Staatsvisite. Pilgerreise. Pastoralbesuch?
Brief an Johannes Paul
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Bruder Johannes Paul.
Du hast in der Bundesrepublik Deutschland wieder Hunderttausende auf die Strasse gebracht. Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass du dir bewusst bist, nicht das deutsche Volk auf die Beine gebracht zu haben, nicht einmal alle Katholiken der Bundesrepublik. Doch immerhin, 33% der Bundesbürger waren für deinen Besuch, von den katholischen Bundesbürgern sogar 53%. Gegen deinen Besuch war eine Minderheit von 10% aller Bundesbürger, 7% der Katholiken. Dein Besuch war gleichgültig für 57% aller Bundesbürger, für 40% der Katholiken. Du hast Massen hinter dem Ofen hervorgelockt, Junge und Alte. Die dabei gewesen sein wollten. Einen Papst sieht man schliesslich nicht alle Tage in Deutschland. Was wollten sie sehen? Ein schwankendes Schilfrohr? Wahrhaftig, das bist du nicht. Du hast eine Meinung, und die sagst du auch. Ob es gefällt oder nicht. Du hast auch eine Art, deine Meinung zu sagen, die bei deinen Fans immer wieder Beifallsstürme entfesselt. Darüber haben die Medien des langen und breiten berichtet, dein Charisma hervorgestrichen, mit Lob nicht gespart. Ich brauche das alles nicht zu wiederholen.
Ich möchte dir nur – wie nach deinem Frankreichbesuch – wieder einige Frage vorlegen. In aller Öffentlichkeit dir Fragen vorlegen, die auch nach deiner Fünftagereise in die Bundesrepublik für mich offene Fragen geblieben sind, manche davon sind sogar erst offen geworden durch deine Reise in die Bundesrepublik.
Frage für mich ist, was deine Reise nach Deutschland war. Staatsvisite? Pilgerreise? Pastoralbesuch? Alles in einem? Weil es die Reise eines Staatsoberhauptes war. Und die Reise eines gläubigen Christen. Und die Reise des Nachfolgers Petri. Ich bin schon froh, dass die Bezeichnung ‚Stellvertreter Christi‘ – von der unsinnigen Bezeichnung ‚Stellvertreter Gottes‘ ganz zu schweigen – fast nicht mehr in den Kommentaren aufgetaucht ist, es sei denn in jenen Blättern, die von Religion im allgemeinen und von Christentum im besondern nicht viel halten. Denn unter Christen dürfte das wohl keine Frage mehr sein, dass Christus, der selber in seinen Kirchen anwesend ist, keines Stellvertreters bedarf.
STAATSVISITE.
Doch das Oberhaupt des Vatikanstaates wird langsam zu einer fragwürdigen Sache. Denn es führt dazu, dass andere Staatsoberhäupter dich, Bruder Johannes Paul, mit staatlichen Ehren – Ehrenformationen und Nationalhymnen, ausgerollten roten Teppichen und Baldachinen – glauben empfangen zu müssen. Wäre es nicht an der Zeit, die Notwendigkeit eines eigenen Vatikanstaates zu überdenken? Verfallscht eine solcher Staat – und ist er auch noch so winzig – nicht die Perspektive
Sie richten sich ein goldenes Kalb auf um das sie sich drängen
sie schwärmen für das goldene Kalb
und wollen es berühren
sie bewundern das goldene Kalb
sie hören auf das goldene Kalb
und gehorchen ihm
Nein – sie wollen sich nicht
mit ihrem Gott auseinandersetzen
denn das ist beschwerlich
das ist gefährlich und einsam
das kann schmerzhaft und ermüdend sein
Tanzen um das goldene Kalb
Götzendienst
Massenhysterie
Wagst du aber deinen einsamen Weg
mit deinem Gott
dann denk an den Mann aus Nazareth
über den sie sich ärgerten. karin jahr
des Gottesreiches, das mit keinem Staat, mit keiner Herrschaft in Konkurrenz tritt? Ist dir, Bruder, deine Staatsoberhauptfunktion nicht eine Last? Die dich in eine Rolle drängt, die du mit Charme zu spielen verstehst, die dich dennoch in jene Gesellschaftskreise entrückt, auf die gewöhnliche Sterbliche nur mit Strammstehen oder Anhimeln reagieren. Einen Papst zum Anfassen möchten die Leute haben, sagten einige Fernsehkommentatoren, doch im Grunde bist du für die Hunderttausende, die dir zujubelten, nur ein Papst im Glaskasten, ein Papst im Feldstecher und auf dem Fernsehschirm geblieben. Nur einer verschwindenden Minderheit war persönlicher Kontakt mit dir möglich, für ein paar Sekunden. Lediglich die Purpurträger waren in deiner ständigen Begleitung, und deine Hofschranzen. Bruder, ich kann den Eindruck nicht loswerden, dass da irgendetwas nicht stimmt. Ich kann die Frage nicht loswerden, ob Jesus so etwas gewollt hat. Ich kann mit den besten Willen das Bestehen eines Sonderstaates für den Nachfolger Petri mit der Frohbotschaft nicht in Einklang bringen. Oder vielleicht doch? Ist der Vatikanstaat das in Raum und Zeit stehenbleibende Relikt einer vergangenen Epoche, Mahnmal einer Versuchung, der die Kirche Jesu erlegen ist, als sie mit militärischer Gewalt, mit physischem und psychischen Druck das Reich Gottes aufrichten wollte? Negativzeichen, Antisakrament des Reiches Gottes, der katholischen Welt als Stachel, als Erbsünde im Fleisch steckend? Oder wirst du, Bruder, der Mann sein, der weitere Konsequenzen zieht aus der Geste Pauls VI., der öffentlich die Tiara ablegte. Wirst du der Mann sein, der den Weg findet, Staatsoberhäupter zu bewegen, von Staatsempfängen abzusehen, wenn du in ihr Land kommst?
PILGERREISE.
Es ist keine Frage: deine Reise in die Bundesrepublik war eine Strapaze. Der Bundespräsident sagte, als er dich verabschiedete, mehr als 50 Reden hättest du gehalten. Ein Fernsehreporter hatte deren nur 35 gezählt. Egal, ob 35 oder 50, ein schöner Haufen Schreibmaschinenseiten, die du vorbereitet und vorgelesen hast. In gutem Deutsch. Strapazen sind Bestandteil einer Pilgerreise, aber weder deren Ziel, noch deren Zweck. Pilgerreisen sind in der kirchlichen Tradition Symbolreisen. Zeichen für den geistigen Weg, den einer zurücklegt. Ausdruck der geistigen Umkehr, der Metanoia, des Gesinnungswandels. Darf ich, Bruder Johannes Paul, es als eine Stück zurückgelegten Weges auffassen, wenn du in deiner Familienpredigt in Köln jene Bischöfe bestätigtest, die schon 1968 in ihren Kommentaren zur "Humanae vitae" den Eheleuten gesagt hatten, die Zahl ihrer Kinder hätten sie in ihrem Ehegewissen zu verantworten! Hinsichtlich der Methode der Geburtenregelung schlossest du nur die Abtreibung aus, was wohl unter Christen keine grosse Streitfrage sein dürfte. Und die anderen Methoden der von dir als notwendig hingestellten Geburtenregelung? Eine offene Frage? Die wohl sekundär sein dürfte, und darum ebenfalls den christlichen Eheleuten anheimgestellt bleiben muss, da ja die konkrete Situation der Eheleute von Paar zu Paar etwas anders liegen mag. Oder nicht? Darf ich es ebenfalls als ein Stück zurückgelegten Weges interpretieren, wenn du der theologischen Wissenschaft, wie jeder andern auch, freie Forschungsarbeit zuerkennst? Darf ich es als ein Stück Pilgerreise interpretieren, wenn du in Altötting beim Gespräch mit Theologen die Meinung äussertest, in der Gottesfrage habe das 2. vati-kanische Konzil doch etwas zu optimistisch gesehen? In unserer westlichen Welt sei die Gottesfrage doch mehr verschüttet, als allgemein angenommen wird. Es sei Aufgabe der theologischen Wissenschaft, den befreienden Gott der Bibel an die Menschen von heute zu vermitteln. Darf ich es als ein Stück zurückgelegter Pilgerreise betrachten,
wenn du die Theologie herausforderst, biblisches und kirchliches Traditionsgut in einer Sprache zu vermitteln, die heute zugänglich ist? Darf ich hoffen, dass die Beziehungen der wissenschaftlichen Theologie zum Lehramt sich demnächst nicht nur im besseren Dialog, sondern auch durch ein lernfähiges Lehramt verbessern? Ein lernfähiger Nachfolger Petri wäre schliesslich keine so unerhörte Neuigkeit, hat ja der erste Petrus auch gelernt.
PASTORALBESUCH.
Offen gestanden, Bruder Johannes Paul, dieser Aspekt deines Besuchs in der Bundesrepublik bereitet mir die meisten Schwierigkeiten. Was ist Pastoralbesuch? Vielleicht Informationsreise? Ich will nicht leugnen, dass du einiges gesehen und gehört hast: Kardinäle, Bischöfe, Theologen, evangelische Bischöfe sogar. Doch im Grunde lauter Leute, die nur über Informationen aus zweiter Hand verfügen. Kannst du dir mit Berichten von Berichten ein Bild davon machen, wie die Lage kombet aussieht? Konkret spielt sich das Leben ja weder in Bischofskanzleien noch in theologischen Fakultäten ab, sondern auf der Ebene der Familie, des Berufs, der Basisgruppe, und irgendwie auch noch in der Pfarrei, vorausgesetzt, dass sie überschaubar ist. Bist du mit Pfarrern ins Gespräch gekommen? Und mit jenen Leuten, die konfrontiert sind mit dem konkreten kirchlichen und christlichen Leben, mit seinen guten und schlechten Momenten? Mit Katecheten, denen die Kinder kaum zuhören, weil das, was sie im Religionsunterricht lernen sollen, nur sehr wenig zu tun hat mit dem, was sie in ihrer Familie und ihrer Umwelt erleben? Hast du nicht die Augen zugekniffen in München, als Barbara Engl ihr Papier vorlas? Sie hat manches, aber noch lange nicht alles, von dem ausgesprochen, was nicht nur Jugendliche bedrückt. Ein einzigesmal, und dann auch nur ein wenig, ist in ihrem Papier die Basis zu Wort gekommen. Bist du dir bewusst, Bruder, dass 46% der bundesdeutschen Katholiken sagen: "Ich finde nichts dabei, wenn ein junges Paar zusammenlebt, ohne verheiratet zu sein." Bei den Jugendlichen liegt der Prozentsatz noch wesentlich höher: 80% bei den 18-21-jährigen, 74% bei den 22-29-jährigen. Ihnen ist dein Kölner Schlagwort "man kann nicht nur auf Probe leben… sterben… lieben" wohl kaum unter die Haut gegangen. Sie haben sicher auch das nüancierende ’nur‘ deines Schlagwortes überhört, falls sie es überhaupt der Mühe wert hielten, dir zuzuhören. Ebenfalls die Zölibatfrage kommt nicht vom
AUS DER ANSPRACHE VON BARBARA ENGL
… Für Jugendliche ist die Kirche in der Bundesrepublik oft schwer zu verstehen. Sie haben den Eindruck, dass sie ängstlich an dem Bestehenden festhält, dass sie wieder mehr die Unterschiede zwischen den beiden grossen Konfessionen betont, statt die Gemeinsamkeiten herauszustellen, dass sie zu den Fragen der Jugendlichen, zu Freundschaft, Sexualität und Partnerschaft zu sehr mit Verboten reagiert, dass ihr Suchen nach Gespräch und Verständnisbereitschaft zu wenig Antwort findet.
Viele können nicht verstehen, warum die Kirche trotz des Priesternangels so unumstösslich am Zölibat festhält. Eine Menge Jugendseelsorger fehlen uns heute. Viele fragen, ob nicht eine stärkere Beteiligung der Frauen am kirchlichen Amt möglich ist. Wir gestehen dabei gerne ein, dass auch uns das Evangelium oft überfordert, aber Ängstlichkeit und Kleingläubigkeit brauchen uns nicht zu bedrücken, da uns Christus Leben in Fülle das Reich Gottes verheissen hat. Um die vielen Fragen und Probleme bei uns in der Kirche, in der Gesellschaft und in der Welt angehen zu können, brauchen die Jugendlichen das Vertrauen der Kirche, der Amtsträger in der Kirche. Sie braucht glaubwürdige Partner und Menschen, die sie mit ihren Wünschen, Ängsten und Hoffnungen und mit ihrem Engagement ernstnehmen. Die Jugendlichen wünschen sich eine katholische, eine weltumspannende Kirche, und sind bereit, daran mitzuwirken.
Wir wünschen Ihnen, Heiliger Vater, Jugendliche Kraft für Ihre Arbeit an unserer gemeinsamen Kirche.
Tisch, auch wenn du sie immer wieder von Tisch herunterfegst. Weisst du, dass 72% der bundesdeutschen Katholiken mit dir in dieser Frage nicht einverstanden sind? Sogar von denen, die eine starke Bindung an ihre Kirche haben, den regelmässigen Kirchengängern nämlich, sind mehr als die Hälfte, 55%, nicht mit dir einverstanden. Wieso kann immer wieder behauptet werden, die Kirche nie fest am Pflichtzölibat der Priester? Wer ist denn die Kirche?
Vor deinem Besuch in der Bundesrepublik hat der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz gesagt, du kämest zum Pastoralbesuch, um die Brüder im Glauben zu stärken. Weisst du, dass von den Katholiken der Bundesrepublik nur genau die Hälfte das Fundamentale christlichen Glaubens, die Auferstehung Jesu bejahen, nur 44% in Jesus den Erlöser bekennen, nur 39% an die Jungfrauengeburt glauben und gar nur 37% an das Fegefeuer, nur 36% den Glauben ihrer Kirche für den einzig richtigen halten, nur 33% ein Tischgebet sprechen, nur 32% jeden oder fast jeden Sonntag zur Kirche gehen? Glaubst du, dass nach deinem Pastoralbesuch diese Zahlen in die Höhe schnellen werden? Wessen Glauben hast du bestärkt? Und welchen Glauben? Den zeitlosen Glauben? Zeitlos glauben können nur mehr die wenigsten. Entweder weil sie zu alt sind, um den kognitiven Stress des weltanschaulichen Plu-
ratismus wahrzunehmen, oder weil sie noch in der heilen Welt eines behüteten katholischen Milieus leben (wieviel mögen das noch sein?), oder weil sie sich weigern, den weltanschaulichen Pluralismus zur Kenntnis zu nehmen, indem sie sich ins Ghetto flüchten. Diese letztere Spielart scheint mir besonders eine Gefahr zu sein für Jugendliche. Eine Gefahr deshalb, weil ein solcher Glaube bedenklich in die Nähe der Drogen rückt, die ja auch eine Flucht vor der Realität sind.
Die grosse Majorität der Getauften jedoch, seien sie nun reformierter oder katholischer Konfession, die in einer weltanschaulich pluralistischen Welt mit dem überlieferten Glauben nicht mehr zurechtkommen, hast du ihnen Motive geliefert, sich mal wieder intensiver mit christlichem Glauben auseinanderzusetzen?
Bruder Johannes Paul.
In der katholischen Welt ist manches eingefroren, nicht zuletzt durch römische Ermahnungen und Verordnungen, unter die du und deine Vorgänger ihre Unterschrift gesetzt haben. Ich glaube, du könntest ein Nachfolger Petri sein, der imstande ist, manches davon aus dem Gefrierfach hervorzuholen. Du möchtest, dass die Theologen eine neue Sprache finden, um die frohe Botschaft vom befreienden Gott, die uns Jesus Christus gesagt hat – ebenfalls in der Sprache und in den Bildern seiner Zeit und seiner Umwelt – zu verkünden. Sind die Theologen damit nicht überfordert? Neue Sprache, neue Liturgie auch, um den befreienden Gott zu feiern, können doch nur an der Basis erfunden und erprobt werden. Andernfalls wäre es doch wieder unverständliche Sprache. Erfunden und erprobt muss die neue Sprache und die neue Form werden. Das bedeutet: manches Experiment wird sich als missglückt herausstellen, anderes wird glücken für heute, und morgen wieder bedeutungslos sein. Sollen wir weiter ängstlich bleiben? Wenn wir auch nicht nur auf Probe leben, so ist dennoch menschliches, auch menschenwürdiges, Leben Pilgerleben, wo es immer neues zu entdecken gibt, wo sich jeden Tag neue Horizonte auftun, wo es auch Sackgassen gibt, aus denen man sich wieder herausstasten muss. Du hast eine Schlüsselstellung in der katholischen Welt. Könntest du uns nicht Mut machen, damit wir nicht fürchten müssen, wir könnten es Gott nicht recht machen, wenn wir ein Risiko eingehen, ein Experiment wagen? Schliesslich hat die Schöpfung die Struktur des Risikos: Gott ist ein Risiko eingegangen mit der Schöpfung. Der Geist Gottes ist ein risikofreudiger Geist. Wo bliebe sonst unsere Freiheit, wenn alles von Ewigkeit her vorprogrammiert wäre? Dürfen wir dem Geist Gottes vertrauen auf unserm Pilgerweg? Dürfen wir glauben, dass Gott mit uns geht, wie damals, als das Volk Israel in der Wüste auch nicht sofort den richtigen Weg fand?
Dein Bruder
Jupp Wagner.
Zeichnung: Jala in: P.-P. 24/79
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