Das spezifisch Jüdische bewahren und in die Gesellschaft integrieren

Gespräch mit Alain Meyer, Vizepräsident des jüdischen Konsistoriums

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forum-Gespräch mit Alain Meyer*,
Vizepräsident des jüdischen Konsistoriums

forum: In Luxemburg leben etwa 1200 Juden.

Meyer: Ja, aber nicht alle sind in der jüdischen Gemeinde angemeldet. Etwa 300 bis 350 Familien sind in der Gemeinde strukturiert. Es gibt auch Juden, die wir kennen, die sich aber nicht als solche ausgeben.

forum: Was heißt das? Wie stellt sich das nach außen dar?

Meyer: Das sind Juden, die als Juden geboren sind, aber keine Beziehung mehr zum Judentum oder zu einer jüdischen Struktur, insbesondere zur jüdischen Gemeinde, haben oder haben wollen. Wir kennen sie, einige kennen wir auch nicht.

forum: Es handelt sich um eine relativ große Anzahl, fast ein Viertel?

Meyer: Ja, ich würde sagen ein Drittel oder ein Viertel. Insbesondere bei den Europäischen Gemeinschaften arbeiten Leute, von denen wir wissen, daß sie

jüdischer Abstammung sind oder jüdische Eltern haben, die aber keinen Kontakt mehr zum Judentum pflegen. Wir wissen, daß sie Juden sind, sie haben jüdische Namen, oder wir kennen den Neffen oder den Onkel, der in eine Gemeinde integriert ist. Das ist wie in jeder Gemeinde. Ich würde sagen, daß vielleicht noch mehr Juden in einer Struktur vertreten sind, als zum Beispiel Katholiken aktiv in einer Pfarrei mitmachen. Ich glaube, daß der Prozentsatz bei den Juden tatsächlich höher liegt. Er macht wahrscheinlich drei Viertel aus.

forum: Liegt es möglicherweise noch an den Nachwehen des Holocaust, daß sich Juden nicht zu ihrer Religion bekennen?

Meyer: Bei der jüngeren Generation kaum. Das glaube ich nicht. Da sind Leute, die aus religiöser oder philosophischer Überzeugung überhaupt nichts mit einer Religion zu tun haben wollen. Das ist wahrscheinlich die Hauptmotivation.

forum: Hat sich die Zahl der Juden vor und nach dem Krieg stark verändert, oder ist sie konstant geblieben?

Meyer: Da es kein statistisches Material gibt, kann ich mich schwer zu dieser Frage äußern. Es gibt kein Material und wir schwimmen da ein bißchen in den

Zahlen. Wir müssen uns auf Schätzungen verlassen, da es vor dem Krieg überhaupt keine statistischen Erhebungen gab. Wir können also keine Schlußfolgerungen ziehen. Ich glaube schon, daß es vor dem Krieg kaum Juden gab, die nicht in irgendeiner Form in einer jüdischen Gemeinde organisiert waren. Wahrscheinlich gibt es heute mehr, die nur ein loses oder gar kein Verhältnis zur jüdischen Gemeinde oder zu einer jüdischen Gemeinde haben.

Ein moralischer und ethischer Einfluß

forum: Gibt es in Luxemburg über die jüdische Gemeinde Einflüsse auf das gesellschaftliche Leben?

Meyer: Einen jüdischen Einfluß gibt es hier in Luxemburg sicherlich nicht. In verschiedenen Bereichen gibt es natürlich Leute, die als Person oder als Mitglieder einer Institution Einfluß ausüben, aber bestimmt nicht durch ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde. Ich glaube, wenn es einen jüdischen Einfluß gäbe, dann würde ich ihn mir eher auf moralischer und ethischer Ebene wünschen. Wenn es eine jüdische Botschaft in Sachen Ethik und Moral

*Alain Meyer ist Geschichtsprofessor am Athénée, Vizepräsident des jüdischen Konsistoriums, Mitglied des Staatsrates, Mitglied der Nationalen Ethikkommission und "engagierter Jude".

gibt, dann wäre ich froh, wenn sie mit den anderen geistlichen, philosophischen und politischen Familien das gesellschaftliche Leben in Luxemburg mitbeeinflussen könnte – doch sicherlich nicht exklusiv, das ist dem Judentum fremd. Wenn das Judentum dazu beitragen könnte, wäre das bestimmt eine gute Sache. Juden als Juden haben jedoch nicht mehr und nicht weniger Einfluß auf das Luxemburger gesellschaftliche Leben als Bürger anderer Konfessionen oder Bürger ohne Konfession.

forum: Im Saarland z.B. ist ja durch den Holocaust der jüdische Bereich massiv zerstört worden. Als Folge sind auch wichtige Elemente des kulturellen Lebens zerstört worden. Deshalb könnte ich mir vorstellen – da Luxemburg räumlich gesehen relativ nahe liegt -, daß eventuell auch vor dem Krieg ein größerer Einfluß existierte.

Meyer. Ja, aber da haben wir wirklich kein Zahlenmaterial. Das wäre sicherlich ein Thema für eine interessante Doktorarbeit. Aber man müßte überhaupt sicher sein, daß man da auf Zahlenmaterial stoßen könnte. Dessen bin ich mir aber nicht sicher.

Juden in einer katholischen Gesellschaft

forum: Wie präsentiert sich das Verhältnis zwischen katholischer und jüdischer Welt in Luxemburg?

Meyer: Wir haben hier 98 % Katholiken.

forum: Lassen sich Katholizismus und Judentum schlecht miteinander vereinbaren und lebt die jüdische Gemeinde deswegen derart zurückgezogen?

Meyer: Das würde ich nicht sagen und das ließe sich nuancieren. Ich glaube in diesem präzisen Fall hat die Shoa, der Holocaust eine ganz große Rolle gespielt. Vor dem Krieg war das Verhältnis zwischen Juden und Katholiken nicht sehr herzlich – das ist das Mindeste, was man sagen könnte. Es gab vor dem Krieg deutliche antisemitische Tendenzen in der katholischen Kirche

Jüdische Hochzeit, Synagoge Luxemburg (Foto: Conny Scheel)

und in der katholischen Presse hier in Luxemburg. Das läßt sich anhand von Dokumenten belegen. Aber nach dem Krieg hat sich das gewandelt, das Erleben eines gemeinsamen Schicksals wirkte sich aus. Verschiedene katholische Intellektuelle, die vor dem Krieg nicht sehr judenfreundlich und sogar antisemitisch waren, haben dasselbe Schicksal erlitten – z.B. im KZ – und haben dort ihre Meinung gegenüber dem Judentum um 180 Grad geändert. Es gibt Beispiele dafür. Und in den 60er Jahren ist es auch zu einer strukturierten Annäherung gekommen in Form der jüdisch-christlichen Freundschaftsgruppe, der ‚Association Interconfessionnelle‘, die sehr viel für das gegenseitige Näherkommen und gegenseitige Verständnis getan hat.

Mittlerweile, d.h. in jedem Fall seit den letzten 20 Jahren, sind die Beziehungen zwischen Juden und Katholiken in Luxemburg gut bis sehr gut. Es gibt sicher in Luxemburg einen latenten Antisemitismus. Sprachlich ist der auch immer noch präsent. Zur Wörterbuchgeschichte habe ich mich ja auch geäußert. Den Antisemitismus gibt es ohne Zweifel, den kann man auch nicht so einfach mit einem Federstrich abschaffen und so tun als ob es ihn nicht gäbe. Aus persönlicher Erfahrung kann ich aber sagen: als ich in den 50er Jahren in die Primärschule ging, gab es noch viele antisemitische Ausdrücke. Da kam es schon mal vor, daß einer mich einen "houre Judd" nannte, und ich mit einem Faustschlag erwidern mußte. In den letzten Jahren hat dieser

Jüdische Hochzeit, Synagoge Luxemburg (Foto: Conny Scheel)

öffentliche Antisemitismus aber stark abgenommen. Daß er dennoch existent ist, daran zweifle ich keinen Moment.

forum: Ihre Kinder müssen solche Momente in der Schule nicht mehr erleben?

Meyer: Ich glaube nicht. Ich bekomme jedenfalls nichts davon mit. Ich muß aber auch sagen, daß der Religionsunterricht auf katholischer Seite eine Entwicklung erlebt hat. Ich kann mich noch erinnern, daß mir in den 50er Jahren Freunde immer berichteten, daß der Priester oder die Schwester im Unterricht ganz schlimme Sachen über die Juden sagte, etwa was die mit Christus getan haben. Jetzt weiß ich ganz genau – ich bin ja selber Französischlehrer und

ich habe sehr gute Kollegen, die Religion unterrichten -, daß ein objektives und sogar positives Bild vom Judentum im Unterricht vermittelt wird. Es wird gelehrt, was das Judentum überhaupt bedeutet, die Feste und die jüdische Philosophie werden erklärt. Das wird jedenfalls sehr gut gemacht. Ich erhalte auch direkt Informationen darüber; ich habe gelesen, was die jüngere Generation der Religionslehrer macht und das geht jedenfalls in die richtige Richtung des gegenseitigen Kennenlernen. Ich muß zwar zugeben, daß auch Juden manchmal nicht sehr informiert sind über den Katholizismus, aber trotzdem glaube ich, daß die Katholiken noch weniger über das Judentum Bescheid wissen als umgekehrt.

L’enseignement du mépris

forum: Worauf führen Sie die Auseinandersetzungen in Ihrer Schulzeit zurück. Beruhte das auf einer Indoktrination der Kinder durch das Elternhaus oder war das bedingt durch den Religionsunterricht.

Meyer: Ich glaube, der Wandel kam mit dem 2. Vatikanischen Konzil, davor war der Religionsunterricht ganz anders. Die Juden waren die Christusmörder usw., die ganze Liturgie, "judais perfidis", die ganze Osterliturgie, das hat trotzdem bei den Kindern eine sehr große Rolle gespielt. Zu meiner Zeit gingen die Kinder noch vor der Schule zur Messe, das muß man sich einmal vorstellen. Mitte und Ende der 50er Jahre gingen die Kinder um sieben Uhr zur Messe und kamen dann zur Schule. Als ich ins Gymnasium kam, gab es noch die obligatorische Messe.

forum. Die haben Sie nicht mitgemacht, nehme ich an?

Meyer: Nein, nein, natürlich nicht.

forum: Sie hatten praktizierende Eltern?

Meyer: Ja. Wir haben die großen Feste gefeiert, ich wurde aber nicht in einer ausgeprägt religiösen Familie aufgezogen. Wir feierten verschiedene Feste, aber wir arbeiteten am Sabbat.

forum: Haben sie dennoch während der Schulzeit Ihren Glauben aktiv verteidigt, wenn Sie angegriffen wurden?

Meyer: Ja, das war mir nicht egal. Aber ich war ein Kind. Ich weiß nicht auf welcher Ebene das damals geschah: auf religiöser Ebene, auf der Ebene – wie soll ich sagen – der ‚völkischen Identität‘? Das konnte ich damals überhaupt nicht definieren. Ich würde sagen, daß ich als Fremder angegriffen wurde und als Mitglied einer Gruppe von Gottesmördern. Das war die Motivation, die ich bei den Kindern spüren konnte.

forum: Im Grunde setzt sich das heute doch fort, wenn meine Kinder als "houre Preiss" beschimpft werden. Als Kind ist es schwierig, dazu Position zu beziehen.

Meyer: Ich habe noch die alten Lieder in den Ohren, "Een, zwee, dräi – Judd kapott". Das waren manchmal sogar gute Freunde, die derartiges sangen. Tags darauf waren wir wieder die besten Kollegen. Manchmal ging es aber soweit, daß meine Eltern zu deren Eltern gingen und sich beklagten. Die waren dann ganz entsetzt und sagten, daß die Kinder so etwas bei ihnen nie gehört hätten. Und einige waren auch Freunde meiner Eltern und die Kinder bekamen dann fürchterliche Strafen. Ob das viel geholfen hat? Wir sind heute sehr gute Freunde und das ist kein Problem mehr.

Ich denke schon, daß das was der französische Historiker Jules Isac "Tenseignement du mépris" genannt hat, eine große Verantwortung am modernen Antisemitismus trägt. Ich will nicht sagen exklusiv, denn es gibt ja auch noch den wirtschaftlichen Antisemitismus. Aber all das ist irgendwie miteinander verknüpft. Da gibt es enge Verbindungen zwischen dem religiösen und dem wirtschaftlichen Antisemitismus, da die Juden einige Berufe bis in die Neuzeit hinein nicht ausüben durften und in der Folge im Geldwesen untergebracht wurden. Da sie nicht den Militärdienst einschlagen konnten, nicht Bauer sein durften, blieben in einigen Gegenden tatsächlich nur die Finanzberufe, – Banken und Geldverleih usw. um zu überleben. Da hat sich wahrscheinlich vieles zusammengebraut. Das wurde auch sehr gut analysiert, z.B. von Léon Poliakov, der eine großartige Geschichte des Antisemitismus geschrieben hat und darin versucht hat, all diese Ursachen aus der Geschichte herauszuschälen und zu sehen, wie sie aufeinander eingewirkt haben. Das ist sehr komplex.

forum: Wie sieht die Situation heute aus? Gibt es erneut rassistische Tendenzen antisemitischer Ausprägung?

Meyer: Ich würde sagen, bei uns in Luxemburg nicht. Vor ein paar Jahren wurde der jüdische Friedhof in Esch-Lallingen zweimal stark beschädigt, in Ettelbrück wurden Grabsteine umgestoßen und in Esch/Alzette wurden ein paar jüdische Geschäfte beschmiert.

Das stimmt. Aber das war Anfang der 90er Jahre.

In letzter Zeit habe ich aber nichts dergleichen gehört. Und ich wäre sicherlich einer der ersten, der davon hören würde, wenn ein Mitglied der jüdischen Gemeinde irgendwie Probleme hätte. Der Präsident und der Vizepräsident würden das sicherlich erfahren, und wir hätten im jüdischen Konsistorium bestimmt eine Unterredung darüber. In letzter Zeit ist mir allerdings nichts bekannt geworden.

forum: Wie funktioniert das Konsistorium in Luxemburg?

Meyer: Das Konsistorium wird gewählt. Die Mitglieder – ich glaube es sind 12 – werden gewählt und alle drei Jahre teilweise erneuert. Wir sind zuständig für alle administrativen Fragen, Beziehung zu den Behörden, die Gebäude usw. – ein bißchen wie ein Pfarrat oder eine Kirchenfabrik. Wir haben aber auch in religiöser Hinsicht im Einvernehmen mit dem Rabbiner Aufgaben. Der Rabbiner hat einen Sitz im Konsistorium, aber er hat dort kein Stimmrecht, wirkt jedoch beratend. Für die religiösen Fragen ist er alleine zuständig. Natürlich können wir mit ihm auch darüber sprechen und ihm z.B. sagen "Herr Großrabbiner, dieses oder jenes paßt überhaupt nicht mit den Gewohnheiten der hiesigen Gemeinde zusammen". Dann läßt er sich vielleicht umstimmen oder hört auf uns.

Das Verhältnis zu Israel

forum: Wie steht es mit dem Konsul von Israel, was für eine Funktion ist damit verbunden?

Meyer: Das hat überhaupt nichts mit der Gemeinde zu tun. Der Ehrenkonsul, Herr Pierre Schneider, ist ein Mitglied der Gemeinde. Das Konsistorium hat im Grunde genommen als Vertreter von Israel nichts zu sagen. Das Konsulat ist exklusiv zuständig für den Staat Israel. Es bestehen sicher Verbindungen zwischen Luxemburger Juden und dem Staat Israel, aber der Vertreter des Staates Israel ist der Honorargeneralkonsul

in Luxemburg und nicht das Konsistorium. Daher wundert es mich immer wieder und irritiert mich auch, wenn in Luxemburger Zeitungen "israelisch" mit "israelitisch", "Israeli" und "Israelit" gleichgestellt wird. Das sind einfach verschiedene Sachen. Ich werde nie müde, das zu unterstreichen, aber es hilft nicht viel.

forum: Ich möchte noch auf den Einfluß der israelischen Politik auf die in Luxemburg ansässigen Juden kommen. Existiert überhaupt ein Einfluß?

Meyer: Einen direkten Einfluß gibt es nicht, aber natürlich sind wir in hohem Maße interessiert an allem, was in Israel passiert. Erst einmal aus familiären Gründen. Jeder in Luxemburg ansässige Jude hat Verwandte in Israel: Kind, Eltern, Onkel, oder weitläufige Vettern usw. Das ist also der erste Grund und daraus resultieren Verbindungen und Interesse. Aber es existieren verschiedene Meinungen und verschiedene Tendenzen gegenüber der israelischen Tagespolitik. Es gibt eine Minderheit, die die israelische Regierung, egal welche, unterstützt. Dann gibt es eine ganz kleine Minderheit, die systematisch anti-israelisch ist. Und die Mehrheit reagiert als Luxemburger Bürger und als Demokraten – vielleicht mit ein bißchen mehr Verständnis, weil sie die Lage besser kennen und verschiedene israelische Positionen von daher besser verstehen. Der allergrößte Teil, wahrscheinlich 99%, kann aber jede extremistische Tendenz in Israels Politik nur strengstens verurteilen. Sie werden nur vereinzelte Juden hier finden, die Sharon oder noch weiter rechts stehende Politiker unterstützen würden. Bei unseren internen Debatten geht es zwar hoch her, aber Leute, die eine extreme israelische Politik verteidigen würden, kenne ich kaum. Übrigens, meine und auch die Position des Präsidenten ist sehr klar. Wir sind und bleiben auf der Linie Rabin-Peres, ganz klar. Was nicht heißt, daß die ganze Gemeinde davon überzeugt ist.

forum: Das Problem ist doch, daß sich unter Netanjahu der Einfluß der Orthodoxen und der Rechten unheimlich verstärkt hat.

Meyer: Das besorgt uns sehr.

forum: Ein kritischer israelischer Historiker hat vor kurzem gesagt, daß er nicht mehr daran glaube, daß wir zu unseren Lebzeiten im Friedensprozeß noch einmal dorthin gelangen, wo wir bereits einmal waren. Das hört sich bedenklich an.

Meyer: Ich würde das als Realpessimismus bezeichnen, wäre selbst vielleicht nicht ganz so pessimistisch. Doch wenn kein schneller Umschwung kommt, dann besteht die Gefahr, daß das Pulverfaß explodiert. Man sollte aber auch nicht vergessen – ich bin beileibe kein Netanjahu-Fan – warum Netanjahu an die Macht kam. Da haben die palästinensischen Extremisten – nicht das palästinensische Volk – eine schreckliche Rolle gespielt. Die Attentate, die unter Rabin und Peres stattfanden, insbesondere nach Rabins Tod, haben die Linksregierung Stimmen verlieren lassen. Das war absolut so gewollt. Die extremistischen Palästinenser sind sehr zufrieden mit Netanjahu. Die wollen Krieg. Ganz klar. Das ist eine durchdachte Strategie. Die warten auf den Moment, wo Netanjahu und noch eher Sharon bzw. die extrem rechten Splittergruppen, die in der Koalition sind, wirklich losschlagen werden. Bislang wird ja in Anführungsstrichen "nur" mit Gummikugeln geschossen. Möglicherweise wird sich das ändern wie ich befürchte.

forum: Spürt man den Rechtsrutsch in Israel auch hier im Land?

Meyer: Ich glaube nicht. Wenngleich die Luxemburger merken, daß die Gefahr einer Explosion durchaus vorhanden ist. Und die Leute, die überlegen, wissen ganz genau, daß es ohne einen lebensfähigen palästinensischen Staat – in welchen Grenzen auch immer – keinen Frieden geben kann. Das ist zumindest meine Position, und ich glaube, daß viele Leute sie teilen. Man braucht nur zu überlegen, dafür muß man kein Jude oder Politologe sein. Mit ein bißchen politischem Gefühl muß man zu dieser Schlußfolgerung kommen. Aber auch bei mir war das eine Entwicklung. Ich muß zugeben, daß ich nicht immer davon überzeugt war, aber ich glaube, daß auch viele israelische Politiker diese Entwicklung durchgemacht haben und ich eben auch.

Ich war anfangs von der Ehrlichkeit der PLO nicht so überzeugt, aber später bin ich zu dem Standpunkt gelangt, daß man sich sagt: wenn ich verhandeln, verhandeln ich bestimmt nicht mit meinem Freund. Ich verhandeln also mit meinem Gegner. Und den Gegner suche ich mir nicht aus. Der ist halt die PLO, die wahrscheinlich die meisten Palästinenser vertritt, und wenn ich nicht mit der PLO verhandeln will, dann werden wahrscheinlich viel extremere und extremistischere Tendenzen anstelle der PLO kommen. Dann wird die Ausgangsposition für Israel eher noch schlechter. Man muß verhandeln, man hat auch verhandelt, und man muß weiter verhandeln. Natürlich sollte auch die PLO-Führung nicht Öl ins Feuer gießen, was aber manchmal zu beobachten ist. Arafat ist ein sehr gewiefter Politiker, ein guter, d.h. ein schlauer Politiker- ohne Zweifel. Daher wurde er auch, glaube ich, von den Israelis der vorherigen Regierung als Politiker geschätzt. Sie kannten ihn, sie kannten seine Schwächen, sie kannten auch seine Stärken, wußten auch über seine Ehrlichkeit und Nichtehrlichkeit Bescheid. Ich glaube, daß ein gegenseitiger Respekt bestand, jedenfalls von Rabin und Peres aus.

forum: Kann man sagen, daß Sie die Entwicklung in Israel interessiert verfolgen, aber ein wirklicher Einfluß auf Luxemburg nicht besteht?

Meyer: Genau. Das Thema interessiert uns natürlich alle sehr. Wir sind auch öfters sehr besorgt, aber wir machen nicht alle Umschwünge der israelischen Politik mit. Wir sehen das auch als Diaspora-Juden, was uns manchmal von Juden aus Israel vorgeworfen wird. Wenn ich gegenüber einem Gast aus Israel sehr kritisch auftrete, dann sagt der mir natürlich, daß ich mal nach Israel gehen und schauen sollte, dann würde ich auch anders sprechen…

forum: Die Diskrepanz zwischen Zionisten und Diaspora war ja über lange Jahre sehr extrem, und es hat auch nach dem Krieg ganz aggressive Bewegungen von zionistischer Seite insbesondere in den USA gegeben.

Meyer: Das hat in Luxemburg nie viel Erfolg gehabt. Das erklärt sich ein wenig aus dem Umstand, daß es nach dem Krieg in Luxemburg wirtschaftlich ziemlich steil bergauf ging und es zum anderen keinen offenen Antisemitismus mehr gab. Deshalb war die Emigration nach Israel auch prozentual sehr niedrig. In absoluten Ziffern war sie verschwindend gering, aber auch relativ gesehen war das nicht zu vergleichen mit Regionen wie Straßburg, wo in den 60er und 70er Jahren vielleicht die Hälfte der intellektuellen Elite nach Israel ging. Bei uns gab es das nicht. Vielleicht haben wir aber bei uns auch nicht so eine großartige geistige und intellektuelle Elite…

Synagoge Luxemburg (Foto: Conny Scheel)

Eine konservative bis liberale Gemeinde

forum: Kann das daran liegen, daß in Luxemburg z.B. auch der Chassidismus inexistent ist?

Meyer: Ja, vielleicht, der religiöse Chassidismus …

forum: In Antwerpen sieht das doch völlig anders aus.

Meyer: Ja sicher, das ist etwas völlig anderes. Antwerpen, Straßburg, London, Paris, haben chassidische Zentren, da ist das bestimmt anders. Wir haben sicher manche strenggläubige Familien bei uns, aber die sind in der Minorität. Im Judentum gibt es die Orthodoxen, die Liberalen, und dazwischen sind die Konservativen. Die Luxemburger Gemeinde ist im Großen und Ganzen wahrscheinlich eine konservative bis liberale Gemeinde mit einigen etwas strenger-gläubigen Familien. Aber regelrecht orthodoxe Familien mit traditioneller Kleidung haben wir hier keine einzige. Auch der Großrabbiner gehört nicht dazu. Er hat eine Kopfbedeckung, aber weiter nichts.

forum: Sind bei der jüngeren Generation Bestrebungen festzustellen, wieder etwas mehr zu den wirklichen Ursprüngen des Glaubens zurückzukehren? In der heutigen Zeit könnte doch mangels Orientierung die Assimilation unter Umständen Probleme schaffen, so daß man neue Orientierungspunkte sucht und unter Umständen auch im Glauben wiederfindet.

Meyer: Für mich als nicht-religiösen Juden ist der Begriff Glaube ein etwas schwieriger Begriff. Aber man merkt unter den jüngeren Juden, insbesondere unter jenen, die ein Universitätsstudium in Städten absolviert haben, in denen religiöse Gruppen bestehen, etwa Straßburg oder Paris, daß sie ein bißchen mehr zu den jüdischen Wurzeln zurückkehren und nicht so sehr der Assimilation verfallen. Das Wort Assimilation gefällt mir nicht. Ich spreche lieber von Integration. Integration bedeutet für mich das Spezifische beibehalten und in die gesamtluxemburgische Gesellschaft diese Besonderheit integrieren. Ich

Synagoge Luxemburg (Foto: Conny Scheel) fühle mich durchaus als Luxemburger Bürger und Jude, wie andere sich als Luxemburger und Katholik, oder als Luxemburger und Freimaurer fühlen.

forum: Wahrscheinlich fehlen auch die Reibungspunkte. In der Literatur, wenn man sich Figuren von Chaim Potok anschaut, dann sieht man, daß assimilierter und orthodoxer Jude enorme Probleme miteinander haben, die teilweise nicht zur Deckung zu bringen sind.

Religiöse Praxis und Sabbat

Meyer: Die komplett Assimilierten sind zumeist Juden, von denen ich anfangs gesprochen habe. Leute, die sich z.B. überhaupt nicht als Juden ausgeben wollen und überhaupt keiner Gemeinde beitreten wollen. Das ist durchaus zu respektieren. Ich ziehe es vor, die jüdische Botschaft in die ganze luxemburgische Gesellschaft zu integrieren. Ich glaube, daß es eine Bereicherung für die ganze Gesellschaft ist, wenn z.B. die ethische Dimension und die soziale Botschaft des Judentums mit einfließt – man sollte nie vergessen, daß der Sabbat der erste freie Tag für die Arbeiter war. Das ist für mich etwas Fundamentales, auch wenn ich den Sabbat nicht einhalte. Als Idee ist das einfach gran-

diös, daß der Mensch an einem Tag einfach gar nichts macht. Das Recht sich auszuruhen, nichts zu machen, eventuell dem Studium nachzugehen, das ist eine phantastische Idee.

forum: Von den Schilderungen des Sabbats aus der Literatur geht ein großer Reiz aus, wenn der Tag wirklich konsequent begangen wird.

Meyer: Wie gesagt, ich bin nicht religiös, aber ich habe sehr gute Freunde, die religiös, sogar streng religiös sind, bei denen ist Sabbat eine regelrechte Freude. Von Freitagabend bis Samstagabend wird gelacht, da sitzt die Familie wieder zusammen. Da gibt es keinen Streß, kein Telefon, kein Fax, keinen Fernseher -nichts. Man zieht sich zurück. Die Idee als solche entspringt nicht der Religiosität, ich finde den sozialen Aspekt daran interessant.

forum: Es wäre ein ausgesprochener Verlust, wenn die Elemente der Weisheit, die der jüdischen Glaubenslehre anhaften, verloren gingen und mit ihm die Vielschichtigkeit der Funktion eines Oberrabbiners.

Meyer: Die religiöse Praxis hier in Luxemburg ist nicht sehr stark. Aber wie gesagt, es gibt jüngere Familien, die praktizieren wieder ein bißchen mehr als meine Generation, und es gibt in letzter Zeit noch eine weitere neue Entwicklung. Wir hatten bis in die 60er Jahre eine fast ausschließlich aschken-

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