Jugendherbergen: Touristenherbergen und Jugendzentren

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Jugendherbergen:

Touristenherbergen und Jugendzentren

Am Anfang war das Wandern. Wanderer aber brauchen Herbergen zum Ausrasten und Übernachten. So entstand aus einer naturverbundenen Wanderbewegung unter dem Impuls von Richard Schirmann die Jugendherbergsbewegung, der "Ajisseëm" (von "Auberges de la Jeunesse"), der 1984 den 50. Geburtstag seiner Luxemburger Geburt feiern konnte. Neben dem Wandern und der Naturverbundenheit steht die Toleranz als einer der Grundpfeiler der AJ-Philosophie, die Jugendherbergen sind Orte der Begegnung, wo die Toleranz gegenüber dem Zimmernachbar anderer Nation, Rasse, Religion oder politischer Auffassung ganz konkret geübt wird. Denn die "Ajisten" wollen nicht wie Hotelkunden einfach nebeneinander Zimmer belegen, sondern miteinander den Abend und die Nacht erleben. Ein Tourismus also, der ziemlich

stark vom Konsumtourismus der Massen abweicht, auch wenn heute mehr als ein Herbergsgast nicht mehr zu Fuss oder mit dem Fahrrad sondern mit Motorrad, Autobus oder Privatwagen ankommt.

Die Jugendherbergsbewegung kennzeichnet sich aber nicht nur durch diese Philosophie, sondern auch dadurch, dass sie ein offener Verein ist. Es gibt keine obligatorischen Aktivitäten z.B. wie etwa bei den Pfadfindern. Jeder ist frei, sooft und solange in eine Jugendherberge zu kommen, wie es ihm Spass macht. Allerdings haben sich in Luxemburg durch die AJ-Bewegung mehrere Gruppen gebildet, deren Ursprung ohne Zweifel auf die Aktivitäten in dieser oder jener Jugendherberge zurückgeht, die aber inzwischen zum Teil längst eigenständige Vereine sind: so gab und gibt es die Gruppe "An der Uucht", die den Volkstanz pflegt, den "Groupe alpin", den "Groupe spéléo", aber auch der "Mouvement écologique" geht, zum Teil, aus der AJ-Bewegung hervor, und vor kurzem wurde der "Groupe animateurs" gegründet, der nun nicht seinen eigenen Mitgliedern spezielle Aktivitäten bieten will, sondern für andere eine Animationsrolle übernimmt (vgl. "forum" Nr.63/16.4.1983).

In einem Gespräch mit der neuen Präsidentin Gaby Müller-Künsch und Komiteesmitglied André Mousset konnten wir feststellen, dass die Animation und Dynamisierung der Bewegung ein Hauptanliegen der neuen Führungsmannschaft ist. So soll z.B. die etwas verstaubte Hausordnung in den Herbergen (tagsüber geschlossen, Nachtruhe ab 22 Uhr,…), die vielen Jugendlichen die AJ-Bewegung als etwas veraltet erscheinen lässt, überdacht und neu gefasst werden. Die CAJL (Centrale des Auberges de la Jeunesse luxembourgeoises) möchte sozusagen ein Interessenverein der Jugendlichen werden, der keineswegs nur am Jugendtourismus interessiert ist, sondern sich allen Jugendproblemen widmet.

In der hauptstädtischen Jugendherberge (300 Bette) soll daher ein Zentrum entstehen, das eine doppelte Funktion hat: einerseits sollen weiterhin (aus- und inländische) Gäste empfangen, beköstigt, beherbergt werden. Neu wird dabei sein, dass es keine Winterpause mehr geben soll und die Herberge auch tagsüber geöffnet bleibt und z.B. Mittagessen serviert. Eine Art Bar soll auch die Jugendlichen abhalten, in Gastwirtschaften der Nachbarschaft Getränke holen zu müssen. Sie soll gleichzeitig eine Art Animationszentrum im Haus sein. Grill-Partys, Dia-Shows, Konferenzen, Photo-Labo, usw. sollen auch für Abwechslung und Unterhaltung der Gäste sorgen, so dass die Zahl von 35000 Übernachtungen (1983) wohl noch steigen wird. Damit soll aber gleichzeitig eine zweite Funktion erfüllt werden: Luxemburger Jugendgruppen sollen an dieser

Animation beteiligt werden. Sie sollen auch gegen ein geringes Entgelt Versammlungsräume mieten können, so dass die Herberge nicht nur für Touristen Attraktives bietet, sondern auch für die Stadtjugend zum Treffpunkt werden kann, mit internationalen Kontaktmöglichkeiten. Das Konzept, das Ander Mousset und Gaby Müller-Künsch uns vortrugen, klingt sehr einsichtig und sicher sinnvoll, wenn man an die Probleme der Jugendarbeitslosigkeit, Jugendverwahrlosung usw. denkt. Durch ihren täglichen Kontakt mit Jugendlichen spüren die Verantwortlichen auch sicher ihre wichtigsten Bedürfnisse auf und können die Jugendherberge zum anziehenden Jugendzentrum ausbauen. Allerdings, noch sind nicht alle Personal- und Finanzierungsfragen gelöst …

Auch in den übrigen Jugendherbergen des Landes sind Infrastrukturverbesserungen geplant: kleinere Zimmer für Begleiter von Jugendgruppen (Schulklassen), mehr Aufenthaltsräume, um gleichzeitig getrennte Gruppenaktivitäten durchzuführen, Anschaffung von pädagogischen Hilfsmitteln wie Tafel, Overhead-Projektoren, usw. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass Schulklassen (aus In- und Ausland) sich zu den häufigsten Gästen entwickeln. In Hollenfels ist ja schon auf der Basis der Jugendherberge, unter dem Impuls früherer "Ajisten" (bis hinauf zum Minister!) das Ökologische Zentrum entstanden, dessen Besuch für bestimmte Klassen (III C) sogar vorgeschrieben ist. In Lultzhausen hat im vergangenen Schuljahr erstmals eine Klasse des Lycée Michel Rodange eine ganze Woche Schulzeit verbracht, wobei wohl der Hauptakzent auf der sportlichen Tätigkeit lag, die anderen Fächer aber nicht vernachlässigt wurden und interdisziplinäres Lehransätze entwickelt wurden. Mehrere Jugendherbergen würden sich auch hervorragend eignen, um mit Schulklassen das historische Lernen vor Ort, in der Praxis zu üben und an einem historischen Beispiel (Archäologie, Ritterleben,…) das Zusammenwirken aller Schulfächer kennenzulernen.

Die Nutzung der Jugendherbergen auch ausserhalb der Hochsaison steht jedenfalls im Interesse der CAJL. Mit etwas über 100 000 Übernachtungen in Herbergen, nimmt Luxemburg die 6. Stelle von 52 Ländern ein. Doch 9 von 10 Gästen sind Ausländer. Die CAJL hat rund 4000 Mitglieder (Zunahme 1983: 943!), die ihrerseits eher ausländische Herbergen aufsuchen. Der Beitrag der CAJL zum Tourismus in Luxemburg ist unverkennbar. Mit dem demnächst startenden Umbau der alten Brauerei in Wiltz zu einer neuen, 10. Jugendherberge wird diese Aufgabe noch erweitert. Die Verantwortlichen sind aber gewillt, jetzt vor allem den Dienst an der Luxemburger Jugend durch eine dynamische Animationspolitik noch weiter auszugestalten. Viel Erfolg! m.p.

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