Muss der katholische Christ an einen Teufel glauben?
Gespräch mit Peter Knauer SJ, Fundamentaltheologe
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Gespräch mit Peter Knauer SJ,
Fundamentaltheologe an der Hochschule St. Georgen in Frankfurt.
Peter Knauer, muß der katholische Christ an einen Teufel glauben?
Ich glaube, daß er weder an den Teufel glauben muß, noch an den Teufel glauben braucht, noch an den Teufel glauben kann, und zwar deshalb, weil wir Christen den Glauben auf Gott allein beziehen. Im Glauben geht es um unsere Gemeinschaft mit Gott und um nichts anderes. Im Glauben geht es um unser Anteilhaben am Gottesverhältnis Jesu, und deshalb kommt die Existenz geschaffener Sachverhalte nicht als Glaubensgegenstand in Frage. Man könnte allenfalls fragen, gibt es reine Geister, Engel oder Teufel. Aber diese Frage fällt bereits nicht mehr in den Bereich des Glaubens, wenn man unter Glauben ein Ausschließlichkeitsverhältnis zu Gott versteht.
Gibt es reine böse Geister, gibt es den Teufel?
Ich würde ganz lapidar mit Paulus im I. Korinther-Brief antworten: «Es gibt keinen Götzen». Und wenn trotzdem vom Teufel oft die Rede ist, dann könnte man allenfalls sagen: damit ist jede Form von Weltvergöttenting gemeint, also der Gegensatz zum Glauben als der Gemeinschaft mit Gott, wenn man sich selber seinen Gott zurechtmacht, wenn man sich an irgend etwas in dieser Welt um jeden Preis anklammert, wenn man weltlich gesinnt ist. Alles das könnte man mit der Rede vom Teufel gewissermaßen symbolisch ausdrücken.
Und mit welchem Recht sagen Sie das? Sie stehen doch damit im klaren Widerspruch zur kirchlichen Tradition, sei es die Bibel, sei es das Lehramt.
Da müssen wir nur fragen, in welchem Sinn für uns die Bibel und die Tradition und das Lehramt Autorität sind. Die Bibel ist nicht in beliebigem Sinn Autorität, sondern nur in dem Sinn, in dem sie sich als Wort Gottes verstehen läßt. Der Sinn der Schrift ist unsere Anteilhabe am Gottesverhältnis Jesu und nichts sonst. Und das gleiche gilt für die Tradition. In der Tradition ist für uns nicht relevant, was viele Christen manchmal gedacht haben, sondern nur was allein im Glauben als einem Erfüllsein vom Heiligen Geist und als der Anteilhabe am Gottesverhältnis Jesu angenommen werden kann. Wenn zum Beispiel zu Galileis Zeiten die meisten Christen glaubten, daß die Sonne sich um die Erde drehe, ist das natürlich kein Glaubensgegenstand, weil es nichts zu tun hat mit der Frage, wie wir zu Gott stehen.
Es gibt aber eine Menge von Christen, die versuchen zu interpretieren, daß der Teufel eine reale Figur und keine Symbolfigur ist. Hingegen sprechen Sie von einer Symbolfigur.
Reden wir vorerst einmal ganz allgemein über die Lehre von den Engeln und vom Teufel. Wenn die Engellehre etwas mit Gott zu tun haben soll, dann geht es in ihr nicht um die Frage, ob reine Geister existieren oder nicht,
sondern darum, daß Gott alle sein Geschöpfes zu seinen Boten machen kann. Daß er also Menschen zu seinen Boten machen kann, die den Glauben verkünden und daß dann für diesen Glauben auch überhaupt alle Wirklichkeit eine neue Bedeutung bekommt. Wie es im Evangelium heißt, die Vögel des Himmels und die Lilien auf dem Feld, die sagen einem dann etwas Neues. Gut. Mit der Leute vom Teufel in der Einzahl ist etwas von der Weise gemeint, Gott anders haben zu wollen, Gott anders erreichen zu wollen als im Glauben. Da macht man sich nämlich im Grunde seinen Gott selbst zurecht. Sei es, daß man irgendetwas in der Welt vergöttert, sich an irgendetwas um jeden Preis anklammert, sei es, daß man die Pracht seiner eigenen Wünsche projiziert, und alles das kann man Teufel nennen. Der Teufel ist also gewissermaßen die Ausmalung der Wand, hinter der man mit sich selbst im Unglauben alleine ist.
Also würden Sie den Teufel nicht als ein personales Wesen betrachten?
Wenn man ihn als personal bezeichnen wollte, dann wäre das allenfalls eine von Gott geborgte
Personalität, daß man nämlich das personale Verhältnis, das wir im Glauben zu Gott haben, gewissermaßen pervertiert und auf etwas in der Welt richtet, also sich einen falschen Gott zurechtmacht. In diesem Sinn ist die Personalität des Teufels eine von Gott geborgte Personalität.
Sagen Sie damit, daß wer einen personalen Teufel annimmt, im Grunde dem Aberglauben verfällt?
Anstatt ihn gewissermaßen zu verurteilen, würde ich versuchen, mit ihm darüber ins Gespräch zu kommen, was denn Glaube wirklich ist, und ihm klarzumachen suchen, daß Glaube und Aberglaube unvereinbar sind und daß umgekehrt der Aberglaube furchtbar gern unter dem Mantel des christlichen Glaubens auftaucht.
Was antworten Sie, wenn die Leute erklären, sie hätten Erfahrung mit dem Teufel und mit Dämonen, und wenn sie Ihnen vorwerfen, daß Sie in Ihrer Position angläubig seien?
Ein Glaubensverständnis, das als seine Mitte das Hineingenommensein in das Verhältnis Jesu zu Gott betrachtet und Glauben als Erfüllsein vom Geist Jesu versteht: ein solcher Glaube ist eben dadurch seiner Rechtgläubigkeit im Sinn der christlichen Botschaft vollkommen sicher.
Brauchen Sie als Christ einen Teufel?
Ich glaube, daß der christliche Glaube mich von solchen Notwendigkeiten befreit, daß der Glaube an Jesus Christus es überflüssig macht, sich die Welt mit allen möglichen Geistern bevölkert zu denken. Der Glaube an Jesus Christus stellt mich in die reale Welt, und da kann man von Geistern vielleicht so reden, daß eine Klasse einen Geist hat, also ein irgendwie überindividuelles Prinzip, das die einzelnen in seinen Sog nimmt. Das kann man psychologisch begründen. Aber das hat nichts mit reinen Geistern zu tun.
Und wie kommen Sie mit der Lehre der Kirche ins reine?
Nach der offiziellen Lehre der katholischen Kirche, also nach dem Ersten und dem Zweiten Vatikanum, kommt als Glaubensausgabe nichts in Frage, was einer ihre Autonomie wahrender Vernunft widerspricht. Der Glaube widerspricht allenfalls einer wildgewordenen, einer abergläubischen Vernunft. Auch kann man den Glauben nicht mit Vernunft begründen, sondern er kann in seiner Wahrheit nur im Glauben erfaßt werden. Aber die Vernunft hat eine Filterfunktion, eine Kontrollfunktion. Die Vernunft ist also in der Lage, Mißverständnisse vom Glauben auszuschalten. Es ist aber auch kirchliche Lehre, daß niemand den Glauben der Kirche engagiert, solange er Aussagen macht, die anderer Beurteilung als der des Glaubens zugänglich sind: die man entweder mit Vernunft beweisen oder die man widerlegen könnte oder bei denen sich nachweisen ließe, daß sie mit Recht unentscheidbar bleiben, alles derartige – also alles, worin es um etwas in dieser Welt, um geschaffene Sachverhalte als solche geht, das kommt als Glaubensausgabe nicht in Frage. Wir finden somit gerade in der kirchlichen Lehre genau den Rahmen, an den sich auch die kirchliche Lehre zu halten hat. Und verbindlich ist kirchliche Lehre für mich nur in dem Maße, in dem Sinn, in dem sie sich einfügt in die Rahmenbedingungen, daß Glauben Anteilhaben am Gottesverhältnis Jesu ist.
in: Orientierung, Nr. 17/1874
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