Jugend ohne Kirche – Kirche ohne Schwung

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  1. Jugend – eine Lebensphase zwischen…

Soziologisch ist ‚Jugend‘ jene Sozialisationsphase, während welcher der junge Mensch sich langsam aus dem Familienverband, in den er hineingeboren wurde, loslöst. Es ist wie das Abtrennen einer zweiten Wabelschnur. Bei diesem Prozess stellt der Jugendliche sich kritisch seinen Eltern und überhaupt der älteren Generation gegenüber. Zugleich sucht er Anschluss an Gleichaltrige, um von dieser Gruppe eine Menge an verschiedenen, gerade ‚modernen‘ Verhaltensmustern mehr oder weniger kritiklos zu übernehmen.

In den Jugendgruppen spiegelt sich die pluralistische Welt der Erwachsenen. Z.B. in weltanschaulicher oder politischer Hinsicht. So sind etwa die Jugendsektionen der politischen Parteien ein relativ junges Phänomen.

Die Konsumgewohnheiten der ‚Jugend von heute‘ stellen ebenfalls ein Phänomen dar, das es in früheren Jugendgenerationen nicht in dieser Gestalt gab. Die jetzt deutlich wahrnehmbare Jugendsubkultur verdankt ihr Entstehen dem reichlich bemessenen Taschengeld, über das Jugendliche verfügen und zugleich den cleveren Geschäftemachern, welche mit Hitparaden, Diskotheken, Jugendboutiken und – leider sei’s geklagt – Drogenhandel auf die Konsumbereitschaft der jungen Leute setzten. Mit vollem Erfolg.

Psychologisch ist der Jugendliche aus dem Gleichgewicht. Kein Kind mehr, das die Stütze des Elternhauses dankbar und problemlos annimmt. Aber auch noch kein Erwachsener, der auf eigenen Füssen zu stehen vermöchte. Einer, der als Kind eine Menge Erfahrungen

gemacht hat, mit denen er aber für den Augenblick nichts Rechtes mehr und zugleich noch nichts Rechtes anzufangen weiss. Der deshalb gern seine Erfahrungen selber machen möchte, und sie auch macht, ohne sich von jenen Warnschildern noch stark beeindrucken zu lassen, die während der Kinderjahre vor ihm aufgerichtet worden waren.

Eine verletzliche Phase, die Jugendzeit, wo den Vaterfiguren der Abschied gegeben wird, um anderen Leitfiguren nachzulaufen, wobei jedoch die Erfahrung mangelt, mit der die Fragwürdigkeit der neuen Leitbilder kritisch überprüft werden könnte. Das ist dann auch der Grund, warum Idole schnell ausgewechselt werden. Und wiederum verstehen es geschäftstüchtige Manager, die Verletzlichkeit der Jugend auszunützen, indem sie jedes halbe Jahr und noch öfter ein neues Jugendidol aufbauen. Mit vollem Erfolg.

Altersmässig den Beginn und das Ende der Jugendzeit anzugeben, ist ein schwieriges Unterfangen, da es ‚Früh-‚ und ‚Spätzünder‘ gibt. Mit der Behauptung, alle 15-17-jährigen seien Jugendliche, wird man allerdings kaum auf Widerspruch stossen. Unter Anwendung der soziologischen und psychologischen Kennzeichen wird man dennoch weitergehen dürfen, um oben und unten 2 Jahre zuzusetzen, so dass die 13-19-jährigen den Grossteil den Grossteil der Jugendlichen ausmachen. Das entspräche den Geburtsjahrgängen von 1961 bis 1967, oder der Zahl von 36000 bis 37000, die etwa 10.3% der Gesamtbevölkerung darstellen.

Beruflich ist der Jugendliche in der Ausbildung, entweder in der Schule, oder in einem Betrieb.

In welchem Alter befinden sich welche Jugendlichen wo? Angaben in Prozent der jeweiligen Altersgruppe.

| Alter Geschl. | Komplementar klassen | Sekundarbereich | Univers. u.ä. | Mittel- ganzzeit Berufsschule | Teil- zeit Berufsschule | In keiner Schule | Im Berufsl. bezw. kein. Schule |
| — | — | — | — | — | — | — | — |
| | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 5+6 |
| 13 M W | 35 | 27 | – | 38 | – | – | – |
| | 33 | 29 | – | 38 | – | – | – |
| 14 M W | 31 | 26 | – | 43 | – | – | – |
| | 27 | 28 | – | 45 | – | – | – |
| 15 M W | 5 | 21 | – | 40 | 16 | 18 | 34 |
| | 4 | 23 | – | 43 | 9 | 21 | 30 |
| 16 M W | – | 20 | – | 32 | 23 | 25 | 48 |
| | – | 22 | – | 29 | 11 | 38 | 49 |
| 17 M W | – | 19 | – | 21 | 22 | 38 | 60 |
| | – | 18 | – | 16 | 8 | 58 | 66 |
| 18 M W | – | 19 | – | 10 | 15 | 56 | 71 |
| | – | 17 | – | 9 | 4 | 70 | 74 |
| 19 M W | – | 15 | 6 | 6 | 8 | 65 | 73 |
| | – | 7 | 5 | 6 | 2 | 80 | 82 |
| 20 M W | – | 10 | 9 | 3 | 2 | 76 | 78 |
| | – | 4 | 7 | 3 | – | 86 | 86 |

Die Tabelle ist errechnet worden anhand der ‚Informations statistiques No 64 (18/78)‘, herausgegeben vom Ministère de l’Education Nationale, und gibt in Prozentzahlen eine Ahnung der Grössenordnung, mit der in den verschiedenen Schulsektoren gerechnet werden kann.

Da mit 15 Jahren die obligatorische Schulzeit beendet ist, finden wir ab Juli bereits 34% bezw 30% der 15-jährigen in einer Lehre, von denen etwa die Hälfte der Jungen, und ein Drittel der Mädchen an einem oder zwei Tagen der Woche eine Berufsschule besuchen.

Die 16-jährigen sind schon fast zur Hälfte in einer Lehre, davon wiederum die Hälfte der Jungen und ein Viertel der Mädchen in der Teilzeitberufsschule. Die 17-jährigen sind schon fast zu 2 Dritteln, die 18-jährigen fast zu 3 Vierteln im Berufsleben. Bei den 19-jährigen sind fast 10% weniger Mädchen noch in einer Schule als Jungen, wobei nicht ausseracht gelassen werden darf, dass Jahr für Jahr rund 500 Mädchen unter 20 Jahren – gegen etwa 50 Jungen derselben Altersklasse – bereits geheiratet haben. In anderen Worten: ab 17 sind die Schüler in der Minorität. In der öffentlichen Meinung allerdings stellt man sich ‚den Jugendlichen‘ gerne vor als Schüler; ein Bild, das unbedingt korrekturbedürftig ist.

Religiös gesehen ist die erdrückende Majorität der Jugendlichen in Luxemburg in der katholischen Kirche getauft worden, hat ‚Erstkommunion‘ gefeiert, hat eine Menge Kinderbeichten abgelegt und ist gefilmt worden. Bei einer Jugendumfrage, die eine Südgemeinde in Auftrag gab, antworteten die Jugendlichen auf die Frage: ‚Ist Religion in deinem Leben sehr wichtig, wichtig, gar nicht wichtig?‘ folgendermassen:

Angaben in Prozent:

| | sehr wichtig | wichtig | gar nicht wichtig | ohne Angabe |
| — | — | — | — | — |
| Alle | 6,5 | 44,1 | 43,4 | 6,0 |
| Jungen | 4,4 | 40,9 | 48,9 | 5,0 |
| Mädchen | 8,7 | 47,4 | 37,6 | 6,2 |
| 16-18 | 6,8 | 49,9 | 38,1 | 5,3 |
| 19-21 | 7,5 | 40,3 | 44,6 | 7,5 |
| 22-24 | 5,3 | 41,0 | 49,5 | 4,3 |

Der Trend, Religion mit fortschreitendem Alter als gar nicht wichtig anzusehen, ist überdeutlich. Wenn die Zahlen als solche nicht repräsentativ sind, also nicht extrapoliert werden dürfen, so wird dennoch der Trend als allgemeingültig anzusehen sein, was durch die Zählung der Sonntagsmessbesucher am 13.03.77. veranschaulicht werden kann:

Angaben in Prozent:

| Alter | 12-15 | 16-19 | 20-24 |
| — | — | — | — |
| Dekanate | | | |
| Clerf, Wiltz, | 80,3 | 63,1 | 42,8 |
| Ospern, Viand, | | | |
| Echtern, Grevenmacher, Remich | 58,0 | 50,3 | 31,1 |
| Diekirch, Mersch | 55,2 | 39,5 | 24,2 |
| Koerich (Land) | 53,9 | 40,3 | 20,8 |
| Lux, Stadt+Land | 38,9 | 25,3 | 15,8 |
| Koerich (Industr) | 34,3 | 24,5 | 10,0 |
| Bettbg., Esch | 31,3 | 19,3 | 9,1 |
| Diözese | 37,8 | 31,0 | 17,0 |

In den drei Jahren seit dem Zählsonntag dürfte

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die Beteiligung der Jugendlichen an der Sonntagsmesse weiter nachgelassen haben, da immer weniger geweigt sind, ‚in die Kirche zu gehen, weil die Eltern das gerne so hätten‘, und weil immer mehr Jugendliche aus Familien kommen, in welchen es schon zur Tradition geworden ist, sonntags nicht zur Kirche zu gehen, und weil in der Kirche doch immer nur das Gleiche gesagt wird, und weil die Kirche ohne Schwung und Unternehmungslust ist.

Wenn in den Landdekanaten eine relativ hohe Anzahl Jugendlicher (noch) sonntags in die Kirche gehen, so darf das nicht täuschen, da sich unter dieser hohen ‚Besucherzahl‘ ein nicht geringer Anteil an ‚Ritualisten‘ versteckt. Das sind solche, die wohl mitgezählt werden können, weil sie anwesend sind, die jedoch in vielen und auch entscheidenden Punkten die Glaubensansichten ‚der‘ Kirche nicht teilen. Dass es gerade unter Jugendlichen einen hohen Anteil an Ritualisten gibt, hat die Synodenumfrage ganz deutlich ans Tageslicht gebracht. Allerdings wird der Ritualismus mit dem Alterwerden abgebaut, jedoch nicht in dem Sinne, dass mit dem Alterwerden der Glaube wieder zunimmt, sondern im Gegenteil: der Sonntagsmessbesuch wird weiter abgebaut, oder genauer gesagt: der Besuch der Sonntagsmesse wird dem Glaubenszustand angepasst. So wird in der Tat offenbar, dass man unter den Jugendlichen zwar eine Majorität Getaufter vor sich hat, die aber zum grössten Teil Katechumenen geblieben sind – oder nicht einmal das, denn Katechumenen sind Taufbewerber; es ist aber doch fraglich, wieviele der Jugendlichen sich taufen lassen würden, wenn sie nicht als Babies dem Taufwasser ausgesetzt worden wären. Vielfach also nicht einmal Katechumenen, und das trotz Erstkommunion, Firmung und 750-1150 Stunden Religionsunterricht.

Denn Religionsunterricht haben alle gehabt. In den 6 Jahren der Grundschule dreimal wöchentlich. Danach, bis zum Schluss der obligatorischen Schulzeit, nochmals 1 oder 2 Wochenstunden. Für diejenigen, die nach dem 15. Lebensjahr noch zur Schule gehen, bleibt der Religionsunterricht mit 2 Wochenstunden bis zum Ende der Sekundarschule, mit 1 Wochenstunde in der Handwerkerschule und den Mittelschulen bis zur letzten Klasse, mit einer Wochenstunde ebenfalls in den Berufsschulen, in den grossen Berufsschulzentren Luxemburg und Esch allerdings nur bis zur 9. Klasse einschliesslich, in den kleineren Berufsschulen (Verlorenkost, Grevenmacher, Petingen, Ettelbrück, Wiltz, Ackerbauschulen von Mersch und Ettelbrück) jeweils bis zur letzten Klasse.

Da in den Sekundar-, Mittel- und Berufsschulen die

Wahl möglich ist zwischen Religionsunterricht, Laienmoral oder nichts von beiden, schreiben sich immer weniger Schüler für das Fach Religionsunterricht ein.

Im Sekundarbereich: (Angabe in Prozent)

| Schul- jahr | Klassen | | | | | | |
| — | — | — | — | — | — | — | — |
| | 7e | 6e | 5e | 4e | 3e | 2e | 1re |
| 1973/4 | 86.8 | 90.2 | 87.9 | 84.4 | 81.7 | 86.7 | 57.5 |
| 1978/9 | 86.2 | 86.4 | 83.5 | 76.1 | 60.4 | 43.8 | 28.8 |

(Informations statistiques Nos 16 et 74 (9/79) édités par le Ministère de l’Education Nat.)

Mittel- und Berufsschulen: (Angabe in Prozent)

Jahrgang 1974/5

7e commune: 91.9

Mittelschulen

4e: 89.4

3e: 87.7

2e: 72.2

1re: 76.2

Berufsschulen

8e: 86.5

9e: 75.0

10e: 39.9

11e: 38.0

12e: 31.9

13e: 33.0

Da diese Skizze der religiösen Situation der ‚Jugend von heute‘ nicht allzu rosig ist, wollen wir nicht verschweigen, dass es unter den jungen Menschen auch solche gibt, die sich kirchlich engagieren. Hierbei denken wir an die Jugendgruppen der katholischen Aktion, die ‚Letzeburger Scouten‘ und die ‚Letzeburger Guiden‘, an die Jugendlichen der charismatischen Bewegung, an ‚Péle des jeunes‘, an die jungen Focolarini. Allerdings sind diese Gruppen sehr unterschiedlich zu bewerten. Etliche davon treffen sich ein paarmal im Jahr, andere jede Woche. Einige treffen sich hauptsächlich zur Pflege einer bestimmten Spiritualität, andere zur Erziehung, andere zu sozialem Engagement. Einige haben viele Mitglieder, die nur auf dem Papier stehen, und nur wenige Aktive; andere haben fast nur aktive Mitglieder. Doch, alles in allem, werden mehr als 10-15% der ‚Jugend von heute‘ von all diesen christlichen Vereinigungen erreicht??

  1. Jugendpastoral.

Da haben wir es wieder, das Fremdwort ‚Pastoral‘. Es stand schon einmal im ‚forum‘ No 36 im Dossier über Ehescheidung. Auf die Gefahr hin, uns zu wiederholen, wollen wir dennoch einiges von dem damals Gesagten auffrischen und ergänzen.

Vorbezziene Pastoral: Die Sorge der Hirten um die ihnen anvertrauten ‚Schafe‘. Unter den Hirten werden die Kleriker, in der Hauptsache der Pfarrklerus verstanden. Sie haben die ‚Schäflein‘ zu sammeln und zu betreuen. Die ihnen anvertrauten ‚Schafe‘ sind Alle, die auf dem Territorium einer genau abgegrenzten Pfarrei wohnen. Die Pfarrei ist dem Klerus anvertraut durch den Bischof. Der Kleriker hat die Aufgabe seine Pfarrkinder‘ im rechten Glauben zu unterrichten in der Schule, auf der Kanzel, in Studienzirkeln… Hierbei spielt der Moralunterricht, hauptsächlich anhand der 10 Gebote eine wesentliche Rolle. Dann ist es Aufgabe des Klerus, die Heilmittel: Gebet und Sakramente seinen Pfarrkindern anzubieten. Auch hierbei spielt die Gebotsmoral eine grosse Rolle, denn die Teilnahme an Gebet und Sakramenten ist Pflicht. Es ist auch Aufgabe des Pfarrers, die säumigen ‚Schafe‘ zu ermaumen und zu ermuntern. Reglementiert ist auch die Nächstenliebe durch Kollekten für die Missionen, die Caritas und für andere guten Werke.

anmerkung zum halleluja

GLOTZT NICHT BEIM LOBEN

IMMER NACH OBEN.

SCHAUT MAL ZUR SEITE.

DANN SEHT IHR DIE PLEITE.

Funktionsuntüchtige vorbezziene Pastoral: Aus verschiedenen Gründen wurde diese, grundsätzlich auf den Klerus aufgebaute, Pastoral funktionsuntüchtig, sie drehte nicht mehr rund, sie erwies sich als ausgeleiert.

  1. Immer mehr ‚Schäflein‘ verliessen die Herde, sie möchten die ewige Gängstei nicht mehr. Natürlich hatte das auch seine Gründe, die in der Hauptsache gesellschaftlicher Art sind: Umstrukturierung von einer Agrar- zu einer Industrie- und Bürogesellschaft. Weltweite Information durch die Massenmedien. Man kam aus der Kirchturmperspektive heraus und merkte, dass es auch andere Horizonte gab. Die religiöse Weltanschauung, die einzige, die bis dahin zur Verfügung stand, wurde relativiert durch das Bekanntwerden mit Konkurrenzanschauungen. Andere Menschen lebten anders und waren dabei nicht weniger unglücklich.

  2. Der Klerus als Hauptagent schwungte zusammen. Der Bischof war nicht mehr in der Lage, überall Hirten hinzudelegieren. Der Klerus überaltete, was zur Folge hatte, dass die noch zur Verfügung stehenden Hirten nicht mehr flexibel genug waren, die rapide Gesellschaftsveränderung zur Kenntnis zu nehmen und sich umzustellen. Ein grosses Hindernis für die notwendige Umstellung war auch die Theologie, welche die Kleriker im Priesterseminar gelernt hatten. Eine Theologie nicht bloss der ewigen Wahrheiten, sondern ebenfalls der für alle Ewigkeit in rigide Formeln gepressten Wahrheit. Der Klerus war nicht mehr adaptationsfähig, was neben anderen Ursachen zur Folge hatte, dass er zu einer Randerscheinung der Gesellschaft wurde. Kleriker zu werden bot keine Chance mehr zum sozialen Aufstieg: durch die Priesterweihe wurde man kein ‚Herr‘ mehr.

Kenziliane Pastoral: Das 2. vatikanische Konzil suchte – wohl aus der Not eine Tugend machend – die gängigen Vorstellungen von ‚Pastoral‘ auf den Kopf zu stellen. Dabei wurde das ‚Volk Gottes‘ entdeckt, das als Ganzes mit der pastoralen Aufgabe bedacht ist. Die ganze Kirche, als ‚Volk Gottes‘, soll ‚Sakrament, das heisst Zeichen und Werkzeug (sein) der innigsten Vereinigung mit Gott sowie der Einheit der ganzen Menschheit‘. (Lumen Gentium, Kap. 1.) Der Explosivstoff, der in dieser Formel liegt, hätte ausgereicht, den Graben zwischen Laien und Klerikern zuzuwerfen. Dieser Graben war in den letzten 1500 Jahren von den Klerikern aufgeworfen worden, da sie all die Dienste, die es früher einmal in der Kirche gegeben hatte, kumulierten und in ‚Ämter‘ verwandelten. So bekam der Klerus das Sagen, und die Laien das Gehorchen. Doch nun, durch das 2. vatikanische Konzil, sollte der Klerus einen Teil seiner Ämter abgeben, die Laien sollten mündig werden und selbst teilhaben am Hirtenamt Christi in der Verkündigung, in der

Liturgie, im sozialen Dienst. Der Klerus sollte nur mehr einer unter den vielen Diensten sein, die es im ‚Volk Gottes‘ gibt. Eine Vorstellung, die klar und deutlich grundgelegt ist im Neuen Testament. Dort wird gesagt, dass "niemand Vater genannt werden darf", sondern dass "alle Brüder sind".

(cf. Mt. 23,8f)

Restauratio. Wenn wir dieses Kapitel noch vor dem Schluss einfügen, dann deshalb, weil die unter Paul VI. eingeleitete und nun von Johannes Paul II. mit Energie weitergetriebene Restauration einen erheblichen Widerstand darstellt, an dem alle Anläufe zu einer pastoralen Erneuerung abgebremst, wenn nicht abgeblockt werden.

Paradoxerweise ist das 2. vatikanische Konzil selbst schuld an der nun stattfindenden Restauration, weil es den Explosivstoff der Anfangskapitel der Kirchenkonstitution sowie der Pastoralkonstitution ängstlich abgedeckt hat, damit der Graben zwischen Laien und Klerikern nicht allzusehr zugeschüttet werde. Und es dann ja auch tatsächlich nicht wurde. Johannes Paul II. tut dann das Seinige, indem er keine Gelegenheit verpasst, das Konzil in jenen Passagen zu zitieren, wo darauffingewiesen wird, dass das ‚hierarchische Priestertum‘ nicht nur dem Grad nach, sondern im Wesen verschieden ist vom ‚gemeinsamen Priestertum‘ aller Christen. Um jene Passagen dann dahin zu interpretieren, dass das ‚hierarchische‘ Priestertum doch etwas mehr sei als das ‚gemeinsame‘. (Cf. ‚Gründonnerstauptriefe‘ 1979 und 1980.)

Funktionsunlückige Jugendpastoral: der Hauptakzent der derzeit in Luxemburg ‚betriebenen‘ Jugendpastoral liegt eindeutig auf dem Religionsunterricht. 45 Geistliche sind freigestellt für den Religionsunterricht an den weiterführenden Schulen. Dazu noch etliche Laienkateeneten. Obschon die Einsichtigen unter ihnen sich bewusst sind, dass Religionsunterricht in der Schule keine Glaubensschule ist, noch eine solche sein kann. Denn der Ort der Glaubenserfahrung ist die kirchliche Gemeinschaft.

Weil dies Letztere doch irgendwie gewusst ist, deshalb werden sporadisch Jugendgottesdienste abgehalten, die es aber wiederum nicht schaffen, und das aus verschiedenen Gründen:

  1. Grund: der Faktor ’sporadisch‘. Dort können dann, bei einem Jugendtreffen, bei der ‚Osterkommunion‘ der weiterführenden Schulen, beim pélé des jeunes, Jugendliche eine Jugendmesse nach eigenem Geschmack, im eigenen Rhythmus ‚gestalten‘. Einzwei- oder dreimal im Jahr. Dort entsteht keine Gemeinschaft.

  2. Grund: Während der übrigen Sonntage des Jahres sollen nun die Jugendlichen wieder zurück in die Pfarrei, wo sie gezwungen sind, den ‚üblichen Messebetrieb‘ mitzumachen, ohne dass sie etwas daran verändern können. Sie werden der Pfarrei entfremdet gerade durch die Jugendgottesdienste.

  3. Grund: Jugend vergeht. Wo finden die dem Jugendalter Entwachsenden eine Glaubensheimat? Jugendpastoral von der Gemeindepastoral getrennt führt nirgendwohin.

Funktionsfähige Jugendpastoral kann nur Bestandteil der Gemeindepastoral sein. Das bedeutet, dass der Hauptakzent allen pastoralen Bemühens auf die Schaffung von überschaubaren pastoralen Einheiten zu legen ist. Überschaubar in dem Sinn, dass alle Mitglieder der Gemeinde sich kennen: Kinder, Jugendliche, Erwachsene im Berufsleben und Rentner.

Pastorale Sorge der Erwachsenen im Hinblick auf die Jugend muss es sein, den Jugendlichen in ihrer so verletzlichen Durchgangsphase jenen Freiraum offenzuhalten, den sie brauchen, um sich selbst betätigen und bestätigen zu können. Und zugleich soll die Gemeinde für sie ein Ort der Geborgenheit sein, wo sie jederzeit willkommen sind. Jugendliche sollen ruhig das Wort ergreifen dürfen, um ihren Glauben auszudrücken, auch wenn das Dogma dabei zu kurz kommen sollte. Das wäre dann ein Ansporn an die Theologie, ihre abgedroschenen und versteinerten Formeln auf deren Leere und Unverständlichkeit hin abzuklopfen. Jugendliche sollten ruhig ihre Lieder und Tänze auch in die Liturgie einbringen dürfen, damit das in Frömmigkeit und Ernst erstarrte Kirchenvolk aus seiner Lethargie erwache. Jugendliche sollten ruhig kreativ werden dürfen, um die bürokratische Caritas durch eine Reihe von brüderlichen Diensten im konkreten Umfeld der Gemeinde zu ersetzen. Zum pastoralen Dienst der Erwachsenen gehört es ja, den Jugendlichen zu helfen, sich selbst zu betreiben aus den Klauen der Manager, die ihnen vorgaukeln, was sie alles haben und tun müssen, um richtige Jugendliche zu sein. Dabei dürfen die Erwachsenen jene Erkenntnis nicht aus dem Auge verlieren, dass die Jugendlichen im Grunde erst Katechumenen sind. Sie müssen erst lernen, die Taufe, die ohne ihr Dazutum an ihnen vollzogen wurde, zu übernehmen. Wäre es nicht zu überdenken, ob das Sakrament der Firmung zur Schwelle werden könnte, über die der Jugendliche in ein mündiges Christsein eintritt?

Pastorale Sorge der Jugendlichen im Hinblick auf die Gemeinde sollte es sein, die Gemeinde in Schwung zu halten. Und zugleich könnten sie lernen, Rücksicht auf die anderen Generationen zu nehmen. Wahrhaft eine gute Sache, da Jugendliche dabei Abstand zu sich selbst gewinnen könnten, indem sie lernen, dass es noch andere Masstäbe gibt, als jene, die ihnen von den Reklamemachern aller Medien immer wieder vorgesetzt werden. Denn gerade diese Reklamen sind Drogen, nicht weniger gefährlich als Alkohol und Nikotin, da in den Reklamen eingehämmert wird, das einzig lebenswerte Lebensalter sei die Jugend, nur die Jugend. Jugendvergötzung. Wo sollen die Jugendlichen diese Eigenvergötzung entlarven können, wenn nicht in einer Gemeinde, wo es keine Götzen gibt, in einer Gemeinde deren Herr einer ist, der sein Leben gibt, damit andere leben können?.

Jupp Wagner.

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