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In Notzeiten sucht der Notleidende Schuldige. Dieser sozialpsychologische Mechanismus ist so alt wie die Menschheit. Daß dann jeweils Unschuldige zu Sündenböcken gestempelt werden und z. T. mit ihrem Leben für die Fehler von andern

büßen müssen, ist nicht neu, enthebt uns aber nicht der Verantwortung, entsprechende Vorurteile rechtzeitig zu erkennen und ihnen gegenzusteuern.

5 – Nehmen die Ausländer uns die Arbeitsplätze weg?

Als Ende 1929 die große Weltwirtschaftskrise ausbrach, konnte Hitler lachen. Seine Haßtiraden gegen die Juden fanden endlich Gehör. Den Juden wurde

die Verantwortung für die Massenarbeitslosigkeit in die Schuhe geschoben. Und das war keineswegs nur in Deutschland so: auch in Frankreich, Belgien,

Großbritannien, Österreich, Polen, Ungarn, Rumänien, gab es rechtsextreme Bewegungen, die den Juden, aber häufig auch "den" Ausländern, die Schuld an der wirtschaftlichen Misere gaben.

Es darf also nicht verwundern, wenn angesichts der Wirtschaftskrise seit Anfang der 1980er Jahre erneut fremdenfeindliche Parolen, auch in Luxemburg, auftauchen, die in der Forderung gipfeln, alle Ausländer nach Hause zu schicken und den Einheimischen die frei werdenden Arbeitsplätze zu reservieren. Das Programm eines Le Pen in Frankreich dürfte bekannt sein, so daß ich es hier nicht zu wiederholen brauche. 1984 schrieb die FELES in Luxemburg: "Wann elo Leit vu weidere Länner, déi ennerwee si fir an d’E.G. opgeholl ze gin, sech ouni Aarbecht an Aussicht op Aarbecht hei nidderloosse kennen (…), da kennt bei äis eng Situation op dem Aarbechtsmaart, déi mir onmeiglech am Greff behalen. D’Zuel vun de Leit ouni Aarbecht geet rapid an d’Luucht, d’Schwaarzaarbecht (fir en illegalen Hongerloun) hellt nach méi zou, et gi sozial Onroue mat alle Begleetemstänn déi een hei net all opziele kann."

Da die Arbeitslosigkeit in Luxemburg sich allerdings in Grenzen hält, klingt diese simplistische Forderung wenig glaubhaft. Selbst bei der sog. "Nationalbewegung" findet man das Argument daher nicht in direkter Form. Es muß mit subtileren Vorurteilen gearbeitet werden. "Wéi kann ee sech nach doheem fille bei esouvill frieme Gesichter déi een dacks onhéiferlech mat ‚Parlez français‘ opfuerderen, sech hinnen unzepassen awer nemmen net emgedréit!", heißt es in einem Flugblatt der genannten Vereinigung. "On

peut entrer ici au Luxembourg dans n’importe quel magasin ou restaurant, la seule chose qu’on vous demande est toujours ‚Parlez-vous français?‘ (…) A quand les infirmières parlant japonais ou les serveuses souaheli?" fragte im Mai 1988 in der Zeitschrift der Jungdemokraten "Demo 80′ ein anonymer GuWe.

Sicher ist es für viele Luxemburger unangenehm, in vielen Geschäften französisch reden zu müssen. Entgegen einer in intellektuellen Kreisen verbreiteten Meinung sprechen die meisten Luxemburger nämlich trotz 10jährigen Unterrichts keineswegs problemlos Französisch wie Deutsch oder Luxemburgisch. Daß sie also auf das Vorurteil hereinfallen, daß ihre Verständigungsschwierigkeiten auf die Präsenz der zahlreichen Ausländer zurückzuführen sind und daß sich ihre Kaufgewohnheiten erleichtern ließen durch die Ausweisung der Ausländer zugunsten von Luxemburger Arbeitsuchenden, kann man verstehen. Doch volkswirtschaftlich gesehen ist die Gleichung unhaltbar, die "Lösung" ein Trugschluß.

Luxemburg braucht nämlich die ausländischen Arbeitskräfte. Für Wirtschaftszweige wie die Baubranche ist das gewußt, und es heißt mit einem Hauch von schlechtem Gewissen in der Stimme, der Luxemburger wolle keine schmutzigen Arbeiten mehr leisten. Doch in der Wirtschaft sind andere als moralische Erklärungsmuster strukturbestimmend.

Eine erste Ursache liegt sicher im demographischen Bereich. 1981 arbeiteten in Luxemburg 81,3% aller hier wohnenden Männer (78,9% der Luxemburger)

Robert Soisson

und 40,4% aller Frauen (47,2% der Luxemburgerinnen). Nur in der unrealistischen Hypothese, daß 90,7% aller Luxemburger Männer und Frauen gearbeitet hätten, wäre es möglich gewesen, auf Einwanderer und Grenzgänger zu verzichten. Zwischen 1960 und 1980 verschwanden in Luxemburg 24500 Arbeitsplätze (13000 in der Landwirtschaft, 11500 in der Industrie); im selben Zeitraum wurden 52100 neue Arbeitsplätze geschaffen (15200 in der Industrie, 36900 im Dienstleistungssektor). Die aktive Bevölkerung luxemburgischer Nationalität nahm gleichzeitig um 3400 Einheiten ab. Es mußten also Ausländer gefunden werden, um die anstehende Arbeit zu leisten und so die Luxemburger Wirtschaft am Laufen zu halten.

Doch auch diese demographische Ursache ist nicht die einzige Erklärung. Paul Wiltgen hat nachgewiesen, daß die massive Präsenz von Ausländern in bestimmten Wirtschaftssektoren nicht auf die Bequemlichkeit der Luxemburger zurückzuführen ist, sondern handfeste wirtschaftliche Ursachen hat (1). Teilt man die Masse der Lohnempfänger in 10 gleichgroße Gruppen (Dezile), umfaßt die unterste Gruppe, mit den niedrigsten Löhnen, 52,8% Portugiesen. Es besteht auch eine klare negative Korrelation zwischen der Höhe der Investitionen und der Anzahl der beschäftigten Portugiesen in einem Betrieb. In Industriebetrieben, in denen zwischen 1970 und 1980 weniger als 600.000 Franken pro Lohnempfänger investiert wurden, arbeiten 37,3% Portugiesen; in solchen, die mehr als 1 Mio. Franken pro Arbeitsplatz investiert haben, sind nur 12,3% Portugiesen beschäftigt. Genauso fällt die portugiesische Präsenz mit steigender Produktivität der Betriebe. Portugiesen sind daher auch desto seltener anzutreffen, je mehr der Betrieb exportorientiert ist: in Betrieben, die bis zu 20% ihrer Produktion ausführen, gibt es 41,4% Portugiesen gegenüber 9% in jenen Unternehmen, die mehr als 90% ihres Umsatzes aus dem Exportgeschäft ziehen.

In andern Worten: Die Portugiesen arbeiten vornehmlich zu Niedrigstlöhnen und in Betrieben mit geringer Produktivität und veralteter Infrastruktur. Noch anders ausgedrückt: Die Einstellung von portugiesischen Arbeitern zu niedrigen Lohnbedingungen erlaubt einer Reihe von Luxemburger Betrieben, Investitionen zu sparen und trotzdem noch auf dem Binnenmarkt gegenüber dem ausländischen Angebot konkurrenzfähig zu sein. Sie ermöglicht gleichzeitig den Aufstieg der Luxemburger Arbeitnehmer in Branchen mit günstigeren Arbeitsbedingungen.

Würde man alle ausländischen Arbeitnehmer entlassen, wie dies von bestimmten Kreisen suggeriert wird, würde dies ganz einfach den Zusammenbruch ganzer Wirtschaftszweige und damit den Bankrott der Luxemburger Wirtschaft bedeuten. An Stelle des erhofften Mehrangebots an offenen Arbeitsplätzen für die Luxemburger Arbeitslosen würden auch die Luxemburger Arbeitnehmer ihre Stelle verlieren. Weltwirtschaftlich gesehen wäre dies allerdings die einzige Möglichkeit, die Wanderbewegungen der Arbeitskräfte abzubauen und eine "schokelasfaarweg Gesellschaft" in Luxemburg zu verhindern, wie

die "Nationalbewegung" in ihren Flugblättern verlangt: das Kapital müßte dort investiert werden, wo ein Arbeitskräfteüberschuß besteht, und das ist langfristig nicht in Luxemburg der Fall. Falls das wirklich der Wunsch dieser Nationalisten ist, sollen sie es offen sagen.

Die Einstellung von portugiesischen Arbeitern zu niedrigen Lohnbedingungen erlaubt einer Reihe von Luxemburger Betrieben, Investitionen zu sparen und konkurrenzfähig zu sein.

Im übrigen werden die Ausländer von der Wirtschaftskrise stets noch stärker getroffen als die Luxemburger. Sie wurden schon während des 1. Weltkriegs und in den 1930er Jahren als erste entlassen (2) und auch heute erlaubt ihre frühzeitige Rückwanderung ins Heimatland, die Arbeitslosenstatistiken bei uns recht niedrig zu halten.

Die Schlüsselrolle der Ausländer in der Luxemburger Wirtschaft ist auch keineswegs auf die Baubranche beschränkt. Bei der Volkszählung von 1981 waren die Ausländer überrepräsentiert (bei genau 30% der aktiven Bevölkerung und 32% der Lohnempfänger) mit 42% bei den Führungskräften aller Wirtschaftssektoren zusammen, mit 45% bei allen Arbeitern, mit 48% bei allen Handlangern, mit 59% bei den Hausangestellten, mit 62% beim Personal des Gastgewerbes, mit 76% bei den Beschäftigten der Reinigungsbetriebe, mit 82% bei den Führungskräften der Gummi- und Plastikindustrie, mit 84% bei den Beschäftigten der Baubranche (3). Im Juni 1988 gab es in den Banken und Kreditinstituten 61% Ausländer bei den Führungskräften der Banken und Kreditinstitute, 37% Ausländer bei den Bankangestellten (4).

In diesen letzten Zahlen sind auch die Grenzgänger enthalten. 1981 gab es deren insgesamt 13400 im Lande. Gerade sie, die hier arbeiten, ohne hier zu wohnen, integrieren sich naturgemäß am schlechtesten in die Luxemburger Gesellschaft. Sie sind es, die am häufigsten den Luxemburger Käufer auffordern, französisch zu reden, und nicht die jungen Portugies(inn)en, die längst in der Schule luxemburgisch gelernt haben und sich in der neuen Sprache meistens recht gut auszudrücken verstehen. An diesem Beispiel zeigt sich ganz besonders krass, wie ein Vorurteil Unschuldige trifft.

m.p.

(1) Paul Wiltgen, Les effets économiques de l’immigration au Luxembourg. Le cas des Portugais, in: Letzebuerg de Letzebuerger? Le Luxembourg face à l’immigration, éd. par l’ASTI, Luxembourg, Editions Guy Binsfeld, s.d. (1985), p. 91-113.

(2) Gilbert Trausch, L’immigration italienne au Luxembourg des origines (1890) à la grande crise de 1929, in: Hémecht 33 (1981), p. 443-471.

(3) Michel Pauly, L’immigration dans la longue durée. Esquisse introductive, in: Letzebuerg de Letzebuerger?, op. cit., p. 8.

(4) Bulletin trimestriel de l’Institut Monétaire Luxembourgeois, juillet 1988.

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