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Wir erwarten kein Kind

auch kein Christkind
nicht einmal unsere Kinder
erwarten das Christkind.
Die Großmütter
die Kindern einreden
bald komme das Christkind
sterben aus.

Der Weihnachtsmann
Väterchen Frost
ersetzt das Christkind.
Ist auch besser so
wäre nur noch zu wünschen
daß sich jemand dransetzt
und Weihnachtsmännerlieder komponiert
damit unter den Arkaden
oder in sonstigen Cactusläden
die Rose nicht mehr entspringen müßte
in der Hintergrundmusik
in der Kaufanreizmusik.

Wie gesagt
wir erwarten kein Kind
auch kein Christkind
und wie ebenfalls gesagt
das ist gut so.
Doch nur zum Teil.
Denn gerade das Kind
könnte uns drauf bringen
wie wenig moralische Wende
mit christlichem Glauben zu tun hat.
Obschon Christen zur Wende herausgefordert sind.
Allerdings nicht zur moralischen Wende.
Im letzten halben Jahr sind wir immer wieder
draufgestoßen worden
wie eine ganz andere Wende von uns gefordert ist
ja
gefordert
nicht bloß erwünscht
ist.
Es geht nämlich ums Überleben.
Von Tschernobyl bis zum Rhein
reichen die Menetekel

daß Wirtschaftswunderwachstum
ein Krebsgeschwür ist
das uns demnächst umbringt.

Wir erwarten kein Kind mehr
obschon es vielleicht gut wäre
wenn wir dem Kind in uns mehr Raum gäben
damit wir wieder würden wie Kinder
wie jener Mann
der sein Lebtag ein Kind geblieben war
von seinen Schülern erwartete.

Nein
naiv sind wir nicht
so naiv sind wir nicht
wir werden mit der Nase draufgestoßen
noch nie war die Butter so billig wie heute
wir haben neue Zuversicht geschöpft
ein neues Wirtschaftswunder ist am Kommen
nur der Zusammenhang
zwischen Wirtschaftswunderwachstum
und Tschernobyl oder Rheinvergiftung
wird uns verschleiert.
Die Atomlobby kann sich’s leisten
seitenlange Reklamen in Zeitungen zu bezahlen
uns einzubläuen
Strom aus Atom
sei notwendig
sei sauber
sei billig.
Atomkraftgegner bringen das Geld nicht auf
für seitenlange Anzeigen
die uns einbläuten
wie groß die Stromschwemme jetzt schon ist
wie unbeherrschbar Atomkraftwerke sind
wie teuer sie uns zu stehen kommen.
Nein
die moralische Wende reicht nicht aus
eine radikale Wende
eine substantielle Wende
ist vonnöten.

Das Kind in uns
muß seine Chance wiederbekommen

Zeichnung: Hanel

wir müssen wieder werden wie Kinder
auch unsere Kinder müssen wieder werden
wie Kinder.

Noch mehr Sicherheitsvorschriften
für unsere Atomkraftwerke
noch mehr Gesetze
für die Anrainerfabriken am Rhein
werden uns versprochen
damit wir schön brav bleiben
und das Wirtschaftswunder nicht am Wachsen stören
denn schließlich wird das Wunder
von den Wunderwirern
für uns gewirkt.

Ja
vielmehr nein
wir erwarten kein Kind
auch kein Kind mehr in uns
und deshalb werden wir behandelt
wie Säuglinge
die nicht imstande sind
zwei und zwei zusammenzuzählen
wie Säuglinge werden wir behandelt
wir werden süchtig gemacht
von den Großen der Welt
welche fürs Schaufenster Gesetze erlassen
wonach Waffenverkäufe an kriegführende Länder
verboten seien
doch Waffenhandel ist wesentlicher Bestandteil
des neuen wie des alten Wirtschaftswunderwachstums
deshalb werden Waffenproduzenten gefördert
deshalb wird Waffenschiebern
von höchsten Autoritäten das Alibi geliefert.

Nein
wir erwarten kein Kind mehr
wir haben das auch nicht nötig
werden wir doch selber wie Säuglinge behandelt.

Neue Gesetze
neueste Gebote
brandneue Vorschriften
werden wir erlassen
dann wehe euch
ihr Rhein-Oder-und-Elbeverschmutzer!

Bald
sehr bald
werdet ihr strengstens bestraft!
Und ihr
ihr Säuglinge alle
Hört!
Hört!
Habt ihr’s alle gehört
was wir den Flußverschmutzern sagten?
Empfindliche Strafen drohen ihnen demnächst.

Dazwischen die Stimme eines Naivlings:
"Wie wär’s denn
wenn die aal- und flußkrebstötenden Chemikalien
nicht mehr fabriziert würden?"

Doch der Naivling hat einen grünen Rock an
Grünröcke waren früher geachtete Leute

heute sind Grünröcke Naivlinge.
Es sind übrigens auch lauter Grünröcke
die den Ausstieg aus der Kernenergie fordern
woraus wieder ersichtlich ist
daß es sich um lauter Naivlinge handelt.

Nein
wir erwarten keine Naivlinge.
Obschon genau solche Leute
die richtige Wende einleiten könnten
keine moralische Wende
sondern eine substantielle Wende
die uns Säuglinge zu Kindern heranwachsen ließe
weil für uns ein Wirtschaftswachstum
total überflüssig würde
wenn wir uns mit dem begnügen wollten
was wir wirklich nötig haben
wenn wir mit all denen teilen wollten
die das Nötige nicht haben.

Doch Leute
die in unsern Kirchen das Sagen haben
zerschneiden das Tischtuch
zwischen sich und den Grünen
weil diese
Ungeborene zu töten bereit seien
obschon sie sonst nichts sagen
als daß Gesetze nicht in der Lage sind
dem Töten von Ungeborenen Einhalt zu gebieten
genau so wenig wie Gesetze unfähig sind
irgendeinem Flußverschmutzer das Handwerk zu legen
oder Atomkraftbetreiber zur Vernunft zu bringen.

Nein
wir erwarten kein Kind
kein Ungeborenes hat von uns was zu befürchten
doch die Geborenen
die wir unbedingt alle taufen mußten
auf den Namen jenes Mannes
der sein Lebtage ein Kind geblieben war
wir müßten sie erziehen
nicht zu warten auf Gesetze
bevor sie das Gute tun
und das Böse lassen.
Gesetze reichen nicht aus
sagen die Grünen
womit sie auf einer Linie liegen
mit einem gewissen Paulus
der vor fast zweitausend Jahren bereits
genau dasselbe sagte
in der Nachfolge jenes Mannes
der sein Lebtage ein Kind geblieben war.
Ob Leute
die in den Kirchen das Sagen haben
den Mut aufbringen
das Tischtuch zu zerschneiden
zwischen sich und jenem Paulus?

Jupp Wagner

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