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Ohne Gebote geht es nicht. Das ist klar. Ohne Spielregeln kann man nicht einmal Skat spielen, oder Fußball. Ohne Spielregeln kann keine Symphonie aufgeführt und keine Politik gemacht werden. Ohne Spielregeln wird der Strassenverkehr zusammenbrechen und die Flugzeuge werden wie Mücken vom Himmel fallen. Ohne Spielregeln gibt es nur eine einzige Spielregel: das Recht des Stärkeren. Das Recht des Bestinformierten. Das Recht der dikkeren Brieftasche. Das Recht des grösseren Sexappeals. Überall, wo Menschen zusammenleben, bilden sich Spielregeln aus. Ohne Gesetze geht es nicht. Ohne Gebote läuft nichts mehr.
Doch Gebote sind gefährlich. Besonders der Spruch, alle seien vor dem Gesetz gleich, ist gefährlich. Da er, wie unsere Erfahrungen uns belehren, gar nicht stimmt. Sogar in unseren sogenannten Demokratien sind immer wieder einige gleicher als die andern. Nämlich die mit den schwächeren Muskeln, die mit den leeren Brieftaschen, die mit der geringeren Information, die mit dem schwächsten Sexappeal. Sie werden von den Mächtigen überfahren. Ohne Gegenwehr. Ohne mögliche Gegenwehr. Von Zeit zu Zeit hört man von einem Skandal in den höheren Kreisen. Doch nach wie vielen Gesetzesübertretungen in höheren Kreisen kräht gar kein Hahn? Und wenn schon einmal, wievielen Hähnen wird dann der Kopf abgehackt?
Aber Gebote sind noch weitaus gefährlicher? Weil immer wieder nach neuen und mehr Gesetzen geschrien wird. Weil wir Gesetzesgläubige sind. Weil wir das Heil vom Gesetz erwarten. Das wirklich Gefährliche an den Gesetzen ist unsere Gesetzeshörigkeit, weil wir die Relativität der Gesetze nicht erkennen. Gesetze sind relativ, weil sie abhängig sind vom sozialen Umfeld. Es hat ja wirklich keinen Sinn, im Urwald Geschwindigkeitsbeschränkungsschilder aufzustellen. Es hat auch kei-
nen Sinn, in einer industrielosen Gegend Umweltschutzbestimmungen zu erlassen. Und es hat keinen Sinn, in einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung ein soziales Versicherungswesen obligatorisch zu machen. Es gibt aber noch einen Grund, aus dem die Relativität des Gesetzes noch fundamentaler ist: die Begrenztheit des Gesetzes. Auch das allerbeste Gesetzbuch, das man sich ausdenken könnte, wäre ausserstande, alle Fälle, die das Leben so mit sich bringt, endgültig und gerecht zu lösen.
Ohne Gebote geht es nicht – und Gebote sind gefährlich. Wie kann man die Gefahr ausschalten? Für Christen ist Jesus der "Gesetzgeber". Gesetzgeber zwischen Anführungszeichen, weil er eben keine Gesetze im üblichen Sinn erlässt. Eher Impulse. "Werke", sagt das Johannesevangelium dazu. Der Jesus tut etwas. Taten, welche das Gesetz "der Welt" sprengen. Das Gesetz der Welt ist stark durch die starken Muskeln. Das können auch Revolver oder Neutronenbomben sein. Die starken Muskeln schützen die dicken Brieftaschen. Und die dicken Brieftaschen bezahlen die starken Muskeln.
Das Gesetz der Welt ist mächtig, weil die Leute mit viel Information ihre Kenntnisse an den Meistbietenden verkaufen, wodurch sie dann auch zu dickeren Brieftaschen kommen. Und die Leute mit viel Information laufen nicht ohne Pistole umher, denn sie sind erpressbar. So entsteht ein geschlossenes Netz von Macht. Der Jesus hat dieses Netz durchbrochen, indem er sich entschieden auf die Seite der Schwachen, der Unwissenden, der Armen und der Hässlichen stellte. Für diese entschiedene Stellungnahme beruft er sich immer auf Gott: "Ich tue nichts anderes, als das, was der Vater tut. Alles, was ich tue, habe ich beim Vater abgeschaut. Ich tue nichts aus eigenem Antrieb, sondern weil der Vater es so will." Solche Aussprüche des Jesus sind sehr häufig im Johannesevangelium zu finden. Der Jesus gibt ein Gegengesetz zum Gesetz "der Welt". Aber der Ausdruck ‚Gegengesetz‘ ist mißverständlich. Es handelt sich eher um eine Empfehlung an seine Jünger, die gleiche entschiedene Stellung für die Benachteiligten einzunehmen, die er selbst einnahm.
Jupp Wagner
DIE KOMMENDEN
"FORUM" – DOSSIERS
Nr. 73: Christliche Gemeinde
Redaktionsschluss: 26.5.1984
Erscheinungsdatum: 22.6.1984
Nr. 74: Arbeitsmedizin
Redaktionsschluss: 31.8.1984
Erscheinungsdatum: 22.9.1984
Nr. 75 RTL
5. Vorbereitungsversammlung am
25.5. im Saal der JOC, 5. av.
Marie-Thérèse, Luxemburg, um 20 Uhr
Nr. 76 Wirtschaftliche Zukunft Luxemburgs
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