Ursachen in Familie und Schule
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Hier bricht der zweite Teil unseres Dossiers an:
unser eigentliches Bestreben lag darin, vielen Leu-
ten den wahren Ursprung des Problems sichtbar zu
machen. Es ist nicht mehr das Problem einer geschei-
terten, egozentrischen Minderheit, verflogen ist
auch der ursprüngliche Protestakt einer entschlos-
senen Drogensubkultur: vielmehr ist es die Sinnlo-
sigkeit, in einer materialistischen, unmenschlichen
Gesellschaft zu leben, welche den Jugendlichen zur
Verzweiflung bringt. So ist es das gesellschaftli-
che Fehlverhalten das ihn dazu bringt, seine letzte
Hoffnung darin zu sehen, aus dem Ganzen auszubrechen.
Denn er fühlt sich viel zu schwach, um etwas ändern
zu können: dazu fehlt ihm das nötige Selbstvertrau-
en.
Diese Verzweiflung ist vor allem auf das Versagen
von 2 gesellschaftlichen Institutionen zurückzufüh-
ren: Familie und Schule.
DIE FAMILIE: Wir sind der Meinung, dass heute die Fa-
milie, Urzelle der Gemeinschaft, das
Kind und später den Jugendlichen in einen
unlösbaren Konfliktwirrwarr hineinstellt
und damit grösstenteils an der jugend-
lichen Not Schuld trägt.
Werfen Eltern den ersten Blick auf ihr neugeborenes
Kind, so verspüren sie in ihm den Schimmer einer
Menschenintelligenz, die nur darauf wartet, ausbrechen
zu können. Sie stellen sich schon vor, wie aus dem
zerbrechlichen Geschöpf ein kräftiger, begabter Schü-
ler werden wird, der später als berühmter Wissen-
schaftler von sich reden lassen wird. Doch augenblick-
lich liegt noch ein schwaches, unpersönliches Tier
vor ihnen, das ohne menschliche Unterstützung nicht
überleben kann. Um sich zu einem ausgeglichenen Men-
schen zu entwickeln, um eine eigene, feste Persönlich-
keit zu erlangen, braucht es Beziehungen zu Artgenos-
sen, die ihn formen und erziehen werden. Den ersten
Bezug zu seinen Mitmenschen erfährt das Kind in der
Primärgruppe Familie: Vater und Mutter sind jene Be-
zugspersonen die es in seiner Entfaltung bestimmen.
Sie können ihm verhelfen mit seiner nahen Umgebung
in Kontakt zu treten, die Dinge, die es unmittelbar
berühren wahrzunehmen, die Natur zu entdecken, die
Menschen mit ihren positiven und negativen Seiten zu
akzeptieren, in andern Worten, die Gesamtheit des Le-
bens zu erfassen und sich selbst in der Wirklichkeit
zurechtzufinden. Denn nur dadurch, dass das Kind
zu erkennen, zu vergleichen und zu relativieren lernt
weiss es sich als Subjekt seiner Umwelt zu situieren,
beginnt es sich als "Ich" zu verwirklichen.
Während dieses schwierigen Prozesses muss sich das
Kind auf die Stütze und Liebe seiner Eltern verlassen
können: hier verstehen wir Liebe nicht als abstrakten
Begriff, sondern als konkrete Eigenschaften: Zärtlich-
keit, Verständnis, Geduld, Menschenkenntnis, Gerech-
tigkeit, Toleranz .. sind einige davon.
Der ausschlaggebende Faktor bleibt die unersetzliche
Gegenwart der Eltern. Meistens stehen aber weder Va-
ter noch Mutter dem Kind als kontinuierliche Bezugs-
person zur Verfügung. Sie sind vor allem durch die
materielle Sicherung des Haushaltes zeitlich und
kräftemässig überlastet. Tatsächlich legen viele El-
tern grösseren Wert auf die materielle Sicherheit,
als dass sie ausreichend Zeit aufwenden, um den ele-
mentaren Bedürfnissen ihres Kindes an gemeinschaft-
lichem Zusammenleben entgegenzukommen. Kinder werden
so in kritischen Zeiten, den ersten Jahren ihres
Lebens, der Obhut von Verwandten und Erziehern zuge-
schoben und finden sich dann ab dem 5. Lebensjahr
sich selbst überlassen. Das Kind hat niemanden, auf
den es zurückgreifen kann, um kleine Probleme des
Alltags, die ihm jedoch riesig erscheinen, zu lösen.
Es findet keine Mutter vor, die es in seine Arme
nimmt und es tröstet, einen Vater, der ihm für die-
ses und jenes erklärend beisteht. In der Entwicklung
des Kindes brechen damit schwere Leerräume auf mit
langfristigen Folgeerscheinungen:
- Das Kind fühlt sich in seinen Problemen von den
Eltern allein-gelassen. Dieses Gefühl der Verun-
sicherung wird unvermeidlich die zukünftigen Re-
lationen beeinflussen. - Die Distanz zwischen Familienmitgliedern wird im-
mer grösser; das Kind lernt nicht seine Eltern zu
schätzen, Vater und Mutter stellen für das heran-
wachsende Kind keine Vertrauensfaktor dar. - Verunsichert, ohne Liebe und menschliche Wärme,
neigt das Kind dazu, aggressiv und selbstsüchtig
zu werden.
Ein gleicher Mangel an Pflichtbewusstsein zeigt sich
in der traditionellen autoritären Erziehungsform:
auch hier fehlt die Bereitschaft, sich im Interesse
des Kindes Zeit zu nehmen. Sicherlich fundiert sie
auf Bequemlichkeit und Desinteresse, denn Zwingen,
Befehlen, Verordnen und Verbieten ersparen einen
Haufen Mühe und Anstrengungen. An das Gebot "Du
sollst Vater und Mutter ehren" klammert sich heute
noch ein entsetzlich grosser Teil von Erwachsenen.
Die Psychoanalyse führt diese Erscheinung auf früh-
kindliche Frustrationen mancher Eltern zurück. Als
Autoritäts- und Respektpersonen können sie ihre
damals verdrängten aggressiven Impulsen freien Lauf geben und in dem damit verbundenen Überlegenheitsgefühl manche Minderwertigkeitskomplexe kompensieren. Zu den zahlreichen Annehmlichkeiten (‚tu dies, mach das!‘) und zur menschlichen Faulheit, kommen in der Erklärung von Agressivität und hektischem, unkontrolliertem Benehmen der Eltern, ihre auf die unmenschlichen Arbeitsbedingungen zurückführende Gespannheit hinzu. Wer am Arbeitsplatz gehetzt wird, nur Befehle empfangen darf, nicht eigenständig arbeiten kann, hetzt seinerseits zuhause Frau, Kinder und Hund, will wenigstens dort Befehle geben, ohne dass Widerstand geleistet wird.
Autoritäre Erziehung spiegelt weniger Gleichgültigkeit und Desinteresse als elterliche Unausgeglichenheit und Stress: natürlich schält sich aus vielen Familienverhältnissen das deutliche Fehlen an psychologischen und pädagogischen Kenntnissen heraus. Eltern sind so alles andere als Vorbilder an Weisheit und Güte. Als letzte Waffe bedienen sie sich dann der Gewalt und einer übertriebenen Autorität, um als Respektperson anerkannt zu werden, um ein Scheinbild von Entschlossenheit und Selbstsicherheit aufrechtzuerhalten. Tolerantes und gefühlsmässiges Handeln, zugeben eigener Fehler könnten leicht das wahre Gesicht der Ohnmacht aufdecken. Die daraus entstehende Unzufriedenheit führt also viele Eltern zu brutalen, unmenschlichen Massnahmen. Man bedenke die Zahl der geschlagenen und terrorisierten Kinder!
Durch Intoleranz und Engstirnigkeit wird das Abhängigkeitsgefühl des Jugendlichen, das in der Pubertät sowieso in Frage gestellt wird, vielfach verstärkt. Elterliche Vorstellungen und Werte werden als absolut gesetzt: unter dem Vorwand der Fürsorge wird über das, was wohl ‚das Beste‘ für das Kind sei, nur von oben herab bestimmt, ohne sich die Mühe zu geben ‚das Beste‘ einmal von den Betroffenen und seinen Vor-
Vorstellungen her zu verstehen und zu gestalten.
Eltern lassen sich selten in Diskussionen ein: die Meinung des Jugendlichen ist ja wertlos und uninteressant. Damit werden Zeit und geistige Anstrengung gespart und kritische Auseinandersetzungen, die Kind und Eltern näher bringen würden, geht man so aus dem Wege. Was zählt, ist ja die abendliche Ruhe vor dem Fernsehapparat.
Dies sind nur einige Stichworte zu leider allzu häufig vorkommenden Erziehungsformen. Jugendkriminalität, Rockertum, Jugendalkoholismus und Drogenkonsum sind überzeugende Beweise dafür, dass diese Form von Erziehung nicht mehr im Stande ist, den heutigen Bedürfnissen der Jugend gerecht zu werden.
Ein weiterer und letzter Defizit besteht darin, dass die meisten luxemburgischen Kinder ohne Geschwister aufwachsen. Viel zu spät begegnen sie gegnerische Charaktere und stossen sie auf den wertvollen Widerstand, der sie in ihrem Egoismus bremsen würde. Sie fühlen sich vereinsamt, weil sie ohne Geschwister keine feste Front gegenüber elterlicher Intoleranz und Fehlhaltung bilden können, abhängiger, weil die Fürsorge der Eltern nur ihnen gilt, statt dass die Eltern sich noch um weitere Geschwister bemühen müssen. Ausserdem besteht diese übertriebene Elternliebe oft in einer reichlichen Verwöhnung: mit Geschenken und überflüssigen Spielzeugen hoffen sie ihren Mangel an Gegenwart und Zuwendung wiedergutzumachen. Derart ‚erzogen‘ vermisst später auch der Jugendliche Werte, die sein Leben lebenswert machen (Nächstenliebe, Toleranz, Geduld …) und ihm helfen, sich in der Gesellschaft zu integrieren. Dieses Mangelgefühl wird sich in Hoffnungslosigkeit und Apathie steigern. Aus dem Ganzen hofft er nur mit der Droge rauszukommen. Haschischrauchen geschieht meist in ‚Pear-groups‘, zielt also auf Gruppenerlebnisse. Der
kreisende Joint versinnbildlicht das Gemeinschaftserlebnis, dessen höchster Ausdruck darin besteht, dass bei allen Teilnehmern gleichzeitig ähnliche Gefühle wach werden. In Haschischkommunen erfährt der Jugendliche echte Gemeinschaft, findet Hilfe u. Verständnis bei Kameraden, die sich aus gleichen Gründen von der Gesellschaft getrennt haben. Im High-Zustand, erlebt er eine Auflösung des Ichgefühls. Der "User" glaubt während der sogenannten Haschischmeditation eine wahre Gemeinschaft mit dem Universum zu verspüren.
Der Jugendliche wird durch die repressive Erziehung in seinem "Spielraum" begrenzt: im Rahmen des Dürfens und des Probierens wird durch Verbote, Befehle und andere Repressionen ungeheuer unterdrückt. Nur im selbstständigen Erproben von Verhaltensweisen könnte er die anderen und sich selbst erfahren, nur in einem grossen Freiraum kann das Kind seine Möglichkeiten und Grenzen einschätzen lernen. So ist seine Selbstverwirklichung in einem viel zu begrenzten Horizont eingeengt. Es fühlt sich gegenüber seiner eigenen Person entfremdet und hat Probleme, sich in seiner Umwelt zurecht-zu-finden. Seine angeborenen Fähigkeiten entwickeln sich zurück: seine Spontaneität wird gehemmt, Kontakt- und Unternehmungsfreudigkeit verschwinden. Ohne kreative Stärke, ohne zukunftsgewinnende Kraft fühlt es sich den andern weit unterlegen. Es hat grosse Denk- und Sprachschwierigkeiten, weil seine Versuche, sich wenigstens sprachlich auszudrücken, viel zu oft als frech unterdrückt worden sind.
Unter Drogeneinfluss führt ein leichter Rauschzustand (der gewisse Ähnlichkeiten mit alkoholischer Betrunkenheit hat) zu erhöhter Stimmung, ausgelassener Fröhlichkeit, verminderten Hemmungen und verstärkter Kontaktbereitschaft: der Haschischraucher fühlt sich wieder nach langer Zeit so richtig wohl in seiner Haut. Während des High-Zustandes erscheinen dem User die Gespräche in der Gruppe tief und geistreich. Er fühlt sich geistig höchst aktiv, weil Eindrücke und Bilder, Ideen und Einfälle sich in seiner Wahrnehmung geradezu überstürzen. Er empfindet diese Fülle und Schnelligkeit der Gedankenwelt als starke Erweiterung seines Bewusstseins. Besonders im Halluzinogenrausch (L.S.D, Meskalin…) kann der "User" in eine Art Selbstbeobachtung eindringen und verliert damit Distanz zu sich selbst. Es ist bekannt, dass dabei bestimmte Erlebnisschichten aus der Vergangenheit freigelegt werden und das Aufdecken verschütteter Bewusstseinsstufen wird so ermöglicht. Der "User" entdeckt verlorengegangene Fähigkeiten wieder und gewinnt Selbstvertrauen. Nicht zufällig wird L.S.D in der Psychotherapie gebraucht. Drogenkonsum bedeutet auch eine Flucht aus der Gefühlsarmut, die in der Familie herrscht. Vor allem unter L.S.D-Einfluss (psychedelische Droge) tritt ein "Synästhesiezustand" auf, d.h. eine Sensibilisierung aller Sinne. Durch das Abschalten der Bewusstseinskontrolle wacht die eingeschaltene Phantasie auf: der "User" erlebt unbeschreibliche Halluzinationen, Musiktöne werden gesehen, Töne gespürt. Schon unter stärkerem Haschischeinfluss entsteht das Gefühl gesteigerter Wahrnehmungsfähigkeit. Es verbindet sich damit für den Raucher ein Gefühl des Starkseins, der selbstbewussten Lebenskraft.
Das Kind wird in seiner Mitverantwortung innerhalb der Familie viel zu stark gedrosselt. Durch wiederholte Verbote erhält es keine echte Chance, sich selbst auch vor anderen zu bewähren. Weil geordnet und befohlen wird, kommt es überhaupt nicht dazu, eigene Verantwortungen zu übernehmen, selbstständig
und unabhängig zu handeln. Es wird dabei in seinem Drang nach Verselbständigung unterdrückt und kann seine Persönlichkeit nicht genügend festigen. Die Drogenszene bietet eine geeignete Welt, in der Selbstverantwortung gross-geschrieben wird. Allein schon die Flucht in diese Welt bedeutet eine Eigeninitiative, die es selbst getroffen hat. Nicht selten schlägt ein Jugendlicher von 15 Jahren einen solchen Weg ein, nur um ein Stück Selbstbestätigung zu erfahren. Einen grossen Reiz bietet auch die Tatsache, dass dieser Weg gesetzlich verboten ist.
In einer verzweifelten Familiensituation bleiben dem Jugendlichen nur zwei Möglichkeiten: Er verdrängt seine Aggressivität und resigniert. In seiner Unzufriedenheit verfällt er leicht der Selbstverachtung und dem Selbsthass: Selbstaggression als häufiger Grund von Drogennahme und Selbstmord. oder: Er entlädt seine Aggressivität und bricht so ebenfalls mit Familie und Gesellschaft.
In Summa: Nicht die Droge verursacht den Bruch mit der Familie, sondern der schon bestehende Bruch mit der Familie zwingt den Jugendlichen zur Drogennahme.
DIE SCHULE
DIE SCHULE: Als wichtigster Sozialraum neben der Familie trägt auch die Schule in starkem Hass zur jugendlichen Krisis bei. Wer sich ein bisschen erkundigt, findet schnell heraus, dass für die grosse Mehrzahl der Luxemburger Schüler die Schule eher aus Zwang oder zum Zeitvertreib besucht wird, als aus reinem Bildungsinteresse. Unerwähnt bleiben die langweiligen Unterrichtsstunden und die dazu gehörenden faulen, faden und humorlosen Lehrer mit Sicherheit nicht. Altgewohnte Schülerpolemik? oder sollte man tiefer suchen? Faulheit und Ungehorsam tragen sicher auch zur Schulunlust bei, aber auch für diese Faktoren sollte man die Ursachen wenigstens teilweise in der Erziehung suchen. Hier fehlt unmissverständlich die nötige Motivation durch Vorbild und Diskussion von elterlicher Seite her. Ausser, dass man durch Schulung eine besser bezahlte Arbeitsstelle erlangen kann, wird dem Jugendlichen ungenügend verständlich gemacht, welche Chance er hat (Chance, die viele Eltern durch den Krieg oder wegen der damaligen finanziellen Lage in der Familie nicht besassen), durch Unterricht und Bildung die Gesamtheit des Lebens zu erfassen. Und eben bei diesem Punkt, der "Gesamtbildung" herrschen krasse Defizite in dem aktuellen Schulsystem.
Wie könnte es anders sein, auch unser Schulsystem hat als gesellschaftliche Institution unter entsetzlichem Zeitdruck zu leiden. Da aber keiner auf die Idee käme, die Überfüllten Programme zu kürzen, muss der Zeitmangel auf andere Art und Weise ausgeglichen werden: Fragen und Schwierigkeiten der Schüler müssen übersehen werden, Diskussionen vermieden, militärische Disziplin beibehalten werden. Um die grösste Leistung in kürzester Zeit zu vollbringen, arbeitet und denkt der Lehrer: der Schüler hat alles passiv aufzunehmen. Dieser Zeitknappheit entspringen weitere verheerende Mängel.
Luxemburg ist eines der letzten Länder, das die Bedeutung des Schulsportes noch immer nicht anerkannt hat. So verbringen unsere Schüler über 30 Stunden pro Woche in einer Schulbank festgenagelt, ohne körperlichen Ausgleich. Diese physische Lethargie wirkt zugleich auf die intellektuellen Leistungen wie auf
den psychischen Zustand: besonders der Gruppensport bleibt in einer positiven Erziehung als Sozialisationsfaktor und Aggressivitätsventil unentbehrlich. Weiterhin vermissen jene Schüler, die nach Ausdrucksmöglichkeiten verlangen, innerhalb dieser ‚Gesamtbildung‘ eine echte Kunstausbildung etwa in Musik, Malerei oder Skulptur, in denen manuelle Talente ausgearbeitet werden könnten. Schliesslich wird die Wichtigkeit der Wissenschaften vom Menschen (Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Philosophie …) für ein besseres und menschlicheres Zusammenleben von unserem materialistischen System überhaupt nicht in Betracht gezogen. Vor allem in letzter Zeit haben sie aber an Relevanz gewonnen, weil sie als Vermittler einer Ethik und Lebensweise, (die früher von den dogmatischen Kirchenlehren unserer Staatsreligion gespielt wurde) immer mehr die Rolle des Moralisten und Wegweisers übernehmen werden müssen. In dieser Beziehung ist ohne Zweifel auch die Kirche mitverantwortlich an der Drogenmisere, weil sie es seit Jahren nicht mehr fertigbringt Menschen von heute Lebenssinn, Werte zu vermitteln.
Wie in der Familie, ist auch in der Schule die Distanz zwischen Erwachsenen und Jugendlichen zu gröss. Völlig überholte Lehrmethoden (und der erkannte Zeitmangel) setzen den Lehrer als Autoritäts- und Respektperson an die Spitze der Klassengemeinschaft, so dass ein partnerschaftliches Miteinander zwischen Erzieher und Schüler fast unmöglich ist. Es gibt zwar Ausnahmen, Lehrer die auf ihre traditionelle Figur verzichten, um den Klassen näher zu kommen. Diese bilden jedoch eine Minderheit und werden von ihren Kollegen, samt ihrer neuen pädagogischen Methoden einfach ignoriert. Dieselbe Oberflächlichkeit gibt es in den Beziehungen zwischen den Schülern selbst. Vor allem in den zentralisierten Hochschulen reichen 30 Schulstunden pro Woche (in Wirklichkeit nur die wenigen Stunden Pause!) bei weitem nicht aus, um echte Freundschaften zu schliessen und seine Mitschüler richtig kennenzulernen. Hier tritt das Fehlen von ausserschulischer Tätigkeit ein, bei der die Schule als Jugendtreffpunkt (anstatt ‚Pubs‘ und ‚Pläss‘) von vielen geschätzt würde. Schule wäre dann eben nicht mehr primär Wissensvermittlung, sondern auf breiter basis Persönlichkeitsbildung des Individuums, eine Zielvorstellung die es bis heute im luxemburgischen Schulsystem nicht gibt.
Ohne Motivation, ohne jeglichen Wissensdrang, ohne Ideale, an denen man sich in schwierigen Zeiten wie an einem Rettungsring festpacken kann, ohne echten Menschenkontakt, sei es in der Familie oder in der Schule – es sollte langsam manchen Eltern klar werden, weshalb immer mehr Jugendliche aus Schule, Familie und Gesellschaft ausbrechen und in der scheinbar idealen Welt der Drogen Zuflucht suchen, wo sie ein wahrhaftiges Zusammenleben zu finden hoffen, sei es auch in Unglück und Elend.
DIE ARBEITSWELT
DIE ARBEITSWELT: Statistiken beweisen, dass ein grosser Prozentsatz der protokollierten Drogenkonsumenten aus dem Arbeitermilieu stammen. Wir möchten nicht die Tatsache übersehen, dass sicher das Fehlen eines gewissen intellektuellen Niveaus zerstörerische Folgen hat. Doch im Vergleich zu anderen Länder, die mit den Drogenproblem konfrontiert sind, sind solche Fälle hier in Luxemburg ziemlich selten. Vielmehr sind es die primitiven Arbeitsverhältnisse, die Lahmlegung
jeglicher Kreativität, Initiative und Mitverantwortung, die Abhängigkeit in der Arbeiterhierarchie, die Eintönigkeit der Arbeitsvorgänge, in denen der Jugendliche als anonyme Nummer tätig ist usw., die als weitere wichtige Ursachen der Jugendlichen Verzweiflung angesehen werden müssen. Auch die steigende Arbeitslosigkeit trägt ihren Anteil Schuld an der Jugendnot. Schliesslich ist auch unser lieber Staat, wegen seines Desinteresses und seiner Unwirksamkeit zu den Mitverantwortlichen zu zählen. Möglicherweise investiert er zwar ‚enorme Summen‘, wie alle unsere Nachbarländer, um das Problem zu lösen, aber unterstützt dabei nur solche Massnahmen, die eigentlich niemals eine konkrete und absolute Lösung des Problems ermöglichen werden: Bekämpfung des Rauschgifthandels, Verstärkung der Anti-Drogen-Behörden- sogar durch Verbesserung der kurativen Hilfe. Sicher sind diese Versuche lobenswert und es soll auch in dieser Richtung weitergearbeitet werden, doch bleibt die einzige Hoffnung in der Prophylaxe, der Vorbeugung.
Les aliments seuls exceptés, il n’est pas sur terre de substances que les drogues qui aient été aussi intensément associées à la vie des peuples dans tous les pays et dans tous les temps.
Ludwig Lewin (toxicologue éminent)
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