Kirche auf dem Rückzug?
Pastoralinitiative Kirche 2005
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Kirche auf dem Rückzug?
Durch Dekret vom 7. 11. 1998 berief Erzbischof Fernand Franck für das Jahr 1999 eine Diözesanversammlung, «um in der Kirche Luxemburgs die Vorbereitung auf das Jubeljahr 2000 mit dem Ausdruck der gemeinsamen Sorge und Verantwortung für die Zukunft christlichen Lebens abzuschließen». Dabei sollen die im Rahmen der Initiative «Kirche 2005. Unterwegs: mit Jesus Christus – miteinander – für die Menschen» gesammelten Beiträge im Hinblick auf pastorale Akzente und Prioritäten fruchtbar gemacht werden. Wenn diese forum-Nummer erscheint, wird die erste Sitzung am 16. Januar stattgefunden haben. Nichtsdestoweniger scheint es sinnvoll die im Februar 1998 veröffentlichten Schlußfolgerungen aus der Umfrage zum Thema ‚Kirche 2005’¹ einer kritischen Analyse zu unterziehen.
War die IV. Luxemburger Diözesansynode², die von 1972 bis 1981 in 20 Vollversammlungen tagte, durch eine umfangreiche repräsentative Umfrage bei allen Einwohnern Luxemburgs vorbereitet worden, die die außergewöhnlich hohe Rücklaufquote von 41% zu verzeichnen hatte, beschränkte sich die Vorbereitung der aktuellen Diözesanversammlung auf eine ‚Momentaufnahme‘: Mittels Aufruf im LW waren seit der Oktave 1996 während einem Jahr (nur) die Katholiken Luxemburgs aufgerufen, ihre Meinungen und Wünsche betreffend die Kirche in Luxemburg zu äußern. Ein kleiner Fragebogen, der bei kirchlichen Anlässen verteilt wurde, aber leider nicht in der Zwischenbilanz mitveröffentlicht ist, sollte das Nachdenken anregen und als Leitfaden bei der Eingabenformulierung dienen. Die Kommission ‚Kirche 2005‘ erhielt daraufhin 692 Einsendungen, 590 von Einzelpersonen (davon etwa zwei Drittel anonym) und 102 Gruppenbeiträge. Ihr Umfang reichte von einem Stichwort bis zum 27-seitigen Brief. Die Kommission sichtete die Eingaben und veröffentlichte eine qualitative Auswertung, unter Verzicht auf falsche statistische Genauigkeit vermittelnde Zahlen, indem jeder der sieben Themenbereiche in vier Punkte unter-
teilt wird: a) was Sorgen bereitet, b) was positiv erlebt wird, c) was zu ergänzen wäre, d) Perspektiven. Interessant sind vor allem die Kommentare in Punkte c), weil hier die kirchenamtliche Haltung der öffentlichen Meinung aus a) und b) entgegengesetzt wird.
«Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat in Luxemburg werden sehr kritisch gesehen: sie seien eher abträglich für die Freiheit der Kirche. Für viele wäre die bessere Lösung eine Trennung von Kirche und Staat.»
Insgesamt zielte die Umfrage viel stärker auf innerkirchliche Fragen und auf das öffentliche Erscheinungsbild der Kirche als auf den ‚Dienst der Kirche an der Welt‘ und das gesellschaftspolitische Engagement der Kirche (dem nur der erste Themenbereich gewidmet ist): wohl ein deutliches Zeichen für die heutigen Abschottungstendenzen, die in den 70er Jahren im Zuge der konziliaren Reformbewegung, des lateinamerikanischen Aufbruchs zur Kirche der Armen, aber auch der in die Kirche
hinein nachwirkenden Studentenunruhen von 1968-71 noch keineswegs gegeben waren. Damals mußte die Synodenkommission ‚Diakonie‘ angesichts des Zulaufs der Synodalen und der an sie herangetragenen Problemfelder sogar in zwei gespalten werden. In einem c-Kommentar muß nunmehr die Kommission ‚Kirche 2005‘ mit Bedauern feststellen, daß «die vielen Initiativen von Christen, die tatkräftig im Dienst ihrer Mitmenschen bei uns und in der Fremde, ehren- oder hauptamtlich arbeiten, … offenbar keine eigentliche Rolle bei der Gestaltung und Erneuerung der Kirche in Luxemburg spielen» (S. 30).
Die von der Kommission ‚Kirche 2005‘ erstellte Auswertung der Umfrage ergibt denn auch ein sehr widersprüchliches Bild der Kirche als Volk Gottes. Beim Thema ‚Kirche und Gesellschaft‘ «stehen viele in ängstlicher Haltung dem gegenüber, was man gemeinhin Postmoderne oder reflexive Moderne nennt. Verschiedene Aspekte der Postmoderne wie Individualisierung, Konkurrenzdenken, Konsum, Materialismus werden in ihren zersetzenden und zerstörenden Tendenzen gesehen. Der Wohlstand … hat einen schalen Nebengeschmack bekommen …
Es resultieren daraus Pessimismus und Angst. Arbeitslosigkeit, die Bedrohung durch Krieg, Armut, Gewalt und Kriminalität, aber auch die Zerstörung der Umwelt sind weitere Stichworte, die große Beklemmung ausdrücken. Drogen und Sekten gefährden die jungen Menschen. Ehescheidungen, Selbstmorde, Kindesmißhandlung und Zerfall der Familien zersetzen die Grundfesten der Gesellschaft. Vor diesen Tatsachen scheint man doch sehr ohnmächtig dazustehen …» (S. 13) «Sehr groß ist die Sorge um den festgestellten Verfall der Werte in unserer Gesellschaft.» (S. 14) Die Voraussetzungen für eine konservative Gesamthaltung des Kirchenvolks sind also gegeben.
Andererseits liest man aber überraschend kritische Forderungen: «Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat in Luxemburg werden sehr kritisch gesehen: sie seien eher abträglich für die Freiheit der Kirche. Für viele wäre die bessere Lösung eine Trennung von Kirche und Staat.» (S. 13) «Nicht weniger kritisch wird das Verhältnis Kirche und Medien gesehen … Allgemein wird der Kirche vorgeworfen, sich zu sehr zurückzuhalten mit ihrer Botschaft und die öffentliche Auseinandersetzung zu scheuen. Im einzelnen (wird) … dem ‚Luxemburger Wort‘ die einseitige Darstellung kirchlicher Ereignisse sowie mangelnde Offenheit für Dialog (vorgeworfen).» (S. 13) «Der Mangel an Anpassung der Kirche an die moderne Welt wird deutlich genannt: die Kirche sei keine ebenbürtige Partnerin der großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, weil es ihr an Ideen und Substanz mangele …» (S. 14)
Dazu meint die Kommission ‚Kirche 2005‘: «Insgesamt werden eher Schlagworte zu diesem Reizthema (i. e. Trennung von Kirche und Staat) wiedergegeben, als daß sich inhaltlich mit der doch recht komplexen Materie auseinandergesetzt würde.» (S. 13) Außerdem weist sie einzelne Kritiken als «objektiv falsch» zurück, «so z. B. jene, daß es an ausdrücklichen Stellungnahmen der Kirche zu aktuellen Fragen fehle» (S. 15). Die Kommission stellt sich aber nicht die Frage, warum derartige Stellungnahmen kirchlicher Gre-
mien selbst von den Katholiken nicht wahrgenommen werden. Hängt es etwa an der ja ebenfalls bemängelten Berichterstattung im LW? Oder am hierarchiefixierten Kirchenbild, laut dem nur (erz)bischöfliche Verlautbarungen als kirchliche Stellungnahmen aufgenommen werden? Und die sind doch, was den gesellschaftspolitischen Bereich anbelangt, eher selten, oder?
Damit ist aber der zweite Themenbereich ‚Bild der Kirche‘ angesprochen. «Die Kirche wird stark als Institution erfahren und empfunden, die undurchsichtig, veraltet, intolerant, streng und rückwärtsgewandt, starr, veraltet, altmodisch und unbarmherzig ist. Heuchelei,
«Im Hintergrund der vorgebrachten Kritik steht für viele eine mangelnde Transparenz in den kirchlichen Strukturen und Entscheidungsmechanismen, besonders auch in Finanzangelegenheiten. Viele können nicht anders als dahinter Macht zu vermuten, …»
Uneinigkeit, Überheblichkeit, Herrschaft, Zeremoniell und Pomp, übertriebene Hierarchie und Doppelmoral sind einige weitere Stichworte, die im Kontext dieser bisweilen sehr scharfen Kritik fallen.» (S. 19) «Im Hintergrund der vorgebrachten Kritik steht für viele eine mangelnde Transparenz in den kirchlichen Strukturen und Entscheidungsmechanismen, besonders auch in Finanzangelegenheiten. Viele können nicht anders als dahinter Macht zu vermuten, …» (S. 20) Dieselben Vorwürfe kehren im Kapitel über die Ämter wieder: «Von vielen wird bemängelt, daß es zuviel an Hierarchie und Strukturen gibt. Zudem sei die Hierarchie zu volksfern, oft in sich uneinig, stur und hart … Es mangele an Dialogbereitschaft und an einfachen, ungezwungenen und nicht-institutionellen Kontakten mit der Basis … Auch würde man sich von der Obrigkeit mehr Reaktionen auf wichtige Fragen erwarten, insbesondere auf solche, die in der
Öffentlichkeit diskutiert werden.» (S. 41) Diese Vorwürfe beziehen sich nur zum geringsten Teil auf den Papst.
Was hilft’s, wenn die Kommission ‚Kirche 2005‘ in ihrem Kommentar darauf hinweist, daß «die Kirche durch das II. Vatikanische Konzil mehr Communio-Gemeinschaft geworden ist» (S. 20), wenn sie nicht als solche wahrgenommen wird? Und ist sie das überhaupt? Der nicht als progressiv verdächtige Limburger Kirchenrechtler Dr. Werner Böckenförde hat jüngst in einem Vortrag vor dem Bundestreffen der KirchenVolksBewegung ‚Wir sind Kirche‘ festgehalten, daß die Kirche rechtlich gesehen zweifelsfrei hierarchisch verfaßt ist, und das hänge keineswegs nur an einem einseitigen Kirchenbild des derzeitigen Papstes und seiner Berater³.
Insgesamt läßt sich auch in Sachen Kirche eine resignative Gesamtstimmung ausmachen: «Für viele ist der Elan des II. Vatikanischen Konzils erloschen. … Der Stillstand der Bewegung wird bedauert und kritisiert. Andere sind der gegenteiligen Meinung: es sei zu vieles zu schnell geändert worden. Für die einen ist die Tradition ein wichtiger Wegweiser für die Zukunft, andere wiederum sehen in der Tradition ein Hindernis für die Erneuerung. … Folge der stockenden Erneuerung … ist ein Verlust an Glaubwürdigkeit und Authentizität.» (S. 16) Die Kommission bedauert demgegenüber, daß die Erneuerungsarbeit der Diözesangremien wie Priesterrat, Pastoralrat, Laienrat nicht gebührend gewürdigt wird. Die Ursache der mangelnden Transparenz ihrer Arbeit wird nicht genannt. Wer aber berichtet über ihre Tätigkeit außer der ‚Wissbei‘? Einen «Brief des Laienrats an die Katholiken in Luxemburg» brachte das LW mitten im Sommerloch, am 21.7.1998 auf Seite 6 zwischen den Regionalreportagen. Wen wundert’s dann, daß dessen Aufforderung und Ermunterung an alle Laien, «ihr Recht auf Mitbestimmung in der Kirche einzufordern, aber auch ihre Verantwortung zu übernehmen», nicht ankommt. Vielleicht ist das ja auch gewollt? In den vergangenen Wochen fanden in verschiedenen Gremien Wahlen von Dele-
gierten zur Diözesanversammlung statt; wer konnte davon in der Kirchenpresse lesen? Das Interesse und Engagement für kirchliche Vorgänge zu wecken, wird nicht unter Ausschluß der Öffentlichkeit gelingen. Von Wahlen auf Pfarrebene wie 1971-72 ist ohnehin keine Rede mehr.
Nur «einige wenige Christen sehen gerade in den kleiner werdenden Zahlen der Praktikanten eine Chance, sich auf das Wesentliche zu besinnen und – gleich der Glaubensgemeinschaft in der Apostelgeschichte – eine kleine aber aktive und missionarische Kirche zu werden.» (S. 36) «Die Sehnsucht nach Gemeinschaft wird sehr stark betont.» (S. 37) «Große Erwartung besteht hinsichtlich der Schaffung von kleinen christlichen Gemeinschaften … Die Erfahrung mit solch kleinen Gruppen wird durchweg als äußerst positiv eingeschätzt, da dort Geborgenheit, Austausch, gegenseitige Hilfe und Glaubensstütze erfahren wird.» (S. 39) Gerade in dieser Beziehung war aber die IV. Diözesansynode gescheitert: Die Vorlage der Kommission 4 über die christliche Gemeinschaft war als einzige vom Plenum abgewiesen worden. Das war eigentlich nur logisch angesichts dessen was oben über die hierarchische Verfassung der Kirche gesagt wurde. Ob die neue Diözesanversammlung
lung in diesem springenden Punkt weiter kommt, daran wird sie sich messen lassen müssen. Denn es gibt keine glaubwürdige Kirche, keine gesellschaftlich engagierte Kirche, keine ‚Volks‘-Kirche, wenn sie nicht in kleinen Gemeinschaften erfahrbar wird und sich vollzieht. Insofern muß der c-Kommentar, der demgegenüber auf die Pfarrei als «die Organisationsstruktur für pastorale Aktivitäten» verweist, pessimistisch stimmen. Die Kommission ‚Kirche 2005‘ scheint jedenfalls nicht die festgefahrenen Strukturen aufbrechen zu wollen. Doch sie kann sich mit ihrer Haltung auch auf die Umfrage berufen: «Häufig kommt zum Ausdruck, wie wichtig volkskirchliche Elemente im Leben und Glauben der Christen sind.» (S. 43)
Alles wird demnach davon abhängen, wie die Diözesanversammlung zusammengesetzt sein wird, ob die konservative oder die reformerische Tendenz, die beide in der Zwischenbilanz erkennbar sind, sich durchsetzen kann. Da forum wohl eine Einladung, aber noch keine Liste der in der Diözesanversammlung zu behandelnden Themen zugestellt wurde, läßt sich noch nicht abschätzen, ob die heißen Themen überhaupt zur Sprache kommen werden und ob auch das gesellschaftspolitische Engagement der Kirche thematisiert werden wird.
Indem der Erzbischof die Versammlung nicht als Synode zusammengerufen hat, umgeht er auch die ihm durch die Instruktion «De synodis dioecesanis agendi» vom 19.3.1997 aufgelegte Pflicht, Synodalen, deren Auffassungen von der Lehre der (päpstlichen) Kirche abweichen oder gegen die bischöfliche Autorität verstoßen, zu entlassen und Themen von der Diskussion auszuschließen, die vom päpstlichen Lehramt abweichen, selbst wenn sie nur eingebracht werden, um als Voten an den Heiligen Stuhl geschickt zu werden. Kirchenrechtlich steht somit offenen Debatten über das was wirklich Christen und Menschen in und außerhalb der Kirche drückt, nichts im Wege.
m.p.
1 Erzdiözese Luxemburg, Pastoralinitiative «Kirche 2005». Unterwegs: mit Jesus Christus – miteinander – für die Menschen. Eine Zwischenbilanz, Luxemburg, 1998
2 Siehe IV. Luxemburger Diözesansynode. Offizieller Text der Beschlüsse, Luxemburg 1984; vgl. auch Berichterstattung und Kommentare in forum der Jahrgänge 1972-1981.
3 Der hochinteressante Vortrag ist nachzulesen in imprimatur 1998, Heft 8, S. 322-333 oder in Orientierung 62 (1998), S. 228-234.
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