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Die Jec Luxemburg (Jeunesse Etudiante Chrétienne) zusammen mit dem SNJ (Service National de la Jeunesse) hatten vom 15.-17. April in Echternach zu einem Seminar eingeladen. Thema: APARTHEID in Süd-Afrika. 75 Jugendliche aus Belgien, Deutschland, Frankreich, der Schweiz und auch Luxemburg waren dieser Einladung gefolgt.

Am ersten Tag wurde durch ein Rollenspiel klargemacht, was Rassentrennung im täglichen Leben bedeutet: Als Weißer in Südafrika leben heißt in einem Land wohnen: – wo der Ausnahmezustand herrscht, – wo Pressezensuren bestehen und – wo Polizeiratien zum Alltag gehören. Schwarze Hautfarbe haben heißt: – ein Mensch zweiter Klasse zu sein, – in absolut unmenschlichen Verhältnissen leben, – für Hungerlöhne arbeiten für die Weißen – von seiner übrigen Familie getrennt leben.

Der zweite Tag stand im Zeichen einer ausführlichen Information über Süd-Afrika. In kleinen Gruppen wurden Fragen ausgearbeitet, die anschließend den Experten, unter ihnen drei weiße Südafrikaner, gestellt wurden. Folgende Themen wurden von den Experten behandelt: – Das Leben einer weißen Studentin in Südafrika, – die Stellung eines Afrikaners zur Apartheid, – die Beziehung zwischen Europa und Süd-Afrika, – die Situation des "Young Christian Student’s Mouvement" in Süd-Afrika.

Nachmittags ging es dann weiter mit der Analyse der Apartheid-Ideologie der Europäer, dargestellt in der Rolle eines Bankiers, eines konservativen Politikers, eines südafrikanischen Diplomates, mit der Absicht die Argumente darzulegen, mit denen diese ihre guten Beziehungen zu einem unchristlichen Regime verteidigen. Diese Einstellung gibt es aber nicht nur im Ausland. Auch weiße Süd-Af-

rikaner argumentieren mit verdrehten Bibeltexten um ihre Positionen zu verteidigen.

Am Sonntag wurden dann mehrere Aktionspisten von verschiedenen Organisationen vorgestellt: Acat, Frères des Hommes, ASTM, A.I., Jec Européenne. Die nationalen Jec-Verbände überlegten sich konkrete Aktionen für die Zukunft. Eine Solidaritätserklärung wurde verfaßt und von allen Beteiligten unterschrieben, um am folgenden Tag Desmond Tutu in Brüssel überreicht zu werden.

Die Kirche in Süd-Afrika stellt sich auf die Seite der schwarzen Bevölkerung und tritt für ihre Rechte ein. Von der YCS in Süd-Afrika wissen wir, was das konkret für Schwarze und Weiße bedeutet: – so mußte einer unserer Süd-afrikanischen Gäste zusehen, wie vor seinen Augen ein Freund von der weißen Polizei erschossen wurde, – einige seiner Kameraden starben in einem mysteriösen Autounfall, – regelmäßig bekommen alle Gruppenmitglieder ihre Häuser durchsucht, – viele Mitglieder der Gruppen sitzen im Gefängnis.

Von weißen Süd-Afrikanern wissen wir, daß ein Handelsboykott unsagbar wichtig wäre, und daß unsere tiefempfundene Solidarität ihnen eine große Hilfe und ein großer Trost ist. Was muß denn noch geschehen, wieviel müssen Schwarze und Weiße noch leiden, bis Europa sich zu einem Boykott entschließen kann?

Wie groß das Interesse an unserem Seminar bis ins Ausland war, erfuhren wir nicht zuletzt durch das Auftauchen von zwei unbekannten gutgekeideten süd-afrikanischen Herren, die sich ausführlich informieren wollten. Auch die Tatsache, daß wir hier in Europa sehr streng kontrolliert werden, hat uns tief bewegt. Pol ESTGEN

POLITISCHE SPANNUNGEN

DER VERSCHIEDENEN
KIRCHEN

Ein weiteres Problem, so Beyers Naudé, sei die politische Spannung innerhalb der verschiedenen Kirchengemeinden. Aufgrund ihrer politischen Einstellung könne man die Kirchen in Südafrika in vier Gruppen aufteilen: 1) die drei weißen buri-schen Kirchen, die entweder die Politik Bothas unterstützten oder, noch weiter rechts, die Konservative Partei von Dr. A.P. Treurnicht oder die Afrikaanse Weerstandsbeweging (AWB); 2) die Mitgliedskirchen des Südafrikanischen Kirchenrates (SACC), die Apartheid ablehnten und ihr widerstünden; 3) die Pfingst-, Baptisten- und charismatischen Kirchen, die sich im allgemeinen als nicht politisch verstünden; 4) die große Zahl von schwarzen unabhängigen (einheimischen) Kirchen, die im allgemeinen unpolitisch oder politisch konservativ seien. Die größte von ihnen sei die Zion Christian Church (ZCC).

Beyers Naudé wies darauf hin, daß hinter der Bühne im Lande selbst bewußte Versuche unternommen würden, christliche Gruppen und Organisationen zu Stellungnahmen gegen die Führerschaft einflußreicher Kirchen, wie der anglikanischen (Erzbischof Desmond Tutu), der katholischen (Erzbischof Dennis Hurley) u.a. zu veranlassen, und mit Gegenaktionen Frieden und Ordnung in diesen Kirchen zu stören.

RADIKALISIERUNG UND

HINWENDUNG ZUR GEWALT

Die Krise in Südafrika zeige sich weiter darin, wie stark die Ueberzeugung – insbesondere bei der jüngeren Generation – gewachsen sei, daß Gewalt in der Form von bewaffnetem Widerstand notwendig wäre. Diese bedrohliche Entwicklung sei durch manche Kirchen und Kirchenführer mit großer Sorge wahrgenommen worden. Alle Kirchen, die gegen Apartheid sind, hätten auch Gewalt als Methode zur Lösung des Konfliktes verurteilt und abgelehnt. Beyers Naudé sieht vornehmlich zwei Ursachen für das Scheitern der mannigfaltigen Unternehmungen von seiten der Kirchen um Frieden und Versöhnung: zum einen die diametral

gegeneinanderstehenden politischen Ueberzeugungen innerhalb der südafrikanischen Kirchen, dann aber auch die Tatsache, daß die Anti-Apartheid-Kirchen, die sich so stark gegen Gewalt ausgesprochen haben, bis jetzt keine erfolgreiche gewaltfreie Strategie entwickelt und durchgeführt haben.

KEINE KLARE

STELLUNGNAHME AUS DEM
WESTEN

Insbesondere prangerte Beyers Naudé dann aber auch die Haltung der westlichen Staaten an, die aufgrund ihres großen wirtschaftlichen Interesses in Südafrika genügend Einfluß durch Druck auf die Botha-Regierung ausüben könnten. Diese Länder seien jedoch, so Beyers Naudé weiter, grundsätzlich nicht bereit, entschieden gegen Apartheid Stellung zu nehmen und erfolgversprechende gewaltfreie Maßnahmen gegen das Apartheidregime zu ergreifen und gegebenenfalls zu erzwingen. Diesen Mangel an effektivem Auftreten nütze die Botha-Regierung natürlich aus, um ihre "Reformpolitik" weiterzuführen.

VERANTWORTUNG DER

KIRCHEN?

Angesichts dieser Lage der Dinge warf Beyers Naudé dann die Frage auf, inwieweit die Krisenlage in Südafrika eine Herausforderung an die Kirchen darstelle. Die Kirche müsse sich im klaren sein, daß es in Südafrika grundsätzlich um einen Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Lüge, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit gehe. Alles stehe hier auf dem Spiel. Tragisch werde die Situation allerdings dadurch, daß ein Teil der Führerschaft der Kirche in Südafrika das erkenne, viele Kirchen es aber bezweifelten oder ablehnten. Beyers Naudé warf die Frage auf, was Christen tun könnten, um die immer mehr anwachsende Entfremdung auf so vielen Ebenen zwischen so vielen Menschen und Gruppen einzuschränken und zu überwinden. Schließlich müsse man sich fragen, welches moralische Recht die Kirche habe, andere aufzurufen, die Entfremdung zu beseitigen, wenn in den eigenen Strukturen diese noch nicht offen genannt oder gelöst sei.

Publik-Forum

ILLEGALE UND ILLEGITIME

REGIERUNG

In der Kirche herrsche das alte auf die Bibel zurückgehende Prinzip, der Staatsobrigkeit zu gehorchen. Es gäbe allerdings in der christlichen Tradition zahlreiche Beispiele, wo eine Kirche oder einzelne Christen unter bestimmten Umständen gezwungen waren, im Gehorsam gegenüber Gott der Staatsobrigkeit den Gehorsam zu verweigern. Beyers Naudé warf die Frage auf, ob eine Kirche nicht auch das Recht, ja sogar die Pflicht habe,

eine Staatsobrigkeit, die sich ernsthafter und fort-dauernder Verbrechen an den grundsätzlichen Menschenrechten sowie der Verbrechen an den biblischen Maßstäben von Liebe, Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung schuldig mache, als moralisch und ethisch illegitim zu erklären. Und ob eine solche Erklärung nicht zur nächsten logischen Schlußfolgerung und zu dem Schritt führen müsse, daß eine solche Obrigkeit verfassungsmäßig illegal geworden sei und deswegen kein Recht mehr habe, als die legal anerkannte Obrigkeit des Landes akzeptiert zu werden? In dieser Frage könne die Kirche nicht länger tatenlos zusehen, ohne Gefahr zu laufen, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.

DISKUSSION DER GEWALTFRAGE

Einige Aussagen der Erklärung der PCR-Konferenz des Oekumenischen Rates (Mai 1987) zitierend, hob Beyers Naudé hervor, daß der Südafrikanische Kirchenrat dieses Manifest in seiner Nationalkonferenz im Juli 1987 im vollständigen Wortlaut übernommen und diesen Entschluß zur Erwägung an alle Mitgliedkirchen geschickt habe. Die anglikanische Kirche habe das Manifest im November 1987 empfangen und angenommen, gleichzeitig aber einen sehr ernsten Appell vorgebracht, um aufs neue nach friedlichen Mitteln zu suchen, um die Krise in Südafrika beenden zu können. Für viele Christen innerhalb und außerhalb Südafrikas reflektiere diese Aussprache aber unterschiedliche Ueberzeugungen, die im ernsthaften Widerspruch zueinander stünden. Dazu komme die Tatsache, daß die jüngere, schwarze, politisch bewußtgewordene Generation in zunehmendem Maße der Ueberzeugung sei, daß die Anwendung von Gewalt gerechtfertigt sei. Die gegeneinanderstehenden Aussagen von Kirchen und Christen schafften ein großes Dilemma, eine Krise von Glaubwürdigkeit und zahlreiche Verwirrungen in Kirche und Gesellschaft. Wenn es der Kirche nicht gelinge, diese widersprüchlichen Aussagen und Haltungen auf einen Nenner zu bekommen, gäbe es wenig Möglichkeiten, die Gewaltfrage zu lösen.

INTERNATIONALER DRUCK ALS METHODE

Beyers Naudé verwies darauf, daß es seit Jahren schon eine Reihe von Organisationen gäbe, die versuchten, die Krise durch Druck auf die weiße Minderheitsregierung zu lösen. Sicherlich hätten Disinvestment und Sanktionen neben bestimmten Boykottaktionen in beschränktem Maße erfolgreich durchgeführt werden können, sie seien aber lediglich ein Tropfen auf einen heißen Stein gewesen, der es nicht vermochte, die stark gefestigte Apartheidsstruktur umzustoßen. In diesem Zusammenhang warf Beyers Naudé die Frage an die universale Kirche auf – also der großen protestantischen Kirchen in einer einheitlichen Gesamtheit mit der katholischen Kirche und mit den anderen Hauptreligionen der Welt – ob sie überhaupt glaubten, daß es möglich wäre, in einer gut vorbereiteten Weltkampagne das ganze Apartheidsystem herauszufordern, anzugreifen und erfolgreich in die Knie zu zwingen. Ob es an Glauben oder aber an Willen mangele?

BEFREIUNGSTHEOLOGIE UND STATUS CONFESSIONIS

Eine verantwortliche und erfolgreiche Beteiligung der Kirche an der Lösung von Weltfragen, wie Gerechtigkeit, Menschenwürde, Menschenrechte, Befreiung, Versöhnung und Frieden sei allerdings erst dann möglich, so Beyers Naudé, wenn die Kirche in der ganzen Welt das richtige Verständnis dieser Fragen habe. So gäbe es bereits Unterschiede bezüglich des Verständnisses dieser Begriffe und ihrer Bestimmung, die aus der Welt geschafft werden müßten. Die ernsthaften Probleme, mit denen Südafrika konfrontiert ist, könnten nur gelöst werden, wenn sich alle Betroffenen gleichermaßen an der Diskussion des Problems beteiligten: nicht nur Theologen, sondern auch Laien, nicht nur Männer, sondern auch Frauen, nicht nur Erwachsene, sondern auch die Jugend, nicht nur die Kirchenführung, sondern auch das Kirchenvolk. Schließlich müßten sich die Christen aller Bekenntnisse, Protestanten, Katholiken, Evangelikale und Pfingstkirchen, zusammenfinden. Die Konflikte Lateinamerikas, Südafrikas, des Mittleren Ostens und der Philippinen gehörten zusammen, und müßten deswegen zusammen gesehen werden. Aufgrund dieser Erfahrung habe er, Beyers Naudé, sich auch entschlossen, den Preis, der ihm hier verliehen werde, dem Institut für Kontextuelle Theologie in Johannesburg zur Verfügung zu stellen, mit der Bitte, daß dieses Institut mit anderen ähnlichen Instituten Kontakt aufnehme. Das Ziel sei, in allen Konfliktgebieten der Welt, eine Struktur zu schaffen, die dazu beitrüge, daß Menschen zusammenkommen, um die Probleme ihrer Region zu lösen.

aus "Orientierung" Nr 3 + 4,1988, zusammengefaßt von C. B.

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