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Heute werden die kirchlichen Theorien über Gott und Welt, über richtiges und falsches menschliches Verhalten nur noch von einer Minderheit akzeptiert. Deshalb gehört in die staatlichen Schulen kein Unterrichtsfach "Religion". Kein moderner Staat besitzt die Kompetenz zu beurteilen, welcher philosophischen oder religiösen Option der Vorzug zu geben ist, noch hat er die Berechtigung, auf Kosten der Allgemeinheit irgendeine Religionsgemeinschaft zu privilegieren.
Für alle Lyzeen,
lehren sie nun Technisches oder Klassisches, gilt zwar diese Überlegung. Doch sollten Lyzeumsschülerinnen und -Schüler sich in kritischem Denken üben. Dazu kann ein informativer Kurs über Religionen (in der Mehrzahl) und die verschiedenen Moralsysteme anregen. Religion und Philosophie als Phänomene der Menschheit gehören zweifelsohne in die Lyzeen. In Geschichte und Sozialkunde kommen sie bereits zur Sprache. Ebenfalls im Literaturunterricht. Ich kann mir vorstellen, wie in einem Kurs über Religionen deren innere Strukturen thematisiert werden, wo hingegen im Geschichts- und Sozialkundeunterricht Religionen in ihrer Ambivalenz als Faktoren sowohl von Befreiung, Entwicklung und Förderung, aber auch von Herrschaft, Ausbeutung und Verdummung thematisiert werden.
"Enseignement religieux"
nennt sich ein Schulfach in den Luxemburger Staatsschulen. Zwar wird in nicht wenigen Klassen der technischen und klassischen staatlichen Lyzeen von katholischen Katechetinnen und Katecheten Religionsunterricht nicht mehr nach vorkonziliarem Muster gehalten. Eher findet so etwas statt wie lebenskundliche Plauderstunden und Diskussionsrunden. Daß dies einem Bedürfnis der Schüler entsprechen mag, soll nicht in Frage gestellt sein. In Frage gestellt soll aber bleiben, ob noch immer der Bischof den Titularen des "Enseignement religieux" ihre Anstellung gibt, welche der Staat – das sind alle Steuerzahler – dann bezahlen darf. Weiterhin sei die Frage
aufgeworfen, ob das Lebenskundefach, welches unter dem Titel "einseignement religieux" läuft, nicht unter falscher Flagge segelt. Eine weitere Frage sei gestellt für die nähere Zukunft:
Neuevangelisierung
lautet die römische Parole. Abgesehen davon, daß damit von Rom zugegeben wird, was in Luxemburg nicht wahr sein darf: die Altevangelisierung von Kindern und Jugendlichen hat nichts gebracht. Neuevangelisierung soll’s bringen. Europa soll wieder katholisch werden. Mit Hilfe der Staatsschulen? Der für 1992 erwartete römische Weltkatechismus wird wieder die traditionellen tridentinischen drei "G" lehren: Glaubensbekenntnis, Gebote, Gnadenmittel. Wird er das Musterschulbuch für den Religionsunterricht werden?
Ein moderner, pluralistischer Staat ist die Gesamtheit seiner Bürgerinnen und Bürger. Die wollen politisch Demokratie verwirklichen, können nicht so tun, als hätten die Reformation, die französische Revolution und die Aufklärung nicht auch Europa geformt. Ist es recht, wenn ein Staat des ausgehenden zweiten christentümlichen Jahrtausends den Versuch seiner eigenen Rekatholisierung finanziert?
Jobkiller
zu sein, wird den RU-Gegnern vorgeworfen. Das ist einmal ein Problem der Arbeitsbeschaffung. Doch wenn Kirchen im nächsten Jahrtausend wirklich glaubwürdig sein wollen, dann darf es keine in Kleriker und Laien zweigeteilte Kirchengemeinschaft mehr geben. Das ist ein theologisches Problem, welches sich ausweitet in der Gesellschaft des ersten nachchristentümlichen Jahrtausends. Da wird offenbar werden, daß Christsein kein Beruf mehr sein kann. Nur noch Zeugnis. Darum unbezahlbar. In jeder Hinsicht.
Niederanven, 1. September 1991
Jupp WAGNER
ehemaliger Kleriker
Heute werden
die
kirchlichen
Theorien
über Gott und
Welt, über
richtiges und
falsches
menschliches
Verhalten nur
noch von
einer
Minderheit
akzeptiert.
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