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Es war wohl bloß ein Versuchsballon, der am Freitag, den 8. November 1991 gestiegen war und eine undeutliche Zölibatsbemerkung des Berliner Kardinals Sterzinsky sowie eine blasse Erklärung des Rottenburger Bischofs Kasper in etliche Zeitungsspalten brachte. Die Reaktion blieb entsprechend mäßig. Erst am 16. November kam im "Luxemburger Wort" das Dementi: "Sterzinsky: Äußerungen verfälscht und aus dem Zusammenhang gerissen: ‚Bei Zölibat keine Diskrepanz zwischen meiner Meinung und Lehramt’". Wer allerdings die fünf KNA-Spalten zu Ende las, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, der Berliner Kardinal sei zur Ordnung gerufen worden. Denn die "Berliner Morgenpost" gibt vor, anhand eines Tonbandmitschnitts nachzuweisen, die Äußerungen des Kardinals zum Zölibat und zur Priesterweihe von Frauen exakt wiedergegeben zu haben, und zudem sei der Text vor der Veröffentlichung mit der "zuständigen Stelle des Bischöflichen Ordinariats abgestimmt" worden. Offenbar war da eine Panne passiert. Erstaunlich, daß die fünf Spalten ins LW kamen. Auch eine Panne?

Zu unwahrscheinlich waren die Auslassungen von Sterzinsky. Hatte denn seine Heiligkeit Papst Johannes Paul II. auf seiner letzten Reise den Zuhörern nicht eingehämmert, am Zölibat werde nicht gerüttelt? Obschon daran längst gerüttelt ist. Haben doch nicht wenige brasilianische Pfarrer Frau und Kinder.

Längst vor Sterzinskys Auslassungen, die in der Tat kein neues Element zur Zölibatsdiskussion hinzufügen, ist die Zölibatsideologie durchlöchert gewesen. Unzählige katholische Frauen und Männer hielt sie (und hält sie noch immer) in Unreife und Abhängigkeit. Hunderttausend katholische Frauen und Männer trieb sie ins Elend. Elend in vielfacher Hinsicht. Jene Frauen und Männer hatten die "Jungfräulichkeit" in Kauf genommen, um ein Ideal (siehe Eugen Drewermann: Kleriker, Psychogramm eines Ideals) zu erreichen. Als sie es dann doch nicht schafften, standen sie eines schönen Tages, oft mit nicht mehr als ein paar Tausendfrankenscheinen in der Tasche, buchstäblich auf der Straße. Andere "bleiben im Amt" und leben eine heimliche Liebe, ein Versteckspiel, das die Frau und den Mann auslaugt. Noch andere bleiben entgegen dem Kirchengesetz mit Frau und Kindern in ihrer Pfarrei und beweisen, daß auch ein verheirateter römisch-katholischer Priester ein guter Pfarrer sein kann. Es wird behauptet, in Deutschland unterhielten ein Viertel bis ein Drittel der Priester eine nicht rein platonische Freundschaft zu einer Frau. Es wird glaubhaft versichert, in manchen Ländern Südamerikas tummelten sich in mehr als der Hälfte der Pfarrhäuser nicht die Neffen, sondern die leiblichen Kinder des Padre, der Tisch und Bett mit seiner Frau teilt. Dies mit Wissen der eigenen Bischöfe. In Afrika sei’s womöglich noch schlimmer

um den Zölibat bestellt, weil ein afrikanischer Mann ohne Frau und Kinder nicht für voll genommen wird.

Und nun wird bekannt, daß man "unter dem Schock des niedergeschlagenen Prager Frühlings 1968 … zahlreiche Untergrundbischöfe weihte, um das Überleben der Untergrundkirche auch in schlimmsten Verfolgungsfällen zu sichern. Auch der heutige Papst Johannes Paul II. war, als damaliger Krakauer Kardinalerzbischof hieran beteiligt" (Publik-Forum Nr. 23 vom 15. November 1991, S.21). Franz Gansriegler in seinem Buch, Jeder war ein Papst. Geheimkirchen in Osteuropa (Otto Müller Verlag, Salzburg S.204): "Als sich noch vor der sanften Revolution vom November 1989 die tschechischen Ordinarien mit vielen Gläubigen zur Heiligsprechung der heilige Agnes von Böhmen in Rom einfanden, kam es zu folgendem Gespräch: ‚Papst Johannes Paul II. erkundigte sich beim Brünner Kapitelvikar Horky nach den mährischen Untergrundbischöfen.‘ Horkys Antwort: ‚Bei uns gibt es keine Untergrundbischöfe.‘ Darauf der Papst: ‚Merkwürdig, zwölf von ihnen habe ich seinerzeit als Erzbischof von Krakau geweiht.‘ Doch es gab mehr Geheimbischöfe als jene von Kardinalerzbischof Karol Wojtyla geweihten. ‚Einer der geheim geweihten Priester, Fridolin Zahradnik, Vertrauter des 1975 verstorbenen Prager Kardinals Trochta, hat … die Bischofsweihe erhalten. Er arbeitet heute als Sozialarbeiter … Viele Verheirateten wurden durch Zahradnik zu Priestern geweiht. Sie alle warten heute auf die öffentliche amtliche Anerkennung ihrer Weihe durch Rom. … Um inhaftierten Frauen die Sakramente spenden zu können, wurden auch Frauen geweiht. Von Rom offiziell bestätigt wurde die Priesterweihe zweier Frauen aus der Slowakei, die vom verstorbenen griechisch-katholischen Geheimbischof Krett geweiht wurden und sich nach der Wende an den Prager Kardinal Tomasek um Rat und Hilfe wandten. Wieviele Frauen eine Diakoninnen- oder Priesterweihe erhielten, ist unbekannt." (Publik-Forum Nr 23., S.21)

Der Priesterpflichtzölibat ist das Paradebeispiel für die vielen Ideologien, welche die römische Kirche von Tag zu Tag unglaubwürdiger machen. Laut Lexikon für Theologie und Kirche ist Ideologie "die Bezeichnung solcher Überzeugungen des Menschen, die vom Realitätsprinzip nur vermeintlich, tatsächlich aber vom Zweck der Erfüllung subjektiver Interessen beherrscht sind" (Lexikon für Theologie und Kirche, 1960, Bd. 5, Sp. 605). Von jener musealen, nie richtig funktionierenden Verknüpfung von "Priesteramt" und Ehelosigkeit hat das Volk Gottes nie viel gehalten. Unsere Mutter behauptete in ihrer deftigen Sprache, die Kinder der Pastoren schauten bei anderen Leuten zum Fenster heraus. In ihrem Vorwort zu David Rice’s Buch Kirche ohne Priester (München 1991) schreibt Uta Ranke-Heinemann (für wahrhafte Katholiken keine Gewährsfrau): "Die Ära

Von jener musealen, nie richtig funktionierenden Verknüpfung von "Priesteramt" und Ehelosigkeit hat das Volk Gottes nie viel gehalten.

einer männlichen Herrschaftskaste von Hirten über eine tumbe Herde … hat ihr Haltbarkeitsdatum längst überschritten." Die oberste alte Garde im Vatikan hatte 1139 instinktiv ihre Vorteile wahrgenommen: Unverheiratete sind besser zu manipulieren als Verheiratete. Und so war noch bis vor kurzem aus den Mündern der meisten Lehramtsinhaber (für alle, die in der kirchlichen Sprachregelung nicht so zu Hause sind: gemeint sind die Bischöfe) zu hören, der Zölibat sei doch längst kein Thema mehr, da Seine Heiligkeit Papst Johannes Paul II. Endgültiges dazu gesagt habe. Womit die Lehramtsinhaber ihre wahre Identität offenlegen, welche im Grunde die Negation einer Identität ist, da sie nur nachzusprechen brauchen, was ihnen "von oben" vorgesagt wird. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit werden die Lehramtsinhaber sich über kurz oder lang einer anderen Sprachregelung befließigen: eigentlich habe man ja schon immer gesagt, daß Priesteramt und Ehelosigkeit zwei Schuhe aus grundverschiedenen Paaren sind. Und, wie der Rottenburger Bischof vorturnte: die Kirche würde nur gewinnen durch verheiratete Priester, da sie über Ehe und Familie mit größerer Kompetenz sprechen könnten. Doch Vorsicht: in diesem Rottenburger Bischofsaus- und -anspruch sitzt der Ideologiewurm schon wieder drin. Nicht bloß, weil die aus Rottenburg zu hörende Binsenwahrheit längst von katholischen Frauen und Männern gewußt war, ehe ein Bischof sie auszusprechen wagte. Vielmehr scheint der Verein alter römischer Herren gemerkt zu haben, daß das Volk Gottes ihnen ihr Gerede vom edelsteinsblitzenden Diadem (Paul VI. in seiner Enzyklika über den "Heiligen Zölibat") der Priesterchelosigkeit nicht mehr abnimmt. Es gibt inzwischen eine umfangreiche Literatur, welche offenlegt, daß die Edelsteine allzuoft nichts sind als blindgewordene Glasscherben. Die Ideologie ist durchschaut und durchlöchert. Eine neue muß her. An ihr scheint man nun zu basteln. Ob sie sich verkaufen läßt? An wen? An junge Priesteramtskandidaten? Für den Augenblick wohl nur an verheiratete Männer, die zu Priestern geweiht werden wollen. Von verheirateten Frauen, die zum Priesteramt zugelassen werden, geht noch überhaupt keine Rede. Doch irgendwann wird auch diese Kurve gekratzt werden. Aus ideologischen Gründen. Auch geht, so weit ersichtlich, noch keine Rede davon, die aus ihrem Amt verjagten verheirateten Priester wieder in ihr Amt zuzulassen. Doch irgendwann wird auch diese Kurve gekratzt werden. Aus ideologischen Gründen. Dann nämlich, wenn man merkt, daß keine Institution hunderttausend (ja so viele sind es inzwischen) ausgebildete Leute fortjagen und anschließend zum lieben Gott um "geistliche Berufe" beten kann. Irgendwann werden Lehramtsinhaber merken, daß ihr Unglaube offenbar wird, wenn sie so mit ihrem lieben Gott umspringen: einerseits ausgebildete Leute abservieren, weil sie nicht ins ideologische Kirchenrechtskonzept passen, und dann andererseits Ihn zum Erschaffen solcher Menschen animieren, die in die von Lehramtsinhabern erschaffene Ideologie passen. So weit ich etwas von Jesus, dem Erfinder des christlichen Glaubens, verstehe, wird jener Gott, an den er glaubte, den Lehramtsinhabern was husten. Deshalb wird es nicht bei dem einen Loch der Zölibatsideologie bleiben. Das haben, wie die Ereignisse in östlichen Ländern demonstrieren, Ideologien so an sich: ist mal ein

Loch drin, werden von der Ideologie bald nur noch Fetzyn übrigbleiben.

Grundideologie unangetastet: der kirchliche Klerikalismus

Diese Überlegung kann nicht abgeschlossen werden, wenn sie nicht darauf hinweist, daß die Grundideologie des römischen Katholizismus, trotz der Zölibatsdurchlöcherung, intakt bleibt. Grundideologie ist nämlich der kirchliche Klerikalismus. Genau der wird gestärkt. Fast alle Kirchenoberen setzen ausschließlich auf Kleriker. Mittlerweile wären sie sogar bereit auf den hoch- und heiliggelobten Zölibat (einstweilen) zu verzichten, wenn sie nur wieder genügend Ganz- und Halbkleriker zur Verfügung hätten. Unter den Priestern, die ihren Dienst quittieren mußten, weil sie heirateten, möchte wohl ein Drittel in ihre alte, klerikale, Kirche zurückkehren. Sie können sich immer noch keine unklerikale Kirche vorstellen, obschon der Herr aller Kirchen sich keine klerikale Kirche vorstellen konnte. Und schließlich wissen die Bischöfe sich einig mit dem Großteil der Getaufen, die gar nicht selbst Kirche sein wollen, sondern nur von Zeit zu Zeit einen Kleriker wünschen zur Feier der Lebenswenden von Geburt, Pubertät, Heirat und Tod.

Jener Teil des Volkes Gottes nämlich, welcher sagt: "Wir sind die Kirche", ist noch immer sehr gering. Überdies in Rom unerwünscht. Ist deshalb auch den subalternen Lehramtsinhabern unerwünscht. Ein Volk Gottes, welches glaubt, selber Kirche zu sein, erinnert die Lehramtsinhaber allzusehr an die peinliche Panne des zweiten Vatikanischen Konzils. Ein Volk Gottes, welches glaubt, selber Kirche zu sein, läßt die Lehramtsinhaber auf ganz normales Maß schrumpfen und degradiert ihre hohen Mützen zu Modeschmuck. Dagegen werden sich die meisten Bischöfe wortgewaltig zur Wehr setzen. Mit der unchristlichen Ideologie, daß auf Gott höre, wer auf die Bischöfe hört. So aber steht nicht geschrieben. Sondern bei Lukas 10,16 werden alle Jesuschüler an ein Wort ihres Meisters erinnert: "Wer auf euch hört, hört auf mich, und wer euch abweist, weist mich ab; wer aber mich abweist, weist den ab, der mich gesandt hat." Was logischerweise bedeutet, kein Bischof – der Papst ist auch bloß einer – kann sich auf das Evangelium berufen um sich die Verweigerung des echten Gesprächs (wozu auch das Zuhören gehört) mit seiner Kirche zu leisten: Die Kirchen sind ja das Volk Gottes, die Jesuschüler von heute.

Jupp WAGNER 30.11.1991

But of course there’s room for women in the Church – cleaning, cake-sales, tea-making, flower-arranging, bazaars…

Fast alle Kirchenoberen setzen ausschließlich auf Kleriker. Mittlerweile wären sie sogar bereit, auf den hoch- und heiliggelobten Zölibat (einstweilen) zu verzichten, wenn sie nur wieder genügend Ganz- und Halbkleriker zur Verfügung hätten.

in: Christenrechte in der Kirche, 18. Rubbrief

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