Mit 14 Jahren beschloss ich zum ersten Mal, aktiv zu boykottieren. Ohne das Wort Boykott jemals gehört oder dessen Bedeutung gekannt zu haben. Als ich mir Videoaufnahmen von bei lebendigem Leibe geschredderten Küken ansehen „musste“, waren McDonald’s und Co. schnell Geschichte für mich. Ebenso erging es mir mit der Fast-Fashion-Industrie (H&M, Zara, Primark etc.): Kinderarbeit und giftige Chemikalien für Mensch und Umwelt waren mir ein zu hoher Preis für ein 5-Euro-T-Shirt. Als die Avocado plötzlich als das Superfood par excellence in der westlichen Welt von Fitness-Influencern und Veganern beworben und zur trendigsten Frucht überhaupt wurde, dachte ich mir zuerst nicht viel beim übermäßigen Verzehr dieses modischen Nahrungsmittels. Als mir dann allerdings zu Ohren kam, dass die „Avocado-Mafia“ sowohl in Mexiko als auch in Südafrika ihr Unwesen treibt, änderte sich meine Meinung. Drogenkartelle erobern Avocado-Plantagen, erpressen und bedrohen Bauern und regelmäßig fallen unschuldige Menschen den sich bekriegenden Banden zum Opfer.1 Das „grüne Gold“ hinterließ einen metallischen Geschmack auf meiner Zunge. Von den skrupellosen Machenschaften des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns Nestlé wird wohl jeder schon einmal gehört haben. Der Nestlé-Boykott geht bereits auf die 70er Jahre zurück. Auch heute noch sorgt Nestlé für Skandale: Gesundheitsschädliche Nahrung, schwerwiegende Einflüsse auf unsere Umwelt2 und allem voran der Wasser-Skandal3. Die Liste der Vergehen ist lang; noch länger ist die der zu boykottierenden Produkte. Dies sind nur einige von vielen Beispielen, der springende Punkt aber ist die Frage: Was haben sie gemeinsam? Die Antwort: Der Konsum dieser Produkte widerspricht dem, was ich persönlich als ethisch vertretbar empfinde. 

In der Wissenschaft spricht man von Konsumenten­ethik4. „Die Verbraucher sollen Verantwortung gegenüber sich selbst, gegenüber der Umwelt und in Bezug auf Unternehmen tragen.“5 Moralische Verantwortung scheint oft schwer greifbar, da sie einer gewissen Willkürlichkeit unterliegt. Die Idee der Menschenwürde und Menschenrechte des 20. Jahrhunderts, deren moralischen Grundsätzen viele Menschen inzwischen aus einer reflektierten Haltung heraus zustimmen, könnten hier als „minimalethisches Verfahren“ dienen.6 Einen ethisch perfekten Konsum gibt es natürlich nicht. Es ist kaum möglich, ununterbrochen bei jedem Produkt Herkunft und Herstellungsprozess nachzuverfolgen. Heißt aber nicht, dass man von vornherein keine Besserungen anstreben und seinen Konsum nicht wenigstens kritisch hinterfragen sollte.

Was ist Boykott?

Man unterscheidet zwischen verschiedenen Formen und Arten des Boykotts. Es gibt den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Boykott; diese können von unterschiedlichen Akteuren (Individuen, Firmen, Staaten) durchgeführt werden. Boykotte fallen in den Bereich der gewaltfreien Aktionen.7 Monroe Friedman kategorisiert den Boykott als extremen Fall von Konsumentenverhalten, in welchem soziale und ethische Fragen die Kaufentscheidungen beeinflussen.8 Kozinet und Handelman sehen die Teilnahme an einem Boykott als komplexen, emotionalen Ausdruck der Individualität und als Mittel zur moralischen Selbstverwirklichung.9 Gabrielle, Smith und John gehen noch einen Schritt weiter und sehen Boykottieren als Form des prosozialen Verhaltens und stellen es auf eine Linie mit Handlungen wie Trösten, Teilen und Kooperation.10 Konsumentenboykotte reichen Jahrhunderte zurück und haben zu erwiesenen Erfolgen geführt: In den Vereinigten Staaten markierte der Montgomery-Busboykott den Beginn der modernen Bürgerrechtsbewegung, Gandhis Boykott von britischem Salz und Tuch war Wegbereiter für die indische Unabhängigkeit und der Boykott der Barclays Bank führte zu deren Rückzug aus dem südafrikanischen Apartheidstaat. Auch forum hat seinerzeit zum Boykott gegen Südafrika aufgerufen und gefordert, dass man sich mit den Gegnern und Opfern des Apartheidregimes solidarisieren sollte (siehe forum Nr. 64 [1983] sowie Nr. 115 [1989]).

Über die Wirksamkeit eines Boykotts kann man sicherlich diskutieren. Was an Boykott-Aktionen oft kritisiert wird, ist die fehlende Treffsicherheit […].

Über die Wirksamkeit eines Boykotts kann man sicherlich diskutieren. Was an Boykott-Aktionen oft kritisiert wird, ist die fehlende Treffsicherheit: Die direkten Auswirkungen und Auswüchse des Boykotts würden zunächst die „unschuldigen, kleinen Leute“ treffen und nicht nur die Verantwortlichen an der Spitze. Das mag in Fällen zutreffen, dies sind aber oft „harmlosere“ Auswirkungen im Gegensatz zu den primären Gründen für den Boykott. In den 1990er Jahren war sich die Wirtschaftspresse einig, dass Boykotte oft erfolgreich waren.11 Was kann man alles boykottieren? Produkte, Firmen, Personen, Events, sogar Städte (in meinem Fall Dubai). Etwa auch … ein ganzes Land?

„Hass auf der Überholspur“12?

Vor einigen Monaten durfte ich meine Boykott-Aktionen (und mich selbst) hinterfragen, nachdem ich einen Gastbeitrag im Luxemburger Wort gelesen hatte. Der Titel lautet „Hass auf der Überholspur“, direkt darunter zu lesen: „Nach zunehmenden Boykott-Aufrufen gegen Produkte aus Israel droht Luxemburg eine Neuauflage von ‚Kauft nicht bei Juden‘, befürchtet Gastautor Claude P. Muller.“ 

„Seit Jahren rollt die Speerspitze des BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) in Luxemburg Hass gegen Israel den roten Teppich aus“, schreibt der Autor dann einige Zeilen weiter. Rein rhetorisch fährt dieser Text eine sehr vorausschaubare Schiene: Pro-palästinensische, aktivistische Demonstrationen seien „Hamas-schonend“, ein ausradiertes Israel wird ersetzt durch einen „islamistischen Staat nach dem Gusto der Hamas“ und „nie wird so oft und hasserfüllt von selbsternannten Friedensaktivisten demonstriert, wie wenn es gegen Israel als Projektionsfläche für Juden geht“. Wer für Frieden demonstriert, hasst automatisch Israel und schont die Hamas? Wer boykottiert, ist Antisemit? Bin ich etwa Antisemitin? Dass ich seit einem Jahr nun Seite an Seite mit Juden und Jüdinnen13 im Namen eines Waffenstillstands in Gaza demonstriere, scheint mir irgendwie im Gegensatz dazu zu stehen. Ich verneine nicht vollends die Möglichkeit antisemitischer Motivationen seitens einiger Demonstranten: Ich sehe nicht in die Köpfe der Menschen hinein. Man würde allerdings auch nicht auf die Idee kommen, sämtliche pro-israelischen Demonstrationen als islamophob oder als Palästinenser-Hass abzustempeln. Obwohl es auch hier mit Sicherheit Überschneidungen gibt. Aber eine ganze Bewegung, die von Menschen jeglicher politischer, ideologischer, religiöser oder auch nicht-religiöser Gesinnung angeführt sowie unterstützt wird, grundlegend als antisemitisch zu klassieren, erscheint mir nicht nur ungerecht, sondern auch gefährlich. Sowohl das Demonstrationsrecht als auch das Recht zum Boykott sind Grundrechte in unserer Demokratie. Ein Boykottaufruf ist „dann von der Meinungsfreiheit gedeckt, wenn er nicht im eigenen wirtschaftlichen Interesse erfolgt, sondern in der Sorge um politische, wirtschaftliche, soziale oder kulturelle Belange der Allgemeinheit und damit also der Einwirkung auf die öffentliche Meinung dient“.14 Auch ist er als legitime Form der Meinungsäußerung durch Artikel 19, Absatz 2 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte (ICCPR) geschützt.15 

© Carlo Schmitz

Den Boykott israelischer Produkte als Neuauflage vom „Kauft nicht bei Juden“, eine direkte Anspielung auf den Judenboykott der Nationalsozialisten von 1933, darzustellen, finde ich mehr als kritisch. Ich bin der Ansicht, dass man generell, also auf beiden Seiten, von diesen Vergleichen mit dem Dritten Reich und dem Nationalsozialismus absehen sollte. Es hat einen instrumentalisierenden Charakter und einen faden Beigeschmack. Netanjahu mit Hitler oder den Genozid an den Palästinensern mit der Shoa zu vergleichen, ist in dieser Auseinandersetzung genauso unproduktiv wie bei jedweder Israel-Kritik gleich von Antisemitismus auszugehen und pro-palästinensische Aktivisten mit Juden-boykottierenden Nationalsozialisten auf eine Linie zu setzen. Dass Muller genau das als Aufhänger seines Artikels nutzt und ausspielt, stellt für mich gezielt platzierte, faule Rhetorik in einem Diskussionsrahmen dar, der weitaus komplexer ist. Abgesehen davon ist dieser Vergleich, den Muller zieht, meines Erachtens auch nicht haltbar: Der Judenboykott der Nationalsozialisten war ein staatlich organisierter Boykott (eigentlich Embargo), der nach drei Tagen abgebrochen wurde wegen mangelnder Beteiligung der deutschen Bevölkerung. Der zivil-gesellschaftliche Boykott von Produkten aus Israel hat hingegen bereits seit 2005 Bestand und wird auch von zahlreichen Nichtregierungsorganisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International unterstützt.16 i ii

Weder bin ich Antisemitin, noch schone ich die Hamas – dennoch stehe ich hinter den Boykottaufrufen der BDS-Aktivisten. Aber wo bewege ich mich denn nun auf dem Schwarz-Weiß-Spektrum von Herrn Muller? Ich glaube, da, wo die Mehrheit sich bewegt: in der Grauzone.

Eine gewisse Doppelmoral

Seit fast 60 Jahren besetzt Israel palästinensische Gebiete und ist bis dato dem internationalen Aufruf, die Besatzung Ost-Jerusalems und des Westjordanlands zu beenden, immer noch nicht nachgekommen. Israel errichtet rund um die Siedlungen dauerhafte Infrastruktur, um Anreize zu weiterer Siedlungsaktivität zu schaffen: „Das Vorgehen komme einer Annexion gleich, also einer gewaltsamen Landnahme.“17 Erst 2019 veranlasste der Europäische Gerichtshof, dass Produkte aus illegalen Siedlungsgebieten entsprechend gekennzeichnet werden müssen – mit dem Argument, dass es zur Konsumpolitik der EU gehöre, dass der Herkunftsort nicht „irreführend“ gekennzeichnet und Verbrauchern „ethische Erwägungen oder solche, die die Wahrung des Völkerrechts betreffen“18, gewährleistet seien. Diese Transparenz war für mich als Konsumentin ein Schritt in die richtige Richtung. Wieso meide ich trotzdem weiterhin Marken und Produkte, die in direktem Zusammenhang mit der israelischen Wirtschaft stehen? 

Erst 2019 veranlasste der Europäische Gerichtshof, dass Produkte aus illegalen Siedlungsgebieten entsprechend gekennzeichnet werden müssen.

Nicht nur hält die Annexion palästinensischen Gebiets weiterhin an, seit einem Jahr nun herrscht Krieg: Nach dem menschenverachtenden Terroranschlag der Hamas im Oktober 2023 startete Israel seinen Kriegszug in Gaza. Seitdem hat der Internationale Gerichtshof (IGH) in Den Haag eine „Gefahr auf Völkermord“ festgestellt. Israel müsste gegenüber der palästinensischen Zivilbevölkerung größere Schutzmaßnahmen ergreifen.19 Diese Anordnung implizierte u. a. die Bereitstellung von humanitärer Hilfe und Grundversorgungsleistungen: Die israelische Regierung ignorierte dies weitestgehend.20 Wichtig ist an dieser Stelle zu bemerken, dass Israel den IGH nicht anerkennt. Die Lage der Menschen in Gaza hat inzwischen apokalyptische Zustände erreicht: Man geht von mehr als 40.000 Toten und 90.000 Verletzten21 aus, das Gesundheitssystem ist völlig kollabiert und Hunderttausende, die Hälfte von ihnen Kinder, hungern und leiden unter den katastrophalen sanitären Zuständen. Laut dem European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) könnte die massive Zerstörung der zivilen Infrastruktur das Gebiet möglicherweise auch in Zukunft unbewohnbar machen.22 Gemäß Artikel 8 des Römischen Statuts stellen Angriffe auf Zivilpersonen und zivile Objekte ein Kriegsverbrechen dar. Im Mai folgte bereits die Forderung, Israel müsste seine Offensive in Rafah umgehend einstellen. Zu einem Waffenstillstand ist es immer noch nicht gekommen. Aber rechtliche, politische oder wirtschaftliche Konsequenzen für Israel gab es bis dato noch keine. Ganz im Gegenteil: Deutschland ist nach wie vor zweitgrößter Waffenlieferant Israels. Jede Relativierung von Menschenrechtsverletzungen schwächt nicht nur das Recht, sondern stärkt auch die Willkür. Dass die Taten der Hamas aufs Höchste zu verurteilen sind, steht außer Frage. Aber eine „Konfliktpartei kann sich nicht auf Verstöße der anderen Partei berufen, um eigene Verstöße gegen humanitäres Völkerrecht zu rechtfertigen“.23 Es scheint mir so, als würden wir unseren eigenen Werten und Moralvorstellungen nur unilateral nachkommen.

Sanktionen seitens der EU stehen nur vage in Aussicht. Am 18. September stimmte Luxemburg für eine kritische Resolution, die „Sanktionen wie Reiseverbote und das Einfrieren von Vermögenswerten gegen Personen und Einrichtungen“, die an der Aufrechterhaltung illegaler Siedlungen beteiligt sind, befürwortet, und die Israel dazu auffordert, Land und Vermögenswerte, die seit 1967 beschlagnahmt wurden, an die vertriebenen Palästinenser zurückzugeben.24 Man kann also noch hoffen … An meiner persönlichen Entscheidung, die israelischen Datteln von Grosbusch nicht zu kaufen, ändert das allerdings vorerst nichts. Und das macht mich nicht zu einer „hasserfüllten selbsternannten Friedensaktivistin“, wie Muller das vielleicht glauben mag, sondern ich versuche lediglich, meinem moralischen Kompass guten Gewissens Folge zu leisten.  

Als Beispiel für einen differenzierteren Beitrag, der von Schwarz-Weiß-Malerei absieht, empfehle ich André Hoffmanns Artikel „Antisemitismus – kein Thema?“ im Tageblatt vom 15. Oktober 2024 zur Lektüre.


1 https://tinyurl.com/2nc2wzyb 

2 https://tinyurl.com/yvfapnp6 

3 Siehe dazu die Doku „Bottled Life – Nestlés Geschäft mit dem Wasser“ (2012) von Urs Schnell. 

4 Oliver Bendel: „Konsumentenethik“, in: Gabler Wirtschaftslexikon online (https://tinyurl.com/22mxmxtc).

5 Ebenda.

6 Christian Neuhäuser, „Drei Dimensionen der Verantwortung von Konsumenten und Unternehmen“, in: zfwu 13/3 (2012), S. 278-296, hier S. 282-283.

7 Gene Sharp: The Politics of Nonviolent Action, 1973.

8 Jill Gabrielle, N. Craig Smith & Andrew John, „Why We Boycott: Consumer Motivations for Boycott Participation”, in: Journal of Marketing Vol. 68 (2004), p. 92-109, hier S. 92.

9 Ebenda, S. 93.

10 Ebenda.

11 Ebenda, S. 92.

12 https://www.wort.lu/meinung/gastbeitrage/hass-auf-der-ueberholspur/10403065.html 

13 www.jewishcallforpeace.lu 

14 https://tinyurl.com/ffnhduba 

15 https://tinyurl.com/5vk8d3vn 

16 https://tinyurl.com/nhetmjt7 

17 https://tinyurl.com/y76vjz2h 

18 https://taz.de/Etikettenpflicht-fuer-Siedlungsprodukte/!5638510/

19 https://tinyurl.com/ysrb8pn5 

20 https://www.hrw.org/de/news/2024/05/08/israel-laesst-gaza-verhungern 

21 https://tinyurl.com/5xfft6hs 

22 https://www.ecchr.eu/fall/voelkerrecht-unter-beschuss/ 

23 Ebenda.

24 https://tinyurl.com/37exsm28 

i https://www.annefrank.org/de/timeline/54/boykott-judischer-laden/

ii https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/dokumente-zur-zeitgeschichte/judenboykott/#

Da festgestellt wurde, dass die Passage [Der Judenboykott der Nationalsozialisten war ein staatlich organisierter Boykott (eigentlich Embargo), der nach drei Tagen abgebrochen wurde wegen mangelnder Beteiligung der deutschen Bevölkerung] zu Fehlinterpretationen Anlass geben könnte, möchte die Autorin des Beitrags mit diesem Nachtrag [am 09/12/2024] betonen, dass mit dem besagten Verweis weder die historische Bedeutung dieses Ereignisses noch dessen Folgen geleugnet oder verharmlost werden sollen.

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