Zitats ein Buch zusammenfassen, das aus der zur Zeit sicher nicht kleinen Produktion von Werken zur Friedensproblematik allein schon deshalb hervorsticht, weil es von einem Luxemburger geschrieben ist, der Priester, gar Seminarprofessor in Burundi ist, und das vor kurzem in einem deutschen Verlag erschien:

François Reckinger, Krieg – ohne uns!,
245 Seiten,
Bonifatius-Verlag Paderborn 1983
(ISBN 3 87088 349 9),
Preis im Info-Center : 455 F.

Bücher von Theologen zu diesem Thema sind auch keine Seltenheit mehr, und m.E. wurde das Thema des 1. Teils, der sich mit Krieg und Frieden in der Bibel (AT und NT) sowie in der jungen Kirche befaßt, anderswo auch schon profunder behandelt. (So z.B. in einer Artikelserie in Orientierung, die in Reckinger’s Literaturliste leider fehlt: Josef Blank, Gewaltlosigkeit-Krieg-Militärdienst, in: Orientierung 46 (1982), SS. 157-163, 213-216, 220-223). Was die deutschen Bischöfe in ihrem Hirtenbrief zur historischen Bewertung der sog. Lehre vom "gerechten Krieg" sagen, ist z.T. auch ausführlicher.

Im 2. und 3. Teil wird es aber spannender. Hier befaßt sich Reckinger als Moraltheologe mit den Fragen, 1. unter welchen Bedingungen und in welchen Grenzen ein Verteidigungskrieg noch heute sittlich erlaubt sein kann, und 2. ob die generelle Kriegsdienstverweigerung für Katholiken nicht als die moralisch wahrscheinlich richtigere Haltung anzusehen ist.

Sicher, auch die Aussage, daß nur ein Verteidigungskrieg ein "gerechter" Krieg sein kann, gehört spätestens seit Pius XII. zur Lehrtradition der Kirche, aber allzu viele Fragen bleiben nach einem solchen Satz noch offen, die Reckinger sehr geschickt zu beantworten versucht: Wie z.B. erkennt man eine Aggression (und somit eine legitime Verteidigung)? Wie verhält man sich, wenn der Angreifer nicht sicher festzustellen ist? Sind im Verteidigungskrieg alle Kampfmethoden erlaubt? Ist Spionage zu rechtfertigen? Reckinger kommt zum Schluß, daß "entsprechend der katholischen Morallehre in jedem Krieg wenigstens auf einer Seite, in den allermeisten Kriegen auf beiden Seiten, Offiziere und Soldaten objektiv verpflichtet sind, die Mitwirkung zu verweigern" (S. 101, Hervorhebungen durch den Autor). Bei Kriegshandlungen, die in sich unmoralisch sind, sind die Soldaten auch im Verteidigungskrieg zur Gehorsamsverweigerung verpflichtet. Nur nebenbei geht Reckinger auf die von den US-Bischöfen seit 1968 (!) erhobene Forderung nach der Anerkennung einer "selektiven" Kriegsdienstverweigerung ein, die ein Soldat gegenüber diesem oder jenem Krieg ausspricht (vgl. "Les évêques américains disent non à la guerre nucléaire", p.122).

F. Reckinger macht aber im 3. Teil noch einen Schritt weiter, indem er die Frage stellt, ob das

Übel eines Krieges unter den derzeitigen Umständen nicht größer ist als das Überrolltwerden durch eine totalitäre Macht. Er für seinen Teil bejaht diese Frage, und zwar nicht nur für den Fall des Einsatzes von Atomwaffen, sondern auch für den konventionellen Krieg: "Die Tatsache, daß immer wieder Millionen Menschen von einigen wenigen dazu gezwungen werden, sich gegenseitig abzuschlachten, obwohl sie von sich aus in ihrer überwiegenden Mehrzahl wie auf einen solchen Gedanken gekommen wären, kann man mit Fug und Recht als das größtmögliche Übel betrachten, das im irdisch-gesellschaftlichen Leben überhaupt denkbar ist, größer jedenfalls als die Besetzung eines oder mehrerer Länder durch eine fremde Macht, selbst wenn es sich dabei um ein totalitäres Gewaltregime handelte" (S. 145, Hervorhebung durch den Autor). Reckinger leugnet die entsetzlichen Folgen eines weltweiten Gulag natürlich nicht: "Viele würden getötet, gefoltert oder ungerecht inhaftiert – aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch weniger als während und infolge eines Krieges" (S. 155, ebenso). Er weist darauf hin, daß nirgends im Westen die Hinwendung zu Gott, dem eigentlichen Erlöser, so groß ist als in Rußland. Das heißt aber nun nicht, wie manche so gerne vereinfachen: "Lieber rot als tot", sondern eher schon: "Lieber tot als am Tode anderer mitschuldig werden"!

Aber schließlich gibt es noch eine andere Verteidigungsmethode, den gewaltlosen Widerstand, dem F. Reckinger im 4. Teil 20 noch interessante Seiten widmet. Da nach christlicher Lehre (siehe Augustin)

in: PF 18/3/1983

ein Krieg nur dann "gerecht" ist, wenn die anderen Methoden der Konfliktregelung erschöpft sind, gilt es auch die Methoden der aktiven Gewaltlosigkeit zu erproben, deren Anwendung jeder Katholik fordern darf, bevor er die eingangs genannte Bedingung als erfüllt ansieht und Kriegsdienst leistet.

Alle diese Abwägungen sind nach Reckinger "notgedrungene Sache eines jeden einzelnen, von dem verlangt wird, andere zu töten oder zu schädigen. Wir müssen uns ein für allemal der Idee entledigen, als könnte einer erlaubterweise einen andern töten, weil er nicht er selbst, sondern ein Dritter, nämlich sein Vorgesetzter, der Überzeugung ist, daß dies hier und jetzt Rechtens sei" (S. 148 f.) Ungehorsam kann zur Pflicht werden.

F. Reckinger spricht also immer den individuellen Katholiken an. Wenn jeder für sich den kirchlichen Moralgeboten gehorcht und den Kriegsdienst verweigert, kann der Krieg nicht stattfinden.

Vom Standpunkt einer modernen Friedenstheologie aus klingt diese individuelle Moralperspektive ungewohnt, gar altertümlich. Es stellt sich aber die Frage, ob gerade durch diese konventionellere Argumentation, die Mehrheit der Traditionschristen sich nicht eher angesprochen fühlt als von der politischen Theologie eines Joh.-B. Metz etwa, auch wenn diesem m.E. das Friedensproblem grundsätzlicher in den Griff bekommt.

Reckinger vergißt übrigens nicht, daß das Gewissen des einzelnen von der Kirche geformt werden muß. Daß sie dies in Sachen Friedenswahrung ungenügend getan hat, seit Konstantin!, daß sie gar häufig

die Soldaten auf beiden Seiten zur Auffassung kommen ließ, ihr Kampf sei gerecht, damit hat die Kirche schwere Schuld auf sich geladen. Umkehr ist geboten. "Lehren der Theologie und des Lehramtes werden in der Praxis nur dann wirksam, wenn sie über die Pfarrgeistlichkeit (…) massiv aufgegriffen und ins Volk hineingetragen werden. Das ist in den vergangenen Jahrhunderten der Fall gewesen hinsichtlich einer Reihe von Morallehren (…): Sonntagsgebot, Freitagsgebot, Osterpflicht, rechtzeitige Kindtaufe, (…), Ablehnung der Abtreibung und das gesamte Gebiet der Sexualmoral. Nächstenliebe im Privatleben gehörte in einem gewissen Ausmaß auch dazu, die Verpflichtung zum Engagement für soziale Gerechtigkeit sowie die Ablehnung des Krieges und der Kriegsverbrechen sicher nicht" (S. 92 f., Hervorhebungen vom Autor) Eine Exkommunikation wegen Kriegsauslösung hat es bekanntermaßen z.B. nicht gegeben.

Die Morallehre, die F. Reckinger in seinem Buch zusammenfaßt, ist nicht neu. Wohl verarbeitet er schon die jüngsten Hirtenbriefe zum Thema Frieden (wobei übrigens die Abschreckungsdebatte m.E. zu kurz kommt), aber sein Ansatz geht auf Pius XII. zurück. Reckinger kommt es darauf an, diese Lehre ins Volk, in die Gewissen der Katholiken zu bringen. Nicht nur im 4.Teil, der "Wege praktischer Verwirklichung" vorstellt, macht er Angaben, wie man handeln könnte. Verschiedene Aktionsvorschläge muten für Engagierte der Friedensbewegung sicher etwas naiv und althergeholt an, für traditionelle katholische Ohren in unserm Sprachraum sind sie es schon weniger. Andere Vorschläge an die Adresse der Kirche klingen kühner: So schlägt er z.B. vor, im Falle eines Konfliktes sollten sich die Bischöfe der zwei Gegner sofort versammeln und die Katholiken im Angreiferstaat zur Kriegsdienstverweigerung aufrufen. Vielleicht waren die Initiativen Johannes Paul II. im Falkland-Krieg ein erster Schritt in diese Richtung. Daß die Kirche noch gehört (und gefürchtet!) wird, zeigen ja auch die nervösen Politikerreaktionen auf die verschiedenen Friedenshirtenbriefe über die Atomrüstung. Und wie schreibt Reckinger in Bezug auf der gewaltlosen Widerstand gegen Diktaturen: "Zugegeben: derartige Gedanken muten zunächst utopisch an. Aber es gibt Utopien, die ernsthaft durchdacht zu werden verdienen" (S.156).

Mitglieder der Friedensbewegung brauchen dieses Buch nicht zu lesen. Aber schenken Sie es Ihrem Pfarrer oder einem überzeugten LW-Anhänger. Es wird ihn nicht aufregen und doch zum Nachdenken bringen.

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