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Im fünfzehnten Kapitel seines ersten Korintherbriefes schreibt Paulus: "Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod". Natürlich wird der Tod nicht durch irgend eine Unsterblichkeitsmedizin entmachtet, sondern durch das richtige Leben. Die Katholiken Luxemburgs wären gut beraten, wenn sie sichtbar machten, wie so ein richtiges Leben aussieht. So könnten sie ihre Verstorbenen besser ehren als mit teuren Grabkreuzen. Und sie würden ihre Kirche davor bewahren, immer mehr auf die Stufe der Zeremonientante abzusteigen.
In der guten, alten Zeit
Während der Ausbildung im Priesterseminar vor gut vierzig Jahren wurde uns im Pastoralkurs gesagt, die Allerseelentage seien für den Bestand der Luxemburger Kirche von allerhöchster Bedeutung. Die
katholische Bevölkerung Luxemburgs pflege nämlich einen sehr intensiven Totenkult. Was blieb uns armen Seminaristen übrig? Wir konnten diese professorale Weisheit nur als ewige Wahrheit schlucken, wie alles, was uns damals von Seminarkathedern her übergestülpt wurde. In Pastoral hatten wir ja noch kein Milligramm Erfahrung. Außerdem, wenn man so
an den Allerheiligen- und Allerseelentagen über die Friedhöfe hinweg- und in die Kirchen hineinschaut, war die Lehre der Professoren absolut plausibel. Zwei Tage lang, vom 1. November punkt Mittag bis zum 2. November punkt Mitternacht wurden die Kirchen nicht leer. Dafür wurde das Fegfeuer um so leerer. Sämtliche Priester hielten nämlich am Allerseelentag drei Messen. Für die Verstorbenen. Sehr viele Katholiken gingen vor Allerheiligen beichten und kommunizieren, um die Voraussetzungen zu schaffen für den Totiesquotiesablass, den vollkommenen Ablass, der jedesmal den armen Seelen zugutekommt, wenn man nach Beicht und würdiger Kommunion eine Kirche besucht und 6 Vater unser, 6 Gegrüßet seist du Maria und 6 Ehre seidem Vater betet. Sogar in der Doppelvesper, die vom weißen Allerheiligen- auf den schwarzen Allerseelentag überleitete, sah man Leute in der Kirche, die man sonst nie dort sah. Und mitten zwischen den beiden Vesperen hielt der Pfarrer seine zwischen Donnergrollen und Erbarmengesäusel angesiedelte Totenpredigt. Nach der Totenvesper pilgerte das gläubige Volk auf den Kirchhof zur Gräbersegnung.
Vorbei, die gute alte Zeit
Ich wäre nie auf die Idee gekommen, an der seminarprofessoralen Weisheit zu zweifeln, die Allerseelentage seien wahre Erntetage für die Kirche Luxemburgs, wenn mir nicht aufgefallen wäre, wie nach und nach die Beichtstühle auch vor Allerheiligen keinen großen Zulauf mehr hatten, wie an Allerseelen immer weniger, zumeist von den jungen Katholiken, den Weg fanden zum Grab ihrer Großeltern, dann auch ihrer Eltern. "Zeiterscheinung", sagt man, "wenn’s ihnen mal wieder schlecht geht, lernen sie wieder beten." Auch dieser Spruch gehört in die Sammlung von pastoralen Weisheiten, die, zu ihrer Ehre sei’s gesagt, nicht von Seminarkathedern flossen, sondern aus der pastoralen Erfahrung der praktischen Kaplansausbilder, der Pfarrer. Glaubwürdiger als diese pastoralen Sprüche scheint eine andere Erklärung zu sein: die Verdrängung des Todes in unserer nachchristlichen Gesellschaft. Wer weiß heute denn noch, wie gestorben wird. Im Gegensatz zu früher, da gelernt wurde, daß der Tod zum Leben gehört. Gelernt wurde das nicht in Büchern, sondern von Kindsbeinen an. Weil Kinder erlebten, wie der Großonkel, die Großmutter immer schwächer wurden, schließlich gar nicht mehr aufstehen konnten und wie zu guter Letzt die Boni und der Monni nicht mehr antworteten, dann in einen Sarg gelegt und begraben wurden. Vor hundert Jahren, als noch sehr viele Säuglinge starben, erlebten Kinder, wie so manche ihrer eigenen Geschwister in einen kleinen Sarg gebettet und auf den Friedhof hinausgetragen wurden. Wenn Kinder nachfragten, wo denn nun das Kénni sei, dann hatten die Eltern es leicht: es war im Himmel, es war ein Englein geworden. Beim Monni war die Antwort schon problematischer. Für den mußte man viel beten, damit er aus dem Fegfeuer in den Himmel kam. Wenn Kinder von heute ihre Eltern nach dem Verbleib des verstorbenen Bopi fragen, ist diese Frage den Eltern peinlich. Was sollen sie darauf antworten? An den Himmel, die Hölle oder das Fegfeuer, wie’s ihnen im Unterricht gesagt worden war, glauben die meisten Luxemburger nicht mehr; in einer Lüge wollen sie sich nicht ertappen lassen; und den Kindern sagen, der Bopi
sei tot, und damit sei alles zu Ende, das möchten sie auch nicht.
War sie wirklich so gut?
Natürlich war sie nicht ganz so gut wie ihr Ruf, die gute alte Zeit. Natürlich war es gut, daß die Generation unserer Großeltern noch wußte, wie gestorben wird, und daß das Sterben ein Teil des Lebens ist. Was unsere Priesterseminarprofessoren und die Pfarrer als Begleiter unserer ersten Kaplansschritte in die pastorale Praxis ihren Schülern mit auf den Weg gaben, finde ich weniger gut. Klar, sie taten, was sie konnten und was sie für richtig hielten. Tote begraben war ein Werk der leiblichen Barmherzigkeit, ein Gott wohlgefälliges Werk. Der alte Tobias wurde von Gott gesegnet, weil er die Toten, entgegen dem Verbot des gottlosen Königs, nachts heimlich begrub. Und laut Makkabäerbuch war es ein gutes und heilsames Werk, für die Toten Opfer darzubringen, damit sie von ihren Sünden erlöst würden. Als dieser alte Totenkult in Luxemburg noch ein Stück lebendiger Tradition war, eingebettet in jene Art, wie man damals christlich glaubte, litt die Kirche daran keinen Schaden. Doch war die Richtung schon eingeschlagen, die heute in den Tod der Kirche Luxemburgs führt.
Tod durch Totenkult
Das ist nicht nur eine einprägsame Überschrift. Sie ist (leider) auch noch richtig. Genau so stimmt sie, wie es stimmt, daß durch Überproduktion von Getreide und Gemüse Europas Tod vorprogrammiert ist. Weil durch zuviel Düngen der Nitratgehalt des Bodens steigt. Nitrat gelangt ins Trinkwasser, das giftig wird. Nitrat gelangt in die Flüsse, die durch Überproduktion an Algen den Sauerstoffgehalt der Bäche und Seen drastisch vermindern. Was dazu führt, daß die Fische ertrinken. Umweltverschmutzung nennt man das. Natürlich ist das nicht die ganze Umweltverschmutzung. Hinzukommen Schwefeldioxyd, Stickoxyde und vieles andere, das den Schornsteinen, den Auspufftöpfen und den Fabrikanlagen entweicht. Irgendwann, schneller als wir es vielleicht erwarten, ist dann Sense. Wasser, Böden und Luft können sich nicht mehr reinigen. Genau so ist es mit einer Kirche, die auf den Totenkult setzt, um Ernte zu halten. Das klingt makaber. Weil man ja vom Schnitter Tod redet. Doch so ist es nicht gemeint. Jede gesunde, gläubige
Kirchengemeinde besitzt Selbstreinigungskraft und "verdaut" eine gewisse Portion an Unglaube. Wächst die Zahl der ungläubigen "Mitglieder", kippt die Kirche eines schönen Tages um und wird zur bloßen Zeremonienanstalt. Die Zahl derer wächst, die nicht mehr zurechtkommen mit den Dogmen und den moralischen Vorschriften der Kirchen, sie dennoch in Anspruch nehmen zur religiösen Verbrämung von Geburt, Pubertät, Heirat und Tod. Als Folge wird die Ansicht noch weiter verstärkt, Kirche sei in der Hauptsache Zeremonienanstalt. In anderen Worten, diese Ansicht verbreitet sich immer schneller; bald wird nur mehr eine ganz kleine Minorität übrig sein, für die Kirche etwas ganz anderes bedeutet. Zugleich wird sich die mittelalterliche Meinung, Kirche sei Sache des Klerus, so versteinern, daß die Vorstellung der Väter des zweiten Vatikanischen Konzils, Kirche sei an erster Stelle die Gemeinschaft aller Christgläubigen, kaum noch Chancen hat. Was dann wieder dazu führt, daß die Zahl der Kleriker sich weiter vermindert, weil nur mehr solche Leute sich um einen Klerikerposten bewerben, die für jeden andern ausscheiden. Was dann wieder dazu führt, daß immer weniger Kleriker immer mehr Zeremonien ausführen müssen, bis die Sache so lächerlich geworden ist, daß mit dem allerbesten Willen keiner sie mehr ernstnehmen kann. Trotz der im Lukas- und im Mattäusevangelium ausgesprochenen Warnung: "Laßt Tote ihre Toten begraben!" Was keineswegs als Aufforderung zur Außerachtlassung von Pietät gegenüber Verstorbenen gemeint ist, sondern, wie der Nachsatz bei Lukas ganz eindeutig festhält, als Klarstellung: im Konfliktfall gibt es für Jesuschüler wichtigeres als Begräbnisse und Trauerzeremonien. Vorrang hat das Reich Gottes, die Verkündigung einer guten Nachricht an Lebende.
Kirchentod durch Totenkult jetzt bereits Realität
Nicht nur Leute, die behaupten, gute Christen zu sein, auch ohne sonntags zur Kirche zu gehen, verlangen von einem Pfarrer, daß er einen Leichendienst halte für ihre Verstorbenen, die selbst schon zur Gattung jener guten Christen gehörten, die bessere Christen sind als die andern, die jeden Sonntag dem Pfarrer die Kommunionbank abrutschen und ja doch nur zur Kirche gehen, um ihren neuen Hut zu zeigen. Auch von Agnostikern und nicht militanten Atheisten werden die Forderungen jener besseren Christen nach kirchlicher Trauerfeier unterstützt. Mit Argumenten, die bei uns in Luxemburg nicht so leicht zu widerlegen sind: Kirchen werden ja mit den Steuern aller Bürger bezahlt, also haben alle ein Recht auf kirchliche Bestattung. Von allen Luxemburgern sind so an die 95% wegen ihrer Taufe Mitglieder der römisch-katholischen Kirche, haben also ein Recht auf ein christkatholisches Begräbnis. In den Köpfen der besseren Christen, wie auch in den Köpfen jener Minorität in Luxemburg, die sich bewußt als Nichtchristen verstehen, hat die Kirche ihre (einzige) Daseinsberechtigung als Zeremonientante. Der Versuch, klarzustellen, die Kirche habe doch ein ganz anderes Selbstverständnis, ist vergebliches Unterfangen, weil die Pfarrer ja alle Toten begraben, für sie Leichendienste halten und damit der allgemein verbreiteten Ansicht Vorschub leisten, die haben will, dafür sei "die Kirche" schließlich da. Klar, es gibt sie immer noch, jene Pfarrer, die meinen, es bliebe bei jedem Todesfall
ein bißchen Glaube hängen an den Leuten, die sonst nie in der Kirche zu sehen sind. Im kirchlichen Sprachgebrauch wird das so artikuliert: "Gott schreibt auch gerade auf krummen Zeilen" – oder – "Lösche den glimmenden Docht nicht aus!" – oder – "Wer sieht einem andern schon ins Herz?" Man sollte allerdings nicht verschweigen, daß die Zahl jener Pfarrer zunimmt, denen es jedesmal peinlicher wird, Leichendiesten vorzustehen in einer Trauergemeinde, die offensichtlich längst mit der Messe nichts mehr anzufangen weiß. Für eine derartige Trauergemeinde hat der Pfarrer seine Messe zu halten, für die er, zusätzlich zu seinem Staatsgehalt, ja bezahlt wird. Über diese Messe(n) hinaus kann man für die Toten doch nichts mehr tun. Es will mir wirklich nicht in den Schädel, daß eine solche Ansicht und eine solche Haltung noch irgend etwas mit christlichem Glauben zu tun haben könnte. Mir will nicht in den Schädel, daß der Jesus beim letzten Abendmahl an Leichendienste gedacht haben könnte. Mir will absolut nicht in den Schädel, daß der Jesus seinen Kopf hingehalten haben sollte, um eine neue Form von Begräbnisfeiern einzuführen. Es brauchte doch keiner gekreuzigt zu werden, um neue Totenzeremonien anzuregen.
Der Tod hat immer noch seinen Stachel
Es ist also noch gar nicht so weit. Der letzte Feind, der Tod, ist noch immer nicht besiegt. Muß die letzte Kirche zugrundegehen, damit der Tod mit dem letzten Lebenden stirbt? So hat Paulus es nicht gemeint, von dem die Frage "Tod, wo ist dein Stachel?" stammt und auch die Behauptung, als letzten Feind müsse der Christus seinem Vater den Tod zu Füßen legen. Die Kirchen haben es noch immer nicht geschafft, dem Tod seinen Stachel zu nehmen, trotz millionenfacher Wiederholung der Paulusfrage. Warum wohl? Ist es vermessen, zu behaupten: weil der Kirche in Luxemburg ein Monopol zugewachsen ist, von dem sie gut leben kann? Das Monopol der Zeremonien von der Wiege bis zur Bahre. Solch ein Monopol verschafft Macht. Macht aber ist Todessache. Macht geht über Leichen.
Denn ihr wisst um das letzte Geheimnis:
Hermann KASACK
Ewiges Leben?
Die Perspektive ist gefälscht. Seit dem Adam der jüdischen Tradition. Er wollte Macht haben. An seinen Machtgelüsten geht der Mensch zugrunde. Allerdings nicht so primitiv, wie uns die Paradiesgeschichte ausgelegt wurde. Nicht weil ein mächtiger Dämon um seine Privilegien bangte. Das müßten die Kirchen wissen. Da sie behaupten, in der Nachfolge des zweiten Adam zu stehen. Der wollte keine Macht. Davon ist das neue Testament voll. Richtiges Leben war für ihn keine Thronbesteigung, es sei denn, man sieht im Kreuz seinen Thron, wie das Mittelalter es sah, und zugleich verfälschte, indem sie den Gekreuzigten in goldene Königsgewänder hüllte. Richtiges Leben war für ihn nicht Herrschaft über andere, sondern Dienst am geschundenen Bruder. Richtiges Leben war für ihn nicht Triumph über Feinde, es sei denn, man sieht im ersten Schritt der Versöhnung, den einer auf seinen Beleidiger zugeht, einen Sieg. Kirchen (und vergessen wir’s ja nicht: Kirche sind nicht nur Kleriker) in der ungeheuchelten Nachfolge des Jesus
würden, wie er, sichtbar machen, was richtiges Leben bedeutet. Ganz allein dieses richtige Leben ist das Ende des Todes. Das scheint mir authentischer, christlicher Glaube zu sein: Vertrauen in den Lebensweg des Jesus. So wie dessen Lebensweg das Leben des Vaters in unserer Welt sichtbar machte, so sollte jede Kirche das Leben des Vaters in unserer Welt sichtbar machen. Dann wüßten wir auf einmal, was es bedeutet, wenn wir von ewigem Leben reden. Vielleicht würden auch andere, die, wegen dem falschen Zeugnis der Kirchen, das Wort vom ewigen Leben gar nicht verstehen können, sich überzeugen lassen. Es besteht tatsächlich die Aussicht, den Tod zu besiegen. Nicht irgend eines fernen Tages. Sondern heute. Warum? Weil wir heute so leben können, wie der Vater lebt. Sein Leben ist in uns. Würden Kirchen (nicht nur Kleriker sind Kirche) auf die Art des Jesus das Reich des Vaters verkünden und darstellen, sie könnten, ohne jemand zu verletzen, Tote ihre Toten begraben lassen.
Jupp Wagner
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