Sünden vergeben

Christenpflicht oder Priesterrecht?

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VON SUNDEN ENTLASTEN … (Zu Jo 20, 23a)

Was der Jesus kann
können nun auch seine Schüler
wohlverstanden
die Schülerinnen so gut wie die Schüler
da macht der Johannes keinen Unterschied.
Im zwanzigsten Kapitel seines Evangeliums
steht ja nicht

Sünden vergeben

Christenpflicht oder Priesterrecht?

der Jesus habe die Zwölf angehaucht
sondern seine Schüler
alle seine Schüler
ohne Zahlenabgabe
ohne Geschlechtsangabe.
Wenn Johannes von Schülern spricht
dann sollte keiner diesen Kreis einengen
auf die Zwölf.
Den Unterschied
zwischen den Zwölf und den Schülern

kennt der Johannes nämlich auch.
Jesus haucht über seine Schüler hin
das heißt
in Worten unserer Schulabschlußprüfungen:
allen seinen Schülerinnen
(auch solche kennt der Johannes
ein paar davon standen unter dem Kreuz
ihre männlichen Kollegen
bis auf einen
waren getürmt)
und allen seinen Schülern
gibt der Jesus das Abschlußdiplom.
Nun können sie Sünden nachlassen
alle können sie Sünden nachlassen
nicht nur jene
die mit der Note ausgezeichnet bestanden
weil es unter den Jesusschülern
keine Benotung gibt.
Wenn der Jesus im zwanzigsten Kapitel
des Johannesevangeliums
Abschlußdiplome verteilt
dann ist er davon überzeugt
die frischgebackenen Meisterinnen und Meister
haben die Lektion der Fußwaschung
nun doch begriffen.
Denn auch bei dieser Lektion
waren die Schüler anwesend
und nicht nur die Zwölf
wie jeder nachlesen kann
im dreizehnten Kapitel des Johannesevangeliums.

Also Sünden nachlassen
wie der Meister
können nun auch die Schüler.
So wird in der lateinischen Übersetzung
interpretiert.
Doch könnte der griechische Urtext
viel weiter gedeutet werden:
"Wen auch immer
ihr von Fehlern entlastet
der soll davon entlastet sein."
Aramäisch müßte man können
um den ganz ursprünglichen Text
zu rekonstruieren.
Schon in der weiten Deutung
passt der griechische Text des Schülerdiploms
haargenau in die Auferstehungsvorstellung
der ersten Jesusgemeinde:
mit der Auferweckung des Jesus
am Sonntag
am ersten Werktag nach der Kreuzigung
hat die neue Schöpfung begonnen.
Nun sollen die Tage der neuen Schöpfung
weitergehen.
Doch die alte Schöpfung ist immer noch da.
Sie soll auch bestehen bleiben
bis auf ihre Fehler.

Ein Fehler der alten Schöpfung
war die Kreuzigung des Jesus.

Durch die Auferweckung des Jesus
wurde dieser Fehler aufgehoben
neutralisiert.
Durch den Vater.
Zwar trägt der auferweckte Jesus
die Narben der alten Schöpfung
die Narben einer Fehlentscheidung
die Narben menschlicher Unzulänglichkeit.
Sie können ihm jedoch nichts mehr anhaben
ihre tödliche Wirksamkeit ist aufgehoben.
Spuren der alten Welt sind sie
aufgenommen in die Welt des endgültigen Lebens.

Die neue Welt
ist eine Tat des Vaters.
Eine Tat in der Linie der Schöpfung.

Vor seiner Kreuzigung hatte der Jesus versucht
die alte Welt
zu einer neuen Welt umzukrempeln
Blinden die Augen
und Tauben die Ohren zu öffnen
Lahme zum Laufen zu bringen
Stummen die Zunge zu lösen
Aussätzige wieder
unter die Leute zu führen
sogar Tote das Atmen zu lehren.
Doch umsonst.
Die Fehler der alten Welt waren stärker.
Nun ist einer der Fehler aufgehoben
die Bahn frei für die neue Welt
nun gilt es
alle
wohlgemerkt alle
alle Fehler der alten Welt aufzuheben
die alte Welt
zu einer neuen Welt zu schaffen.
Was der Meister grundgelegt
die Schülerinnen und Schüler
sollen es zu Ende bringen.
Der Bevollmächtigte des Vaters
klebt nicht an seiner Vollmacht
er gibt sie weiter
ihnen allen
seinen Schülerinnen und Schülern
den frischgebackenen Meisterinnen und Meistern
denn viele Hände sind notwendig
um die Fehler der alten Schöpfung aufzuheben
bis keine mehr da sind.

… ODER SUNDEN BESTARKEN … (zu Jo 20,23b)

Die alte Schöpfung gibt so schnell nicht auf
sie bleibt bei ihren Fehlern
sie wehrt sich energisch
sie ist ungemein stark.
Auch davon geht die Rede:
"Wen auch immer
ihr in seinen Fehlern bestärkt
der ist darin bestärkt worden."
Klingt wie eine Warnung.
Wer die Kirchengeschichte kennt
weiß
wie berechtigt die Warnung war
weiß
wie oft Leute
mehr Männer wie Frauen
sich als Jesusschüler ausgaben
die andere Leute in ihren Fehlern bestärkten.
Doch warum in der Vergangenheit reden?
Wieviele Getaufte
machen heute genau die gleichen Fehler
wie Ungetaufte
und bestärken sie so in ihren Fehlern

statt sie davon zu befreien.
Denn diese Fehler sind Sünden
weil sie Fehler gegen die Schöpfung sind
weil sie Fehler gegen den Schöpfer sind
weil sie Fehler gegen den Vater sind.
Jesusschülerinnen und Jesusschüler
dürfen nicht in den Krieg ziehen
weder in den privaten
noch in den öffentlichen
dürfen keine ihrer Schwestern
dürfen keinen ihrer Brüder
abschrecken
verhungern und verdürsten lassen
erfrieren und ertrinken lassen
in Gefängnissen
und Gulags verkommen lassen.
Jesusschülerinnen und Jesusschüler
dürfen nicht tun
wie die berühmten drei Affen
Augen zu
Ohren zu
Mund zu.
Jesusschülerinnen und Jesusschüler
die ihre Schwestern und Brüder
in ihren Sünden bestärken
sind gewarnt.

… ODER VIELLEICHT GAR VERZEIHUNG VERWEIGERN?

Lange Jahre hindurch
wurde das Jesuswort
des dreiundzwanzigsten Verses
im zwanzigsten Kapitel des Johannesevangeliums
als Einsetzung des Bußsakramentes verstanden
auf priesterliche Vollmacht verengt
doch darum kann es sich gar nicht handeln
weil keiner der Zwölf
die als erste Priester und Bischöfe gelten
und auch noch keiner ihrer Nachfolger
der drei ersten Christengenerationen
jemals eine Absolution erteilte
obschon die Zwölf
wie alle Jesusschülerinnen
und alle Jesusschüler
ganz bestimmt
Fehler von andern Leuten aufhoben
andere Leute von ihren Sünden befreiten.
Sowas gehört ja zur Neuschöpfung.
Unbedingt.
Diese Vollmacht kann nicht abhängen
von Priestermangel
schon gar nicht von hausgemachtem Priestermangel
wie wir ihn heute erleben.
Wir Getaufte
alle
wohlverstanden alle
all die Getauften haben nicht bloß Vollmacht
sondern genau wegen dieser Vollmacht
auch die Pflicht
zur Versöhnung beizutragen.
Wir sind nicht nur gewarnt
sondern werden zur Verantwortung gezogen
wenn unsere Schöpfung zum Teufel geht
statt zum Vater.

NIE MEHR BOMBARDIEREN

Nach schlechter
aber bewährter Kirchenmanier
wäre mit diesen allgemeinen Sprüchen
der Wahrheit Genüge getan
müßte jeder konkrete Hinweis vermieden werden
keiner soll sich direkt anvisiert fühlen
ganz bestimmt keiner der Großen
nur Kleine sollen ihre Sünden bereuen
damit sie losgesprochen werden können.

Doch die Ereignisse der jüngsten Zeit
machen deutlich
daß der dreiundzwanzigste Vers
im zwanzigsten Kapitel des Johannesevangeliums
kritische Kraft hat
unterscheiden hilft.
Man stelle sich vor
all die Getauften wären wirkliche Jesusschüler
mit dem Meisterdipom in der Tasche
müßten dann nicht alle
wohlgemerkt alle
all die Getauften sich bemühen
um die Trockenlegung jeder Terrorismusquelle?

In: Le Monde 17.4.86

um die Unterscheidung zwischen berechtigten
und unberechtigten Forderungen?
um die Erfüllung aller berechtigten Forderungen?
Statt dessen
was tun die vielen Leute
mit dem Meisterdipom in der Tasche?
Wie Steinzeitmenschen klatschen sie Beifall
dem Freunde
der sich nachträglich verteidigt
indem er seine Bomber starten läßt
gegen Unschuldige in Städten
eines vermutlichen Angreifers.
Genau so bestärken sie ihn
in seiner Fehlentscheidung
und genau das hätten sie nicht tun dürfen.
Der weltweite Protest aller Jesusschüler
hätte doch hörbar sein müssen
da
Albanien ausgenommen
kein Land unserer Erde offiziell christenlos ist.

Müßten nicht alle
wohlgemerkt alle
all die Getauften
jedweden Abrüstungsvorschlag
jedweden Atomteststopp
jedweden Giftgasvernichtungswillen
egal von welcher Seite er kommt
unterstützen?
Statt dessen
was tun die vielen Leute
mit dem Meisterdipom in der Tasche?
Ganz einseitig verteilen sie ihr Mißtrauen
und bestärken so beide Seiten
in ihren Fehlentscheidungen
die aufschwemmen zu Sünden
zu Sünden gegen Gott und die Welt
gegen Kinder
gegen Frauen und Greise
gegen Elefanten und Ameisen
gegen Birken und Tannen
gegen Palmen und Meere
gegen Flüsse und Forellen
und natürlich auch gegen alle Leute
die das Jesusmeisterdipom in der Tasche tragen

die sich jedoch weigern
es hervorzuholen
die sich weigern
zu zeigen was sie können:
Versöhnung schaffen
Fehler aufheben
Fehler neutralisieren
Fehler unwirksam machen
in einer neuen Welt
welche nur die Narben der alten Welt trägt
verheilte Narben
zur ewigen Erinnerung daran
daß Verzeihen stärker ist als Rache
daß Frieden stärker ist als Krieg
daß Waffenverschrottung stärker ist als Aufrüstung
daß Gerechtigkeit stärker ist als Sicherheit
daß Freiheit stärker ist als Gesetz
daß Vertrauen stärker ist als Verzweiflung
daß Hoffnung stärker ist als Resignation

daß Liebe stärker ist als Tod.

Der Text (Jo 20,23) über den hier nachgedacht wurde, lautet in seiner Ursprache so:

ἄν τινων ἀφῆτε τὰς ἀμαρτίας, ἀφέων-
ται αὐτοῖς· ἄν τινων κρατῆτε, κεκρατήνται.
in der lateinischen Übersetzung: "Quorum remiseritis peccata, remittuntur eis; et quorum retinueritis, retenta sunt."
in der deutschen Übersetzung des Exegeten Rudolf PESCH: "Wem immer ihr nachlaßt die Sünden, ihnen sind sie nachgelassen; wem immer ihr sie festhaltet, ihnen sind sie festgehalten."
in der deutschen Einheitsübersetzung: "Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert."

Jupp Wagner

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