Christlicher Glaube der Kirche Luxemburgs: mangelhaft

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der Kirche Luxemburgs:
mangelhaft

Es ist nicht die römische Glaubenskongregation, noch sonst eine wildgewordene Privatglaubensinstanz, die der Kirche Luxemburgs diese Zensur ausstellt. Sondern sie ist das Ergebnis einer Volksbefragung: Im Jahre 1971 haben 71275 Katholiken Luxemburgs anonym auf drei Glaubensfragen geantwortet. Weil das schon solange her ist, wollen wir die drei Fragen des "Fragebogens zur Vorbereitung der Luxemburger Synode" ins Gedächtnis rufen:

Frage 10 des Fragebogens : WIE DENKEN SIE ÜBER GOTT ?

  • Ich glaube, dass es einen Gott gibt und dass er am Anfang der Welt steht. Aber dieser Gott scheint mir sehr fern zu sein und hat darum nur sehr wenig mit meinem persönlichen Leben zu tun.
  • Ich glaube an Gott. Ich glaube auch, dass er der Welt und dem Menschenleben den letzten Sinn gibt. Dieser Gott ist die Liebe und ruft uns, Ihn zu lieben und unsere Brüder. So steht er mitten in meinem Leben.
  • Der Mensch hat gelernt, mit Hilfe der Wissenschaft alle wichtigen Fragen zu beantworten – ohne Gott. Für mich ist Gott also tot. Er hat nie existiert, es sei denn in den Köpfen einiger Menschen.
  • Keine dieser Meinungen stimmt mit dem Überein, was ich über Gott denke.
  • Ich glaube dass…

Frage 11 des Fragebogens : MAN HÜRT VERSCHIEDENE MEINUNGEN ÜBER DIE PERSON JESU CHRISTI. WELCHE DER FOLGENDEN ANSICHTEN ENTSPRICHT AM EHESTEN IHRER PERSONLICHEN AUFFASSUNG ?

  • Jesus hat vor fast 2000 Jahren gelebt. Heute leben wir in einer ganz anderen Welt. Für mich hat Jesus heute keine Bedeutung.
  • Jesus war nur ein Mensch, aber ein grosser Mensch, der die Menschen zum Guten führen wollte. Er kann mir deshalb noch heute ein Vorbild sein.
  • Jesus ist der Sohn Gottes. Er hat uns am Kreuz erlöst. Heute lebt er als Auferstandener. Ich begegne Ihm im Gebet, in den Sakramenten, in der Bruderliebe.
  • Keine dieser Meinungen stimmt mit dem Überein, was ich über Jesus denke.
  • Ich glaube, dass…

Frage 12 des Fragebogens : SIE LESEN JETZT 3 VERSCHIEDENE MEINUNGEN ZUM PROBLEM DES WEITERLEBENS NACH DEM TOD. WELCHE DER FOLGENDEN ANSICHTEN TEILEN SIE ?

  • Jeder Mensch ist dazu berufen, für immer Gottes Leben zu teilen. Nach dem Tod muss der Mensch vor Gott Rechenschaft geben über sein Leben.
  • Es ist möglich, dass es nach dem Tod noch etwas gibt. Wir können darüber aber nichts wissen, und es ist nutzlos, sich damit zu beschäftigen.
  • Mit dem Tod ist alles aus.
  • Keine dieser Meinungen stimmt mit dem Überein, was ich über das Weiterleben nach dem Tod denke.
  • Ich glaube, dass…

Eine erste, grobe Auswertung der Ergebnisse zeigt, dass die dem kirchlichen Glaubensverständnis entsprechenden Antworten auf diese drei Glaubensfragen in der Majorität waren:

| Gott letzter Sinn von Welt und Menschenleben: | 67% |
| — | — |
| Jesus Sohn Gottes, gekreuzigt und auferstanden: | 58% |
| Jeder Mensch berufen, Gottes Leben auf immer zu teilen: | 57% |

Doch bereits diese Zahlen zeigen, dass nicht alle die einen kirchlichen Gottesglauben bekennen, auch den kirchlichen Jesusglauben oder den kirchlichen Jenseitsglauben teilen. Die nähere Analyse weist auf, dass etwa 42% der 71275 Katholiken Luxemburgs in allen drei Antworten das kirchliche Glaubensverständnis teilen.

Annähernd 35% geben nur 2 oder auch nur eine von den drei Antworten, welche dem kirchlichen Glaubensverständnis entsprechen. Und 23% jener die den Fragebogen zurücksandten, geben keine einzige dieser drei Antworten.

Machen wir einen nächsten Untersuchungsschritt, so zeigt sich, dass die Gruppe der 42%, welche sich in allen drei Fragen zum kirchlichen Glaubensverständnis bekennen, folgende Merkmale aufweist:

  • vorwiegend Leute, die älter sind als 45 Jahre
  • vorwiegend Leute mit Volksschulabschluss
  • vorwiegend Leute aus den ländlichen Kantonen
  • vorwiegend Priester und Ordensleute, Landwirte, Hausfrauen, Rentner.

Hingegen weist die Gruppe der 23%, welche keiner der kirchlichen Glaubensaussagen ihre Zustimmung geben, folgende Merkmale auf:

  • vorwiegend Jugendliche und Erwachsene unter 45 Jahren
  • vorwiegend Leute aus den Ballungsgebieten der Stadt Luxemburg und der Industriegegend
  • vorwiegend Leute mit Fachschulabschluss
  • vorwiegend Facharbeiter, Techniker und Akademiker.

Doch damit sind die Ergebnisse der Synodenumfrage noch nicht erschöpft. Sie bringen einen weiteren Tatbestand ans Licht: die gegenseitige Abhängigkeit von Sonntagsmessbesuch und Glaubenszustimmung. Diese Abhängigkeit dürfte man so ausdrücken: je häufiger jemand sonntags zur Messe geht, um so eher darf man sicher sein, dass er alle drei Glaubensfragen mit dem kirchlichen Glaubensverständnis beantwortet. In Zahlen sieht das folgendermassen aus:

Zustimmung zu den kirchlichen Antworten

| Messbesuch | allen drei | zu 2 bezw.1 | zu keiner |
| — | — | — | — |
| jeden Sonntag | 56% | 34% | 10% |
| fast jeden Sonntag | 28% | 45% | 27% |
| ab und zu | 16% | 43% | 41% |
| selten | 9% | 29% | 62% |
| nie | 8% | 19% | 73% |

Deutlicher als diese Zahlen kann niemand die Abhängigkeit von Glaubenszustimmung und Sonntagsmessbesuch aussagen. Und wer sich es genau überlegt, der wird auch über diesen Trend nicht überrascht sein, denn Teilnahme an der Sonntagsmesse ist einerseits ja schon Glaubensvollzug, und andererseits ist für viele die Predigt in der Sonntagsmesse die hauptsächlichste Informationsquelle für ihr Glaubensverständnis.

Einige Anmerkungen zu obenstehender Tabelle seien noch erlaubt: Zuerst fällt auf, dass auch bei denjenigen die jeden Sonntag zur Kirche gehen, nur 56%, also etwas mehr als die Hälfte, alle drei Antworten des kirchlichen Glaubensverständnisses geben. Wir wissen ja bereits, dass es vorwiegend ältere Leute sind die dies tun.

Weiterhin sehen wir, dass immerhin 10% der Jeden-Sonntag-Kirchgänger überhaupt keiner der drei kirchlichen Glaubensantworten zustimmen. Das sind zum grössten Teil Jugendliche. Und wenn man sie fragt, weshalb sie dann zur Messe kommen, so erhält man als Antwort: "Weil meine Familie es wünscht!" (Synodenumfrage, Nr. 14a)

Abhängigkeit der Glaubenszustimmung

vom Sonntagskirchgang

Synodenumfrage unter
71275 luxbg. Katholiken
Fragen 10, 11 und 12.

Zustimmung zu allen 3 Glaubensaussagen

Partielle Zustimmung

Keine Zustimmung

An dritter Stelle sei daraufhingewiesen, dass es in der Gruppe derer, die nie zur Kirche gehen, 8% gibt, die in allen drei Fragen kirchlichen Glauben bekennen. Bei diesen 8% handelt es sich fast ausschliesslich um alte Personen und um Kranke, die zur Kirche gingen, wenn es ihre Kräfte erlaubten.

Bevor wir zur Schlussbilanz kommen, soll noch ein letzter Ueberlegungsschritt getan werden. 63% der Antworten zur Synodenumfrage stammen von solchen Gläubigen, die jeden Sonntag zur Kirche gehen. Nun aber spiegelt diese Prozentsatz ganz sicher nicht die Wirklichkeit. In Ermangelung von Zahlen, die die Realität des Sonntagsmessbesuchs wiedergeben, wollen wir vergleichsweise jene Zahlen einsetzen, die in der Bundesrepublik Deutschland ermittelt wurden. Sie mögen zwar nicht exakt der luxemburgischen Wirklichkeit entsprechen, liegen trotzdem der Realität näher als die Zahlen der Sonntagsmessbesucher innerhalb der Synodenumfrageergebnisse. Diese Zahlen für das gesamte Gebiet der Bundesrepublik sehen folgendermassen aus: Jeden Sonntag: 30% – fast jeden Sonntag: 22% – ab und zu: 21% – selten: 16% – nie: 11%.

Da uns die Tatsache ja bereits bekannt ist, wie abhängig Sonntagsmessbesuch und Glaubenszustimmung von einander sind, ergibt sich folgendes Bild der Glaubenssituation für die Gesamtheit der in der katholischen Kirche getauften Luxemburger: zu allen drei kirchlichen Glaubensaussagen geben 29% ihre Zustimmung zu zwei oder auch nur einer Glaubensaussage geben 36% ihre Zustimmung zu keiner der drei kirchlichen Aussagen geben 35% ihre Zustimmung. So in etwa sieht die Glaubenssituation der Kirche Luxemburgs aus. Genaueres wird hoffentlich der Zählsonntag vom 15. März 1977 ans Tagelicht bringen.

Unsere SCHLUSSBILANZ wird angesichts des Unsicherheitsfaktors nicht kategorisch ausfallen, aber dennoch unmissverständlich lauten: Sogar in der Annahme, dass die erwachsenen Luxemburger zu 63% jeden Sonntag zur Kirche kämen, würde die Kirche Luxemburgs unter einem Defizit christlichen Glaubens leiden, da auch dann noch mehr als die Hälfte dieser Kirche nur ein bruchstückhaftes oder überhaupt kein christliches Glaubensbekenntnis ablegten. Dieder Tatbestand ist deshalb alarmierend – wenn auch nicht hoffnungslos -, weil gerade in den jüngeren und aktiven Generationen, in jenen Schichten der Bevölkerung, die den Lebensstil der Luxemburger prägen, das Defizit an christlichem Glauben am erheblichsten ist.

Jupp Wagner

Alles zu den obigen Ueberlegungen führende Zahlenmaterial stammt aus den Tabellen des Instituts für Demoskopie Allensbach: ‚Umfrage der Luxemburger Synode: Die Antworten von Achtzigtausend‘. Die (abgerundeten) Zahlen des Sonntagsmessbesuchs in der BRD sind entnommen aus: Gerhard Schmidtchen, Zwischen Kirche und Gesellschaft, Freiburg 1972, Seite 95, Tabelle 42: Mehr-Themen-Umfragen.

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