Gotteslästerung im Kirchenrecht!

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Es soll nicht der Schatten eines Zweifels bestehen, daß ich mich über einen europäischen Bischof freue, der der vatikanischen Bürokratie und dem Papst offen seine Meinung sagt. Andere haben wohl schon den Kern der Vorhaltungen des Innsbrucker Bischofs hervorgehoben: «Das Bestürzende liegt darin, daß die derzeitige Kirchenleitung einfach ein theologisches und pastorales Defizit aufweist, so peinlich das zu sagen ist.» Das mag ja nun der Kern des ganzen Briefes sein, doch es gibt noch Bestürzenderes zu vermelden. Bischof Stecher spricht davon, doch etwas verdeckt: «… diese immer wieder auftauchende Tendenz, die Weisung Jesu kirchlichen Verwaltungspraktiken und menschlicher Autoritätsausübung unterzuordnen.» Das kommt der Sache viel näher. Es geht um den Legalismus, der in der römischen katholischen Kirche sogar klare Anweisungen des Neuen Testamentes einfach ausschaltet. Die beste Illustration hierfür ist das Kirchengesetz Nummer 207: «Durch göttliche Einrichtung existieren unter den Gläubigen der Kirche die heiligen Diener, welche die Gesetzgebung als Kleriker bezeichnet; alle anderen sind Laien.» Diese Unterscheidung widerspricht schlicht und einfach der Lehre und der Praxis Jesu.

Um an seine Lehre zu erinnern, die in allen Evangelien als scharfer Tadel an seinen Schülern aufscheint: «Laßt euch doch nicht Monsignori nennen, oder Vater, oder Hochwürden oder Meister!» Jesus war ein in der Thorah bewanderter Jude. So konnte er nicht auf die Idee kommen, einer seiner Schüler könnte sich «Heiligkeit» nennen lassen. Und ganz gewiß konnte er sich ebensowenig vorstellen, daß einer von ihnen sich den Titel «Stellvertreter Christi» anmaßen würde. Doch so steht er im Kirchengesetz Nr. 331!

Um an die Praxis Jesu zu erinnern. Deutlicher als jeder andere Evangelist hat sie Johannes im dreizehnten Kapitel geschildert: Jesus wäscht seinen Schülern die Füße und verlangt von ihnen: «Damit ihr dasselbe tut, darum habe ich euch dieses Beispiel gegeben.» Doch was tun manche Bischöfe am Gründonnerstag? Das, was Paulus, drei Jahrzehnte vor Johannes, den Korinthern schrieb: «Der Buchstabe tötet, der Geist ist es, der lebendig macht» (2. Kor 3ff). Eine unnachahmliche Tat des Jesus wird von Bischöfen heute buchstabengereut nachgeahmt, doch der Geist fährt nicht in die versammelte Gemeinde. Der Text wird buchstäblich befolgt. Resultat: Null.

Um noch einmal Paulus zu bemühen, der Jahre vor der Endredaktion des ersten Evangeliums den Galatern schreibt: «Es gibt nicht mehr Jude oder Grieche, nicht mehr Sklave oder Freier, nicht mehr Mann oder Frau, ihr alle seid eins in Jesus, dem Messias» (Gal 3,28). Bischöfe wäh-

len sich Wappensprüche. Ob Petrus wohl ein Wappen hatte? Was wohl Jesus von einem Wappen denkt, das sich mittelalterliche Ritter auf ihre Schilde malen ließen? Einer dieser Sprüche lautet: «Damit alle eins seien.» Ein oft zitierter Spruch, der Teil eines Zitats aus dem sogenannten hohepriesterlichen Gebet Jesu im Johannesevangelium ist; aber eben nur ein Teil, der andere Teil heißt: «wie wir (= du, Vater und ich) eins sind.» Nun aber ist nach der alten Dreifaltigkeitslehre kein anderer Unterschied zwischen Vater und Sohn als der des Personseins. Wer’s bedenkt müßte doch auf die Idee kommen, daß es auch unter Christen keinen anderen Unterschied geben darf. Daß also das Kirchengesetz Nr. 207 eine schlichte Gotteslästerung ist, die Gott selber verantwortlich macht für die Spaltung der Kirche in Kleriker und Laien.

Es gilt also diese unheilvolle Unterscheidung aus den Köpfen und Herzen der Gläubigen zu vertreiben. Dann würden mit einem Schlag aller Papstkult, jede kindische Unterwürfigkeit unter jeden, der ein Dienstamt in der Kirche innehat, verschwinden. Ganz gewiß würde damit eine Art Demokratie wieder in der Kirche Einzug halten. Es gab sie ja dort schon mal. Als es mit der Kirche anfing. Alles, was die Kirche angeht, geht ja alle an. Die reinste Tautologie, da ja alle zusammen Kirche sind. So wenigstens meinte das 2. Vatikanische Konzil.

Ich denke, genau wie Bischof Stecher, daß in der Eucharistie das Zentrum jeder kirchlichen Gemeinschaft zu finden ist. Ich unterscheide mich von Bischof Stecher mit meiner Überzeugung, daß die Eucharistie Sache der ganzen versammelten Gemeinde ist, ohne jede Kluft zwischen sogenannten Klerikern und sogenannten Laien. Eucharistie als das Zeichen und Mittel, das jede Gemeinde als Sakrament der Einheit strukturiert. Die Eucharistie als Sakrament (Zeichen und Werkzeug) der Einheit sollte die Gemeinde zum Zeichen und Werkzeug der Einheit aller Menschen in ihrem Umkreis machen (1.Kapitel der Konstitution des zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche). Wie soll das geschehen? Wieder einmal je nach Gemeinde. Die eine Gemeinde wählt sich einen «Ältesten», der Feier (für eine Zeit) vorzustehen, die andere Gemeinde tut das gemeinsam im Gedächtnis an den Einzigen, der immer dort ist, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Alle brechen gemeinsam das Brot füreinander und teilen den Wein miteinander um Gott Dank zu sagen. Danksagung ist ja die genaue Umsetzung des Begriffs Eucharistie.

Jupp WAGNER

Kirchberg, 6. Januar 1998

Kommentar von
Jupp Wagner

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