Über einen Mann, der den Hof beliefert
Guy Rewenigs Erzählung "Der Hoflieferant"
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Damit jedoch nicht genug, auch der Leser wird mit neuen Weisheiten über die Kunst des Liebens, die verlorenen Ideale eines Altachundsechzigers und natürlich last but not least mit all den wunderbaren Auswüchsen eines wohlvertrauten Kleinstaates gefüttert. Doch beim Lesen, oh Schreck!, verweigert der Magen teilweise seine Dienste ob so mancher Fütterungsmethode. Der Akt des Lesens ist für den Fersehshowmaster Reich-Ranicki in erster Linie eine Suche nach Unterhaltung, und lediglich Thomas Mann scheint ihm dies zu bieten. Doch so "anspruchsvoll" sind wir bei weitem nicht! Dennoch bleibt das Phänomen der Langeweile, der schlimmste Feind des Lesens, mindert sie doch das Vergnügen, läßt es manchmal gänzlich schwinden. Hindernis ist häufig der Autor selbst, der allzu deutlich den Finger hebt, belehren möchte. Fehlt besagtem Schriftsteller auch noch die Distanz, schreibt er aus dem Bauch und steht nicht über, sondern in den Dingen, über die er schreibt, dann kann das schon mal im tragischen Klamauk enden! Dies gelang kürzlich Guy Rewenig mit seiner jüngsten Erzählung, jedoch nicht nur auf der rein inhaltlichen Ebene, nein, auch auf der sprachlichen.
Wo ist der Schriftsteller, der in seinen satirischen Essays, mit sprachlichen Nuancen Zustände auf die Spitze trieb, der durch Übertreibung veranschaulichte, so daß der Leser mit ihm lachen konnte? Desweiteren seine in Landessprache verfaßten Romane, in
denen er mit dem Luxemburgischen im doppelten Sinn des Wortes spielte, Sprache zurückführt, weitertreibt oder gar karikiert. Selbst Kinder beim Lesen seines ‚Muschkilusch’in schallendes Gelächter ausbrechen ob seiner Sprachexperimente, in denen er französische Vokabeln in ihrer Sprechversion ins Luxemburgische transponiert. Doch, oh weh, was passiert dem Schriftsteller Guy Rewenig nun alles beim Umgang mit der deutschen Sprache in der vor Weihnachten erschienen Erzählung ‚Der Hoflieferant‘? Auch wenn die Rezensentin es ablehnt, als Sachverwalter der deutschen Sprache zu agieren, bleibt dennoch das Wissen darum, daß diese über genügend Ausdrucksmittel verfügt und die Notwendigkeit zum Ausweichen in fremdsprachliche Bereiche nicht unbedingt erfordert.
‚Der Hoflieferant‘ wirkt auf der rein sprachlichen Ebene (besonders im Anfangsteil) durch das Einstreuen von Fremdwörtern extrem konstruiert, d.h. er läuft nicht. Sprachliche Ausflüge, die recht abenteuerlich anmuten, erwarten den Leser und: einige von Rewenigs Fremdwortkreationen lassen sich trotz wiederholten Nachschlagens in der 5. Neuauflage des Duden aus dem Jahr 1990 (mit immerhin über 1000 neuen Wörtern!) nicht finden. Sakralität? Oder ultimen, als Plural des Substantivs Ultima ja, aber doch bitte nicht als Adjektiv. Rewenig läßt durch die Geografie und nicht durch die Gegend rennen? "Wir müssen uns auf etwas gefaßt halten", korrekt hieße
Guy Rewenig, Der Hoflieferant, Editions PHI
dies, wir müssen uns auf etwas gefaßt machen! Und wer hat schon einmal jemanden "beim rapiden Fingern" erwischt? Auch gibt es in der Umgangssprache keine "edele Gesinnung", wohl aber in Matthias Lexers ‚Mittelhochdeutschen Taschenwörterbuch‘, ‚edle‘ würde man heute sagen. Wäre es nicht einleuchtender erzieherische Ratschläge statt "edukative" zu erteilen? Ein Mirakel bleibt auch die veraltete Wortwahl von "mirakulös", wenn dem Autoren etwas schleierhaft ist. So irrt der Held der Erzählung, John Dennewald – Leser kennen ihn bereits aus ‚Mass mat drai Hären‘- als Hoflieferant, der zum Leibwächter avanciert (muß man der Aristokratie denn so nah auf den Leib rücken?), durch den deutschen bzw. lateinischen Wortschundel. Als Wortspielerei ist es sicherlich auch nicht zu verstehen, wenn aus Nuancen gleich Nuancen werden (steht im Lexikon als Aussprachehilfe in Klammern). Ganz zu schweigen davon, daß Modelle (gemeint sind natürlich des Designers Krawatten) "rein stofflich längst
kollabiert hatten" – da knirscht doch glatt das Hirnschmalz! So geht es sprachlich zu in Rewenigs Palavrien, einem Kleinststaat, der dem Palaver (= "Reden mehrerer Personen über etwas, wobei jeder sich äußert und sich die Erörterung längere Zeit hinzieht, oft ohne rechte Ergebnisse", so spricht mein malträtierter Duden) frönt! Shakespeare sagte einst treffend: Viel Palaver um nichts!
"Viele Schweizer Schriftsteller fühlten und fühlen sich moralisch verantwortlich für den Zustand des Staates. Ich glaube, sie leiden unter den unvollkommenen, den negativen Seiten der Schweiz und der Schweizer. Sie tragen die Verantwortung, die zu übernehmen die Magistraten sich weigern."
Friedrich Dürrenmatt am 3.12.1990
Ina Nottrot
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