Abschreckung ja, Atomkrieg nein!

Die französischen Bischöfe und der Frieden

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Die französischen Bischöfe und der Frieden

Abschreckung ja, Atomkrieg nein !

  1. "A wat sees De dann zu de franséische Bëscheef?" Zigmal wurde mir in letzter Zeit die Frage gestellt, oft mit einem hämischen Unterton, so als sei mit dem Friedenshirtenbrief der französischen Bischöfe die im "forum"-Dossier Nr. 67 aufgestellte Argumentation mitsamt den zitierten Texten der Bischöfe aus den USA, DDR, BRD, B, A, … hinfällig. Nun, ich möchte nicht kneifen und die Frage beantworten.

  2. Erste Bedingung einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der Stellungnahme der französischen Bischöfe scheint mir aber, sich nicht auf Presseberichte, Zusammenfassungen und Zitate zu verlassen, sondern den Text integral zu lesen. (Erfreulicherweise wird das ja diesmal erleichtert durch seine Veröffentlichung im LW (18.11.1983). Statt nur die im LW-Leitartikeln aufgestellte Interpretation zu lesen, kann sich jetzt der Leser auch eine eigene Meinung machen.)

  3. Zuerst möchte ich die fundamentalen Übereinstimmungen der französischen Bischöfe mit ihren Kollegen in der BRD und den USA (u.a.) betonen,

bevor es um angebliche oder reale Meinungsverschiedenheiten geht, die nicht weginterpretiert werden sollen.

Konsens besteht an erster Stelle in der absoluten Verurteilung jedes Nuklearkrieges: Im 1. Kapitel, bevor sie von nuklearer Abschreckung u. dgl. sprechen, schreiben die französischen Bischöfe:

"Aucune cause ne saurait justifier le déclenchement d’une telle conflagration puisqu’il y va de la survie de l’humanité." Kein Grund könnte einen Atomkrieg rechtfertigen! Alle genannten Texte fahren weiter, indem sie ebenso vor einem konventionellen Krieg sowie den B- und C-Waffen warnen. Diese erste Verurteilung sollte man nicht aus den Augen verlieren.

  1. Desweiteren bestätigen die drei Bischofskonferenzen (aus praktischen Gründen will ich mich auf die Texte der USA, BRD und F beschränken) das Recht und die Pflicht jedes Staates, seine Bürger vor feindlichen Angriffen zu schützen.

  2. Die drei Texte gehen auch davon aus, daß zur Zeit der Marxismus-Leninismus die agressivste

Ideologie ist und die akuteste Kriegsgefahr von den ihm verschriebenen Staaten ausgeht. Entsprechende Zitate aus den USA und der BRD sind in "forum" Nr. 67 nachzulesen.

  1. Dieses Feindbild des Marxismus-Leninismus wird im deutschen Text allerdings dahingegend nüanciert daß die deutschen Bischöfe die Notwendigkeit betonen, Feindbilder generell abzubauen (was in ihrem eigenen Text zwar noch nicht gelingt) und ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis aufzubauen: Voraussetzung, um "im gemeinsamen Sicherheitsinteresse" die Risiken der Verdrüstung zu mindern, die Rüstungsspirale zu bremsen. Diese Perspektive fehlt im französischen Text. Der US-Text fügt hinzu, auch das russische Volk und seine Führer seinen Ebenbilder Gottes und des menschlichen Dialogs statt allein der bewaffneten Bedrohung würdig.

  2. Alle drei Texte stellen die Frage, ob zur Abschreckung des Gegners vor einem Angriff, d.h. um der (bekräftigten) Verteidigungspflicht nachzukommen, ein Staat auch mit dem Einsatz nuklearer Waffen drohen darf. Alle drei (nicht nur der französischen, wie einige leichtfertig bzw. aus durchsichtigen Gründen behaupten) bejahen diese Frage.

  3. In diesem Punkt kommen nun aber auch Unterschiede zutage, die zu den bekannten Interpretationen in der Presse geführt haben, die m.E. aber im wesentlichen nur Akzentverschiebungen sind. Während die französischen Bischöfe sich sozusagen darauf beschränken, die nukleare Abschreckungsdrohung zu rechtfertigen, legen US- und BRD-Bischöfe den Akzent viel stärker auf die Gefahren und Bedingungen, denen die – zur Zeit unaufgebbare – Abschreckungsstrategie unterliegen muß. Wohl nennen auch die Franzosen Bedingungen (die selten in der Presse zitiert werden): die nukleare Abschreckung muß rein defensiv sein, es darf keine Überbewaffnung angestrebt werden, Irrtümer und Fremdeinwirkungen müssen peinlichst unmöglich gemacht werden, die Atomisation muß gleichzeitig eine konstruktive Friedenspolitik verfolgen. Aber es bleibt dabei, daß die französischen Bischöfe schreiben: "C’est encore servir la paix que de décourager l’agresseur en le contraignant à un commencement de sagesse par une crainte appropriée la menace n’est pas l’emploi. C’est la base de la discussion et on l’oublie souvent en attribuant à la menace la même qualification morale qu’à l’emploi." Allerdings scheinen sich die französischen Bischöfe auch der logischen und moraltheologischen Schwäche ihrer Argumentation bewußt zu sein. Um glaubwürdig abzuschrecken, muß man näm-

"Wenn jeglicher effektive Gebrauch von Atomwaffen Sünde ist, ist es auch Sünde, damit lediglich zu drohen, selbst wenn so namhafte Theologen wie Helmut Thielicke das Gegenteil darzutun versuchen. Denn mit einer sündhaften Handlung drohen, ohne sie ausführen zu wollen, heisst 1. Lügen und 2. seine Bereitschaft zur Sünde erklären und damit ein Bekenntnis zur Sünde ablegen. Das aber widerspricht dem Dienst, den wir Gott allein mit ganzem, einfachen und ungeteiltem Herzen zu leisten schuldig sind. Es wäre zudem wohl auch vermessen und unrealistisch, davon auszugehen, dass aus einer ständig fortgesetzten (demnächst multinationalen!) gegenseitigen Drohung niemals bittere Wirklichkeit werden sollte.

François RECKINGER, Krieg – ohne uns!
(Besprechung in "forum" Nr. 70)

lich auch zur Handlung bereit sein. Daher fragen sie weiter: "L’immoralité de l’usage (an der es keinen Zweifel gibt!) rend-elle immorale la menace? Ce n’est pas évident." Mir als denkendem Leser ist diese Antwort ehrlich gesagt einfach zu dürftig. Ausgangspunkt der französischen Überlegung ist, daß ein Staat möglicherweise nur die Wahl hat "entre deux maux quasiment imparables, la capitulation et la contre-menace … (alors) on choisit le moindre sens prétendre en faire un bien." Der letzte Zusatz ist auch bemerkenswert: die Abschreckung bleibt, bei aller politischen Notwendigkeit, ein Übel, eine Sünde: "Même légitime, la violence est redoutable. Elle l’est au maximum quand il s’agit de la spirale suicidaire que nous venons d’évoquer. Celle-ci introduit le monde dans une situation de péché (…)." Diese Hinweise werden kaum von jenen zitiert, die im französischen Text eine Rechtfertigung ihrer Aufrüstungsstrategie lesen:

  1. Die Hirtenbriefe der USA und der BRD gehen von einer anderen Perspektive an das moralische Dilemma heran. Sie bestreiten ebenfalls nicht, daß Abschreckung zur Zeit noch notwendig und moralisch annehmbar ist, wie Johannes Paul II. selbst gesagt hat. Aber sie betonen mit dem Papst, daß "nukleare Abschreckung auf Dauer kein verläßliches Instrument der Kriegsverhinderung" ist, ja daß überhaupt die "Verteidigung nicht allein und nicht in erster Linie Sache der Sicherheitspolitik und eines militärischen Beitrags" ist. Deutsche und amerikanische Bischöfe legen deshalb viel stärker Wert auf die Kriterien, denen die Abschreckung genügen muß und nennen als solche erstens, daß neue Waffen den "Krieg weder führbar noch wahrscheinlicher machen dürfen". Die US-Bischöfe widersetzen sich daher solchen "armes réputées vulnérables aux attaques mais qui possèdent une capacité de ‚destruction rapide d’objectifs renforcés‘, denn "ces armes menacent de rendre vulnérables les forces de riposte de l’ennemi et peuvent donner l’apparence d’être destinées principalement à une ‚première frappe‘." Als Beispiele nennen die US-Bischöfe Pershing II und MX. Daher kommt es diesen Bischöfen in erster Linie darauf an, jeden Atomkrieg zu verhindern, also auch die Drohkapazitäten zu vermindern. Sie sind sich nämlich offensichtlich der logischen Widersprüchlichkeit der Abschreckungsdoktrin stärker bewußt: "Auch die Beachtung dieser Kriterien bietet keine absolute Gewähr dafür, daß Abschreckung verläßlich den

Krieg verhütet. Viele Menschen sorgen sich darum, was geschehen würde, wenn die Abschreckung versagen sollte und es zu beauftragten Auseinandersetzung käme. Sind Waffen, die zur Abschreckung mit dem Ziel der Kriegsverhütung dienen sollen, in einem Krieg überhaupt noch nach dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit der Mittel sinnvoll einsetzbar?, fragen die deutschen Bischöfe. Und die Kollegen in den USA zögern nicht, den Ersteinsatz von Atomwaffen (NATO-Strategie!) zu verurteilen, die "freeze" – Bewegung indirekt zu unterstützen sowie auch einseitige Abrüstungsinitiativen zu befürworten, um aus der "situation de pêche", in der Abschreckung nötig sei, herauszukommen. "La dissuasion reflète la méfiance radicale qui caractérise les relations internationales." Diese Lage gelte es zu überwinden. Diese Perspektive ist im französischen Dokument viel weniger entwickelt.

  1. Zusammenfassend könnte man sagen: "Wenn der Papst sagt, die atomare Abschreckung sei ’noch moralisch annehmbar‘ unter den gegebenen Umständen, so betonen die Franzosen das ‚annehmbar‘, während

Deutsche und Amerikaner (und Niederländer und …) das gerade "noch" aber nicht mehr lange) unterstreichen. Anders ausgedrückt: Während der französische Text einem politischen Realismus das Wort redet – "Wir müssen in einer sündhaften Welt (leider) mit der Gewalt leben und uns gegen Erpressungen schützen", heben die deutschen, amerikanischen, … Texte stärker die profetische Mission der Kirche hervor und überlassen die Realpolitik den Politikern: "Wir leben in einer sündhaften Welt, und es ist unsere Aufgabe als Kirche, den Menschen Wege zu zeigen, diese Sündhaftigkeit zu überwinden." Dieser Mangel an profetischem Geist – der den Bischof von Evreux übrigens besonders brutal deutlich im Satz: "Dans un monde où l’homme est encore un loup pour l’homme, se transformer en agneau ce peut être provoquer le loup." Ich gestehe immer Jesu Auftrag so verstanden zu haben, daß er seine Freunde als Schafe unter die Wölfe sandte, die Wölfe zu bekehren, auch wenn sie dabei zur Schlachtbank geführt werden sollten. Brauchen Christen dazu nicht mehr bereit zu sein?

HD UND DIE DEUTSCHEN BISCHOEFE

Unsere Entscheidung und Haltung stützen sich philosophisch und theologisch auf das unumstössliche Naturrecht der Selbstverteidigung, das allem Gerede zum Trotz auch heute noch gilt, das in der Grösse und Würde der menschlichen Person gründet und sowohl für die Gesellschaft wie für den Einzelmenschen gilt. Mehr noch: Das Vi vim repellere – Gewalt durch Gegenwalt zurückweisen ist nicht nur eines der ersten, fundamentalsten und bis heute unumstrittesten NaturRECHTE, es kann sogar, den Moralisten zufolge, zu einer ausgesprochenen PFLICHT werden. Wohl mag es tugendhaft oder tugendhafter sein, auf dieses Recht zu verzichten, aber dann immer nur als Einzelner; kein Individuum hat das Recht, diese seine womöglich lobenswerte Einstellung des einseitigen Gewaltverzichts einer ganzen Gesellschaft verbindlich vorzuschreiben oder ganzen Völkern aufzuzwingen.

Kein Moralist, kein Jurist, kein Konzil und kein Papst hat bis heute an diesem elementaren Naturrecht gerüttelt oder bestritten, dass es zu den ersten Rechten des Menschen überhaupt zählt. Also brauchen wir uns auch nicht ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen, wenn wir uns darauf berufen, um auf diesem Wege den Frieden wirksam zu sichern, wie vierzig Jahre Frieden in unseren Breitengraden doch wohl hinreichend beweisen.

Stehen nun die Bergpredigt und andere Teile des Evangeliums dem nicht entgegen, zumindest für uns Christen? Ich würde sagen: Dem reinen Buchstaben nach Ja, der Wirklichkeit nach Nein. Wir leben nämlich (noch) nicht in der voll erlösten Endzeit, sondern in der – Gott sei’s geklagt – ungemein rauchen Wirklichkeit einer noch weithin unerlösten und unvollkommenen Welt mit Krieg und Folter, Hass und Menschenschinderei aller Art. Wir dürfen ganz einfach nicht so tun als ob und "Reich Gottes spielen". Das wäre gegen unsern Verstand und gegen die Natur, die noch immer von der Gnade vorausgesetzt wird. (…)

Hd. in: LW, 22.10.1983

Die Verheissung und Weisung Jesu in der Bergpredigt gilt nicht nur den einzelnen Jüngern in seiner Nachfolge, sondern auch der Kirche insgesamt. In der Nachfolge Jesu ist die Kirche als ganze berufen, seine Friedensbotschaft weiterzuverkünden, deren Inhalte auf die Herausforderungen der Zeit hin zu bezeugen und sie unverkürzt zur Geltung zu bringen. Dabei weiss die Kirche, dass sich in dieser Weltzeit die Friedensbotschaft Jesu nicht unmittelbar in gegenwärtige politische Wirklichkeit überführen lässt. Die Kirche kann deshalb die Weisungen der Bergpredigt auch nicht zu ethischen Normen des politischen Handelns erklären, die ohne Abwägung der Umstände und Güter allein aus sich selbst heraus verbindlich wären. Gleichwohl muss sie sich darum sorgen, dass die Weisungen Jesu ihre Verbindlichkeit für das Handeln der Christen und ihre herausfordernde Schärfe gegenüber allem nur menschlich berechnenden Verhalten bewahren und in jeder Zeit neu bewähren. Die Kirche muss zeigen, dass die Bergpredigt mit ihrer Botschaft nicht unwirkliche, ideale Verhältnisse einer fernen Zukunft im Blick hat, sondern – bei allem bleibenden Überschuss der Verheissung über den jeweils erreichten Zustand hinaus – schon hier und jetzt zu wirken beginnt.

Die Forderungen der Bergpredigt vertragen keine Ermässigung auf Kosten der Absichten Jesu. Aber was hat Jesus wirklich gewollt? Diese Frage gewinnt an Schärfe, wenn wir seine Weisungen nicht nur auf das sittliche Handeln des einzelnen Menschen, sondern auch auf das Handeln gesellschaftlicher Gruppen, ja, ganzer Völker und Staaten anwenden wollen. Für Christen gilt auch auf den verschiedenen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens der Imperativ der Weisungen Jesu – bis in die politischen Konsequenzen. Aus dem Geist der Bergpredigt, der der Geist der entgegenkommenden Brüderlichkeit ist, sind Folgerungen auch für die Politik zu ziehen. (…)

Auszug aus dem "Wort der Deutschen Bischofskonferenz zum Frieden". (18.4.83)

  1. Bezeichnenderweise sind aber die "prophetischen Texte aus den USA und der BRD der Realität näher als der französische Hirtenbrief. Diese Texte gehen nämlich deutlich von der qualitativ neuen Entwicklung aus, die es in Sachen Abschreckungswaffen in den letzten 5 Jahren gegeben hat. Heute wird nicht mehr dem Gegner mit der Auslöschung seiner Großstädte gedroht. Präzisere und kleinere Atombomben bedrohen seine militärischen Kommandozentralen und fordern daher – selbst ziemlich leicht verwundbar – viel eher zum Präventivschlag heraus. Von der "neutral assured destruction" (MAD), die die traditionelle Abschreckungsstrategie versprach, sind wir heute zu einer unstabilen und daher viel bedrohlicheren Abschreckungsstrategie übergegangen, die US-Politiker und -Militärberater behaupten läßt: "Victory is possible!", auch im Atomkrieg. Siegreiche Kriegsführung, nicht mehr Kriegsverhinderung scheint immer deutlicher das Ziel der Strategen zu werden. Das haben die US-Bischöfe erkannt und sie gehen auf diese qualitativ neue Gefahr ein. Die Franzosen nicht.

  2. Natürlich stellt sich die Frage nach dem Ursprung der Unterschiede in der Perspektive. Zuerst sei aber hervorgehoben, daß sie zeigen, daß innerhalb der katholischen Lehre verschiedene Standpunkte möglich sind, und daß die Moraltheologie auch nicht absolut, im realitätsleeren Raum Prinzipien aufstellen kann.

Der Hauptgrund für die scheinbar abschreckungsfreundlichere Grundstimmung im französischen Text scheint mir seine übereilte Fertigstellung zu sein. Während die US-Bischöfe sich 2 Jahre Zeit nahmen, Politiker und Militärexperten anhörten, ihre Gemeinden und Diözesen um Anregungen baten, beschloß die französische Bischofskonferenz, in Lourdes diesen Text – der nicht vorher auf ihrem Programm stand – kurzfristig zu verabschieden. Die drei Autoren waren weder Moraltheologen noch Militärexperten. Die überstürzte Formulierung sieht man nicht nur an der moraltheologischen Schwäche bestimmter Passagen (siehe oben), oder an der exegetischen Dürftigkeit (erst am Schluß wird die Bibel zitiert), sondern sogar an einigen stilistischen Schwächen und grammatikalischen Fehlkonstruktionen.

Nicht vergessen sollte man aber auch, daß die militärstrategische und die innenpolitische Lage Frankreichs verschieden von derjenigen Deutschlands oder der USA ist. In Frankreich gibt es keine starke Friedensbewegung wie in den USA, der BRD, Belgien, den NL, der DDR oder Luxemburg. Die Bischöfe brauchen ihr also auch weniger Rechnung zu tragen. Aber diese Abwesenheit hat ihrerseits Ursachen, die auch auf die Bischöfe einwirken. Frankreich besitzt keine Pershing II und wird auch keine aufstellen müssen. Wohl hat es seine "force de frappe", deren Wirkung aber tatsächlich vor allem defensiv ist, im Gegensatz zu den Pershing II oder MX-Raketen. Frankreich braucht auch nicht die NATO-Doktrin der "flexible response" zu verantworten, die einen atomaren Erstschlag von Seiten der NATO durchaus als möglich erachtet. Schließlich ist die Gefahr eines Angriffs durch den Warschauer Pakt in Frankreich kleiner als in der Bundesrepublik, die eine gemeinsame Grenze mit dem Ostblock hat. Aber Erklärungen sind keine Entschuldigungen.

  1. Schließlich muß noch ein letzter diesmal positiver Punkt im französischen Text hervorgehoben werden. Kein bischöfliches Dokument hat sich bislang nämlich so ausführlich mit der Strategie der Gewaltlosigkeit auseinandergesetzt. Sehr ernsthaft gehen die französischen Bischöfe auf die Frage ein, ob man sich nicht mit gewaltlosen Ak-

tionen einem möglichen Angriff oder Erpressungsversuch aus dem Osten widersetzen könnte. Der evangelische Ursprung solcher Überlegungen wird eigens unterstrichen. Für Einzelpersonen wird diese Haltung auch begrüßt, aber für Staaten abgelehnt. "L’Etat a le monopole de la force sur son territoire. Il vaut mieux la montrer pour n’avoir pas à l’exercer. En cas de nécessité cependant, l’Etat peut y recourir (…)" Die französischen Bischöfe scheinen Costa Rica, das ohne Armee auskommt, nicht zu kennen. Vor allem aber ist eine gewisse Widersprüchlichkeit auch in diesem Passus nicht zu verkennen: Wenn Gewaltlosigkeit für den einzelnen moralisch gerechtfertigt ist, ja ein evangelischer Appell ist, also keine Selbstmordstrategie ist, wieso gilt diese Bewertung dann nicht bei Staaten? Warum soll sie für sie unwirksam und somit untauglich und nicht zu verantworten sein? Gilt das Leben des einzelnen weniger als das des Staates? Und besteht der Staat nicht aus einer Summe von Einzelmenschen?

(Im Übrigen muß in diesem Zusammenhang den französischen Bischöfen auch die Frage gestellt werden, ob sie der Friedensbewegung nicht etwas vorschnell Pazifismus, absolute Gewaltlosigkeit, inklusive einseitige Totalabrüstung unterstellen. Meines Wissens will das z.Z. nur eine kleine Minderheit

In Nr. 67 hatten wir 12 Bischofstexte zum Thema Frieden vorgestellt. Nicht bei allen konnten wir einen Veröffentlichungsnachweis bringen, geschweige denn einen Beschaffungshinweis. Inzwischen sind mehrere dieser Texte in deutscher Übersetzung in Buchform erschienen, und gleich mehrmals. Hier die Referenzen:

a) Bischöfe zum Frieden, = Stimmen der Weltkirche, Bd.19, hrg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1983 (Auch erschienen als "Pax Christi" – Dokumentation Nr.7, hrg. vom Deutschen Sekretariat) DM 2,50 / lfr. 90,-
b) Hirtenworte zu Krieg und Frieden, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Hamburg 1983, ISBN 3-462-01602-4 DM 14,80 / lfr. 329,-

In (b) sind die Texte der Bischöfe der BRD, DDR, der Niederlande, Österreichs, der Schweiz, Ungarns und der USA vereinigt. In (a) fehlt der bundesdeutsche Text, der gesondert erscheint (50 lfr.), aber es kommen jene aus Irland, Belgien und Japan hinzu. Alle diese Veröffentlichungen sind zum oben genannten Preis im Info-Center, 5, av. Marie-Thérèse, Luxbg, Tel. 44743-340 erhältlich oder können bei der "forum"-Redaktion (Tel. 369742) bestellt werden.

in der Friedensbewegung, während die große Mehrheit "nur" einen Aufrüstungsstopp für die (qualitativ) neue Atomwaffen verlangt, die die Abschrekkung nicht wirksamer machen, im Gegenteil.)

Aber nichtsdestoweniger schlußfolgern die französischen Bischöfe – und die Aufrüstungsbefürworter

sollten diesen Satz nicht unterschlagen: "Des techniques d’action non-violentes ont fait leurs preuves. On cite en particulier Gandhi (…) la logique (menace/contre-menace) ne pourra durer éternellement (…). Les non-violents n’ont-ils pas raison à long terme?"

m.p. (14.11.1983)

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