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Macht macht unchristlich
Es gibt Leute, die meinen, christlicher Glaube sei schon im Ansatz verdorben gewesen. Dieser Ansicht bin ich nicht. Vielmehr scheint manches schiefgelaufen, seit unter Kaiser Konstantin Mitglieder der Christengemeinden an die Macht kamen. Alle, die einmal von ihr gekostet haben, klammern sich an sie, so daß sie von ihr nicht mehr lassen können.
Machtlos
bis ans Ende war der erste Christ, der aus den Juden kam. Wer daran zweifeln sollte, der möge nachlesen im Brief, den Paulus Mitte der fünfziger Jahre an die Gemeinde von Philippi geschrieben hat. Dort steht im 2. Kapitel, Verse 3b bis 9: «… In Niedrigkeit achte einer den anderen höher als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das Eigene, sondern jeder auch auf das der anderen. Seid so unter euch gesinnt, wie ihr seid in Eins mit dem Messias Jesus. Er, Ebenbild Gottes: Nicht als Beute für sich dachte er das Sein wie Gott. Nein:
Ausgeleert hat er sich selbst,
Sklavengestalt hat er genommen;
in Menschengleichheit trat er auf und ward befunden als ein Mensch.
So hat er sich niedrig gemacht,
ward gehorsam bis zum Tod
dem Tod am Kreuz.
Genau darum hob Gott ihn überhoch
und beschenkte ihn mit dem Namen,
der über alle Namen ist. …».
Was Paulus da schreibt, ist nicht in seinem Garten gewachsen, sondern ist ein der Gemeinde von Philippi bekanntes Kirchenlied, das älteste uns bekannte Kirchenlied. Darin äußert sich der Glaube der Gemeinde von Philippi, darin geht die Rede vom genauen
Gegenteil jeder Macht. Wenn Paulus es zitiert, so schließt er sich dem Glauben der Gemeinde an. Er ermutigt sie weiter zu fahren wie bisher «im Vertrauen auf den Messias». Und weil das hebräische Wort «Messias» auf griechisch übersetzt «Christus» heißt, wird absolut deutlich, daß Machtlosigkeit eine absolut verbindliche Eigenschaft des Christus ist, und deshalb auch all seiner Schüler, der Christen. Was dann im Gegenschluß bedeutet, daß jede Machtversessenheit nur absolut unchristlich sein kann.
Damit wäre unsere im Titel aufgestellte These eigentlich schon bewiesen, wenn nicht sofort der Einwand erhoben würde, der Mann aus Nazaret habe doch die Macht gehabt zu heilen, dem Sturm zu gebieten, übers Wasser zu gehen, Wein aus Wasser zu machen, Brot zu vermehren, sogar Tote zu erwecken. Womit ja genau so eindeutig bewiesen sei, daß Machtlosigkeit gar keine absolut verbindliche Eigenschaft des Nazareners gewesen sei. Macht sei vielmehr wertfrei. Es komme ganz allein darauf an, welchen Gebrauch man von ihr mache.
Fragen wir also nach, wie Jesus seine «Macht» eingesetzt hat. Die drei synoptischen Evangelien haben seiner öffentlichen Tätigkeit eine eigentümliche Erzählung vorangestellt: die Versuchungen in der Wüste. Als Markus sein Evangelium schrieb, scheint die Erzählung noch nicht voll ausgebildet: «Und gleich (nach seiner Taufe durch Johannes) schickt der Geist ihn hinaus
in die Wüste. Und er war in der Wüste vierzig Tage, versucht vom Satan. Und er war mit den Tieren und die Engel bedienten ihn» (Mk 1,12). Vom Geist, der bei der Taufe auf den Jesus gekommen war, wurde er in die Wüste hinausgetrieben. Von dort wird er den umgekehrten Weg des ersten Adam (er war mit den Tieren, und die Engel bedienten ihn), zurück ins Paradies beginnen müssen. In der Sicht des Markus ist Jesus der neue Adam, der genau wie der alte, sich bewähren muß. Worin die Probe bestand, weiß Markus (noch) nicht. Seine späteren Kollegen, Mattäus und Lukas, sind da viel gesprächiger: Vierzig Tage hat Jesus gefastet und ist hungrig. Verständlich.
Erste Versuchung: «Wenn du Gottes Sohn bist, sprich, daß diese Steine Brot werden!» So bei Mattäus, während es bei Lukas heißt: «… sprich zu diesem Stein, daß er Brot wird». (Mt 4,4b: Lk 4,3b) Während bei Markus der Versucher einen Namen hat: «Satan», hat er bei Mattäus und Lukas lediglich eine Berufsbezeichnung: «der Teufel» (diabolos, wörtlich: Durcheinanderbringer, in der Sprache unserer Zeit: der Chaot). Dieser Chaot will Jesus dazu bringen, seine «Macht» zum eigenen Nutzen einzusetzen, die dadurch des Chaoten Nutzen würde. Wäre es ihm gelungen, den Jesus durcheinander zu bringen, wäre der, in der Krimisprache unserer Tage, erpressbar geworden.
Zweite Versuchung: in Jerusalem auf der höchsten Spitze des Tempels:
«Wenn du Gottes Sohn bist, wirf dich hinab! Denn es steht geschrieben: Seinen Engeln wird er gebieten für dich, und auf Händen werden sie dich tragen, damit du nicht anschlägst an einen Stein deinen Fuß.» Mattäus und Lukas erzählen – abgesehen von einer Nebensächlichkeit – wortgleich (Mt 4, 5-7; Lk 4, 9-11). Der «Teufel» hat sich auf seine Arbeit gut vorbereitet und die Bibel studiert, er zitiert nämlich den 91. Psalm. Auch hier soll Jesus seine «Macht» einsetzen, um Zuschauer – am Tempel sind immer Menschen anzutreffen – zu faszinieren: Sanfte Landung im Gleitflug aus einer Höhe von fünfzig Metern, ohne Fallschirm oder Paraglider! Erwartung des Chaoten: mit den unter dem Bann des «Wundertäters» stehenden Zuschauern ließe sich doch was anfangen!
Dritte Versuchung: «Wiederum nimmt der Teufel ihn mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche der Welt und deren Herrlichkeit und sagte: “Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mir huldigst.” (So Mattäus 4,8+9). Lukas 4, 5-7: «Und er führte ihn hinauf, zeigte ihm alle Reiche des Erdkreises in einem Augenblick und sprach: “Dir werde ich geben all diese Vollmacht, und deren Herrlichkeit; denn mir ist sie übergeben, und wem ich will, gebe ich sie. Du nun, wenn du huldigst vor mir, dein wird alles sein.”
Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, daß Lukas die Reihenfolge des Mattäus bei den zwei letzten Versuchungen umkehrt. Unter anderem ist das ein Hinweis darauf, daß die Versuchungserzählungen keine historischen
Tatsachenberichte sind. Wie ja auch die zwei ersten Kapitel bei Lukas und Mattäus, die sogenannten Kindheitserzählungen, keine historischen Tatsachen berichten. Dennoch sagen die Versuchungserzählungen – wie ja auch die Kindheitserzählungen – etwas aus. Und genau das, was uns hier beschäftigt. Alle drei Versuchungen sollen zum Machtmißbrauch verleiten. Genau das hat der Jesus durchschaut. Der «Teufel» hat von seinem Bibelstudium nichts, aber auch rein gar nichts, verstanden. Genau das sagen die drei «Versuchungslegenden» aus, die in den gläubigen Christengemeinschaften in den siebziger Jahren entstanden sind.
Es gibt eine weitere Erklärung, warum Mattäus eine andere Reihenfolge der «Versuchungen» hat als Lukas: der Schluß ihrer jeweiligen Erzählungen. In der Tat: Nach Mattäus bestellt der Jesus seine Schüler auf einen hohen Berg in Galiläa, wo er ihnen verkündet: «Mir ward gegeben alle Vollmacht im Himmel und auf der Erde» (Mt 27, 18b). Nicht Vollmacht wie der Chaot sie ihm auf dem «hohen Berg» versprochen hatte. Aber eine Vollmacht, die ziemlich schnell verkehrt herum verstanden wurde. Der sogenannte «Taufbefehl» ist nämlich gar keiner. Sondern ein Auftrag «geht hin und macht zu Schülern alle Völker» (Mt 27, 19a). Da der Schüler zu Jesu Zeiten nicht über dem Lehrer war, er sie aber einen neuen «Weg» – und keine neue Religion – gelehrt hatte, war es nun an den Schülern auch den Lehrerweg der Machtlosigkeit zu gehen.
Foto: Pierre Verger, Santiago – Peru, 1942
Bei Lukas verhält sich die Sache ähnlich: Im Gegensatz zu Mattäus sagte der auferweckte Jesus seinen Schülern, sie sollten nicht aus Jerusalem weggehen. «Es soll verkündet werden in seinem Namen: Nachlaß der Sünden wirkende Umkehr allen Völkern – beginnend von Jerusalem aus. Ihr seid dessen Zeugen. … Und er führte sie hinaus – bis nach Bethanien (knappe 2 Kilometer östlich von Jerusalem) und schied von ihnen» (Lk 24, 47f; 50). Die Schüler sollen nichts anderes sein als Zeugen dafür, daß die «Sünden nachgelassen» sind. Die Sünden, deren erste Stufe jeweils die «Versuchung» ist. Umkehr ist also
nicht nur «Abkehr nach der Sünde», sondern Denkschienenverlegung vorher, indem die Versuchung zur Sünde durchschaut wird, wie der Jesus es getan hatte: Brotvermehrung durch geschwisterliches Teilen, Krankenheilung durch geschwisterlichen Beistand und Totenerweckung durch Schuldvergebung als geschwisterliche Schaffung der Möglichkeit neuen Lebens.
Nicht jedem Heiligen Hirten
genehmer Kommentar zur
ersten Versuchung
«Nicht auf Grund von Brot allein wird der Mensch leben». So Lukas. Mattäus zitiert den 3. Satz aus dem 8. Kapitel des Deuteronomium vollständig: «sondern aufgrund von jedem Spruch, der herauskommt durch Gottes Mund.» So wichtig und lebensnotwendig Essen und Trinken für den Menschen sind, so ist es damit für den Menschen nicht getan: genau so notwendig braucht er zu seiner Menschwerdung das «Wort Gottes». Auch Jesus hat die Bibel gelesen. Und etwas gründlicher meditiert als «der Teufel». Der Erzählung gemäß: vierzig Tage lang. Während dieser Zeit, die ja auch Mose auf dem Sinai verbrachte, hielt das «Wort Gottes» den Jesus am Leben. Wie weiland den Mose. Für Jesus ist es unmöglich, Gottes Stelle einzunehmen und aus Steinen Brot zu schaffen.
Später wird er es tun, jedoch nicht für sich, sondern für vier- oder fünftausend Männer, die Frauen und Kinder nicht mitgerechnet (siehe: Mk 6,32-44; Mk 8, 1-9; Mt 14,13-21; Mt 15, 32-39a; Lk 9, 10b-17; Jo 6, 1-13). Bei Johannes ist die Machtverweigerung des Jesus ausdrücklich hervorgehoben: er will nicht vom gesättigten Volk zum König erhoben werden (Jo 6,15). Sechsmal kommt die Erzählung von der Brotvermehrung in den vier Evangelien vor. Auch dabei handelt es sich um Erzählungen, die ihren Stoff aus der hebräischen Bibel nehmen: aus der Elija- und Elischalegende (Vgl. 1 Kö 17, 10-16; 2 Kö 4,42-44). In den Versammlungen der Jesusschüler, bei denen von Jesus nicht nur erzählt wird, sondern wo seine Lebenspraxis nachgeahmt wird, kommen Menschen zu einem besseren
Menschsein. Denn sie tun das, was Jesus «bei seinem Vater gelernt» hat:
Das radikale Mitteilen
Gott ist nämlich der Mitteilende. So steht es im 1. Johannesbrief, Kapitel 4, 16: «Gott ist die Liebe». Dabei müssen wir uns vor zweierlei hüten. 1° Es steht nicht da: «die Liebe ist Gott», sondern umgekehrt. 2° Wo in den modernen Übersetzungen des Johannesbriefes das Wort «Liebe», «amour», «carità» zu finden ist, steht bereits im Text der Septuaginta – einer im ägyptischen Alexandria des dritten vorchristlichen Jahrhunderts hergestellten griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel – das Wort «Agapè». Dieses Wort kann nicht schlicht mit Liebe wiedergegeben werden, da diese Übersetzung die Besonderheit von Agapè nicht klar heraus-
Kirchen haben nicht mit Macht Einfluß zu nehmen, weder auf politisches noch auf wirtschaftliches oder soziales Leben, sondern durch ununterbrochenes Andersdenken und Andershandeln.
stellt. Zwar ist seit einigen Jahrzehnten das Wort Agapè auch in der modernen Gesellschaft und in den modernen Sprachen nicht mehr unbekannt (Duden Ausg. 1980: "schenkende [Nächsten]-liebe"); sehr nahe kommt es sogar dem biblischen Begriff in jenem einfachen Mahl, bei dem jeder etwas von daheim mitbringt, um es mit den anderen Gästen zu teilen. Gott ist der große Teilgeber: er will alles mitteilen, restlos alles. Das ist die Erfahrung des Jesus aus Nazaret. Er hat zeitlebens alles mitgeteilt, was er gemäß dem Johannes-evangelium von seinem Vater «bekommen» hat.
Genau an dieser Stelle ist einer der Knackpunkt der unheilvollen Machtgeschichte aller Kirchen. Nachdem die «Herrschaft der Wenigen», der Oligar-
chie, der Bischöfe, der «Heiligen Hirten» (so ihre Kennzeichnung in den Kirchengesetzen Nr. 212, 213, 228, …) in den Kirchen ihren Anfang genommen hatte, teilten eben diese «heiligen Hirten» nicht mehr alles mit ihren Kirchen. Da sie erfahren hatten, wie man mit Wissen zu Macht kommt, hielten sie manches vor den «Gläubigen» geheim. Diametral entgegengesetzt der Praxis des Jesus von Nazaret, der eigentümlicherweise immer noch von den «Heiligen Hirten» als der große Offenbarer Gottes «verkündet» wird. Den Widerspruch zwischen Wort und Praxis der «Herren» hat das Kirchenvolk längst geahnt, da es sogar den Pfarrern und demnächst auch den männlichen wie weiblichen Katecheten vorhält, nicht alles zu sagen, was sie wissen. Ob das vatikanische Mißtrauen gegen «Laienprediger» von daher rührt? Die könnten ja mal etwas sagen, was die «Gläubigen verunsichert».
Nicht jedem Heiligen Hirten
genehmer Kommentar zur
zweiten Versuchung
Gemeint ist die von der «Zinne des Tempels»: In dieser Erzählung geht es darum, daß der Jesus sich in Szene setzen, die Leute blenden, für dumm verkaufen soll. Mit einem Bluff soll der Jesus dafür sorgen, daß die Leute auf ihn hören. Die werden erwarten, daß, wer ohne Schaden zu nehmen aus einer Höhe von fünfzig Metern landen kann, bestimmt noch mehr solch wundersame Dinge tun wird: ihm sollen die Vielen vertrauen. Dann wird geschehen, was der Chaot erhofft: nicht das Reich Gottes wird kommen, sondern sein, des Chaoten, Reich. «Da sei Gott vor!» meint der Jesus, der die Bibel nicht bloß gelesen, sondern auch meditiert hat, sie für seine Zeit aufbereitet hat. Mit Faszination verändert man die Welt nicht. Hitler hat eine ganze Nation fasziniert und alle, die ihm nicht folgten, in Angst und Schrecken versetzt. So folgte «das Volk» ihm buchstäblich mit wehenden Fahnen ins Chaos. Stalin hat ein Riesenreich in Angst und Schrecken versetzt. Heraus kam ein Chaos, das uns erst heute in seiner ganzen Ausdehnung zum Bewußtsein kommt.
Jedesmal kam Chaos in den Kirchen heraus, wenn die «Kirchenherren» sich um die schiere Macht balgten. Der Chaot rieb sich die Hände. Jahrhundertelang. Wahrhaft selten sind die Päpste, Bischöfe und Äbte, die sich von der ersten zur zweiten Jahrtausendwende der sogenannten christlichen Zeitrechnung um das Reich Gottes kümmerten. Statt dessen waren sie besorgt um Vermehrung ihrer eigenen Macht. Eine sehr rühmliche Ausnahme ist Cölestin V. (5.7.-13.12.1297), zur Abdankung gezwungen durch Bonifatius VII (1294-1303), den Erfinder der Heiligen Jahre zwecks Auffüllung der römischen Stadtkasse, die zugleich Kirchenkasse war. Cölestin lag nichts an der Macht. Seinem Nachfolger um so mehr. Ist es heute besser?
Gewiß, Johannes XXIII. war eine faszinierende Persönlichkeit. Aber er hat keinem Angst gemacht, ausgenommen etlichen Kurienleuten. Er hat seiner Kirche die Fenster aufgemacht. Viele Katholiken atmeten wieder durch. Aber viele offene Fenster verursachen Durchzug. Der Wind wirbelte jahrhundertealten Staub auf. So kämpften die Kurienkatholiken mit ihren Allergien. Saßen sie doch mitten im Palast, dessen Fenster geöffnet worden waren, an den Schalthebeln der Macht. Sie beschlossen, wieder alle Fenster und Türen zuzumachen. Ein zögerlicher Nachfolger von Johannes XXIII. wollte die Fenster weiter offenhalten. Gegen die Machthaber in seinem Palast konnte er sich nur schwer durchsetzen. Er tat es verbissen. Dann kam der neue Nachfolger. Er sah gar nicht so verbissen aus wie sein verehrter Vorgänger. Er war ein lächelnder Papst. Er wollte das Werk seiner ehrwürdigen Vorgänger Johannes‘ XXIII. und Pauls VI. weiterführen. So nannte er sich Johannes Paul. Was wir mit ihm erlebt hätten, ist nicht genau auszumachen. Denn nach nur 33 Tagen war er tot. Er hatte ein schwaches Herz. Es war der geballten Macht seiner Kirchenbeamten nicht gewachsen. Eines Nachts hörte es ganz einfach auf zu schlagen.
So wurde im Dreipäpstejahr 1978 nochmals ein Nachfolger gewählt. Dem etliche Wahlmänner – genau wie bei sei-
nem kurzlebigen Vorgänger – bescheinigten, der Heilige Geist habe bei seiner Wahl spürbar mitgewirkt. Der Nachfolger kam aus Polen. Aus einem – wenigstens dem Ruf nach – sehr katholischen Land. In dem die Macht der Kirchenführer den kommunistischen Führern viel Kopfzerbrechen machte. Am polnischen Wesen sollte die Kirche genesen. Der polnische Papst nannte sich ebenfalls Johannes Paul. Nicht, weil er das Erbe Johannes‘ XXIII. antreten wollte. Er wollte die ganze Weltkirche auf polnischen Kurs führen. Die ganze Welt sollte die geballte Macht der römischen Kirche erfahren. Die ausgediente «theologia perennis» (die unvergängliche Theologie) des vorigen Jahrhunderts, die Neuscholastik, wurde wieder vom Speicher geholt und für neu verkauft. Mit ihr kann keiner der abgewanderten Katholiken zur Umkehr
Die Kirche, also das Kirchenvolk zusammen mit sehr vielen seiner Priester und neuerdings sogar der eine oder der andere Bischof, läßt den Bischof von Rom bei seinen Privatmeinungen und geht zur Tagesordnung über. Die Unentwegten hoffen auf einen Johannes XXIV. und ein 3. Vatikanische Konzil.
bewogen werden. Hingegen gab es ein paar bücherschreibende Theologen, die von vielen Katholiken gelesen wurden. Die Schriften jener Theologen waren Nahrung für den Glauben vieler Katholiken. Solche Theologen mußten vorerst mal unschädlich gemacht werden. Die Türen ihrer Hörsäle wurden mit lautem Knall ins Schloß geworfen. Dafür wurden durch das Opus Dei die von Karol Wojtila verfaßten Theaterstücke unters Volk gebracht, wurden aber keine Bestseller. Zu guter Letzt wurde ein neuer Katechismus in Auftrag gegeben. Er wurde zwar millionenfach verkauft, dann aber von den Käufern enttäuscht in den Bücherschrank gestellt. Was da drin stand, hatten sie schon allemal gehört.
So viele Hoffnungen hatte der Papst aus Polen bei seinem Antritt geweckt. Genau wie sein Vorgänger wollte er Bischof von Rom sein. Doch Rom bedeutete für ihn die ganze Welt, wie ehedem für die Cäsaren. Und so reist Johannes Paul II. in der ganzen Welt umher und schwebt in aller Herren Länder vom Himmel herab und, nachdem er zur großen Freude der jeweiligen Völker, oder der stillen Belustigung anderer, den Boden ihres Landes geküßt hat, wird er von den Herren des Volkes begrüßt und entführt, dem Volk vorgeführt in seinem schußsicheren Papamobile. Dieses ersetzt nämlich die «Sedis gestatoria», den noch von Paul VI. benützten Tragsessel. Der Chaot, der Diabolos scheint sein Ziel wieder ein Stück näher gekommen. Das Volk jubelt und der Achtundsiebzigjährige lebt auf.
Doch der Chaot ist wohl nur ein Scheingewinner. Das Volk hört die Stimme des Achtundsiebzigjährigen, versteht seine Worte und klatscht Beifall, wenn auch nicht immer und nicht überall, und auch nicht immer öfter. Aber immer fährt das Volk fort, genau das zu tun, was es zuvor auch tat: das Gegenteil dessen, was der Heilige Mann ihnen eben predigte. Kein Zweifel: der Mann fasziniert. Solange er da ist, wirkt seine Ausstrahlung, wenn er aber wieder entschwebt ist, bleibt alles beim Alten. Der Mann ist ein Phänomen. Er hat seine Vorstellungen von Maria, von Sexualität, Priestertum und einer stets strahlenden, sündenfreien Kirche. Nur Mitglieder der Kirche waren seiner Ansicht nach Sünder. Womit Johannes Paul II. klarstellt, daß er nichts von einer Kirche hält, die identisch ist mit dem Volk Gottes des zweiten Vatikanischen Konzils. So etwas ignoriert Johannes Paul II. immerzu und unbelehrbar. Wie neuerdings auch die von demselben Konzil festgeschriebene Kollegialität der Bischöfe: einer seiner letzten Streiche ist die Unmündigkeitserklärung der Bischofskonferenzen. Sie dürfen nur mehr Vollstreckung der vatikanischen Erlasse melden. Der höllische Chaot, so es ihn denn gäbe, würde sich die Hände reiben!
Die Kirche, also das Kirchenvolk zusammen mit sehr vielen seiner Priester und neuerdings sogar der eine oder der andere Bischof, läßt den Bischof von Rom bei seinen Privatmeinungen und geht zur Tagesordnung über. Die Unentwegten hoffen auf einen Johannes XXIV. und ein 3. Vatikanische Konzil. Wird wieder einer kommen, der dem Chaoten zeigt, daß er auch dieses Mal nicht gewonnen hat? Oder wird die Prophezeiung in der Mitte des Mattäusevangeliums, daß nämlich die «Pforten der Hölle die Kirche nicht überwältigen werden» (Mt 16,18c), sich als falsche Prophezeiung erweisen? Mit Massenfaszination, mit Massensuggestion, mit hohen kostbaren Bischofsmützen, läßt sich das Reich Gottes nicht herbeizaubern. Da hatte der Jesus den Chaoten durchschaut. Aber er hatte wohl auch verstanden, daß er selber, falls er sich breitschlagen ließe, das Reich Gottes Schaden nehmen würde. Ein Schaden, der schlimmer würde als der einer Kreuzigung. Denn auch für ihn selber galt, was er seinen Schülern immer wieder vorhielt: «Fürchtet nicht jene, die euch das Leben nehmen, sondern die euch nach eurer Ermordung auch noch vom Leben Gottes trennen» (Mt 19,28; Lk 12,4+5).
Nicht jedem Heiligen Hirten
genehmer Kommentar zur
dritten Versuchung
Gemeint ist die vom hohen Berg, wo der Chaot das Versprechen gibt: «All dies will ich dir geben, wenn du mich anbetest!» Der Diabolos zeigt hier ein weiteres seiner vielen Gesichter, das des «Mammon». Diesen Namen trägt er bei Lukas im Gleichnis vom betrügerischen Verwalter (Lk. 16, 9): «macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon»; (16, 11): «wenn ihr nun mit dem ungerechten Mammon nicht treu gewesen, wer wird euch das wahre Gut anvertrauen?»; und 16,13, (wortgleich mit Mt 6,24): «Niemand kann zwei Herren dienen … Ihr könnt nicht Gott dienen und zugleich dem Mammon».
Damit ist ein weiterer Knackpunkt der Kirchengeschichte angesprochen, denn genau dies Unmögliche versuchen die Kirchenherren seit Konstantin dem
Furchtbaren, und zwar mit Erfolg für den Diabolos. Hatten sie sich nicht sogar einen «Kirchenstaat» ergaunert, der halb Italien umfaßte? Und gab es in manchen Ländern nicht Fürstbischöfe, die sich wie Landesherren aufgeführt? Haben Klöster sich nicht riesige Ländereien zusammengerodet, um sie nach Herrenmanier als ihren unveräußerlichen Besitz zu verpachten? Gewiß, manche Klöster haben ihre Pächter ordentlich behandelt, andere haben sie ausgenützt, wie die reichen Herrenbauern es damals taten. Haben Pfarreien mit Hilfe von Meßgeldern und Meßstiftungen nicht Felder auf Felder getürmt und Häuser auf Häuser? Tun sie das
Warum sind wir,
ein ganzes Jesusleben
lang (33 Jahre)
nach dem zweiten
Vatikanischen Konzil,
noch immer nicht
Kirche geworden?
nicht noch immer? Sammeln sie nicht immer noch «Meßstiftungen», zwar nicht für «ewige Zeiten», sondern nur mehr für 25 Jahre, «12.000 Franken das Stück»?!
Dem Jesus legte der Versucher, der Durcheinanderbringer und Chaot, die ganze Welt zu Füßen, als sei sie sein Eigentum. Ist sie das denn nicht? Der Versucher ist ein taktischer Stümper, er setzt auf Überrumpelung, er ist ein Lügner. Im Johannesevangelium bezeichnet Jesus ihn als den «Menschenmörder seit Anbeginn, der keine Ahnung hat von der Wahrheit» (Jo, 8,44). Ein Irrlicht, das in den Abgrund führt. Gewiß, das ist Bildersprache und verpflichtet keinen Menschen, an den Teufel zu glauben. (Übrigens kann niemand im biblischen Sinn «an den Teufel glauben», da der Glaube, wie die Bibel ihn versteht, identisch ist mit Vertrauen. Wer aber traut schon einem Lügner?) Es scheint als seien die Kirchen voll abgefahren auf das Angebot des Durcheinanderbringers. So sehr hat er sie verwirrt, daß sie die Warnung Jesu, wie Mattäus
sie überliefert hat, noch immer nicht zur Kenntnis nehmen: «Als Geschenk habt ihr das Evangelium empfangen, als Geschenk sollt ihr es weitergeben» (Mt 10,8). Da gibt es Platz weder für «Kirchenrechnungen» noch für «Meßstiftungen», auch nicht für Kapitalanlagen oder gar eine «Vatikanbank».
Warum den Heiligen Hirten
solche Kommentare nicht
genehm sind.
Sie sagen: «Macht an sich ist nicht böse, böse ist nur deren Mißbrauch». Sie sagen auch: «Jede Institution braucht Macht, wie anders soll sie Einfluß nehmen auf das Geschehen, wenn nicht mit Hilfe der politischen und wirtschaftlichen Kräfte?» Womit sie nur beweisen, daß sie dem Chaoten in seiner oberflächlichen Art, die Bibel zu lesen, gefolgt sind. Kirchen haben nicht mit Macht Einfluß zu nehmen, weder auf politisches noch auf wirtschaftliches oder soziales Leben, sondern durch ununterbrochenes Andersdenken und Andershandeln, von Jesus nach seiner Taufe «Metanoia» genannt. Denkschienenverlegung könnte man heute sagen. Aber das ist was für Erwachsene. Wie Kirche etwas für Erwachsene ist. Wie der Einblick in die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wie der Durchblick durch das Weltgeschehen etwas für Erwachsene ist.
“Die Kirche” – es muß immer noch wiederholt werden – ist ja das vom zweiten Vatikanischen Konzil wiederentdeckte “Volk Gottes”. Ihm gegenüber benützen die Heiligen Hirten politische wie wirtschaftliche Kräfte, um vom Volk Gottes – zu dem sie ja selbst gehören – unabhängig zu bleiben. Zum Beispiel, indem sie sich nicht von ihren eigenen Kirchenmitgliedern, sondern ausnahmslos von allen Staatsbürgern bezahlen lassen, und das auch noch total in Ordnung finden.
Monopolstellung und Geheimhaltung sind Mittel, die den Heiligen Hirten auch innerhalb des Gottesvolkes Unabhängigkeit garantieren. Zum Beispiel besitzen die Kleriker das Monopol der Lebenswendezeremonien zu
Geburt, Pubertät, Heirat und Tod. Damit können sie nicht nur Geschäfte machen. «Kirchenherren» halten auch vor dem niederen Klerus vieles geheim, was das ganze Gottesvolk angeht, unter anderem die Art und Weise, wie Bischofsernennungen zustandekommen. Doch das Schlimmste von allem: die selbsternannten Kirchenherren verweigern dem «Volk Gottes» das, worauf es ein striktes Recht hat: die Eucharistie. Denn sie haben beschlossen, daß nur Männer die Eucharistie feiern dürfen, und – im lateinischen Teil der römischen Kirche – einzig zölibatäre Männer. Eine Idee, auf die der Jesus nie gekommen wäre. Obschon die Majorität des «Gottesvolkes» die Abschaffung dieses – seit Einführung schrottreifen – heute verhängnisvollen Priesterzölibats fordert, verweigern die «Kirchenherren» dem Volk die Erfüllung seiner Forderung. Denn dieser Zölibat ist ein Machtinstrument in den Händen der «Kirchenherren». Und sie verweigern nicht bloß die laufende Diskussion über die Priesterweihe von Frauen, schlimmer: sie verbieten sogar, das Problem weiter zu diskutieren. Die Frage sei erlaubt, wo nach Ansicht der «Kirchenherren» der Machtmißbrauch anfängt.
Das Evangelium beim Wort, doch nicht wortwörtlich, nehmen.
Sinngemäß stammt dieses Zitat vom jüdischen Neutestamentler Pinchas Lapide. Es geht also bei den Versuchungserzählungen nicht darum, die Überlegenheit des «Sohnes Gottes» über den «Teufel» unter Beweis zu stellen. Es geht auch nicht darum, vor dem «Sohn Gottes» niederzufallen, ihn anzubeten oder in «Kyrierufe» auszubrechen. Es geht darum, daß die «Schüler nicht über den Meister» sind, daß also sie, genau wie ihr Meister, den «Teufel» entlarven sollen, der ihnen in denselben Versuchungen entgegentritt. Haben «die Kirchen», das «Volk Gottes» in all seinen Mitgliedern, den Chaoten entlarvt? Es ist nicht zu verbergen, daß «die Kirchen» dies nicht taten. Von Anfang an, in immer stärkerem Maß, haben sie sich auf den «Versucher» eingelassen. Bis heute. Besonders
anfällig für den «Versucher» waren und sind immer noch die «heiligen Hirten». Sie haben ja die Macht fest im Griff. Oder sollte es vielleicht umgekehrt sein: die Macht hat sie fest im Griff?
Deshalb müßte doch wirklich mal darüber gestritten werden, ob es noch immer nicht an der Zeit ist, daß in den Kirchen
der Ungehorsam zur Pflicht
wird. So wie ihn die Apostel vor der jüdischen Priesterschaft verstanden: «Ob es wohl recht ist vor Gott, auf euch
mehr als auf Gott zu hören? Urteilt doch selber! Wir können nicht von dem schweigen, was wir gesehen und gehört» (Apg. 4,19). Der Unterschied zwischen den Aposteln und uns besteht darin, daß wir nichts sehen und nichts hören von den großen Taten Gottes. Die müßten ja durch uns, die Kirche, geschehen. Warum sind wir, ein ganzes Jesusleben lang (33 Jahre) nach dem zweiten Vatikanischen Konzil, noch immer nicht Kirche geworden?
Jupp WAGNER
- Januar 1999
Neuerscheinung
Yolanda von Vianden
Moselfränkischer Text aus dem späten 13. Jh. mit Übertragung ins Neuhochdeutsche
Mit eindringlichen Worten schildert Bruder Hermann in nahezu 6000 Versen den dramatischen Kampf der Viandener Grafentochter um Aufnahme in das Dominikanerinnenkloster Marienthal – einen Kampf zwischen Alt und Jung, Mutter und Tochter, Konvention und Überzeugung, Diesseits und Jenseits. Das Legenden-epos entwirft ein für das Hochmittelalter eher atypisches Bild einer willensstarken und selbstbewußten Frau, die energisch und unbeirrbar ihr Ziel verfolgt – und erreicht.
Übersetzt, erläutert und kommentiert von Prof. Dr. Gerald Newton und Prof. Dr. Franz Lösel (Universität Sheffield, Großbritannien).
gebunden. Preis: 27 Euro.
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Section de Linguistique, d’Ethnologie et d’Onomastique
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