Coronet: Die Stimme seines Meisters

forum-Gespräch mit Mario Hirsch

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

"forum" – Gespräch mit Mario HIRSCH

Nach dem eher zufällig zustandegekommenen Interview mit Paul R. Heinerscheid baten wir auch die "Société Luxembourgeoise des Satellites" (SLS), die das CORONET-Projekt betreibt, um eine Stellungnahme. Es meldete sich daraufhin als Gesprächspartner Mario HIRSCH, "unabhängiger" Journalist beim "Lëtzeburger Land", der dort seit Jahren als Medienspezialist schreibt, und seit kurzem "consultant for public relations" bei der "Coronet-Société d’études". Mario Hirsch ist auch Autor der 1984 von der Postverwaltung herausgegebenen Broschüre "Kommunikation – das gesellschaftliche Nervensystem. Die Neuen Medien und ihre Bedeutung für Luxemburg. Von "forum" aus waren am 6.9.1984 dieselben Gesprächspartner beteiligt.

m.p.: Der GDL -Satellit soll laut Coronet-Aussagen auf einer revolutionär neuen Technik beruhen. Inwiefern ist diese Technik so neu?

M.H.: Die Technologie ist gar nicht so revolutionär, sondern alt bewährt. Revolutionär ist die Verwendung dieser Technologie zu Zwecken, an die bislang zumindest in Europa keiner gedacht hatte. Telekommunikationssatelliten gibt es seit 20 Jahren. Durch technologische Verbesserungen, insbesondere in der Empfangstechnik, ist die Verwendung zu Fernsehzwecken, inklusiv für den individuellen Empfang, denkbar geworden. Das ist eigentlich die Neuerung.

m.p.: Wie steht es denn mit der Herstellung von Antennen zum Empfang dieser Satellitenfrequenzen?

M.H.: Das Antennenproblem stellt sich eigentlich auch bei den DBS-Satelliten (Rundfunksatelliten). Weil bisher kein Markt für individuelle Parabol-

antennen bestand, hat die Industrie in Europa noch nicht mit der Herstellung entsprechender Antennen begonnen, nicht einmal für jene Satelliten, die schon 1986 den Sendebetrieb aufnehmen sollen. Die Industrie wartet natürlich bis ein zugkräftiges Projekt auftaucht, das imstande ist, einen entsprechenden Antennenbedarf zu schaffen. Lange sah es so aus, als ob das Coronet-Projekt diesen Markt initiieren könnte. Das erklärt, warum von Anfang an große Elektronikkonzerne – ich nenne nur Philips – dieses Projekt stark unterstützten. Es kommt natürlich darauf an, daß ein Projekt potentiell möglichst publikumswirksame Programme verspricht, damit ein genügend großes Publikum sich bereit findet, die Zusatzinvestition für eine neue Antenne zu tätigen; dann ist die Industrie auch bereit, die Antennen zu produzieren. Diese Bedingungen sind bislang aber nirgends erfüllt.

Wer kann GDL empfangen?

m.p.: Sie rechnen also damit, Sendungen an das große Publikum zu verteilen, also daß der einzelne die Programme empfangen kann?

M.H.: Ja, schon, aber erst mittelfristig. Realistischerweise muß man davon ausgehen, daß die Antennen a) nicht rechtzeitig, b) nicht zu einem erschwinglichen Preis auf dem Markt sind. Unsere Marktanalysen sind da sehr deutlich. Das wird 1986-87 noch nicht der Fall sein. Also muß man sich mit andern Mitteln eine Zuhörerschaft verschaffen: das geht vor allem über die Kabelnetze. Sie können auch über "low power"-Satelliten erreicht werden (à la ECS). Neu ist bei unserm

Satellitentyp, daß er auch kleinere Kollektivantennen erreichen kann, die in großen Wohnblocks stehen. Solche Wohneinheiten wären aber zu klein, um sich eine 3-Meter-Parabolantenne zu leisten. Unser Satellit verlangt das nicht mehr. Unsere Kalkulationen zeigen, daß die Verkabelung (bislang hauptsächlich aus solchen Kollektivantennen bestehend) schon heute genügend Zuschauer erfaßt, um eine Operation wie die unsrige rentabel zu machen. Erst ab Ende unseres Jahrzehnts rechnen wir mit der Durchsetzung der Individualantennen, weil dann erst die europäische Industrie sie zu annehmbaren Bedingungen liefern kann.

m.p.: Die einzige Ursache, warum die Individualantennen noch nicht angepeilt werden, scheint also rein technologischer Natur zu sein. Gibt es aber nicht auch politische bzw. rechtliche Gründe für diese Enthaltung?

M.H.: Doch, das muß ich zugeben. Die internationalen Regeln, das "règlement des radiocommunications" sieht derzeit vor, daß mit unserer Art von Satellit, der nur Frequenzen im FSS ("fixed service satellite")-Bereich benutzt, nur Telekommunikationen von Punkt zu Punkt hergestellt werden. Deren Empfang ist jeweils von der Post zu genehmigen. Programme, die sich ans allgemeine Publikum wenden, sind laut heutiger Reglementierung in diesem Frequenzbereich nicht vorgesehen. In internationalen Foren, z.B. bei Eutelsat, wurde dieser Punkt auch schon öfters gegen unser Projekt vorgebracht. Auch einzelne Postminister haben diesbezüglich Einwände geäußert. Der Bundespostminister Schwarz-Schilling, z.B., hat uns vorgeworfen, wir würden Frequenzen mißbrauchen, die andern Zwecken vorbehalten sind. Diese Überlegungen erklären natürlich auch, warum wir die Möglichkeit eines Individualempfangs zur Zeit nicht mehr so öffentlich betonen.

m.p.: Im "Luxemburger Wort" tut das Rémy Franck aber immer noch ganz eifrig.

M.H.: Der hat wahrscheinlich noch nicht verstanden, um was es geht.

Hoffnung auf neue Regeln

m.p.: Sehen Sie denn eine Chance, diese volitice-juristischen Hindernisse aus dem Weg zu räumen?

M.H.: Wie so oft hinkt die Reglementierung hinter der technologischen Entwicklung einher. Und der Abstand ist diesmal ganz besonders groß. Ende der 60er Jahre, als die heute geltenden Bestimmungen verfaßt wurden, war einfach nicht vorauszusehen, daß eines Tages Satelliten mittlerer Sendestärke technisch möglich würden. Wir gehen davon aus, daß die Reglemente demnächst angepaßt werden?

m.p.: Das klingt optimistisch. Haben denn nicht andere Staaten ein Interesse daran, das zu verhindern?

M.H.: Nein. Man sieht jetzt schon, daß das Coronet-Projekt so manchen europäischen Staaten klargemacht hat, daß sie dabei waren, die technologische Entwicklung auf diesem Gebiet zu verschlafen. Frankreich und die Bundesrepublik haben ja schon unter dem Eindruck des Coronet-Projekts beschlossen, schnellstens gemeinsam einen Satelliten der 2. Generation zu entwickeln, der eine "copie conforme" unseres Satellitentyps sein wird. Das bedeutet ja aber, daß sie in ein paar Jahren mit denselben reglementarischen Problemen konfrontiert sein werden wie wir heute. Die Briten, die Schweden haben übrigens ähnliche Vorhaben, so daß notgedrungenerweise die technologische Entwicklung reglementarische Veränderungen nach sich ziehen

Grytherzoglicher Acker

In: Die Zeit

wird. Die Frage bleibt natürlich, ob es für uns schnell genug geschieht.

R.B.: Unabhängig von der reglementarischen Situation ist die Lage nun folgende: Zwei Radioproduzenten ("radiodiffuseurs") arbeiten in Luxemburg parallel auf demselben Gebiet …

M.H.: Wir sind kein "radiodiffuseur" …

R.B.: Doch, insofern ihr Programme direkt ans allgemeine Publikum ausstrahlt.

M.H.: Wir stellen eigentlich nur andern Programmproduzenten die Infrastruktur zur Verfügung.

R.B.: In den USA hat es jetzt einen Prozeß gegeben, weil ein Telekommunikationssatellit seine Sendungen an die einzelnen Privatantennen abstrahlte, ohne daß ein Radioproduzent dahinterstand. Die Gemeinschaft der Radioproduzenten hat den Prozeß gewonnen. Das bedeutet, daß der Satellitentyp keine Rolle spielt: um sich direkt ans allgemeine Publikum wenden zu dürfen, muß man ein anerkannter Radioproduzent sein!

M.H.: So wie "Sky Channel" derzeit in den Niederlanden sagen wir, daß wir gar nicht direkt individuell empfangen werden können und uns nur an Kollektivantennen (auch kleineren) und Kabelkopfstationen wenden.

m.p.: … und wenn eines Tages der Individualempfang möglich ist?

M.H.: Dann klappt diese Argumentation zwar nicht mehr, aber wir können ja auch nicht dafür, daß einzelne Bürger sich eine Antenne kaufen, um unsere Sendungen zu empfangen.

R.B.: "Rundfunk" bedeutet doch einfach ein Programm ausstrahlen, das direkt empfangen werden kann. Und das wollt ihr tun. Dann müßte ihr aber auch der Rundfunkgesetzgebung mit ihren Auflagen unterliegen. Und insofern berührt euer Projekt auch das RTL-Monoool.

M.H.: In einem gewissen Sinn stimmt das. Die CLT hat ja auch am 27. August 1984 vor dem Staatsrat eine Klage gegen den Luxemburger Staat eingereicht (auch wenn das noch geheimgehalten wird), in wel-

cher sie sich nicht so sehr aufs Monopolargument basiert – komischerweise ist dafür nämlich nicht der Staatsrat sondern ein Zivilgericht zuständig-, sondern hauptsächlich auf eine angebliche Verletzung ihrer internationalen Verpflichtungen durch die Luxemburger Regierung, weil sie u.a. nicht autorisierte Frequenzen benutzt, wovon ja schon die Rede war. Realistischerweise muß man natürlich unsere Gesellschaft als "radiodistributeur" sehen. Andererseits benutzen wir aber eine Technologie, für die die CLT ihren Monopolanspruch nicht geltend machen kann. Sie hat keinen Konzessionsvertrag für diese Frequenzen. Sie benutzt sich allerdings auf ein angeblich globales Monopol. (Vgl. meinen Artikel im "Lëtzeburger Land" vom 7. September 1984).

R.B.: … ein Monopol "de radiodiffusion", d.h. von allen "émissions destinées à être directement reçues par le grand public".

Rundfunk ohne Auflagen

m.p.: Theoretisch hat ja auch der Staat das Recht dieses Monopol wieder aufzuheben. Dann ist das Problem insofern gelöst. Aber jede Rundfunkproduktion unterliegt bestimmten Auflagen, die z.B. in einem Lastenheft festgehalten sind, auch in Bezug auf den Inhalt der verbreiteten Sendungen. Wie steht es denn mit solchen Kontrollen für Coronet oder die den GDL-Satelliten benützenden Programmgesellschaften?

M.H.: Es liegen schon Vorprojekte von Lastenheften vor, die der Staatsrat bequachtet hat. Sie sind fast wörtlich vom CLT-Lastenheft abgeschrieben, allerdings ohne Vorschriften betreffend luxemburgische Programme, Symphonieorchester, usw., was die CLT natürlich als Benachteiligung empfindet und dem Staat vorwirft.

R.B.: Gibt es denn nicht auch Probleme mit den andern europäischen Rundfunkanstalten? Luxemburg hat die Frequenzen doch nur für Telekommunikationszwecke zugesprochen bekommen.

M.H.: Es wird nirgends bestimmt, zu welchem Zweck Telekommunikationsfrequenzen genutzt werden dürfen. Es gibt nur technische Auflagen, was die Wattleistung anbelangt. Das "International Frequencies Registration Board" in Genf, eine Filiale der UIT, die ihrerseits eine UNO-Unterorganisation ist, bekümmert sich nur um technische Fragen, wie Interferenzprobleme usw. Ob man die Frequenzen zu militärischen oder Fernsehzwecken benutzt, ist ihr gleichgültig. In den USA werden längst solche Telekommunikationsfrequenzen für Fernsehzwecke benutzt.

m.p.: Der "Sky Channel" benutzt ja auch diesen Frequenzbereich auf dem ECS-Satelliten. Und hier stellt sich ja offen das Problem der Inhaltskontrolle.

M.H.: Es ist an den jeweiligen Staaten, den Konf-stationen der Kabelnetze die Erlaubnis zum Empfang zu erteilen. Das ist aber eine rein technische Erlaubnis, welche die Post erteilt, keine politische Entscheidung.

R.B.: Rundfunkanstalten unterliegen aber auch einer Reihe von presserechtlichen Auflagen, z.B. die politische Enthaltbarkeit der CLT. Solchen inhaltlichen Kontrollen unterliegt "Sky Channel" aber nicht.

M.H.: Auch RTL hat sich immer, de facto, solchen Kontrollen entzogen. Sie haben sich z.B. immer dem Antwortrecht widersetzt. Von politischer Neu-

tralität gegenüber Nachbarstaaten kann auch de facto keine Rede sein.

R.B.: Weil die "commission de contrôle" nicht funktioniert, aber rechtlich gibt es eine Rekurs-möglichkeit. Die fehlt aber im Falle Coronet.

M.H.: Nein. Bei uns soll ja die SLS diese Kontroll-funktion übernehmen. Wie dies im einzelnen geregelt wird, bleibt abzuwarten. Aber die SLS ist ja sozusagen der verlängerte Arm des Luxemburger Staates.

m.p.: Mich wundert, daß Coronet diese Art von Kontrolle akzeptiert. Ich hätte mir vorgestellt, ihr verlangt, daß diese Kontrolle beim Empfänger vorgenommen wird, daß z.B. die Kabelgesellschaft den Programminhalt verantworten muß.

M.H.: In der BRD geschieht das auch. Bei uns gibt es nur ein technisches Lastenheft von seiten der Post.

R.B.: Um die Telekommunikationsfrequenzen eines GDL-Satelliten zu empfangen, brauchen die Kabelgesellschaften und Kollektivantennen eine Erlaubnis der jeweiligen Post. Wie steht es denn mit den Chancen, diese Erlaubnis zu erhalten für GDL? Vorher hat es ja keinen Sinn zu senden.

M.H.: Diese Frage ist noch nicht geklärt, aber wir sind zuversichtlich. Zur Zeit kann man mittels der Kabelnetze in Europa nicht mehr viel empfangen als was auch über andere Mittel erreichbar ist. Die ganze Verkabelungspolitik steht und fällt mit der Frage, ob das Angebot, das nur über Kabelnetze zu empfangen ist, vergrößert werden kann. (Ich möchte mal nicht von bereichern sprechen.) Und diese Argumentation führt ja auch Bundespostminister Schwarz-Schilling. Insofern kann er nicht dagegen sein, daß auf einmal 16 neue Kanäle angeboten werden. Dann werden die Bundesbürger nämlich viel eher geneigt sein, einen Kabelanschluß bei der Post zu beantragen.

m.p.: Damit kommen wir zur Frage des Angebots: Gibt es schon Interessenten, die die GDL-Infrastruktur nutzen wollen, um Programme anzubieten?

M.H.: Das ist unsere geringste Sorge. Wir haben etwa dreimal soviel Angebote als Kanäle zur Verfügung stehen, und ohne daß wir systematisch geworben hätten. Nur ein Beispiel: Vorige Woche hat die niederländische Regierung 6 Pay-TV-Gesellschaften eine Sendelizenz ausgestellt. Nur zwei von ihnen verfügen aber über einen Zugang zu Satellitenfrequenzen. Die vier andern müßten also über kostspieligere Bodenverbreitungsanlagen wie Richtfunk senden. Kaum zufällig ist, daß wir schon mit diesen vier Gesellschaften in Kontakt stehen. Und Holland ist ein kleines Land.

m.p.: Stellt sich nicht aber die Frage nach dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach neuen Medien

in: Le Monde, 19.2.1982

und Programmen. Die Frage geht natürlich über das Coronet-Projekt hinaus. Vor allem in Schulkreisen wird immer wieder auf die Gefahren eines zu großen Fernsehkonsums hingewiesen: die Ursachen für die Verflachung des Niveaus, den Verlust der Kreativität, usw. werden immer wieder im gesteigerten Fernsehkonsum gesucht.

M.H.: Zuerst könnte man natürlich antworten, daß niemand gezwungen wird, die Programme einzuschalten. Fest steht aber, daß beim Zuschauer das Bedürfnis besteht, unabhängiger zu werden von der vorgegebenen Programmierung. Das äußert sich z.B. im unwahrscheinlich hohen Absatz von Video-Recordern. Ein zweites Phänomen ist der Unmut über das beschränkte Programmangebot der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, das offensichtlich nicht allen Wünschen gerecht wird. Das Bedürfnis nach größeren Wahlmöglichkeiten besteht also. Ob die negativen Folgen daraus wirklich so groß sind, bleibt dahingestellt. Über den GDL-Satelliten sind vielfältige Programmangebote möglich. Wir haben Vorschläge erhalten, die sich nur an ein Teilpublikum wenden. So hat ein größerer Konzern uns einen sog. Gesundheitskanal vorgeschlagen, der wohl Sendungen fürs allgemeine Publikum vorsieht, aber hauptsächlich speziellere z.B. für die Fortbildung des (para)medizinischen Personals. Es geht also nicht einfach nur um eine Vervielfältigung des jetzigen Programmangebots, sondern um ganz neue Sendungen.

m.p.: Ich frage mich allerdings, ob dabei nicht Illusionen im Spiel sind. In den USA ist solches möglich, weil der Publikumsmarkt größer und einheitlich ist, z.B. auch von der Sprache her. In Europa hingegen ist der Markt fraktioniert.

M.H.: Die Sprache ist kein Problem. Unser Satellitentyp erlaubt, einen Bildkanal in 4-6 Tohkanäle zu unterteilen, allerdings mit entsprechenden Kosten.

m.p.: Fraktionierung des Markts bedeutet ja aber auch, daß die Werbung sich an verschiedene Zuhörerschaften wenden muß, und die Werbung kann ja erst ein so kostspieliges Unternehmen rentabel machen. Gibt es Werbefirmen, die daran interessiert sind, für den europäischen Markt eine einheitliche Werbung zu betreiben?

M.H.: Bis vor kurzem war das nicht der Fall. Eine so große und international verzweigte Firma wie Nestlé hat ein Produkt wie Nescafé, das überall dasselbe ist, nie überall auf dieselbe Art verkauft. Man kann sich aber heute vorstellen, daß für bestimmte Produkte eine einheitliche Werbekampagne möglich ist. Heute haben die Werbeagenturen eher die Tendenz, Massenprodukte nach einheitlicher Methode zu verkaufen. Bei den "produits haut de gamme" natürlich bleibt die genaue Abstimmung auf das Zielpublikum erstes Gebot; da bleiben also nationale Unterschiede bestehen.

m.p.: Vom Inhalt wie von der Werbung her dürfte ein Coronet-Projekt also eine kulturelle Vereinheitlichung, um nicht zu sagen Verflachung, Europas herbeiführen, so wie das in den USA längst der Fall ist. Ist das wünschenswert?

M.H.: Das muß ja aber nicht sein. Die Programme werden ja von unterschiedlichen Firmen aus werschiedenen Ländern hergestellt. Wir werden sicher für ein gewisses Gleichgewicht sowohl auf geographischer und sprachlicher als auch auf politischer Ebene sorgen. Wohl gibt es zur Zeit noch keine europäische Programminde, weil noch kein Markt für sie da ist. Aber der GDL-Satellit stellt für die Programminde eine große Chance dar.

R.B.: Gibt Coronet sich nicht der Hoffnung hin, das frühere RTL-Image einer legalen Piraterie in internationalem Maßstab nachzuahmen? Das ist aber für GDL nicht mehr möglich, weil schon vorher die Liberalisierung im Fernsehbereich eingesetzt hat und schon vor Sendebeginn von GDL 20 Programme zu empfangen sind. In den USA hat sich eine Zahl von 40 Programmen als Höchstgrenze erwiesen.

M.H.: Am erfolgreichsten wird ganz einfach jener sein, der bereit ist, am meisten Geld in sein Programm zu investieren. Unsere Herausforderung besteht natürlich darin, solche Programmproduzenten anzuziehen, die sich nicht wie RTL mit einem Etat von 20 Millionen DM begnügen, um ein deutsches Programm zu gestalten. (Zur Zeit genügt das natürlich in diesem Sendegebiet, weil RTL die einzige Alternative zu der mageren Kost der deutschen Fernsehanstalten darstellt).

Wer ein Maximum an rezipientenfreundlichen Inhalten ausstrahlt, der nimmt die meisten Werbegelder ein. Allerdings gilt auch: Wer hohe Werbeeinnahmen macht, muß Programme mit einer hohen Akzeptanz ausstrahlen. Tut er dies nicht mehr, so werden die Einschalt- und damit die Werbequoten rückläufig. (…)

Dennoch: Tragisch am US-Kulturimperialismus sind nicht nur seine ökonomischen Auswirkungen, sondern seine immanente Qualität der Kulturverstümmelung des kolonisierten Volkes. Das macht die Doppelbödigkeit der Feststellung von Philippe Wade aus, wonach die Kultur fortan über die Wirtschaft führt. Die globale Vermittlung von amerikanischen Werten hat ihren Einfluß auf das Bewußtsein. Der american way of life ist jedem, der

irgendwann mit Fernsehprogrammen aus Übersee in Berührung kam, ein Begriff; mag er ihn nun annehmen oder ablehnen, er ist auf jeden Fall fasziniert. Die fortschrittsfeindliche Schwarzweißmalerei einer Sendereihe wie Dallas

läßt ihre Zuschauer, die immerhin in einigen Ländern die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, erstarren, d. h. sie werden von der Handlung eingelüßt, übernehmen einen Teil der gezeigten Werte nach und nach und vergessen darüber, sich selbst und ihre Umwelt weiterzudenken. Ein bestechendes Beispiel sind die italienischen Werbeplakate, auf denen oftmals mehr amerikanische als italienische Wörter zu lesen sind. Kulturelle Einschläferung könnte man dieses Phänomen nennen oder Homogenisierung der Lebensart. (…)

Ich glaube, daß wir in Zukunft

noch mehr inhaltliche Belanglosigkeiten geboten kriegen als dies jetzt schon der Fall ist. Etwas nobler ausgedrückt: eine Nivellierung nach unten ist vorprogrammiert. Es kann gar keine andere Entwicklung geben, das Prinzip des freien Wettbewerbs im software-Bereich nötigt den öffentlichen Anstalten die Anpassung an die wirtschaftlichen Spielregeln förmlich auf, wenn die Intendanten weiterhin die Fernsehgebühren vor dem Zuschauer verantworten wollen.

Die Abhängigkeit der Programmveranstalter von der Werbung bzw. den Sponsoren führt unweigerlich zur Resignation vor jeglichem Anspruch, in dem Sinne, daß die Sendeinhalte die Wünsche der Zuschauermehrheit zufriedenstellend ausgewählt werden. (…)

Romain KOINN

in: LL, 7.9.1984

NIEWEBÄI …

De Moment kann een zu Lëtzebuerg tëscht op
d’manst lo Televisiouns programmer wielen,
a bestimmten Uertschafte schon 11, geschwë
sin ët der 12,15, … Zu Lëtzebuerg kascht
ët och näischt, de Schlappkino ze kucken,
a besonnesch d’Jugend mecht dat stonneiaang.
Wann RTL e ganze Mëtteg Video-Clippe weist,
wëssen se schon, dass dat sech renteiert,
obschons esou kuerz Musikfilmercher en He-
degeld kaschten.

Mä d’Lëtzebuerger Schoul mecht nach ëmmer
wi wann ët d’Televisioun nët géif! Wuel
huet an Tëschezäit all Gebei säi Videorecor-
der, mä déi gi méi schnell geklaut wi se
kaf gin an da nët méi ersat, a wann emol e
Prof ee mat op d’Klass hëlt, gët e nach gär
schif bekuckt, well dat nët seriös ausge-
säit …

Ech wor nët deen éischten a nët deen eenze-
gen, wo ech am "forum"-Kinodossier (Nr.42/
27.9.1980 – d’Nummer as nach ze kréien!)
gefuerdert hun, eng Filmerzéiung wär haut
wuel su néideg a wichteg wi eng Aféirung an
d’Weltliteratur. Wéivill Stonne gi vrun der
Télé oder am Kino verbruecht, wéivill mam
Goethe, dem Racine an dem Shakespeare?
Entgéint onser spontaner Erfarung huet och
d’Film-an Télésprooch eng Grammatik, di nët
jiddereen aus der Wéi eraus versteet. D’Pro-
grammgesellschaft le laache sech jiddefalls
eng Fauscht voll iwert ons onkritesch No-
kuckerten. De Verantwortleche vun onser
Schoul as dat egal.

Säit Jore gët gemunkelt iwert eng Programm-
reform fir di zwee lescht Jore vum "secon-
daire". Hei sollen Optionssmèiglechkeete ge-
schafe gin: eng excellent Gelëenheet fir
endlech och d’Cinématographie als Konschtgat
tung op de Programm ze setzen. Mat 17 Jor
këm dat zwar spéit, mä ‚t wär alt en Ufank.
Fir d’Schüler vum "secondaire technique", di
aus Grënn vu sozialem Milieu sécher nach
vill méi Stonne vrun der Télé sëtzen, as
dat awer nach keng Léisung. An ‚t soll nëm-
me kee soe, mer hätte jo keng Proffe, fir
dat d’Fach ze gin; et gouf nach ni derno
gesicht.

Ons Televisiounsprogrammer hun esouvill Ni-
veau wi hir Nokuckerten!
m.p.

Die Rolle des Luxemburger

Staates

R.B.: Wie kam es denn überhaupt zum Coronet-Pro-
jekt in Luxemburg?

M.H.: Staatsminister Pierre Werner, den man sicher
als geistigen Urheber bezeichnen muß, ist sich
m.E. bewußt geworden, daß die CLT fest in franzö-
sischer Hand ist, und er wollte verhindern, daß
Luxemburg einfach zum audiovisuellen Anhängsel
von Frankreich absinkt. Daß das jetzt vorliegende
Projekt natürlich weit über solche politische
Ueberlegungen hinausgeht, war wohl kaum seine Ab-
sicht?

R.B.: Warum haben denn die Luxemburger Verwaltungs-
ratsmitglieder bei der CLT den Regierungskommis-

La France entend empêcher par tous les moyens le projet GDL/Coronet
pour protéger son marché publicitaire, comme le montre cette caricature ti-
rée de « Business Week » de cette semaine. Le recours de la CLT contre le gou-
vernement luxembourgeois s’inscrit dans l’arsenal des manœuvres de retarde-
ment imaginées en France.

in: Lëtzebuerger Land, 7.9.1984

sar nicht stärker unterstützt, als es darum ging,
einen eigenen LUKSAT-Satelliten zu kaufen?

M.H.: Meiner Meinung nach sind die Luxemburger im
Verwaltungsrat der CLT, bis auf wenige Ausnahmen,
nicht gerade Experten für neue Technologie und Me-
dienpolitik. Gegenüber Professionellen wie den
Vertretern von "Havas" haben sie kein Gewicht.

R.B.: Durch ihre Inkompetenz ist also das ideale
Luxemburger Satellitenprojekt gescheitert?

M.H.: Die Hauptursache liegt aber bei den Kapital-
gebern, die nein sagten, weil das Projekt ihnen
zu riskant war. Hier kommt der Nachteil der CLT-
Struktur zum Vorschein: Luxemburg ist halt finan-
ziell nicht daran beteiligt, und hat folglich
kein Wort mitzureden. Dieser Fehler soll aber bei
der Coronet-Struktur vermieden werden, indem hier
die finanzielle Beteiligung Luxemburgs, des Lu-
xemburger Staates mittels Institutionen wie der
Staatssparkasse und der "Société Nationale de
Crédits et d’Investissements" (SNCI), weitaus
stärker sein wird als bei der CLT. Insgesamt wer-
den die Projektkosten heute auf 220 Millionen
Dollar geschätzt (= 13,2 Mrd. lfr.), das ist nicht
sehr viel: Der größte Teil davon soll über Lea-
sing aufgebracht werden, während Coronet selbst
eine Kapitalbasis von etwa 40 Mio. Dollar haben
wird, wovon der Luxemburger Staat vielleicht ein
Viertel aufbringen wird.

R.B.: Diese Beteiligung wird aber wohl eher passi-
ver Natur sein. Aktiv werden die Entscheidungen
doch in erster Linie von den Werbegesellschaften
beeinflusst werden, die das Projekt benutzen wer-
den. Sind übrigens auch amerikanische Werbefirmen
am Projekt beteiligt?

M.H.: Es ist richtig, daß die Werbegesellschaften
die eigentlichen Tauzieher sein werden. Amerikanische
Firmen sind aber nicht beteiligt mit Ausnah-
men von "Home Box Office", den größten US-Pay-TV-
Veranstalter, einer der größten US-Medienkonzerne,
einer Filiale des Time-Konzerns, der von Anfang
an am Projekt interessiert ist.

m.p.: Der Luxemburger Staat ist also derzeit auf
zwei Ebenen gefordert: einerseits was die Kapital-
beteiligung anbelangt, andererseits um die Ver-

handlungen zu führen betreffend einer Revision der internationalen Reglementierung. Wie aktiv betreibt denn der Staat zur Zeit eine Lösungssuche?

M.H.: Wenn wir auf den Luxemburger Staat warten, um eine Revision der Reglemente herbeizuführen, werden wir wohl nie starten. Der Luxemburger Staat verfügt nicht über den diplomatischen Apparat und die notwendigen Druckmittel, um eine Änderung zu bewirken. Die einzige Hoffnung in dieser Situation sind ähnliche Pläne von andern europäischen Staaten sowie die Interessen der Elektronikindustrie, der Werbeindustrie. Vor allem letztere klagt über fehlende Möglichkeiten, über Fernsehen ihre Botschaft an den Mann zu bringen. Solche Interessen werden unser Projekt stärker vorwärtsbringen als der Luxemburger Staat. Dieser ist allerdings gefordert, nach außen deutlich zu machen, daß er hinter dem Projekt steht. Und was diese Haltung anbelangt, sind leider seit dem Regierungs-

wegwechsel gewisse Zweifel aufgekommen, vor allem im Ausland. In der französischen Presse wird Coronet schon als begraben dargestellt.

m.p.: Hat Coronet Möglichkeiten, den Luxemburger Staat unter Druck zu setzen, um weiterzukommen?

M.H.: Nein. Wir können nur wiederholen, daß das Projekt nach wie vor interessant ist, was von den ausländischen Presseechos täglich bestätigt wird. In der gesamten irischen Presse war wohl letzte Woche zu lesen: "Mr. Whitehead, formerly head of ‚Hughes Communication‘ and a leading figure in the satellite industry, may leave the Luxembourg based Coronet satellite and direct his attentions to Ireland", aber das beruht eher auf irischen Angeboten denn auf aktuellen Coronet-Absichten.

m.p.: Herr Hirsch, vielen Dank für das aufschlußreiche Gespräch!

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code