Für Wahrheit und Recht?
Die letzten 25 Jahre des "Luxemburger Wort"
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Die letzten 25 Jahre des Luxemburger Wort
Seit etlichen Jahren erhält die forum-Redaktion regelmäßig alle Neuerscheinungen der Sankt-Paulus-Druckerei, vom Pflanzenbuch aus der Minette bis zu den marianischen Meditationen des Sonndesblad-Theologen, auch wenn wir nur die gesellschaftspolitisch, historiographisch oder literaturgeschichtlich relevanten rezensieren können. Um so erstaunter war die Redaktion, daß sie im Frühjahr 1998 vergebens auf ein Pressexemplar von
Georges HELLINGHAUSEN, 150 Jahre Luxemburger Wort. Selbstverständnis und Identität einer Zeitung 1973-98, Luxemburg 1998, 469 S., ISBN 2-87963-290-0, 1800 Flux
wartete. Wir durften nämlich nicht zu Unrecht annehmen – da wir die Integrität des gelegentlichen forum-Autors Georges Hellinghausen kannten -, daß auch die Herausgeber von forum bzw. seines Vorgängerorgans, des Bulletin d’information de la Jugendpor Lëtzebuerg darin Erwähnung fänden, hatten doch im analysierten Zeitraum zum Teil heroische Auseinandersetzungen der forum-Herausgeber mit dem Luxemburger Wort stattgefunden. Aus diesem Grund darf der Leser des vorliegenden Beitrags auch nicht eine objektive Buchbesprechung erwarten. Zu sehr war der Autor während der letzten 25 Jahre in die Auseinandersetzung gerade um ‚Selbstverständnis und Identität‘ des LW verstrickt, als daß er die geleistete Arbeit von Georges Hellinghausen mit rein sachlicher Distanz beurteilen könnte. Nichtsdestoweniger sei dieser subjektive Beitrag den forum-Lesern zugemutet, da er doch einige Details liefern wird, die auch im Hinblick auf eine spätere Einschätzung nicht irrelevant sein dürften.
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Eine ’success story‘
Doch reden wir zuerst vom Buch in seiner Gesamtheit, bevor wir die Geschichte der Beziehungen zwischen forum und LW näher unter die Lupe nehmen. Zweifellos liest die Festschrift sich als ’never ending success story‘ des LW und der Aktiengesellschaft ISP. Den LW-Erfolg muß ja auch jeder halbwegs sachliche Leser neidlos anerkennen, und daß er hier nochmals auseinandergefaltet wird, versteht sich in dieser Buchgattung von selbst. Wenn
ELEMENTE EINER ANALYSE
G.H. (S. 78) schreibt, die «Erfolgsstory ‚Luxemburger Wort‘ fiel den Zeitungsmachern und näherhin der ISP-Gesellschaft nicht in den Schoß», dann stimmt das sicher, von einem Historiker hätte man allerdings erwarten dürfen, daß er eine tiefer schürfende Analyse der Erfolgsursachen und -bedingungen liefert. Einen Ansatz dazu liefert er S. 274, wenn er auf die «Nähe zum Volk» verweist, die das LW stets ausgezeichnet habe. Der Autor beschränkt sich leider viel zu sehr aufs Beschreiben, vor allem im Rückblick auf die «Entwicklung in den vergangenen 25 Jahren» (S. 81-109), der den historischen Hintergrund fast ganz ausblendet. Man hätte gern mehr von den Überlegungen erfahren, die zur Einführung einer neuen Rubrik oder zum Ausbau der Druckerei führten. Das geschieht eigentlich nur in Sachen «Wochenzeitung für Europäer», deren subversive Absichten gegenüber der DDR offen genannt werden (S. 98ff.). Daß das LW auch Fernsehpläne hegte, wird nur indirekt zugegeben (S. 365). Mehr hätte man auch gern über die dreimal erwähnte ‚charte rédactionnelle‘ erfahren, von der Iz schon 1979 erzählte, die aber erst am 1.10.1996 für alle ISP-Redaktionen eingeführt wurde (S. 84, 105, 349). Deren Text vermißt man im Anhang. Der liefert neben dem Synodenbeschluß über die Sozialen Kommunikationsmittel alle möglichen Daten zur LW-Erfolgsstory. Doch auch hier bleiben Auffälligkeiten wie der Auflagensprung von 1994 und der Rückgang von 1995 (S. 376) unerklärt.
Auffallend ist auch die große Vorsicht, die G.H. in der biographischen Skizze von Direktor Heiderscheid (S. 109-128) wal-
ten läßt: Er baut sie aus Versatzstücken aus der Laudatio von lz (u. a.) zu dessen 70. Geburtstag zusammen und enthält sich jeden eigenen Kommentars. Zu sehr leuchtet immer wieder der Standpunkt der (heutigen) LW-Redaktion durch. Ganze Kapitel sind nur Aneinanderreihungen von Hd.- und lz-Zitaten (nicht nur aus dem LW selbst) bzw. von Zitaten aus Sondernummern des LW zu runden Jubiläen seit 1948.
Vielleicht ist es auch falsch, etwas anderes von einem Buch zu erwarten, das immerhin als Festschrift zum 150. Geburtstag in Auftrag gegeben worden ist. Und gute Historiker (sind das aber alle Leser?) müßten ja auch imstande sein, hagiographische Berichte mit der nötigen kritischen Distanz zu interpretieren und mit dem non-dit zu rechnen. Bei einigen Passagen hat man sogar den Eindruck, daß ein LW-interner Ghostwriter die Feder gehalten hat, etwa wenn von «unseren Journalisten» (S. 49) die Rede ist, oder wenn der GréngeSpoun als «Parteizeitung der Grünen» vorgestellt wird (S. 55). Zum Leidwesen der «Grünen» versteht sich die GS-Redaktion nämlich noch weniger als parteihörig als die LW-Redaktion gegenüber der CSV, obschon die grüne Partei der Zeitung mal finanziell unter die Arme gegriffen hat, während G.H. zu vermelden weiß, daß die CSV für die Parteipropaganda im LW keinen müden Franken zahlen muß: «Es ist reiner Liebesdienst» (Hd.) (S. 300f.). Der anderen Tageszeitungen gemachte Vorwurf, es gebe «keine resolute Trennung von Bericht und Kommentar» (S. 53f.), ist auch ein häufig von der LW-Redaktion geäußertes Argument, das den Halm im Auge des Gegners sieht, den Balken im eigenen aber nicht. Wenn lz mit der Aussage von 1978 zitiert wird: «Diese Zeitung ist, im Gegensatz zu ihren heutigen Kolleginnen, kein Parteiblatt» (S. 287), dann kommt das schon fast der Geschichtsfälschung gleich, oder zumindest der Wortspalterei, denn der Begriff ‚Parteiblatt‘ kann nicht nur für solche Organe gelten, die einer Partei finanziell gehören oder presserechtlich von ihr herausgegeben werden. G.H. selbst entlarvt übrigens implizit die Äußerung von lz, wenn er gerade die Zeit des LW als Oppositionspresse (1974-79), aus der dieses Zitat stammt, als wenig glorreiches Kapitel beschreibt (S. 310-318). Außer-
dem stellt er fest, daß «seit den siebziger Jahren bei LW und ‚t‘ gelegentlich eine gewisse Distanz zur jeweils befreundeten Partei durchscheint» (S. 62). Die seit etlichen Monaten im tageblatt hörbaren kritischen Töne gegenüber dem Bautenminister und LSAP-Spitzenkandidaten können das nur bestätigen.
Richtig ist allerdings, daß «die politische Information über die Reihen der nahestehenden Partei hinaus in den letzten Jahren zugenommen hat» (S. 62; vgl. S. 198). Diese erfreuliche Entwicklung, die auch im LW stattfand, ist denn auch eine der wenigen, die den Forderungen der GAG aus den 70er Jahren entspricht (siehe unten). Sie ist aber wohl am ehesten als Folge des Mauerfalls und der letalen Krise des Kommunismus bzw. einer seit 1984 währenden CSV-LSAP-Koalition zu erklären. Immerhin ging die Annäherung soweit, daß ISP und Editpress Anfang der 90er Jahre planten, eine gemeinsame Druckerei für LW und t zu bauen (S. 63). Das heißt allerdings nicht, daß das Feindbild-Denken im LW völlig verschwunden ist, auch wenn man nicht mehr hinter jeder Kritik ein Komplott wittert.
«Die Diözesansynode – Stunde der Wahrheit»
Als die GAG (gesellschaftspolitische Arbeitsgruppe der Jugendpor Lëtzebuerg, später Herausgeber von forum) 1974 die Studie «Luxemburger Wort – Elemente einer Analyse» herausgab, war unsere Arbeit Hd. zufolge vom t ferngelenkt wor-
den! … Er konnte sich nicht vorstellen, daß überzeugte Christen die redaktionelle Linie des LW mißbilligten. Die Auseinandersetzungen zwischen innerkirchlichen LW-Gegnern und der LW-Redaktion und -Direktion schildert G.H. im Kapitel V unter der Überschrift «Die Diözesansynode – Stunde der Wahrheit», ohne Zweifel das spannendste Kapitel. Doch dieser Konflikt klingt im Hintergrund auch in anderen Kapiteln des Buches mit, etwa in jenem über das Selbstverständnis des LW und in jenem über das ‚Wort‘ als politische Zeitung. G.H.’s Darstellung der Auseinandersetzung ist als durchwegs fair zu bezeichnen, wie ich meine. Die Anliegen der GAG werden erstmals in einer ISP-Veröffentlichung überhaupt dargelegt und sogar positiv gewürdigt («die immense Arbeit, die sich die GAG gemacht hatte» (S. 143); «wie auch die GAG die Synode insgesamt und deren Sicht des LW mitgeprägt hat, und sei es nur durch die systematische Infragestellung» (S. 199); vgl. auch Kasten). Er zitiert ausgiebig die Studie «Luxemburger Wort – Elemente einer Analyse» sowie die von der GAG verfaßten Stellungnahmen zur Synodenvorlage über die Sozialen Kommunikationsmittel, die auch zum LW Stellung nahm, sowie auch heutige forum-Artikel. Die Entstehungsgeschichte und das damalige Selbstverständnis von forum als ‚kritisches Gewissen gegenüber der katholischen Tageszeitung‘ (forum Nr. 79/1985, S. 7) werden korrekt wiedergegeben. Daß forum Erwähnung findet, ist ebenfalls ein absolutes Novum in einer ISP-Publikation.
GréngeSpoun – Streitgespräch
150 Joër Pressefräheet zu Lëtzebuerg – a fir wen ?
Danièle Fonck (Tageblatt)
Georges Hellinghausen (Auteur vum Buch: «150 Joër Luxemburger Wort»)
Mario Hirsch (d’Letzeburger Land)
Michel Pauly (forum)
Dënschdeg, den 27.10.98
…an der Taverne Wëlle Mann ëm 20.15 Auer
Etwas überraschend ist, daß G.H. den Konflikt so schildert, als habe auf Seiten der LW-Gegner die GAG fast allein gestanden. Wohl erwähnt er auch ein Dokument des Priesterrats – immerhin eines repräsentativen Gremiums des Klerus‘ – von Februar 1970, das sich sehr kritisch mit dem LW auseinandersetzte, von dem G.H. aber mehrmals behauptet, der Priesterrat sei später von den LW-Gegnern instrumentalisiert worden. Den Vorwurf verstehe ich nicht. Tatsache ist doch, daß dieses Gremium lange vor der Jugendpor seinen Mißmut über die erzkonservative und parteipolitisch einseitige Linie des LW zum Ausdruck gebracht hatte – die engen Beziehungen zwischen LW und CSV werden als «imbrication préjudiciable à l’action de l’Église parmi les hommes» bezeichnet (Zitat S. 135) – und sicher ein mehr oder weniger breites Spektrum des Luxemburger Klerus‘ sich
mit dieser Kritik identifizierte. Auch G.H. kommt nicht daran vorbei festzuhalten, daß die Themen, die der Priesterrat angeschnitten hatte, «in der Luft lagen, und das in der Linie vom Konzil und vom 68er Geist» (S. 135) und «im Umfeld des Priesterrats vom Februar 1970 die Munition für den späteren Kampf ‚in nuce‘ bereits enthalten war» (S. 137). Tatsache ist auch, daß der Präsident der Synodenkommission 8, die das Thema LW zu behandeln hatte, Pierre Pescatore, Richter am EWG-Gerichtshof, der sicher nicht aus Jugendpor-Kreisen stammte, durchaus ähnliche Positionen vertrat – so daß der LW-Direktor gar die Arbeiten der Kommission boykottierte (S. 152f.) und die Synodenvorlage über die Sozialen Kommunikationsmittel in der Tat unseren damaligen Vorstellungen weitgehend Rechnung trug. Wenn LW-Direktor Abbé André Heiderscheid, allen Luxemburgern
damals als Hd. bekannt, später meinte: «Die Synode hätte uns fast den Kopf gekostet» (zitiert S. 16), so wäre es der GAG und ihren Vertretern in der Synode zuviel der Ehre angetan, sie allein dafür verantwortlich zu machen. Wenn Hd.’s spätes Eingeständnis stimmt – und seine damalige Nervosität und die Brutalität seiner Leitartikel könnten darin in der Tat eine Erklärung finden -, dann weil die GAG laut aussprach und mit empirischen Daten untermauerte, was viele dachten.
Den Kern des Konflikts faßt G.H., der damals noch zu jung war bzw. in Rom studierte, um selbst an den Debatten teilzunehmen, im Schlußkapitel folgendermaßen zusammen: «Allen Seiten ging es dabei um die Identität der Zeitung. Die Neuerer wollten diese, im Licht der kirchlich-gesellschaftlichen Evolution und im Sinne weltanschaulicher Pluralisierung, kirchlicher Anbindung und parteipolitischer Distanz neudefinieren. Die Zeitungsmacher, in der Überlieferung ihres geschichtlich gewachsenen Selbstverständnisses, das sie bis auf das Gründungsjahr 1848 zurückleiteten, mußten fürchten, es ginge um den Identitätsverlust ihres Produktes. Daher schreckten sie zurück.» (S. 372).
Das ‚Zurückschrecken‘ ist natürlich ein starker Euphemismus für die harten Bandagen, mit denen die LW-Redaktion kämpfte. G.H. erzählt nicht, wie der LW-Direktor die halbe Redaktion mobilisierte, um ihm im Synodensaal lautstarken Beifall zu zollen und Gegner unterzubuttern. Aus den ausfälligen Leitartikeln, mit denen Hd. uns damals bedachte, zitiert G.H. auch nicht die Stellen, denen ihr Autor sich wohl heute selbst schämt: Als «Neo- und Kryptomarxisten» und «sozialistische Amicale in der Synode» (LW, 22.2.1975) bzw. als «Totengräber des Christentums» (LW, 4.3.1975) wurden wir den rund 75 000 LW-Käufern vorgestellt. Die damals geschlagenen Wunden sind schwer zu vergessen. (An einer Stelle leuchtet der damalige Sprachgebrauch von Hd. sogar noch bei G.H. durch, wenn er nämlich behauptet, die GAG habe «in ihren Gedankengang auch marxistisch-kommunistische Kategorien eingebaut» (S. 143). Wo denn?) Selbst vor der Synodenverammlung wollte er diese persönlichen Anremplungen nicht zurücknehmen (vgl. Sitzungsbericht vom 14.12.1975).
Konzil und Synode
Das 2. Vatikanische Konzil (1962-65) war von Papst Johannes XXIII. einberufen und von Paul VI. fortgeführt worden im Geist der Erneuerung der katholischen Kirche. Das von den über 2000 Bischöfen aus aller Welt verkündete neue Kirchenverständnis, das die Kirche als Volk Gottes sieht und ein neues Engagement der Christen zugunsten einer humaneren Welt forderte, sollte in Luxemburg durch die IV. Diözesansynode umgesetzt werden, die Bischof Leo Lommel 1969 mit dem Hirtenwort einberief, das den programmatischen Titel trug: «Unsere gemeinsame Verantwortung für die Zukunft der Kirche Luxemburgs». In der Tat bestand die Synodenvollversammlung aus 88 Priestern, 16 Ordensleuten und erstmals 87 Laien. Davon waren 54 Laien und 56 Priester von ihren jeweiligen Ständen gewählt worden. Sie konnten sich bei ihren Arbeiten auf eine Umfrage stützen, an der sich über 90 000 Einwohner des Landes beteiligt hatten. Die Synode tagte vom 13. Mai 1972 bis zum 13. Juni 1981 in 20 Vollversammlungen und zahllosen Kommissionssitzungen.
Die Beratungsgegenstände waren nach neun Kommissionen aufgeteilt: Glaube und Verkündigung, religiöse Erziehung, Gottesdienst und Sakramente, christliche Gemeinschaft, Apostolat, Ehe und Familie, wirtschaftlich-soziale Aspekte bzw. politische und öffentlich-rechtliche Aspekte des Verhältnisses der Kirche zur (Luxemburger) Welt, Priester und Ordensleute. Die Synode verabschiedete zwar 13 Vorlagen, die auch vom Bischof in Kraft gesetzt wurden, doch die Verwirklichung der darin enthaltenen Empfehlungen zur Erneuerung der Kirche scheiterte zum Teil an der Ablehnung einer Vorlage über christliche Gemeinschaft, die den Lebensvollzug der Kirche in concreto hätte neu ordnen und begründen sollen. Der Pastoralrat und der Laienrat, die seither neben dem Priesterrat der Diözese tagen, sollen eigentlich für die Umsetzung der Synodenbeschlüsse Sorge tragen.
Unter den Synodalen waren auch zwei forum-Mitarbeiter (Michel Pauly und Serge Kollwelter), deren Berichte und Kommentare zum Synodengeschehen im Bulletin d’information de la Jugendpor Lëtzebuerg bzw. ab 1976 in forum nachzulesen sind. m.p.
Diese Unterschlagung der weniger glorreichen Äußerungen des LW-Direktors ist ohne Zweifel einer der Schwachpunkten des Buches.
G.H. vergißt in seiner Darstellung auch einen wichtigen Faktor, der zweifellos zur Verhärtung der Fronten auf der Seite der LW-Redaktion beigetragen hat: die saftige Wahlniederlage der CSV im Jahr 1974, die sicher nicht der GAG in die Schuhe geschoben werden kann, die aber dazu führte, daß man sich im LW noch stärker gegen jede Kritik sperrte. Zur Zeitspanne 1974-79 stellt G.H. fest: (Im Gegensatz zu den Beteuerungen am Tag nach der Wahl) «gestaltete sich dann die ‚Wort‘-Politik in den Oppositionsjahren aggressiv, äußerst aggressiv» (S. 313). Die «Ausrutscher und Entgleisungen», bei denen «die journalistischen und die christlichen Grenzen (…) mehr als einmal überschritten» wurden (S. 315), hätte ein unabhängiger Historiker wohl so ausführlich präsentiert wie die Erfolgsmeldungen. Auch hier ist der non-dit zu bedauern. Gerade in diese Zeit aber fielen die berüchtigten Synodendebatten. Dabei hatte die GAG ihre ‚LW-Analyse‘ längst vorher begonnen und die Veröffentlichung sogar bewußt hinausgezögert, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, in den Wahlkampf eingreifen zu wollen. Vielleicht bestätigte die CSV-Niederlage unsere Analyse sogar nachträglich insofern, daß der parteipolitisch einseitige LW-Journalismus den eigenen Parteifreunden schadete. Immer wieder wird im Buch beteuert (S. 89f., 197f., 217, 296, 300f.), daß seither eine (gewisse) Distanzierung zur CSV erfolgt sei. Als Beispiel werden allerdings nur die Schaffung des ‚CSV-Profil‘ und einige, nicht mit Datum genannte, CSV-kritische Leitartikel von 1z genannt. Ob dabei tatsächlich die Synodenempfehlungen oder eher das Interesse der Partei, die nicht mehr mit der erzkonservativen, oberkirchentreuen LW-Linie identifiziert werden wollte, wenn sie nicht weitere, mündig gewordene Leser verlieren wollte, eine Rolle gespielt hat, untersucht G.H. nicht.
Das LW ist keine Kirchenzeitung
Irgendwie bestätigt fühlt der ehemalige GAG-Mitarbeiter sich auch, wenn er aus der Feder von G.H. folgenden Satz liest:
«Das ‚Wort‘ deckt nicht alles ab innerhalb des breiten Spektrums dessen, was sich heute unter der Vokabel ‚katholisch‘ oder auch ‚christlich‘ subsumiert.» (S. 265) Das war doch schon der springende Punkt, warum 1974 die LW-Analyse veröffentlicht wurde, und warum die Synode aufgefordert wurde, die katholische Tageszeitung an ihre sich aus der Kirchenzugehörigkeit ergebenden Pflichten zu erinnern. Näherhin versteht sich das LW «nicht als Zeitung eines ‚Experimentierchristentums‘, sondern ist bewußt papst- und lehramtstreu, und zwar dezidiert» (S. 263). Das könnte man verstehen, wenn es nicht eine große Ausnahme gäbe: «Das LW will nicht einfach Kommunikation um der Kommunikation willen; insofern versteht es sich nicht als ausführendes Organ der Leitlinien von ‚Communio et Progressio‘ bzw. einer bestimmten Interpretation davon.» (S. 262). Kann denn eine Zeitung, die katholisch sein will, sich die kirchlichen Texte auswählen, zu denen sie steht? Wenn ja, was bedeutet dann noch katholisch? und was heißt Wahrheit?
Trotzdem würde ich für ein Ja plädieren. Jede Zeitung hat das Recht kritisch zu sein, auch gegenüber Verlautbarungen der Amtskirche. Aber das will das LW gerade nicht. Noch heute ist die Berichterstattung über innerkirchliche Entwicklungen und Konflikte mehr als einseitig: Während über das internationale Jugendtreffen mit dem Papst 1997 in Paris (S. 240), das eine runde Million fanatisierter Jugendlicher angezogen hatte, seitenweise berichtet wird, findet das fast gleichzeitige ökumenische Treffen in Graz, zu
dem sich etliche Zehntausend mündiger Erwachsener und Jugendlicher aus Ost und West zusammengefunden, hatten, um über Freiheit, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung nachzudenken, kaum Beachtung in den LW-Seiten. Von kritischen Theologen erfährt der LW-Leser immer nur dann, wenn der Vatikan sie verurteilt; über den Inhalt ihrer verurteilten Ansichten und Anliegen erfährt er nichts.
So ist denn auch die ‚Empfehlung‘ des Laienrates der Erzdiözese zu verstehen, das LW möge «seine häufig einseitige und oft auf das Äußere begrenzte Darstellung kirchlicher Ereignisse überwinden und in der Auswahl kirchlicher Nachrichten und Stellungnahmen dem Pluralismus stärker Rechnung tragen». Wohlweislich war diese Stellungnahme in forum (Nr. 186, S. 57), aber noch nicht im LW zu lesen. Auch der Laienrat beabsichtigt damit nicht, das LW zum Predigtstuhl umzufunktionieren, sondern fordert ein korrektes Bild der Kirche: offen, ehrlich, engagiert, plural, …
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«Andere Lesarten des ‚katholischen‘ wären denkbar (gewesep),» meint schlicht G.H. (S. 265), «aber die LW-Verantwortlichen hatten und haben die Ihrige, was wohl auch niemand ihnen verbieten konnte und was sie sich im übrigen (…) auch von niemanden verbieten ließen.» Und weiter: «Bei aller (…) kirchlichen Ausrichtung sowie aller religiösen Berichterstattung einschließlich Kommentar ist das ‚Luxemburger Wort‘ jedoch keine Kirchenzeitung und auch kein Dienstleistungsorgan der Kirche, sondern eine politisch engagierte Zeitung, die auf christlichen Prinzipien beruht. Die ‚Wort‘-Redaktion funktioniert gegenüber dem Bistum, Besitzer der Zeitung, eigenständig.» (S. 244). Kann man das nicht auch von forum behaupten: Auch unsere Zeitschrift ist von engagierten Christen gegründet worden. Auch unsere Zeitschrift widmet kirchlichen und religiösen Themen breiten Raum, prozentual vielleicht gar mehr als das LW. «Das unterscheidende Merkmal katholischer Presse ist, daß wir einen ethischen Auftrag haben, daß wir an Wahrheiten glauben, von denen wir überzeugt sind. Das kann und soll das Originelle werden, was uns unterscheidet von den Kollegen und von anderen Produkten: Auswahl der Information, Darlegung, Kommentare, Überlegungen, die wir anbieten können, wird es so kein zweites Mal mehr geben, wenn wir unsere ethische Überzeugung und unser Credo philosophisch und theologisch in unsre Pressearbeit einbauen.» (S. 259) Dieses Zitat aus einem unveröffentlichten Vortrag von A. Heiderscheid hätte forum sich problemlos zu eigen machen können – und damit ipso facto den darin enthaltenen Monopolanspruch auf die katholische Wahrheit in Frage stellen.
Und trotzdem beanspruchen wir nicht (mehr), eine katholische Zeitschrift zu sein. Wie die ASTM, wie die ASTI u.a.m. sind wir aus katholischer Wurzel entstanden, haben wir den ‚Dienst an der Welt‘ ernst genommen, aber auch dessen Eigengesetzlichkeit akzeptiert und behaupten heute keine Bindung mehr, die die Kirche in Argumentationsnot bringen könnte. (Vielleicht stellt sich in absehbarer Zukunft dieselbe Frage der einen oder anderen Caritas-Dienststelle …) Dadurch haben auch Nichtgläubige den Weg in unsere Redaktion gefunden. Durch unsere
ehrliche, pluralistische Berichterstattung, gerade im kirchlichen Bereich, aber auch im gesellschaftspolitischen, haben viele Leser, die auf Distanz zur Kirche gegangen sind, weil sie die LW-gemachte, gewollte oder ungewollte Identifizierung von Kirche und CSV und konservativem Denken nicht mitmachen wollten, ein neues, nüancierteres Bild von der Kirche als Volk Gottes gewonnen, für das sie uns sogar gelegentlich in Leserbriefen dankbar sind. Möglicherweise erfüllt forum – unbeabsichtigt – den Anspruch der LW-Redaktion besser als sie selbst! Wenn Iz behauptet, die «affichierte Papst- und Kirchentreue habe das ‚Luxemburger Wort‘ bislang keinen Leser gekostet» (S. 264), so ist das bewußt falsch, denn wir kennen Leser, die ihr Abonnement abbestellten, weil sie den Klerikozentrismus und klerikal verbrämten Antisozialismus des LW nicht mehr ausstehen konnten. Schlimmer
Uns war damals zweifellos nicht bewußt, daß Hd. und seine Mitarbeiter Angst hatten, wie G.H. mit seinem Zitat «Die Synode hätte uns fast den Kopf gekostet» andeutet.
noch: es gab deswegen sogar Kirchenaustritte und kein Vertreter der Diözesanverwaltung hat versucht, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen.
Um dieser verzerrten Darstellung der Wirklichkeit ein Ende zu setzen, berief die GAG sich auf die 1971 veröffentlichte Pastoralinstruktion «Communio et Progressio» und klagte die engere Bindung der LW-Redaktion an die kirchlichen Weisung ein, da das LW ja auch finanziell der Kirche Luxemburgs gehörte (damals noch über die Person des Bischofs als fast einzigem Aktieninhaber). Etwas ulkig hört es sich nun an, wenn G.H. meint: «Das ekklesiozentrische Apriori auf seiten der ‚Jugendpor‘, das auffällt, paarte sich mit dem konstanten Verweis auf die römische Instruktion ‚Communio et Progressio‘. Wie ernst eine linkskatholische Jugendorganisation, die im Geist von 1968 sehr kirchenkritisch orientiert war, ein Dokument der römischen Hierarchie nahm, mag 25 Jahre danach mit rührseliger Ver-
wunderung erfüllen.» (S. 143). Oder: «Die GAG war penetrant auf die Kirchlichkeit des LW eingeschossen, wollte sie doch die Zeitung maximal an diese Kirche in Luxemburg binden und sie in derem (sic) Gefüge eingebaut wissen …» (S. 201). Diese Lesart der GAG-Forderungen wird an mehreren Stellen wiederholt (S. 118, 157, 164, 217, u.a.) und übernimmt unkritisch die LW-Lesung von damals.
Ich stelle mir heute die Frage, ob es nicht richtiger gewesen wäre, statt für eine Inpflichtnahme des LW durch die Kirche für die Trennung einzutreten. Denn die GAG hätte auch anders argumentieren können: Da das LW nicht mehr vollständig auf dem Boden der katholischen Lehre über die Kommunikationsmittel steht, soll sich die Kirche von ihm trennen und alles vermeiden, das es weiterhin als offiziöses Organ der Kirche erscheinen läßt. Damit wären die Autonomieansprüche der Redaktion vollständig anerkannt worden. (So oder ähnlich haben ja auch forum, ASTM, ASTI u. a. m. sich von der Amtskirche weg entwickelt.)
Aus leicht ersichtlichen Gründen, weil wir von der Wichtigkeit des LW für die Erfüllung des Verkündigungsauftrags der Kirche überzeugt waren, entschieden wir uns gegen diese Alternative, die von G.H. leider nicht bedacht wird. Damit hatten wir keineswegs und «Communio et Progressio» auch nicht – wie das LW uns immer wieder unterstellte und wie es auch bei G.H. anklingt (vgl. u. a. S. 118f.) – im Sinn, aus dem LW eine Kirchenzeitung nach dem Muster der deutschen Bistumsblätter zu machen, die schon damals den Krebsgang gingen. Wir waren und sind völlig mit Hd. einverstanden, daß das LW «eine gutinformierte und -aufgemachte allgemeine Informationszeitung sein» soll (S. 164). Wir geben den Verantwortlichen völlig recht, wenn sie vorrangig auf Professionalität setzen (S. 250f. u.a.).
Das Argument der Redaktion, daß sie ein Anrecht auf Autonomie gegenüber der Kirche bzw. gegenüber dem Kapitalinhaber besitze (S. 145, 161, u.a.), hat uns damals übrigens mehr zu schaffen gemacht, als wir vielleicht öffentlich eingestanden. Denn uns waren durchaus die gleichlautenden Forderungen ausländischer Redaktionen gegenüber ihren Herausgebern à la Springer oder Hersant
bekannt, die wir verstanden und unterstützten.
Für uns bedeutete aber eine engere Bindung an die Kirche als Volk Gottes den Respekt vor deren Katholizität, vor deren berechtigten Pluralität (vgl. S. 138; leider macht sich G.H. das dortige Zitat unseres Verständnisses des LW-Kirche-Verhältnisses nicht durchgehend zu eigen), wie es dem in der Synodenkommission 4 über die christliche Gemeinschaft erarbeiteten Kirchenverständnis entsprach. Allerdings ging deren Konzept auch baden! Wir verstanden nicht und verstehen heute noch nicht, warum die auch von G.H. als Beispiel genannte Kontroverse um «Communio et Progressio» (S. 205f.) nicht innerhalb des LW hätte ausgetragen werden können, hatte der Unterzeichnete seinen Beitrag doch dem LW zuerst angeboten. Diese Verweigerung des Dialogs war es denn auch, die «zu Zerreißproben und schließlich zum Bruch» führte (S. 372). In dieser Hinsicht fehlt bei G.H. leider auch jeder Hinweis auf die zahlreichen Ges-
prächsangebote von Seiten der GAG und später der forum-Redaktion, zum Teil mittels Generalvikar und Bischof, die aber stets von den LW-Verantwortlichen ausgeschlagen wurden.
Uns war damals zweifellos nicht bewußt, daß Hd. und seine Mitarbeiter Angst hatten, wie G.H. mit seinem Zitat «Die Synode hätte uns fast den Kopf gekostet» andeutet. Soviel Respekt vor unseren naiven Versuchen, katholischen Pluralismus im LW einzuklagen, hatten wir nicht erwartet. Vielleicht lagen wir tatsächlich nicht so falsch mit unseren Argumenten.
Inhaltliche Neuerungen im LW?
Trotzdem ist es fast müßig zu fragen, ob der ganze Streit und die Synode denn nun etwas bewirkt haben. Schon 1985 hielt ich in dieser Zeitschrift fest, daß unserer Redaktion bald klar geworden war, daß «der einseitigen Politik des LW nicht mit christlichen Grundsätzen beizukommen
sei, weil Redaktion und Direktion in ihrem Tun offensichtlich nicht durch ihren Glauben motiviert wurden, sondern handfeste politische und ideologische Interessen unter einem christlichen Deckmantel zu verteidigen haben» (forum Nr. 79).
G.H. will trotzdem positive Entwicklungen in der LW-Redaktion ausgemacht haben, die er zum Teil als Ergebnis der obigen Auseinandersetzung schildert. Er weist zuerst – etwas klischeehaft – darauf hin, daß «insgesamt das LW als katholische Tageszeitung in der Synode arg unter Beschuß gekommen (war). Es war durch die Feuerprobe gegangen und hatte sie bestanden!» (S. 205). «Das ‚Wort‘ zeigte mit erhobenem Haupt Selbstbewußtsein und Standfestigkeit» und «(ließ sich) auch nicht von einer Synode vor seinen Karren spannen» (S. 194). Doch «bei näherem Hinsehen und in der historischen Langzeitperspektive betrachtet … bestimmte die Synode als ‚Event‘, als Atmosphäre, als Duktus und Stoßrichtung zusammen mit anderen Zeitfaktoren dann
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doch den Gesamtrend der katholischen Tageszeitung in ihren Mutationen, und sie half diese mittel- und langfristig durchsetzen» (S. 195). Zum Schluß hält er nochmals fest: «Zur Zeit der Diözesansynode verdichtete, ja verfestigte sich das Selbstverständnis der Zeitung zum kieselharten, fast unumstößlichen Selbstbewußtsein, das vielen Infragestellungen trutzte. Dennoch geschah bis zu einem gewissen Grad eine ’sanfte‘ Rezeption der Synodenbeschlüsse und -empfehlungen im nachhinein, längerfristig und in Konvergenz mit andren Faktoren.» (S. 371f.)
Als Beispiele für derartige Neuerungen zählt er auf (S. 193-199): die Ernennung eines beigeordneten Chefredakteurs und der Rückzug von Abbé Heiderscheid als politischer Leitartikler (beides war aber wohl eher wegen dessen Belastungen durch den Neubau in Gasperich bedingt – vgl. S. 117), der steigende Umfang der Berichterstattung (das war keine von der Synode geforderte Entwicklung, sondern kommerzielle Überlebensstrategie, so begrüßenswert sie auch sein mag), der systematischere Dialogcharakter, der durch die umfangreichere Rubrik ‚Briefe an die Redaktion‘ sichtbar werde (in der ich aber in den letzten 20 Jahren kaum redaktionskritische Beiträge ausmachen konnte), die klarere Trennung zwischen LW-Beiträgen und solchen der CSV (Schaffung von CSV-Profil und Kennzeichnung von CSV-Beiträgen als «Freie Tribüne» – unter deren Autoren ich aber noch nie die Partikel ‚CSV‘ gelesen habe), die Verminderung der Zahl von Journalisten, die gleichzeitig CSV-Abgeordnete sind (was aber zugegebenermaßen keine Folge der Synode sondern der parteipolitischen Entwicklung war). Positiv bleibt also eigentlich nur festzuhalten «ein im Vergleich zu früher objektiveres und breiteres Angebot an Informationen über alle Parteien und politisch relevanten Begebenheiten» (Iz-Zitat, S. 198). Das sollte man sicher nicht unterschätzen, auch wenn G.H. dem tageblatt dieselbe Entwicklung bescheinigt (S. 62).
Von Dialog mit Andersdenkenden – damit ist nicht die Veröffentlichung von stamm-tischähnlichen Leserbriefen über Tierquälereien und Bürgersteigbelästigungen gemeint – ist nicht nur in Bezug auf forum noch keine Spur. Daß die Zeitung «Ort der
Begegnung und des Gesprächs der Menschen und Gruppen innerhalb der Gesellschaft» sein soll, wie die Synode forderte (S. 451), merkt der LW-Leser auch heute noch nicht. Und G.H. muß es in seinem Kapitel über das Selbstverständnis des LW zugeben: Das LW will Meinungspresse sein (S. 220ff.). Die «Jugendpor» wollte nie – wie S. 220 (in (ungewollter?) Wiederholung des Hd.-Leitartikels vom 25.2.1975) unterstellt wird – aus dem LW ein «Allerweltsblatt» machen; auch Le Monde ist kein Allerweltsblatt, es wird ihm sogar häufig eine gewisse Nähe zur sozialistischen Partei nachgesagt und trotzdem können Politiker aller Schattierungen (mit Ausnahme der Rechtsradikalen) dort Beiträge veröffentlichen! Warum ist das im LW nicht möglich? Welches katholische Presseverständnis spricht dagegen? Verliert etwa «Le Monde» Leser wegen dieses Pluralismus?
Immerhin brauchte das LW 20 Jahre, um das «Anathem» gegen m.p. aufzuheben
Die Petition von 1985 stellte nach der Synode den Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen der LW-Direktion und ihren kirchentreuen Kritikern dar.
und am 20.11.1997 dessen Beitrag über Johann den Blinden zu veröffentlichen, weiß G.H. zu berichten (S. 209). Das macht stutzig. Der zitierte Beitrag erschien im Rahmen einer von Berufswegen verfaßten Beilage und ich war mir zu keinem Augenblick bewußt, daß diese Veröffentlichung nicht selbstverständlich war, um so weniger als das LW ein kommerzielles Interesse an dieser Beilage hatte. Um so dankbarer muß ich wohl sein, daß am 13.6.1998 erstmals auch ein Leserbrief von mir im LW erscheinen durfte. Nicht vergessen sollte man dann, daß z. B. noch 1991 der ‚Mouvement écologique‘ eine mehrseitige Beilage zur Öko-Foire zurückziehen mußte, weil das LW sich weigerte, die darin enthaltene Anzeige für forum zu drucken. G.H. schreibt: «’forum‘ wurde im Gegenzug vom LW totgeschwiegen» (S. 205). Wieso gebraucht er nicht den Präsens?
Das LW ist «deklariertermaßen» konservativ (S. 226f.), trotz seines Ursprungs als «Kind der Aufklärung und der Revolution von 1848» (S. 226). G.H. hätte diesen sehr kurz geratenen Abschnitt zweifellos mit zahlreichen Beispielen aus der Außenpolitik (Verteufelung der Friedensbewegung, inklusive der christlich inspirierten, in den 80er Jahren, blinde Americanophilie selbst wenn Menschen- oder Völkerrechte verletzt werden, Parteinahme zugunsten der Gaullisten in Frankreich oder der Republikaner in den USA, …), der Kultur (die Organisatoren des Kulturjahrs 1995 wissen ein Lied davon zu singen), der Schulpolitik (systematische Kritik an den überfälligen Reformen im Erziehungswesen), in Jugendfragen in Gesellschaftsfragen, … auch wenn keineswegs Fragen katholischer Moral auf dem Spiel stehen, belegen können. G.H. hätte in diesem Kapitel aufzeigen können, daß in den seltenen Fällen, wo ein LW-Beitrag sich von der CSV distanziert, dies damit begründet wird, daß die Partei sich vom Pfad der konservativen Tugend entfernt. Dabei sind keineswegs immer christliche Werte im Spiel; in der Schulpolitik scheinen z. B. APESS-Interessen stärker zu wiegen als die Politik der CSV-Ministerin.
Die Petition von 1985
Weil sich im LW also immer noch nichts änderte, kam es 1985 zu einer Petition an den Bischof von Luxemburg, um ihn zu bitten, für eine integrale Verwirklichung der Synodenbeschlüsse betreffend das LW Sorge zu tragen. Die Petition war in forum Nr. 78 abgedruckt worden, zusammen mit einem Katalog von Mißständen aus den vorangegangenen zwei Jahren LW-Journalismus bzw. Unterlassungen in der LW-Berichterstattung, stammte aber aus breiteren, innerkirchlichen Kreisen. Obschon deren Vorgeschichte in forum Nr. 79 ausführlich dargestellt wurde, vergißt G.H. leider deren Herkunft etwas näher zu erläutern (S. 205). Dabei stellte diese Aktion nach der Synode den Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen der LW-Direktion und ihren kirchentreuen Kritikern dar und hätte vertraulichen Informationen zufolge in der Tat fast den Kopf des Direktors gekostet, eher noch als die Synode selbst. Zu den 40 Erstunterzeichnern gehörten nur engagierte Katholiken, neun Priester und meh-
rere Religionslehrer und Pastoralassisten-
ten, und die 1403 Unterschriften stamm-
ten alle von Christen, die sich zu ihrem
Glauben bekannten (Listen in forum Nr.
80-82) und eine Zeitung verlangten, «die
dem außer- und innerkirchlichen Pluralis-
mus Rechnung trägt, die abweichende
und kritische Stimmen nicht übergeht, die
sich auch mit unbequemen Tatsachen
auseinandersetzt statt sie zu verschwei-
gen, die Polemik auf ein Mindestmaß be-
schränkt, die somit im Interesse der gesam-
ten katholischen Gemeinschaft steht…»:
allesamt Synodenforderungen. Angesichts
der bescheidenen Propagandamittel der
Initiatoren und der perfiden Anti-Peti-
tions-Kampagne aus LW-Kreisen (Dro-
hung mit Arbeitsplatzverlust, LW-Leitar-
tikel, …) kann man ahnen, welch großes
Potential an Unzufriedenheit mit dem LW
die Petition aufdeckte. Nach dem Erfolg
der Petition wurden ganze kirchliche
Dienststellen im LW unter Zensur gestellt
(vgl. forum Nr. 78-82)!
Aber wer denkt noch daran? Ist das LW
besser geworden, daß die Kritiken leiser
geworden sind, oder hat sich der Mach-
tapparat auf derart massive Weise durch-
gesetzt, daß keiner mehr an den Erfolg
kritischer Eingaben glaubt, das Ohn-
machtgefühl Überhand genommen hat?
Immerhin sollte man die erwähnte
zaghafte Kritik des Laienrats nicht übe-
rhören. Daß das LW den oben zitierten
Text seinen Lesern vorenthielt und einen
«Brief des Laienrates an die Katholiken in
Luxemburg» erst in der Ferienzeit brachte
und auf die Regionalseiten verbannte
(21.7.1998), ist Indiz genug, daß man sich
in der Redaktion der neuen Gefahr
bewußt ist.
Aufgrund dieses Beitrags wird man mir
wieder vorwerfen, forum wisse «aus-
schließlich Negatives bezüglich der
katholischen Tageszeitung zu vermelden»
(S. 205). Die Erklärung dafür ist natürlich
- und das kann jedes Presseorgan bestäti-
gen – daß das Positive einfach keinen
Kommentar verlangt. Nichtsdestotrotz sei
hier festgehalten, daß ich selbstverständlich
den von G.H. ausführlich geschilder-
ten Ausbau der ISP-Druckerei wie die
Vergrößerung und fachliche Spezialisie-
rung der Redaktion sowie die sich daraus
ergebenden positiven Wachstumszahlen,
die im Ausland längst auf Sättigung des
Marktes schließen ließen, begrüße. Ein
herabgewirtschaftetes LW wäre auch für
meine Konzeption katholischer Pressear-
beit uninteressant. Ich kann mich auch
freuen, daß das Verhältnis zwischen Tage-
blatt und LW sich mittlerweile derart ent-
krampft hat, daß selbst gemeinsame Druk-
kereipläne geschmiedet werden. Ein
Augenzwinkern kann ich mir aber auch in
diesem kommerziellen Abschnitt nicht
verkneifen: Wenn es heißt, «in jedem Sek-
tor der Printmedien (sei die ISP) nicht nur
präsent, sondern jeweils vorn» (S. 348)
und dann auch die Kulturzeitschrift nos
cahiers genannt wird, der eine Auflage
von 1000 Stück (1997) bescheinigt wor-
den sind (S. 355, Anm. 100), dann enthält
die Erfolgsstory zumindest einen Schön-
heitsfleck: Die Auflage dieser Zeitschrift,
die u.a. auch Kulturzeitschrift sein will,
liegt deutlich höher!
Auch wenn das Werk von Georges Helling-
hausen in die Gattung der hausinternen
Festschriften einzuordnen ist und obschon
der Leser erneut ein seriöses Verlagslekto-
rat vermißt (die Wiederholungen und Stil-
blüten in hier nachgedruckten Zitaten sind
im Original noch viel zahlreicher!), muß
man es als Fortschritt im Sinne einer Öff-
nung der LW-Verantwortlichen bewerten.
Nachdem die jüdische Gemeinde 60 Jahre
nach den antisemitischen Ausfällen des
LW zur Jubiläumsfeier eingeladen und um
Verzeihung gebeten wurde, darf die
forum-Redaktion hoffen, beim 175. oder
200. Geburtstag mit dabei zu sein. Wir
haben nie eine Einladung aus dem Hause
‚Wort‘ ausgeschlagen. Den forum-Lesern
kann ich das Buch von Georges Helling-
hausen nur empfehlen, da sie auch ein
wesentliches Stück über die Geschichte
dieser Zeitschrift und ihrer Macher erfah-
ren. Dem Autor gebührt dafür auch unser
Dank. Er war um eine ehrliche Darstel-
lung bemüht, auch wenn er in diesem
Rahmen wohl nicht alles schreiben
konnte, was notwendig gewesen wäre zu
einer sachlichen, beiden Seiten gerecht
werdenden Darstellung. Falls er Lust hat,
laden wir ihn heute schon ein, die Fest-
schrift zur 200. forum-Nummer im Jahr
2000 zu verfassen; unsere Archive stehen
ihm jederzeit zur Verfügung.
michel pauly
Guy W. Stoos, in: GréngeSpoun
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