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Fünfhundertausend Mitglieder von Österreichs Kirchenvolk haben damit angefangen aufzubegehren. Sie wollten es nicht ertragen, daß seit Jahrzehnten kein Bischof und kein Papst auf ihre Wünsche hörte. 500.00, das sind nicht mehr als 14% der österreichischen Bevölkerung: Eine Minderheit, auf die man also noch immer nicht einzugehen braucht. Indes sind die halbe Million 50% der Sonntagsmeßbesucher. Also keine Minderheit mehr. Man sollte auf das hören, was sie nachdrücklichst wünschten:

  1. Den Aufbau einer geschwisterlichen Kirche:
  • Gleichwertigkeit aller Gläubigen, Überwindung der Kluft zwischen Klerus und Laien.

  • Mitsprache und Mitentscheidung der Ortskirche bei Bischofsernennungen.

  1. Volle Gleichberechtigung der Frauen:
  • Mitsprache und Mitentscheidung in allen kirchlichen Gremien

  • Öffnung des ständigen Diakonats für Frauen

  • Zugang der Frauen zum Priesteramt

  1. Freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht-zölibatärer Lebensform.

(Die Bindung des Priesteramts an die ehelose Lebensform ist biblisch und dogmatisch nicht zwingend, sondern geschichtlich gewachsen und daher auch veränderbar. Das Recht der Gemeinden auf Eucharistiefeier und Leitung ist wichtiger als eine kirchenrechtliche Regelung.)

  1. Positive Bewertung der Sexualität als wichtiger Teil des von Gott geschaffenen und bejahten Menschen:
  • Anerkennung der verantworteten Gewissensentscheidung in Fragen der Sexualmoral (z.B. Empfängnisregelung)

  • Keine Gleichsetzung von Empfängnisregelung und Abtreibung.

  • Mehr Menschlichkeit statt pauschaler Verurteilung (z.B. in bezug auf voreheliche Beziehungen oder in Fragen der Homosexualität)

  • Anstelle der lähmenden Fixierung auf Sexualmoral stärkere Betonung anderer

wichtiger Themen (z.B. Friede, soziale Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung)

  1. Frohbotschaft statt Drohbotschaft:
  • Mehr helfende und ermutigende Begleitung und Solidarität anstelle von angstmachenden und einengenden Normen

  • Mehr Verständnis und Versöhnungsbereitschaft im Umgang mit Menschen in schwierigen Situationen, die einen neuen Anfang setzen möchten (z.B. wiederverheiratete Geschiedene, verheiratete Priester ohne Amt), anstelle von unbarmherziger Härte und Strenge.

Dieses Kirchenvolks-Begehren (diese Schreibweise stammt aus Österreich) ließ sich drei Wochen hören, vom 3. bis 25. Juni 1995. Dann wurde Bilanz gezogen: «Trotz dieses Erfolges und der Zusagen mehrerer Bischöfe, man werde über die Anliegen des Kirchenvolks-Begehrens einen breiten Dialog führen, beschleichen die Initiatoren manchmal Zweifel: Ist die österreichische Kirchenleitung wirklich zu Veränderungen bereit, oder sollen die Gespräche nur dazu dienen, den Reformdampf abzulassen und weiterzumachen

wie bisher?» (So zu lesen in «Kirche Intern», Oktober 1995, S.11.)

Flächenbrände sind schwer zu löschen. Auch könnten Kirchenhierarchen aus der Geschichte gelernt haben, daß unterdrückte Evolutionen zu Revolutionen werden. Seit dem 16. September begehrt nun auch das deutsche Kirchenvolk die gleichen Sachen, und zwar zwei volle Monate lang, bis zum 12. November. Die deutschen Bischöfe sind, genau wie ihre österreichischen Kollegen, wenig erbaut von einem Kirchenvolk, das begehrt. Zehn Ausreden hätten die deutschen Bischöfe, um das KirchenVolksBegehren (so die deutsche Orthographie) abzublocken, schreibt Hans Küng und liefert dem Kirchenvolk eine Argumentationshilfe zur Widerlegung der bischöflichen Ausreden (in «Publik-Forum», Oktober 1995, S. 29).

Wie unlängst zu hören, plant auch das belgische Kirchenvolk eine Umfrage wie die des KVB (KirchenVolksBegehren).

Zwar gibt es auch in Luxemburg Frauen und Männer, die am liebsten jeden Tag einen Kleriker zum Frühstück verzehren. Die sind ja in ihren Augen «die Kirche»; eine «geschwisterliche Kirche» können sie sich deshalb kaum vorstellen. Doch dasselbe können auch die meisten Luxemburger Kirchgänger nicht. Für das Luxemburger Kirchenvolk sind der Bischof, die Pfarrer und die (noch verbleibenden) Kapläne «die Kirche». Das Luxemburger Kirchenvolk versteht sich selbst als das «betende Volk», das getreu hinter dem Klerus hertrottet. Es sei denn, der Klerus ändert etwas an der Prozessionsordnung.

Mitsprache und Mitentscheidung der Ortskirche bei Bischofsernennungen war der Luxemburger Kirche nie gestattet. Einmal weil es bis 1870 keine Luxemburger Diözese gab, und als dann schließlich das Großherzogtum zum Bistum wurde, ernannte Rom dessen ersten Bischof und dann natürlich auch alle Nachfolger. So gibt es im Luxemburger Kirchenvolk keine Erinnerung an jene uralte Kirchentradi-

lein gemacht: «Katholikinnen aller Länder vereinigt Euch!» (ISBN 3-7857-0812-2)

Zölibatäre und nicht-zölibatäre Lebensform. Klar, die meisten Luxemburger, ob sie sich nun zum Kirchenvolk zählen oder nicht, wären für die Abschaffung des Priesterzölibats. Aus praktischen Gründen: damit diese Junggesellen mal am eigenen Leibe merken, wie schwierig es heutzutage ist, Kinder in die Welt zu setzen und zu erziehen. Als unser frischgebackener Erzbischof seine Mission antrat, die römische Linie in Luxemburg mal wieder ordentlich durchzuziehen, war er vom «Journal» interviewt worden. Eine schwierige Arbeit erwarte ihm, meinte der Interviewer, denn eine Initiative zur Aufhebung des Pflichtzölibats sei eben gestartet worden. Doch das konnte einen frischgebackenen Erzbischof nicht erschüttern. Hatte denn der Heilige Vater nicht mal wieder vor kurzem – zum hundertsten Male – festgestellt, in dieser Hinsicht bestehe kein Handlungsbedarf.

Mester in: Publik-Forum 16/25.8.95

Und in Luxemburg?

Was begehrt das Luxemburger Kirchenvolk? Gibt es das Luxemburger Kirchenvolk überhaupt? Wenn es im gleichen Prozentsatz wie das österreichische seinem Begehren Ausdruck verliehe, wären so an die 19.000 Unterschriften zu erwarten. (In Deutschland etwa 2,5 Millionen.) Dabei ist die Frage, ob die 5 Punkte, die dem österreichischen wie dem deutschen KVB wichtig genug erschienen, auch in Luxemburg Erfolg versprechen.

tion, nach der, wer «zum Wohle aller bestellt wird, auch von allen gewählt wird.»

Gleichberechtigung der Frauen im Staat Luxemburg gibt es längst, doch in der Kirche? Was haben Frauen in der Kirche zu suchen? Man stelle sich vor, nun beginne auch in der Kirche der Streit um die Frauenquote! Würden Kleriker-Frauen weniger Macht beanspruchen als die Kleriker-Männer? Würden nicht wieder jene Frauen sich in die Kirchenämter drängen, die auch sonst die Nase vorn haben? Würde eine Päpstin ihre eigene Unfehlbarkeit abschaffen? Esther Vilar hat darüber nachgedacht und aus ihren Gedanken ein Büch-

Man sagt immer, Johannes Paul II. versetze keinen Priester zurück in den Laienstand. (Man achte auf den Ausdruck «reductio in statum laicalem». «Laien» sind also bestenfalls zweite Wahl im Kirchenvolk.) Nun hat aber Johannes Paul II. zwei Luxemburger Priestern mit ihrer Zurückversetzung in den Laienstand den Weg zur kirchlichen Heirat freigemacht. Man könnte sich darüber freuen, wenn nicht Zehntausende anderer Priester, die geheiratet haben, auf dieselbe «Gnade» vergeblich warten müßten. Wäre es nicht viel einfacher zur alten Kirchenordnung zurückzukehren und die schrottreifen Zölibatsgesetze mit einem Federstrich außer Kraft zu setzen, und zwar rückwirkend? Und mit dem gleichen Federstrich die vielen mehr oder weniger versteckten Priester-Frauen-Verhältnisse ein für alle mal für rechtens erklären. Die Kirche wartet in ihrer Mehrheit seit langem darauf.

Positive Bewertung der Sexualität. Da sind wir hier in Luxemburg, wie in ganz Europa – und überhaupt in der ganzen Welt – dafür. Wenn Der Papst das nicht so versteht, dann ist das sein Bier. Er kann predigen soviel er will: wir lassen ihn reden und gehen zur Tagesordnung über.

Auch in Luxemburg, träumte mir, gebe es einen Pastoralrat, dem die wiederverheirateten Geschiedenen nicht schnuppe sind. In meinem Traum hörte ich, wie etliche Mitglieder eben jenes Gremiums darum baten, jenes Thema auf die nächste Traktandenliste zu setzen. Dann traute ich meinen Ohren nicht, als ich den Erzbischof sagen hörte, Rom sehe das nicht gern. Erschrocken bin ich aufgewacht und hörte

nicht, ob jemand aus dem Pastoralrat dem Erzbischof entgegnete: "Aber wir sähen das sehr gerne!"

Frohbotschaft statt Drohbotschaft? Was soll das? Wer hat denn noch Angst vor der Hölle? So es denn einen lieben Gott geben sollte, ist er doch ein Lieber. Ein Lieber kann keine Kazette aufmachen. Und was wäre die Hölle anderes als ein Superkazett?

Gewiß, gewiß, die deutschen Bischöfe und die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken würden sagen, diese Sprache sei «plakativ». Man braucht nur den Anfangsbuchstaben zu ändern, und schon ist aus dem Evangelium eine Schreckensnachricht geworden. Wie viele Menschen haben Blut geschwitzt, wenn ihnen von den Kanzeln die Hölle heiß gemacht wurde? Wie vielen Kindern wurde im Religionsunterricht die gute Nachricht eingebleut. Weil wir Katecheten uns nicht anders zu helfen wußten. Zu solchen Gewaltmaßnahmen wird heute nicht mehr gegriffen, aber es wird im RU Kindern auch keine Botschaft mehr «verkündet». Die gute Nachricht des Evangeliums ist in keinem Schulfach mitteilbar. Da sie sich grundsätzlich an Erwachsene richtet, die sich über ihren Lebenswert ein Urteil bilden können. Kommt sie als Drohbotschaft einher, hört niemand mehr zu.

Das Gute am KirchenVolksbegehren

ist nicht von der Hand zu weisen. Da haben doch in Österreich eine halbe Million Leute genug davon, sich immer nur zwischen ihren vier Wänden oder auch noch am Stammtisch über «die Kirche» zu ärgern. Wie auch immer es geschah: sie wurden sich bewußt: «Wir sind doch Kirche!» Das war ein Riesenschritt nach vorn. Und so packten sie jene Fragen, auf die sie immer wieder stießen, zusammen. Anfangs waren es deren zehn. Sie reduzierten sie auf fünf und starteten die Unterschriftenaktion.

Zum Schrecken der österreichischen Hierarchie. In Deutschland nicht nur zum Schrecken der Hierarchie, sondern auch zum Schrecken der Präsidentin der Laienorganisation, die sich «Zentralkomitee der deutschen Katholiken» nennt. Nun ist die Präsidentin nicht das ganze «Zentralkomitee». Und auch die Bischöfe fuhren nicht alle die gleichen scharfen Geschütze auf, wie die beiden Papstlieblinge, der österreichische Krenn und der deutsche Dyba.

Das ist das Gute an der Aktion «KVB»: das Kirchenvolk wurde sich bewußt, daß

sie Kirche sind, und die Bischöfe können nicht ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen. Sie müssen das KVB auf ihre Tagesordnung setzen. Und sie können nicht mit ihrem Gelaber über Dialog fortfahren und zugleich das Gespräch verweigern. Es müssen viele offene Gespräche geführt werden zwischen den Bischöfen und ihren Kirchen. Auch über Themen, von denen Rom meint, sie seien endgültig vom Tisch. Dabei wird sich herausstellen, daß die fünf Punkte des KVB noch lange nicht die einzigen sind. Wollen die Bischöfe wirklich so etwas wie «Hirten» sein, werden sie den Hungerschrei ihrer Kirchen nicht länger überhören dürfen. Überdies werden sie sich durch ihre Kirchen gestützt spüren, ihrem römischen Kollegen auch mal ganz klar und eindeutig, wie weiland Paulus dem Petrus, «ins Angesicht zu widerstehen» (Gal 2,11). So was ist unter Kollegen selbstverständlich. Kollegen sind doch keine Befehlsempfänger.

Kritisches dazu

Gewiß verdankt das KVB sowohl in Österreich wie in Deutschland seinen Erfolg der Tatsache, daß es auf das eingeht, was im Kirchenvolk die vordergründigen Beschwerden hervorruft. Daß diese Beschwerden jedoch tiefere Wurzeln haben, mag zwar den Initiatoren des KVB bewu-

schwinden, nicht bald irgendwo anders wieder auftauchen, weil die Wurzeln der Krankheit noch immer stecken? Welche derartigen Wurzeln sind feststellbar? Sind sie dem Kirchenvolk bewußt? Wenn ja, warum reagiert das Volk nicht dadurch, daß es statt der Symptombehandlung eine gründliche Therapie verlangt? Oder glaubt das Kirchenvolk, wenn seinem vordergründigen Begehren Rechnung getragen würde, wären alle Probleme gelöst? Oder wissen die Initiatoren des KVB, daß ihre Erwartungen minimal sind? Ist ihr Manöver also rein taktisch, um die Kirchenhierarchen nicht im ersten Anlauf allzuschrecken aufzuschrecken?

Wurzeln des KirchenVolkUnbehagens

…dogmatischer Art

Dem Kirchenvolk sind dogmatische Fragen im Grunde schnuppe. Ob «in Gott» eine, zwei drei oder vier Personen sind, ob «in Jesus» eine oder zwei Naturen sind, ob er neben dem menschlichen auch noch einen göttlichen Willen hat, ob Maria ohne Erbsünde empfangen ist und nach ihrem Tod in den Himmel aufgenommen wurde. All das sind Fragen, wegen derer weltweit niemals auch nur zehntausend Leute ein KVB unterschreiben würden.

Mester in: Publik-Forum 17/8.9.95

ßt gewesen sein. Sollte dem so sein, stellen sich etliche Fragen:

Ist das KVB dann nicht reine Symptombehandlung? Werden die Symptome, sollten sie wirklich nach der Behandlung ver-

Das Kirchenvolk weiß nicht, wozu dogmatische Antworten gut sein sollen.

Indes gibt es dogmatische Antworten, die vom heutigen Kirchenvolk in seiner Mehrheit abgelehnt werden, weil sie offenkun-

dig unvernünftig und/oder historisch falsch sind. Zum Beispiel: Maria sei biologisch Jungfrau geblieben vor, während und nach der Geburt Jesu. Unsinn sagen nicht nur Agnostiker, sondern auch gläubige Katholiken. Wie konnten unfehlbare Päpste Kreuzzüge anzetteln, Kriege befehlen, die Inquisition mit ihren schrecklichen Folgen einrichten, einen Kirchenstaat bis heute (wenn auch nur in Miniatur) aufrecht erhalten, von Gott behaupten, er habe die Kirche selbst als in Kleriker und Laien zweigeteilt gewollt? Lauter Dinge, die ganz eindeutig der Lehre und den Taten Jesu diametral entgegengesetzt sind.

…moralischer Art

Zwar sind die sexistischen Verirrungen des sogenannten Lehramtes im KVB angesprochen. Doch was das Lehramt sonst noch alles verschweigt oder unter den Teppich kehrt, davon geht auch im KVB keine Rede: Verurteilung von Atomversuchen zum Beispiel, Vernichtung der Urwälder zum Beispiel, Zinspolitik der Ban-

Banken zum Beispiel. Gewiß auch Johannes Paul II. hat schon den Spruch getan, daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Doch außer Reden und unlesbaren Enzykliken ist nichts gewesen. Überdies verleitet das Reiten auf moralischen Prinzipien zur Annahme, christlicher Glaube sei eine Moral, «die Kirche» sei Spezialistin in Moralfragen, oder wie Paul VI. vor der UNO meinte: die sei Expertin in Fragen der Humanität. Ob es damals keinem Anwesenden in den Sinn gekommen ist, mal nach den Opfern der Inquisition zu fragen?

…kirchenrechtlicher Art

Wie kann Canon Kirchengesetz Nummer 331 behaupten, der römische Bischof sei Stellvertreter Christi? Wo doch jeder Christ darauf vertraut, daß Christus auch in seiner Kirchengemeinde selbst da ist und sie mit seinem Geist belebt.

Die immer wieder als große Neruerung des Kirchengesetzbuches Johannes Pauls II. gepriesenen Kirchengesetze 212 bis

221 unterwerfen die «Rechte» der Christgläubigen dem Gutdünken der «Heiligen Hirten» (so nennt das Kirchenrecht sie tatsächlich!), da ja auch sie Christus repräsentieren! Dies um nur einige der dem Christenvolk unbekannten Ungereimtheiten des Kirchenrechts vor Augen zu führen.

Abwarten was geschieht …

und ob überhaupt etwas geschieht. Das ist alles, was noch für ausstehende KVBs zu tun bleibt. Und je nachdem, ob es ein Gespräch zwischen den Bischöfen und ihren Kirchen gibt, wird die Resignation des Kirchenvolkes weiterwachsen, bis niemand mehr ein KVB organisiert, und niemand ein trotz allem in Aussicht genommenes KVB noch unterschreibt. Dann läßt die Kirche die «Heiligen Hirten» ganz unter sich. Ich glaube nicht nur, das sei schlecht, sondern schade.

Jupp Wagner 25.10.95

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