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Fast überall, wo Papst Johannes Paul II. neue Bischöfe ernennt, ob in Österreich oder den Niederlanden, der Schweiz, El Salvador oder Luxemburg, kommt es entweder sofort oder nach den ersten Amtshandlungen zu Protesten von seiten des Kirchenvolks. Das ist an und für sich ein positives Zeichen lebendiger Kirchlichkeit: Statt aus der Kirche auszutreten, engagieren diese Gläubigen sich für eine christlichere Kirche, für eine Rückbesinnung auf den christologischen Ursprung der Kirche, für eine Kirche, die ihre eigene Verfassung, so wie das 2. Vatikanische Konzil sie in "Lumen gentium" formuliert hatte, ernst nimmt.

Diesen Grundgedanken, daß Kirche zunächst mal aus dem Kirchenvolk besteht, dem zu dienen die Kirchenhirten eingesetzt wurden, brachte eine österreichische Initiative (1) nun auf den Punkt. In bewußter Anspielung auf die revolutionäre Parole "Wir sind das Volk!", die im Oktober-November 1989 zum Sturz des kommunistischen Regimes in der DDR führte (bevor CDU und Konsorten sie zum nationalistischen Slogan "Wir sind ein Volk" engführten), rief ab Pfingsten 1995 die Plattform "Wir sind Kirche" zu einem "Kirchenvolksbegehren" auf, zu einem Referendum unter katholischen Kirchenangehörigen über 16 Jahren (Text siehe unten).

A priori hat die Initiative nichts mit dem Sexskandal um Kardinal Groer zu tun, denn sie war schon vor dessen Platzen in Ausarbeitung. Die beharrliche Weigerung des Wiener Kardinals, selbst kirchenintern Stellung zu den Vorwürfen zu beziehen, seine Selbstbemitleidung und sein stetes Schimpfen über die Presse, das dann zu einem ungewollten Schuldeingeständnis führte ("Ich finde es unverschämt, daß die Presse etwas aufgreift, Dinge, die vor 22 Jahren geschehen sind"), bestätigten aber die Initiatoren in ihrem Vorhaben: Die österreichische Kirche – und nicht nur sie, der Rücktritt des Baseler Bischofs wegen ungewollter Vaterschaft bestätigt es erneut – ist in einer Krise, die von oben, nicht von unten ver-

schuldet ist. Nur ein Aufbegehren der Kirche von unten, wie es deren häufig in der Geschichte der Kirche gegeben hat, zum Schaden der jeweiligen Oberhirten und Päpste, aber zur Rettung der Kirche, kann die Kirche noch retten.

"Es ist etwas ganz Neues", schreibt Ingrid Thurner in ‚Kirche intern‘ (Nr. 6/95), "und wie alles Neue und Ungewohnte verunsichert es viele Menschen, provoziert Ängste und Mißverständnis … und trotzdem: die Zeichen der Zeit erkennen und zur Sprache bringen, als mündige ChristInnen auch tatsächlich den Mund auftun und unsere Meinung zum Wohl der Kirche zum Ausdruck bringen, unsere Berufung leben, in der wir kraft der Taufe Anteil haben am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Christi … all das ist zutiefst christlich, auch wenn es kirchlich in dieser Form neu und ungewohnt ist." Da man weiß, wie es stets Anliegen der kirchlichen Tagespresse in Luxemburg war, nur nicht zu verunsichern, verwundert es nicht, daß das LW die Initiative bis jetzt noch mit keinem Wort gewürdigt hat.

Das österreichische Kirchenvolksbegehren, das von Pfingsten bis Ende Juni 100 000 Unterschriften zu sammeln hofft (so daß ein Ergebnis vor Redaktionsschluß nicht vorlag), will also in positivem Geist zum Überwinden der Kirchenkrise beitragen. Am Erfolg braucht kaum gezweifelt zu werden. Zahlreiche Pfarrer haben die Unterschriftenlisten offiziell in ihrer Kirche aufgelegt. Sogar zwei Bischöfe, darunter der neue Vorsitzende der österreichischen Bischofskonferenz, haben die aufbauende Absicht des Begehrens gewürdigt. Ursprünglich war beabsichtigt, dem Papst, der 1996 das Land anläßlich der Tausendjahrfeiern Österreichs besuchen sollte, die Unterschriften zu überreichen. Inzwischen hat der Feigling aus Rom seinen Besuch abgesagt.

m.p.

  1. Kontaktanschrift: "Wir sind Kirche", c/o Dr. Thomas Plankensteiner, Postfach 710, A-6021 Innsbruck.

Nur ein Aufbegehren der Kirche von unten, wie es deren häufig in der Geschichte der Kirche gegeben hat, zum Schaden der jeweiligen Oberhirten und Päpste, aber zur Rettung der Kirche, kann die Kirche noch retten.

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