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Natürlich ist dies keine taufrische Neuigkeit, sondern eine längst bekannte Tatsache. Eine der Diktaturen, welche das Jahr 1991 überlebten, ist die römisch-katholische Kirche. Die Tatsache der realexistierenden undemokratischen Kirche gilt in den Kreisen der Gottesgelehrten als These für die Ewigkeit. Zwar gibt es unter den heutigen Gottesgelehrten eine wachsende Minorität, welche die Frage stellt, ob die These wirklich für die Ewigkeit Geltung habe. Von einer andern Minorität wird sie nur mehr halbherzig, mit vielen Wenn und Aber verteidigt. Allzulaut sagen die Minoritäten ihre Meinung dennoch nicht. Zwar sind alle Scheiterhaufen naß geworden. Doch die Nach-

Nachfolgerin der Heiligen Inquisition kann den Brotkorb der Gottesgelehrten hoch hängen. So tun die, was sie von der Galileilegende gelernt haben: sie murmeln ihre tiefste Überzeugung nur sehr leise in den Bart.

Nicht von der Hand zu weisen ist die Möglichkeit einer demokratischen Kirche.

  1. Der Mann aus Nazaret, auf den sich alle Kirchen berufen, war nicht Grieche, sondern Jude. Das Wort "Demokratie" gehörte nicht zu seinem Sprachschatz. Als Jude dachte und redete er theokratisch. Er träumte vom Königreich Gottes.

Diese Sprache sind wir Religionsunterrichtgeschädigten gewohnt und lehnen sie ab. Nein danke, wir wollen nicht, daß ein Gott über uns herrsche. Doch genau das wollte der Mann aus Nazaret auch nicht. Er benützte zwar die Vokabeln "Herrschaft, Reich", weil er keine andere zur Verfügung hatte. Oder wahrscheinlicher: um den Kontrast der "Herrschaft" Gottes zur Herrschaft von Königen und Kaisern deutlich zu machen. "Herr" ist jener «Gott», zu dem Jesus "Papa" sagte, weil er "alle seine Geschöpfe liebt und kein einziges haßt". Das ist altjüdische Weisheit. In dieser war der Mann aus Nazaret erzogen. Die wollte er seinen Schülern mitgeben. Doch die jüdische Tradition war verdorben. Durch die Gottesgelehrten. Welche «Gott» als den Gegenkaiser ansahen. Der die Augusten und Tiberien von ihren Thronen stürzen werde. Durch seinen Gesandten, den Messias. Ein Grund für den Jesus, nicht auf den Messiasstitel zu reflektieren. Was die Einflußreichen seiner Mitbürger unter dem Messias verstanden, paßte ganz und gar nicht ins Konzept des Mannes aus Nazaret. Weder in sein Gotteskonzept, noch in die Sicht, die er hatte von seiner eigenen "Sendung".

Der "Männerpartie" seiner Schüler war diese Sicht versperrt. Sie konnten nur in jener politischen Kategorie denken, die sie aus dem Anschauungsunterricht der römischen Besatzungsherren gelernt hatten. So hofften sie, ihr Meister werde bald all seine Schüler sammeln zum Endkampf. Daß sie auf der Siegerseite stehen würden, war für sie eine ausgemachte Sache. Nicht ausgemacht war, wer von ihnen im neuen Reich auf dem höchsten Ministersessel sitzen sollte. Darüber zu streiten war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, wenn der Meister mal gerade wegschaute. Wir lesen solches bei Markus so gut wie bei Mattäus, bei Lukas nicht weniger als bei Johannes. "Ihr wißt, daß die Regenten ihre Völker beherrschen, und die Großen Macht gegen sie ausüben. Nicht so soll es sein unter euch!" (Markus 10,42f; Mattäus 20,25; Lukas 22,25). Johannes hat die Schülerschelle sogar illustriert mit der allbekannten Fußwaschungserzählung (Jo 13,1-17).

Die "Frauenpartie", die Jesusschülerinnen, hatten den Meister besser verstanden. Von ihnen ging darum auch die Idee aus, nach dem Tod des Meisters in seinem Sinn weiterzufahren. Gewalttlos. Weil die Herrschaft Gottes weder mit Gewalt aufzurichten noch mit irgendeiner politischen Macht aufrecht zu erhalten ist. Frauen waren nicht weggerannt, als es mit dem Jesus zu Ende ging. Frauen standen unter dem Kreuz, und jener Schüler, der als einziger der Männer verstanden hatte, worum es dem Jesus gegangen war. So nachzulesen in jener Version, die der Evangelist Johannes vom Tod des Jesus liefert.

  1. Zu den ersten Christengemeinden hatten darum Frauen den Anstoß gegeben. Die realexistierenden Männerkirchen unserer Tage sollten doch mal ein Jahr lang jeden Tag eine halbe Stunde darüber nachdenken. Darüber, daß es sie gar nicht gäbe, wenn nicht die Jesusschülerinnen erste Gemeindebildungen angeregt hätten. Das ist nachzulesen in den Ostererzählungen bei Markus genau so gut wie bei Mattäus, bei Lukas nicht weniger als bei Johannes.

Aus den Armen dem Geist nach, den Trauernden, den Ohnmächtigen sind die ersten Jesusgemeinden nach

dem Tod des Meisters entstanden. Sie wuchsen aus dem Zusammenschluß derer, die Hunger und Durst hatten nach der rechten Art Mensch zu sein. Barmherzigkeit ging in den Gemeinden vor Justiz, Offenheit vor Diplomatie, Friedensstiftung vor Kampfbereitschaft, Kleinsein vor Großscheinen, Verfolgung erleiden vor Triumph auskosten. Sie versuchten das zu leben, was Mattäus in den neun Sätzen der sogenannten acht Seligkeiten als Magna Charta der ersten christlichen Gemeinden kondensierte. Wahrhaft die "Herrschaft" der Kleinen wird dort angestiftet. Man könnte auch sagen "ein" gestiftet. Weil der «Gott», an den der Anstifter jener Schülerinnen glaubte, beim "Amhaarez" zu finden ist. Nicht in den Palästen, wie Mattäus und Markus zu predigen nicht müde werden. Heutzutage würden wir sagen: "Bei den kleinen Leuten".

Konk

  1. Der Verfall einer ursprünglichen Kirchendemokratie begann allerdings schon recht früh. Anfangs schleichend mit der wachsenden Profilierungssucht, welche bereits unter den männlichen Jesusschülern der allerersten Garde zu beobachten war. Gemeindespaltungen waren das Resultat. Beispiel einer zerstrittenen Gemeinde des ersten Jahrhunderts ist die von Korinth. Paulus griff als Gemeindegründer mit seiner Autorität ein. In den neunziger Jahren griff der römische Bischof Clemens ein. Als Heilmittel gegen die Uneinigkeit pries er die Heilige Herrschaft der Priester des Alten Bundes an. Echo seines Briefes stand noch fast zweitausend Jahre später in den Katechismen unserer Urgroßeltern: "In der Kirche Gottes geht es am besten, wenn die Bischöfe dem Papst, die Priester den Bischöfen und die Gläubigen den Priestern gehorchen." Gehorsam verkleistert jedoch nur Gegensätze, auf keinen Fall bereinigt er sie. Zwar ist der Kadavergehorsam der Bischöfe dem Papst gegenüber in seiner jetzigen Form erst hundertzweiundzwanzig Jahre alt. Die Bischöfe vor 1870 waren nicht jene gefügigen "Durchzieher römischer Linien", als welche sie sich heute vorzustellen belieben und zu profilieren suchen. Andere als diese Hundertprozentigen werden von Rom nicht mehr "ernannt". Diese Art von Bischofsernennungen ist dabei, die letzten arg zusammengeschossenen Bastionen kirchlicher Demokratie zu schleifen.

Bekannt ist die historische Tatsache der Bischofswahl durch das Volk. Als dem Volk die Stimme genommen wurde, blieb immerhin noch jahrhundertelang der Klerus, der für die eigene Diözese den Bischof wählte; dann blieb noch einem Teil des Klerus die Wahl vorbehalten. Wir erleben gerade (Kölner Erzbischof, Churer Bischof, Sankt-Pöltener Bischof, Feldkircher Bischof und die vielen andern) wie den letzten Überbleibseln dieser Wahlbeteiligung der Garaus gemacht wird. Mit völlig legalen Mitteln, befleißigen sich die Gottesrechtsgelehrten zu behaupten. Das realexistierende Kirchenrecht ist ein anderes Kennzeichen der abgeschafften Kirchengemeinde. Jenes Gesetz, welches einen einzigen Mann zum Stellvertreter Christi erklärt, wurde ohne Mitwissen der Kirche ins Kirchengesetzbuch eingeschrieben und von eben jenem einzigen Mann in Kraft gesetzt am 1. Advent 1983!

Wenn eine Bank zentral regiert wird, so daß ihre Filialen sich zu halten haben an die vom Verwaltungsrat, der Herrschaft von heute, erlassenen Direktiven, so ist das deren Sache. Doch unter den Kirchen soll "es nicht so sein". Banken und Großmärkte mögen mit ihren strikt einzuhaltenden Direktiven gewinnbringend arbeiten. (Wenngleich nicht wenige ihrer Mitarbeiter mitsamt ihren Familien dabei hopsgehen.) Doch bei Kirchen dürfte es nicht um Profit gehen. Sie arbeiten ja in einem Bereich, der nun mal keine weltweiten Direktiven verträgt. Einzig und allein die kirchlichen Gemeinden an der Basis sind in Lage zu beurteilen, wie es bei ihnen vor Ort aussieht, und was zu geschehen hat. So das von den

römisch-katholischen Kirchen theoretisch hochgepriesene und praktisch nicht beachtete Subsidiaritätsprinzip.

Eine neue Chance zu geben ist der Möglichkeit von demokratischen Kirchen.

Und zwar genau wie in jeder demokratischen Gesellschaft. Die haben alle ihre Statuten, Grundgesetze oder Konstitutionen, auf die sich alle Mitglieder geeinigt haben. So was wie ein Grundgesetz aller Kirchen gibt es ebenfalls. In ihrer Verschiedenheit sind sich alle christlichen Kirchen darin einig, daß ihrer aller Herr Jesus auch ihrer aller Fundament ist und daß neben dieses gelegte Fundament keine christliche Kirche gebaut werden kann. Oder auch, daß er das einzige Haupt aller Kirchen ist, und daß es über ihm kein "Oberhaupt" geben kann. Damit ist die Abgrenzung zur politischen Demokratie angegeben: Diese kann mit Zweidrittelmehrheit ihre Verfassung ändern. Das kann keine christliche Kirche. Es ist darum verständlich, wenn nicht wenige Christen vor dem Wort «kirchliche Demokratie» zurückschrecken und lieber von «synodaler Struktur» reden. Egal, wie man das Kind nun benennen will, in jedem Fall müssen darin vorkommen:

Ein von allen gewähltes gesetzgebendes Gremium
Ein befristetes Exekutivorgan
Ein unabhängiges Justizwesen.
Doch darüber in einem zweiten Teil.

Jupp Wagner 24.8.1992

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